E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Kirby Mein Herz wird dich finden
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7336-0224-6
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0224-6
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jessi Kirby ist, genau wie Mia, eine leidenschaftliche Läuferin, und ihr Herz schlägt für ihre Familie und das Meer. Sie hat die Liebe ihres Lebens gefunden - und geheiratet. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt sie in Orange County, Kalifornien, USA.
Weitere Infos & Material
Eins
»Es kann Spenderfamilien guttun, mit den Empfängern des jeweiligen Transplantats Kontakt aufzunehmen (…). Im Großen und Ganzen können sowohl die Spenderfamilien als auch die Organempfänger sowie ihre jeweiligen Verwandten und Freunde von einem Gedankenaustausch über ihre Erfahrungen mit der Organ- oder Gewebespende (…), dem Geschenk des Lebens (…), profitieren (…). Es kann Monate oder sogar Jahre dauern, bevor jemand dazu bereit ist, eine Korrespondenz anzuregen oder zu erwidern, und es kommt auch vor, dass man keine Antwort erhält.«
– Life Alliance Donor Family Services Program
Vierhundert Tage.
Ich wiederhole die Zahl in Gedanken und gebe mich dem Gefühl der Leere hin. Ich kann diesen Tag nicht einfach vergehen lassen wie jeden anderen. Der vierhundertste Tag, der hat etwas Besonderes verdient, eine Art Anerkennung. Genau wie der dreihundertfünfundsechzigste Tag, an dem ich seiner Mutter Blumen geschenkt habe, statt sie auf sein Grab zu legen, weil ich wusste, dass er es so gewollt hätte. Oder an seinem Geburtstag, das war vier Monate, drei Wochen und einen Tag danach. Am hundertvierundvierzigsten Tag.
Ich hatte diesen Tag ganz allein verbracht, weil ich es nicht ertragen hätte, seine Eltern zu treffen, und weil ich insgeheim irgendwie doch glaubte, wenn ich allein bliebe, würde er vielleicht zurückkommen, achtzehn werden, und wir könnten unser altes Leben fortsetzen. Dann würde er mit mir das letzte Schuljahr absolvieren, sich an denselben Colleges bewerben und die letzten wichtigen Schulfeste mitfeiern. Nach unserem Abschluss würden wir unsere Quastenhüte in die Luft werfen und uns in der Sonne küssen, bevor sie wieder landeten.
Nachdem er nicht zurückgekommen war, hatte ich das Sweatshirt angezogen, das noch ein ganz klein wenig nach ihm roch – oder vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Ich schlang meine Arme um den Stoff und wünschte mir etwas. Ich wünschte mir mit aller Inbrunst, dass ich nichts von alldem ohne ihn tun müsste. Der Wunsch ging in Erfüllung. Von unserem letzten Schuljahr bekam ich nichts mit. Ich schickte keine Bewerbungsunterlagen an irgendein College. Ich kaufte mir kein Kleid für die Abschlussparty. Und ich vergaß, dass es überhaupt einen Himmel und eine Sonne gab, unter denen man sich hätte küssen können.
Die Tage vergingen, einer nach dem anderen, wohl dosiert in einem ununterbrochenen, nicht enden wollenden Rhythmus. Scheinbar unendlich, und doch in einem Wimpernschlag vergangen – wie Wellen, die an den Strand branden, wie der Wechsel der Jahreszeiten.
Oder wie der Schlag eines Herzens.
Jacob hatte ein Sportlerherz gehabt: stark und stetig, zehn Schläge langsamer als meins. Früher, wenn wir Brust an Brust lagen, hatte ich versucht, meinen Atem zu verlangsamen, bis er mit seinem übereinstimmte und wir den gleichen Puls hatten. Es hatte nie geklappt. Sogar nach drei Jahren schlug mein Herz immer noch schneller, wenn er nur in der Nähe war. Dennoch schlugen unsere Herzen auf eine Art synchron, weil seins langsam und stetig pochte und meins die Lücken füllte.
Vierhundert Tage und zu viele Herzschläge, um sie zu zählen.
Vierhundert Tage und zu viele Orte und Augenblicke, in denen Jacob nicht mehr lebt. Und noch immer keine Antwort von dem einzigen Ort, an dem er auf eine ganz besondere Weise vielleicht doch lebendig ist.
Hinter mir hupt jemand und reißt mich aus meinen Gedanken und dem mulmigen Gefühl in der Magengrube. Im Rückspiegel sehe ich den Fahrer fluchen, als er mir mit zornig erhobener Hand ausweicht und durch die Windschutzscheibe schreit:
Das habe ich mich beim Einsteigen auch gefragt. Ich weiß nicht genau, das alles soll, nur, dass ich es tun muss, weil ich ihn mit eigenen Augen sehen muss. Wegen des Gefühls, das ich bei den anderen hatte.
Als Erste hatte Norah Walker Kontakt zu Jacobs Angehörigen aufgenommen; allerdings erfuhren wir ihren Namen erst später. Obwohl die Empfänger über die Vermittlungsstelle nach den Familien der Spender fragen konnten, und umgekehrt, waren wir alle überrascht, als der Brief kam. Jacobs Mutter rief mich an und bat mich rüberzukommen. Wir saßen in ihrem hellen Wohnzimmer in dem Haus, das so viele Erinnerungen barg – angefangen mit dem Tag, an dem ich zum fünften Mal daran vorbeigejoggt war, damit er mich endlich bemerkte.
Damals waren wir vierzehn und kannten uns nicht. Bis er diese beiden Worte sagte.
Als ich dann mit Jacobs Mutter in ihrem Haus auf dem Sofa saß, auf dem wir so viele Filme gesehen und Popcorn aus derselben Schüssel gegessen hatten, hatten mich die Worte einer Fremden durch ihre Dankbarkeit von dem dunklen einsamen Ort zurückgeholt, an dem ich mich so lange vergraben hatte. An jenem Tag warf ihr krakeliger Brief auf schönem Papier Licht in meine Dunkelheit. Ihr Ton war demütig, es tat ihr so furchtbar leid, dass Jacob gestorben war. Aber Norah Walker war auch zutiefst dankbar für das Leben, das er ihr geschenkt hatte.
Abends war ich nach Hause gegangen und hatte ihr zurückgeschrieben und mich meinerseits für den Augenblick der Leichtigkeit bedankt, den sie mir mit ihren Worten beschert hatte. In der darauffolgenden Nacht schrieb ich dem nächsten Empfänger und dann noch einem, immer so weiter, fünf Briefe insgesamt. Anonyme Briefe an anonyme Menschen, die ich kennenlernen wollte. Als ich sie zur Weiterleitung an die Vermittlungsstelle schickte, hegte ich die leise Hoffnung, dass diese Menschen mir zurückschreiben würden, dass sie mich so wahrnehmen würden, wie er es getan hatte.
Indem ich die Briefe schrieb, bekam ich irgendwie wieder Luft. Ich schrieb über Jacob und was er mir im Leben gegeben hatte: das Gefühl, zu allem fähig zu sein. Glück. Liebe. Durch die Briefe konnte ich ihn würdigen und gleichzeitig hoffen. Darauf, dass eine anonyme Hand durch die Leere griff und eine Verbindung suchte. Eine Antwort.
Von den Menschen, denen er gespendet hat, habe ich vier Antworten bekommen.
Nach 282 Tagen, zahlreichen Briefen von beiden Seiten, Einverständniserklärungen und Beratungsgesprächen sind seine Mutter und ich zur Betreuungseinrichtung für Spenderfamilien gefahren. Dort haben wir nebeneinander gesessen und gewartet, bis sie kamen und wir sie persönlich kennenlernen konnten.
Norah stellte nicht nur mit Worten den ersten Kontakt her, sondern streckte auch als Erste die Hand aus. Obwohl ich mir diese Begegnung tausendmal vorgestellt hatte, war ich völlig unvorbereitet auf das Gefühl, ihre Hand zu nehmen, ihr in die Augen zu sehen und zu wissen, dass es dort auch etwas von Jacob gab. Etwas, das Norah das Leben gerettet und es ihr ermöglicht hatte, dem kleinen Mädchen mit den Locken, das scheu hinter ihr hervorlugte, weiter eine Mutter zu sein – und ihrem Mann, der weinend neben ihr stand, eine Frau.
Als sie mit Jacobs Lunge tief einatmete und meine Hand an ihre Brust legte, damit ich spüren konnte, wie sie sich ausdehnte und zusammenzog, ging mir das Herz auf.
Bei den anderen war es genauso gewesen – Luke Palmer, der sieben Jahre älter war als ich und uns einen Song auf der Gitarre vorspielte. Das konnte er nur, weil Jacob ihm eine Niere gespendet hatte. John Williamson war ein ruhiger, warmherziger Mann um die Fünfzig, der wunderbar poetische Briefe darüber schrieb, wie sehr sich sein Leben nach der Lebertransplantation zum Guten gewendet hatte. In dem kleinen Besuchszimmer stolperte er in unserem Gespräch mehr als einmal über seine Worte. Dann war da noch Ingrid Stone, deren hellblaue Augen so ganz anders aussahen als die braunen von Jacob, die aber nur durch ihn wieder in leuchtenden Farben sehen konnte.
Angeblich heilt die Zeit alle Wunden, doch die Begegnung mit diesen Menschen – eine Familie aus Fremden, die ein Mensch zusammengeführt hatte – hatte mich an diesem Nachmittag so viel nachhaltiger geheilt als die ganze Zeit in den langen Tagen davor.
Nur deswegen habe ich mich auf die Suche gemacht, nachdem immer mehr Zeit verstrich und keine Antwort von dem letzten Empfänger kam. Nur darum habe ich alle Angaben, die...




