Buch, Deutsch, 180 Seiten, Format (B × H): 140 mm x 210 mm
ISBN: 978-3-935597-64-7
Verlag: Dagyeli Verlag
Mit dem Grundschulzeugnis in der Hand kehrt Sinan in das leergeräumte Häuschen in der Armensiedlung zuru¨ck. Sein Vater hat sich mit seiner neuen Frau aus dem Staub gemacht und fu¨r den ungeliebten Sohn keinen Platz mehr. Sinan treibt sich auf den Plätzen herum, auf denen die Gestrandeten sich sammeln, die Kinder aus den Dörfern, die Abgestu¨rzten, und schließt sich einer Kinderbande an. Er wird zu Sinan die Klinge, dem Jungen, der sich die Arme ritzt, das Betteln, Stehlen und Spru¨cheklopfen lernt, und dass man dem Hunger und der Kälte mit Pillen und Verdu¨nner beikommen kann. Die Händler vertreiben sie, die Polizei jagt sie und setzt sie an den Stadträndern aus. Als Sinan Gu¨l begegnet, ergreift den Pubertierenden die Liebe. Er beschu¨tzt das Mädchen, will sie und sich aus dem Elend herausholen. Doch fu¨r Romantik ist nur im Kino Platz. Als ein Bandenkrieg eskaliert, plant Sinan den großen Auftritt.
Mit Witz und Wärme, ungeschönt und bisweilen brutal schildert Gönu¨l Kivilcim das Leben einer Straßenkindergang, die Gewalt auf Polizeistationen, die Kehrseite der boom town Istanbul. Ihr 2002 erstmals veröffentlichter, auf intensiver Recherche beruhender Roman wurde ins Englische u¨bersetzt und ist Teil der neuen Literatur der tu¨rkischen Gegenkultur.
Zielgruppe
Für Interessenten an sozialrealistischer Literatur, speziell der Banlieue-(bzw. Shanty Town)Literatur, die vor allem das Leben der Heranwachsenden unter äußerst prekären Verhältnissen zum Thema hat und oft eine drastische Sprache mit Komik verbindet.
Weitere Infos & Material
Gu¨l hatte sich verlaufen, als sie Klinge begegnete. Hatte eines Nachts ihre ferne Kindheit und die blaue Schuluniform,
die sie nicht anziehen konnte, mitgenommen und war auf die Straße gegangen. Als sie ihr Filiz, ihre neugeborene
Schwester, auf den Schoß setzten, war Gu¨l, die nackte Königin der Stadt, neun Jahre alt. In der unbarmherzigen
Nacktheit der Sprache sagte man ihr: »Du bist jetzt sozusagen auch eine Mutter. Du hast ein Baby, wie alle anderen Mu¨tter.« Gu¨l, ihre Mutter, die Nachbarn im Viertel, die Polizisten, die ihren Vater abgefu¨hrt hatten, und die Frauen, die mit ihrer Mutter im Konfektionsatelier arbeiteten, waren alle nackt. Sie hatten Gu¨l ihre Kindheit geraubt, die Bu¨cher, aus denen sie das ABC des Lebens hätte lernen sollen, ihre auf dem Schulweg ausgetretenen Schuhe und das Amulett gegen den bösen Blick, das ihre Mutter ihr unter der Schuluniform um den Hals gehängt hatte. An dem Abend, als ihr Vater von der Polizei abgefu¨hrt wurde. Als ihre Mutter die Tu¨r geöffnet hatte, war sie von einem Polizisten grob zur Seite gestoßen worden, ehe Dutzende weitere hereingestu¨rmt kamen. Ihr war aufgefallen, wie sehr die Polizisten, die ihn festhielten, ihrem Vater ansahen mit seiner dunklen Haut, seinen buschigen Augenbrauen und seinen schwarzen Haaren, und sie hatte geschrien: »Papa kann ohne Filiz nicht leben. Lasst ihn hier!« Während sie schrie, sah sie aus zusammengekniffenen Augen einen Schatten durch die Tu¨r verschwinden. Den ihres Vaters.




