Kinkele | Die Grenze des Himmels | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Kinkele Die Grenze des Himmels

Historischer Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-98518-5
Verlag: Piper Schicksalsvoll
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historischer Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-492-98518-5
Verlag: Piper Schicksalsvoll
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein historischer Roman um Liebe, Magie und Verrat im orientalischen Griechenland des frühen 19. Jahrhunderts Die junge Seherin Vasiliki entflieht 1812 der schamanischen Tradition ihrer Tante, um ein christliches Leben zu führen. Doch statt wie versprochen zu heiraten, gerät sie in den Harem des grausamen Ali Paschá, der mit Hilfe dunkler Kräfte Christen und Muslime in Hass, Krieg und Tod treiben will. Je weiter Vasiliki in die Vergangenheit und das Labyrinth der Geheimnisse des Herrschers vordringt, desto klarer erkennt sie die Verstrickung ihrer eigenen Sippe in eine Gefahr, die sowohl Christen als auch Muslime betrifft: Es geht um die Macht der Dschinn, denen Gott eine Chance gab, wenn sie die moralische Verwerflichkeit des Menschen beweisen. Unter Einsatz ihres Lebens muss Vasiliki lernen, dass jeder Religion eine dunkle Seite innewohnt, gegen deren Macht nur die Barmherzigkeit hilft...

Stephan Kinkele, Jahrgang 1956, studierte Völkerkunde und Germanistik. Sein Interesse gilt dem menschlichen Wirken in Natur und Religion. Nach 35 Jahren weltweiter Abenteuer als Ethnologe und Reiseleiter lebt er in Mecklenburg und verarbeitet seine Erfahrungen in Romanen mit ungewöhnlichem historischem Hintergrund.
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5


Vasiliki hielt die kleine Ikone des Heiligen Salomon hoch und lief in der Küche auf und ab. »Ein Untoter, ein Wrúkolas! Kein Wunder, dass sich das ganze Dorf vor unserer Familie fürchtet und alle einen weiten Bogen um uns machen«, rief sie aufgeregt.

Im Kamin brannte ein Feuer. Sefiroula saß auf der Bank neben der Feuerstelle und zog gekämmte Wolle vom Rocken. Geschickt spann sie mit zwei Fingern eine Faser und wickelte sie auf den hölzernen Stab, der unter ihrem Arm klemmte.

»Wie konntest du mir ein Leben lang verschweigen, dass ich einen Großvater habe, dessen Gebeine nicht in geweihter Erde liegen? Warum hast du mir nichts von ihm erzählt?«

Sefiroula blickte kurz auf. »Dein Großvater war ein guter Mann. Er hat Menschen geheilt«, erklärte sie ruhig.

»In Gottes Namen, irgendeine Sünde muss er doch begangen haben, sonst wäre seine Seele frei. Er ist ein Toter ohne Grab. Was hat er nur getan, dass Gott ihm die Erlösung verweigert?«

Sefiroula setzte mit der rechten Hand die Spindel in Bewegung. Sie zwirbelte den Faden lang. »Gut, ich erzähle es dir. Es geschah in der Schlucht, dort gibt es eine Höhle, an der Stelle, wo der Fluss im Sommer kein Wasser führt.«

Vasiliki bückte sich. Sie griff nach den beiden Kämmen für das Kadern der Wolle. Sie schwieg und begann zu helfen. Die Tante sprach offenbar von der Stelle, wo sie einige Tage zuvor eingeschlafen war.

Sefiroula nahm den Faden ab und wickelte ihn um die Spindel. »Unser Dorf wurde angegriffen. Es war ein heißer Tag, kurz nach Maria Entschlafung. Wir lebten zu dieser Zeit oben auf der Alm in Hütten. Du warst noch nicht geboren. Ich hatte gerade die Ziegen gemolken, als ich den Lärm und das Geschrei hörte. Ich dachte sofort, dass es Muselmanen sind, die unser Lager überfallen. Das geschah damals öfters als heute. Ich lief hinunter in die Schlucht, wo wir uns im Notfall versammelten. Wir konnten damals noch zur Höhle hinaufklettern. Den Eingang hatten wir schon Wochen zuvor mit Felsbrocken und Steinen verschlossen und Buschwerk gesammelt und die Höhle von außen unsichtbar gemacht.«

Vasiliki zog die Wolle mit den Kämmen auseinander und zupfte die geglättete Wolle zurecht.

»Es herrschte große Aufregung, Frauen, Kinder und ein paar alte Männer waren da. Dein Großvater, den alle den Matsúkas nannten, half uns hinauf. Wie ein Prophet ragte er aus der Menge. Er trieb die Leute zur Eile an: Weiter, weiter! Als deine Mutter erschien, schimpften die Frauen, weil sie euren Erstgeborenen im Arm trug. Die Frauen wollten keine Wöchnerin im Versteck. Der Matsúkas befahl Ruhe und mahnte zur Eile. Jedes Geräusch in der Schlucht war von Weitem zu hören. Das Gezänk der Frauen wurde lauter. Es brauchte einige strenge Ermahnungen und Stockhiebe, bis wir endlich alle oben in der Höhle hockten. Mit den letzten Steinen verschlossen die Männer den Ausgang.«

Vasiliki spürte einen Druck in ihrer Brust. »Ich hatte einen Bruder?«

»Ja, der Erstgeborene eurer Familie. Seine Taufe stand kurz bevor. Er sollte den Namen Kimon erhalten.«

Für eine Weile herrschte Stille.

»Wir hörten ihre Stimmen, nur wenige Meter von der Höhle entfernt«, fuhr die Tante fort. »Wir hockten in der Dunkelheit und beteten. Ich hoffte inständig, die Ungläubigen würden den Weg durch die Schlucht weitergehen und verschwinden, doch sie blieben. Ich schwitzte und merkte, wie es in meinem Hals zu kratzen begann. Ich räusperte mich leise. Sofort stieß mir meine Nachbarin den Ellbogen in die Seite. Jedes Geräusch konnte uns verraten. Nur mit Mühe konnte ich ein Husten unterdrücken. Plötzlich begann der Säugling zu wimmern.«

»Oh Gott…«, hauchte Vasiliki. Ihre Hände mit der Wolle erstarrten. »Und?«

»Sein Schluchzen nahm zu, und die anderen Kinder in der Höhle wurden unruhig.«

»Hat meine Mutter irgendetwas getan, um ihn zu beruhigen?«

»Deine Mutter hat alles getan, um ihr Kind zum Schweigen zu bringen, aber der Kleine fing an zu schreien, und es gibt ein Gesetz, mein Kind. Das Überleben der Gemeinschaft kommt zuerst und dann das Leben eines ungetauften Kindes. So einfach ist das. Als dein kleiner Bruder nicht aufhörte zu schreien, war er dem Tod geweiht. Es ging alles sehr schnell.«

Vasiliki saß wie betäubt da. Dann fing sie wieder an, vorsichtig zu bürsten. Sie wagte die Frage kaum zu stellen: »Ihr habt ihn…?«

Sefiroula drillte den Faden. »Es war die Aufgabe deines Vaters.«

Vasiliki seufzte schwer. »Mein Vater hat…?«, hob sie an.

»… nein, hat er nicht.«

Die Antwort schien in der Spindel hängen zu bleiben und zu drehen und zu drehen. Sefiroula hatte die Augen zusammengekniffen, ihre Lippen waren dünn wie der Faden, sodass sie fast verschwanden. »Dein Großvater«, sagte sie schließlich, »hat seinen Enkel mit eigenen Händen erstickt.«

»Oh Gott«, stieß Vasiliki aus.

Sefiroula hielt die Spindel ruckartig an und griff nach ihr. »Ja, Gottes Wille geht seltsame Wege«, seufzte sie. »Dein Großvater hat uns gerettet und sich gleichzeitig schuldig gemacht.«

»Du hast gesagt, er war ein Heiler. Wie konnte er nur so etwas tun?«

Sefiroula hielt den Kopf gesenkt und wickelte den Faden auf. »Er hat sich erbarmt, mein Kind. Erbarmt hat er sich, denn es wäre die Pflicht deines Vaters gewesen.«

»Die Pflicht meines Vaters? Was ist das für eine Pflicht? Er hat sein Kind geliebt. Das kann ihm doch keiner zum Vorwurf machen!«

»Pflichten und Gesetze sind da, um erfüllt zu werden«, fuhr Sefiroula hoch. »Verstehst du? Deine Mutter hätte trotz ihrer Trauer stolz sein können auf sich und ihren Mann. Nun aber wurde sie zusätzlich für seine Feigheit verachtet. Dein Vater hat sich wie ein Feigling benommen, und dein Großvater hat menschliche Größe bewiesen. Für diese Größe haben wir ihn verehrt. Er hat sich für uns geopfert. Verstehst du das? Dieses Opfer haben wir ihm mit Liebe gedankt. Davon hat Papa Gregorios dir wohl nichts erzählt, was?«

Vasiliki ließ ihren Blick durch den kleinen Raum schweifen. In der Ecke brannte das Licht, ein winziger Docht in einem kleinen Gefäß mit Öl. Wie immer standen die Ikonen feierlich aufgereiht neben dem Räuchergefäß. Behutsam nahm sie die Ikone des Heiligen Salomon, die neben ihr lag, und betrachtete die dunklen Flecken auf dem Holz. Obwohl die Worte ihrer Tante sie noch innerlich bewegten, fiel ihr etwas auf. In ihrem Traum hatte sie keine Blutflecke auf dem Holz gesehen. Nur hochgehalten hatte der alte Mann das Gnadenbild und ihr die Zeichen auf der Rückseite gezeigt.

»Ich sehe deinen Großvater noch vor mir«, fuhr Sefiroula fort. »Er war der Erste, der aus der Höhle kroch. Er kletterte in das Flussbett und blieb stehen, wo die Ungläubigen nach uns gesucht hatten. Lange hat er in den Himmel geschaut. Ich bin sicher, er hat gebetet.«

Vasiliki hörte zu, während sie das Gnadenholz umdrehte und seine Rückseite betrachtete. Die Zeichen, die sie im Traum gesehen hatte, waren nicht mehr zu erkennen, nur das nachgedunkelte alte Holz und eine verwitterte Kerbe an der rechten Kante. War es Einbildung gewesen, was sie im Haus der Müllerin gesehen hatte, oder verstand sie die Botschaft nicht? Es war ihr Großvater, der Matsúkas, den sie gesehen hatte, aber was hatte er von ihr gewollt? Nach den Worten des Papas war er ein Wrúkolas, ein Untoter, ein Vampir!

Vasiliki drehte die Ikone wieder um und untersuchte das Bild, auf dem der Heilige Salomon neben einer Kirche stand. Das Holz lag kühl in ihrer Hand. König Salomon erwiderte ihren Blick und sah sie aus weiter Ferne an.

Plötzlich erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. Sie beugte sich vor. War es eine Täuschung, oder lebten die Augen des Heiligen wirklich? Sie schimmerten winzig und dunkel. Es schien, als bewegten sie sich. Der Blick des Heiligen Königs löste eine überraschende Empfindung in ihr aus: Ein warmer Strom stieg rasch durch ihre Finger den Arm hinauf. Die Härchen auf ihrer Haut richteten sich auf. Mit einem tiefen Atemzug flutete das angenehme Gefühl durch ihre Schulter und weiter in ihr Herz. Gleichzeitig sprang ein Gedanke in ihren Kopf und brachte sie auf eine Spur. »Es war jener Tag, an dem die Muselmanen unsere Männer umgebracht haben, nicht wahr?«

Die Tante sah erstaunt auf. Über ihrer Nase bildete sich eine Falte, die sich aber gleich wieder glättete. Dafür wurde ihr Blick durchdringend. »Woher weißt du das?«, fragte sie und schaute zuerst auf ihre Nichte, dann auf die Ikone.

Vasiliki blieb ruhig. Es war ein seltsames Gefühl. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich ihrer Tante ebenbürtig. »Nun, wenn sie euch Frauen in der Höhle nicht gefunden haben… die Männer sind doch sicher im Lager und auf den Weiden geblieben. Hat sie niemand vor den Muselmanen gewarnt?«

Tante Sefiroula hielt ihren Blick auf die Ikone gerichtet. »Nein, niemand. Dazu ging alles zu schnell. Sie wurden überrascht.« Ihre Stimme klang belegt. »Aber das war auch nicht das Entscheidende. Selbst ohne Warnung hätten unsere Männer jeden Muselmanen besiegt.« Sie holte Luft. »Leider waren es keine Muselmanen.«

Vasiliki legte die Ikone neben sich auf die steinerne Bank. Die Tante schaute auf die Spindel, aber nur kurz, dann schien sie in der Küche etwas zu suchen, ohne es zu finden, und musterte schließlich ausgiebig ihre Nichte.

»Keine Muselmanen?«, drängte Vasiliki ungeduldig. »Waren es etwa Christen?«

»Ach was«, fand Sefiroula ihre Sprache wieder. »Es waren weder Christen noch Ungläubige. Es waren Satanádes. Das sind keine normalen Menschen, das sind Wesen, die sich in Menschenhaut verstecken.« Sie wickelte den Faden auf und senkte die Stimme:...



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