Klausner / Thiel / Pflug | Lebendige Zeitgeschichte | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 1004 Seiten

Reihe: Kommissar Tom Sydow

Klausner / Thiel / Pflug Lebendige Zeitgeschichte


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7349-9302-2
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 1004 Seiten

Reihe: Kommissar Tom Sydow

ISBN: 978-3-7349-9302-2
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein Unbekannter trachtet dem US-Scout Edwards nach dem Leben. Chemiker Stuckmann, der bei der IG Farben beschäftigt ist, wird ermordet. Und auf einer Parkbank nahe der Berliner Siegessäule wird die Leiche eines Gestapo-Mitglieds entdeckt. Drei Krimis zur Zeit des Zweiten Weltkriegs; drei Fälle, die ihre Ermittler gehörig herausfordern. Hochspannung garantiert!

Das Paket zum Befreiungstag enthält:

Walhalla-Code (Uwe Klausner)
Wunderwaffe (Sebastian Thiel)
Tschoklet (Harald Pflug)

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Kapitel 1


Freitag, 25. Mai 1945

Nebelfetzen zogen behäbig über den schmalen Kanal, zwischendrin konnte man das hellgrüne Wasser sehen, das endlos langsam dahinfloss, kaum Wellen schlug oder gegen die verrosteten Spundwände gluckste. Einige Hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite, befanden sich ein paar heruntergekommene Wohnhäuser mit daran angeschlossenen Gärten, in denen Kirsch- und Apfelbäume standen. Eine Frau war gerade dabei, nasse Wäsche auf ein Seil zu hängen, das sie kurz zuvor zwischen den verwitterten Holzpfosten im Garten gespannt hatte.

Captain John C. Edwards stellte seinen heißen Kaffeebecher vorsichtig auf die schräge Motorhaube des White’s M3 Halbkettenfahrzeugs, hinter einen großen Nietenkopf, damit der Pott nicht herunterrutschen konnte. M3-Hauben waren schräg, zu schräg zum Liegen, bequem zum Sitzen, meist aber stark erhitzt vom Sechszylindermotor, der unter der Haube lautstark werkelte. Doch jetzt war noch Ruhe am Neckarkanal. Keine lauten Motoren, Kettengeräusche oder gar irgendwelche gebellten Befehle an die Privates. Edwards genoss die Ruhe. Eine Amsel zwitscherte aus der Entfernung gedämpft ihr Lied. Er erinnerte sich an seine Jugend in Cliffdale, Illinois, wenn er mit seinem Vater zum Fischen an den Seitenarm des Mississippi gelaufen war. Nebelschwaden, glucksendes Wasser und der gleiche Geruch nach frühem Morgen. Er fand, dass es morgens besonders gut roch, nach frischem Tag eben.

Er ließ die halb gerauchte Zigarette aus seinen Fingern fallen, sog die kühle Morgenluft in seine Lungen und lehnte sich an den knorrigen, alten Apfelbaum, unter dem die M3 stand. Zwischen den Zelten sah man den Kopf von Private Gordon Huckleby hochschnellen und wieder verschwinden. Jedes Mal, wenn Hucky seinen Gaskocher anzünden wollte, benahm er sich, als würde er eine Mine entschärfen. Stichflamme und Gaspuff gehörten zum normalen Morgen. Ein seltsamer Typ, ein technisches Antigenie mit zwei linken Händen, ständig irgendwo verbunden und zerschrammt. Aber der perfekte Schütze. Traf in Frankreich mit seinem Garand zwei Nazis mit einem Schuss. Diese Geschichte hatte er schon Hunderte Male gehört. Erstaunlicherweise gab es sogar Zeugen, die das mit eigenen Augen gesehen haben wollten. Vor einigen Monaten rief jemand seinen Namen, während er mit den anderen Soldaten im Deckungsgraben lag, Hucky hob, ohne nachzudenken, die Hand und irgendein blöder Deutscher schoss ihm aus der Ferne mit dem MG eine Fingerkuppe ab.

Jetzt vollführte er wieder die Prozedur des Kaffeekochens. Gas puffte, Stichflamme, hochhüpfen, typisch Hucky eben.

Die Idee, auf der Streuobstwiese zu lagern, fand Edwards eigentlich nicht schlecht, einige hatten gemurrt, aber es war besser, als ewig nach einer Scheune suchen zu müssen, verängstigte Bauern zu vertreiben oder die ganze Nacht Hühnergegacker zu hören. Und die Nächte waren lau und morgens nicht mehr so kühl, eigentlich sehr angenehm zum Zelten. Außerdem war die Wiese schön kurz geschnitten, die tief hängenden Äste der Bäume mit ihrem frischen Grün boten Platz, um die Klamotten aufzuhängen, die Zeltbahn anzuknoten oder dienten einfach als Feuerholz.

Damals hatte ihn sein Vater mit dem Hund zum Feuerholzsammeln geschickt, während dieser die Fische zerlegte und sie aufgespießt am Feuer briet. Und später saßen sie am Illinois River auf einem umgekippten Baumstamm, der in den Fluss ragte, ließen ihre Füße im seichten Wasser baumeln und sein Vater erzählte aus seiner eigenen rastlosen Jugend. Von den großen Schubverbänden, die mit stinkenden, rauchenden Schornsteinen mühsam flussaufwärts Richtung Florence vorbeigetuckert waren, von Vogelschwärmen, Mückenplagen und Heuschrecken, die alles wegfraßen. Von den großen Mississippidampfern, deren große Zeit eigentlich schon lange vorüber war, von einem gesunkenen Flussschlepper, dessen marode Aufbauten aus dem seichten Wasser ragten und für kleine Jungs der schönste Abenteuerspielplatz der Welt war, obwohl es die Eltern strikt verboten hatten, und Geschichten von verirrten Riesenkrokodilen, die nachts an Land krochen, um die Hühnerställe zu zerstören und auch junge Rinder am Stück herunterschlucken konnten.

Schon Ende der Zwanzigerjahre fuhren die fremden Autos und Lastwagen die Staatsstraße 100 entlang nach Südosten Richtung Saint Louis oder Chicago im Norden. Wenn er als Schüler Zeit hatte, lief er immer runter zum Illinois River, um die Lastkähne auf dem Fluss zu bestaunen, die vom Michigansee zum Golf von Mexiko unterwegs waren.

Allein die Autokennzeichen, Aufschriften und Schiffsnamen erzählten ihm schon Geschichten aus anderen Bundesstaaten und sogar aus fremden Ländern und weckten den Wunsch, eines Tages in die Fremde zu gehen.

Edwards erinnerte sich auch gerne an das ältere Ehepaar aus Chicago, welches damals mit einer chromblitzenden Duesenberg-Limousine gehalten hatte, um in Cliffdale auf der blumenübersäten Wiese zwischen der Straße und dem Fluss zu picknicken. Der alte, weißhaarige Bert Shumaker erzählte ihm von einem Kaiser namens Wilhelm in Europa, den er sehr bewunderte und dessen Bartschnitt er jetzt trug. Von der redseligen Mrs Shumaker, seiner Ehefrau, hatte er ein fantastisch schmeckendes Stück Johannisbeerkuchen bekommen und auch sie erzählte die ganze Zeit nur von ihm. Vom Glanz der vergangenen Zeit, als alles besser war, von marschierenden Soldaten, glitzernden Helmen, Marschmusik und prächtigen Kutschen. Diesen Wilhelm hätte der junge John gerne kennengelernt. Ein berühmter Mann aus Deutschland, mit weißem Vollbart und einem Helm mit einer goldenen Spitze.

Fünfzehn Jahre später stapfte er in einer feuchtnassen Wiese in Deutschland herum, jenem Land des Kaiser Wilhelm, das ihm so schön romantisch beschrieben worden war. Aber hier fühlte es sich manchmal an, als wäre er der letzte Mensch auf dieser Welt. Um ihn herum diese kalte Fremde, mit fremden Menschen und dem fremden Krieg, mit dem er nie etwas zu tun haben wollte, aber inzwischen ein Teil dessen geworden war.

Immer wieder kam er freiwillig oder unfreiwillig mit Deutschen in Kontakt. Auf der Universität von Urbana-Champaign in Illinois traf er während seiner Studienzeit in der riesigen Hausbibliothek einen ehemaligen Deutschen mit dem seltsamsten Vornamen, den er je gehört hatte. Der Physikdozent Polykarp Kusch, ein Emigrant aus Blankenburg, stand mit einer Tasse Tee in der Hand zufällig in der gleichen Regalreihe wie Edwards und blätterte gedankenverloren in einem dicken Buch, als der junge Student zufällig nach einem Buch in der gleichen Reihe suchte. So kamen sie ins Gespräch und der Deutsche mit der schwarzen Haartolle und der Nickelbrille erzählte ihm von seiner Geburtsstadt im Harz mit der trutzigen Burg oberhalb der Stadt, dem Schloss und vielen anderen Sachen. Diese Stadt hatte er nie gesehen, da seine Eltern Deutschland verließen, als er selbst erst ein Jahr alt war. Kusch war, obwohl ein eigenartiger Kauz, ein angesehener Wissenschaftler und der jüngste Dozent der Universität mit einem eigenen Labor.

Vor zwei Jahren hatte sich Edwards nach der Universität freiwillig zur Army gemeldet, war zur Kadettenausbildung nach Fort Bragg, North Carolina, gekommen, zum Truppführer ausgebildet und aufgrund der guten Leistungen und einer schnellen Beförderungspolitik zu den Scouts im 157. Infanterie-Regiment, 41. Bataillon, 7.-Armee-Gruppe abkommandiert worden. Sozusagen das landgestützte Prisenkommando der amerikanischen Besatzungsmacht.

Er erinnerte sich noch gut an den endlosen Flug in der klapprigen Lockheed Constellation Propellermaschine, als sie nachts in England gelandet und in das nächste Flugzeug in Richtung Frankreich umsteigen mussten. Nach über zwanzig Stunden waren sie in irgendeinem Nest bei Paris angekommen und er hatte morgens, gleich nach dem Frühstück und einer Zigarette, seine neue Scout-Einheit mit zehn unerfahrenen Soldaten übernommen. Zehn Mann und anfangs drei Fahrzeuge. Nach nur drei Wochen waren einige seiner Kameraden entweder verletzt ausgefallen oder durch ihre Unerfahrenheit ums Leben gekommen.

Anfangs wurde die Vorhut noch willkürlich zusammengewürfelt: »Wo ist Ihre Einheit, Soldat? Verloren? Da, Captain Edwards sucht Freiwillige. Sie sind jetzt ein Freiwilliger!«

Als man Edwards gestattete, sich sein Team selbst auszusuchen und mit Erlaubnis von oben seine Kameraden aus verschiedenen Waffengattungen zu rekrutieren, gingen die Verluste praktisch gegen Null. Anfangs hatte er die Namen seiner Leute kaum auswendig gewusst, da waren sie schon tot oder verwundet. Nicht dass die Scout-Abteilung ein Himmelfahrtskommando war oder Kamikaze bedeutete. Es war halt doch ein Unterschied, ob fünfhundert Mann ein Objekt suchten oder zwei.

Da man oft Kontakt zum Hauptquartier der 7. Armee brauchte, musste wenigstens ein Funker mit, ein Mechaniker für die gepanzerte White’s M3 Halbkette mit einem schweren Maschinengewehr auf einer Lafette und ein Fahrer für den gedrungenen Zwei-Achs-Lastwagen der Marke Dodge WC-52. Edwards suchte in den Einheiten gerne nach Multitalenten, die sowohl fahren und gut schießen konnten als auch noch eine weitere spezielle militärische Befähigung hatten. Erstaunlicherweise waren diese dann meist Einzelgänger, die sich in die Truppe nicht recht integrieren konnten. Edwards hasste die Soldaten, die nur versuchten, sich als Drückeberger, Neinsager oder Angeber durch den Militärdienst zu schummeln. Karrieresüchtige gab es genug, aber die kleinen Profis, deren Fähigkeiten innerhalb der Masse untergingen, diese Soldaten blühten manchmal geradezu in der Scout-Einheit auf.

Zum Beispiel Private Huckleby, der schusselige Dauergast bei den...



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