Kinkel | Erzählungen vom Niederrhein | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 199 Seiten

Kinkel Erzählungen vom Niederrhein


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2931-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 199 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2931-1
Verlag: Jazzybee Verlag
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Gottfried Kinkel war ein deutscher evangelischer Theologe, Schriftsteller, Kirchenlieddichter und demokratisch gesinnter Politiker. Dieser Band bietet eine Sammlung seiner schönsten Geschichten: Der Hauskrieg. Margret Ein Traum im Spessart Die Heimatlosen.

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Margret



Geschichte vom Lande Am obern Schlusse des schönen Ahrtales, wo das Flüßchen dem Fuße eines stark ansteigenden Berges entspringt, liegt in die grüne Schlucht zurückgezogen das Städtchen Blankenheim, ein Schutz und Schirm der jetzt zertrümmerten Grafenburg, der es seinen Ursprung dankt. Mancher Wanderer wird sich mit Vergnügen des lieben Örtchens erinnern, wo er nach den rauhen Pfaden der obern Ahr oder nach beschwerlicher Eifelfahrt zum erstenmal wieder städtisches Behagen in reizender ländlicher Umgebung fand. Zumeist, wer etwa im ersten Frühling das Tal besuchte, gedenkt sicher mit Entzücken des weiten weißen Blütenschleiers, mit dem die ganze Schlucht wie übersponnen liegt, ein blühend Idyll mitten unter den wilden Eifelhöhen, deren teils kahle, teils bewaldete Rücken die Stadt rings umziehen. Im Schirm dieser Höhen ruht sie und genießt infolge dieser Lage eines rheinischen Sommers, während eine Viertelstunde Weges die Berge hinauf genügt, uns in eine rauhe, nur der Fichte noch günstige Luft zu versetzen.

Freilich sieht's dann im Winter ganz anders aus. Sein über die endlosen Schneeflächen ringsumher sausender Hauch schont auch das Tal nicht. Die Wiese dorrt vor ihm, durch welche in der mildern Jahreszeit die junge Ahr so munter herabtanzt, tiefer Schnee sperrt die Stadt von dem gebildeten Leben entfernterer Gegenden und selbst von dem Verkehr mit den benachbarten Ortschaften ab. Da ziehen sich dann die Honoratioren abends ins Kasino zusammen, spielen Karten und trinken Wein; draußen aber vor den Mauern ist's nimmer gut hausen.

Am wenigsten erwünscht kommt dann in solchen Zeiten der Besuch der Wölfe, welche durch den hinter Blankenheim endlos sich ausdehnenden Zitterwald aus den Ardennen vorrücken und ihren räuberischen Hunger bis dicht vor die Stadttore tragen. Unser ungründlicher Nachbar, der Franzose, hat die Singvögel aus seinen Laubhainen, die Hasen aus seinen Feldern weggeschossen, aber nicht Ausdauer genug gehabt, jenes widrig gemeine Raubtier zu tilgen; an seiner Süd- und Nordgrenze, in Pyrenäen und Ardennen, höhnt es noch den zivilisierten Zustand des Landes. Was von diesen grauen und bösen Gästen nach Deutschland herüberkommt, findet jetzt meist rasch seine Kugel, aber so lange ist's noch nicht her, daß man sie sogar in der Rheinebene und, wenn das Eis ihnen eine Brücke über den großen Strom gab, selbst auf dem rechten Ufer antraf. Die ganze Eifel bildet noch bis heute ihre Domäne, der sie einen Winterbesuch abzustatten niemals verfehlen. Nachts gehen sie am liebsten auf die Hunde an der Kette aus, am Tage holen sie vor den Augen der Hirten Schafe von den Weideplätzen. Selten werden sie dem Menschen gefährlich; doch geht die unheimliche Sage im Volk, daß ein Wolf, der einmal aus grimmigem Mangel an Nahrung Menschenfleisch gekostet habe, hernach an keinem Tier sich mehr vergreifen möge.

Jener Wald nun, der ihren Zug gegen Blankenheim hin deckt, zieht sich fast von der Stadt an, nämlich von dem Tiergarten der alten Grafen bei den Schloßtrümmern über einen hohen Bergrücken fort, der die Stromscheide zwischen Ahr und Kyll bildet. Beiderseits liegen spärliche Dörfer meilenweit auseinander, hie und da trifft man einen Bauernhof, und wo in tiefen bebuschten Rinnen Bäche jenen größeren Flüßchen zulaufen, hat sich wohl eine einsame Mühle auf einem Stück mühsam gerodeten Wiesen- oder Ackerlandes angesiedelt.

Solch ein Fleck in der tiefen lautlosen Stille einer flimmerkalten Winternacht liegt vor uns; nicht einmal das Rauschen des Wassers oder der leis plätschernde Umschwung des Mühlrades regt sich, alles starrt im Eise. An den Menschen und sein Dasein mahnt nur ein schwaches Licht in einem Fenster des kleinen an die Mühle angelehnten Nebenbaus das gegen den kalten, blauen, östlich über die schneeigen Baum- und Bergspitzen heraufkommenden Mond mit warmem Rot sich absetzt. Sonst herrscht allwärts der ernste, grausige, allem Leben feindliche Todesschlaf einer herben Wild- und Waldnatur.

Bei jener Lampe aber wacht und klopft ein armes Menschenherz – ein junges Weib beim Sterbebett ihres Kindes. Sie ist nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Witwe, aber dennoch ist sie Mutter. Ganz einsam und verlassen übt sie ihre Pflicht, über die fiebernde Stirn des Kindes, das in tiefem, starrem Gehirnschlaf mit gespenstig halb geöffneten Augen teilnahmlos ihre Mühe hinnimmt, schlägt sie rasch wechselnd die nassen kühlenden Tücher – und zwischen jedem Aufschlag kniet sie vor der Mutter Gottes hin, die zwischen den Fenstern unter der Lampe hängt, und spricht ein stilles, ringendes Gebet. Gott und seine Heiligen sind furchtbar stumm in solchen Nächten! Die einsame Mutter erfuhr es. Kein Engel kam herab, seine heilende Hand auf die Stirn des kranken Knaben zu legen, das heiße Fieber stieg gegen die Mitternacht hin, immer schneller mußte sie das kühlende Linnen erneuern. Über die dunkle Ecke, wo das Kind vor dem Lampenschein geschützt lag, fiel jetzt mit blassem blauem Licht der Mondschein, wob einen Glanz um das blonde müde Köpfchen und schlich nach kurzer Frist wieder darüber hinweg, als hätte er das Sterbende noch einmal mit dem Strahl des Lebens umleuchten wollen und dann der ewigen Nacht geweiht. Die Stunden rannen hin, die Mutter, stumpf von Leid und Ermattung, empfand ihren Gang nicht mehr und hörte gleichgültig den Schlag der Wanduhr, der ihren Wandel verkündigte.

Gegen Morgen ging der Odemzug des Kindes ruhiger, die Händchen wurden kühler, die Adern der Stirne begannen leiser zu schlagen und die Augdeckel zogen sich fester zu. Sie wußte jetzt aus der Erfahrung dreier schrecklichen Wochen, daß ihr das Kind wieder auf einen Tag geschenkt sei. Noch einmal legte sie, das Köpfchen sanft aufhebend, ein feuchtes Linnen unter. Dann setzte sie sich beiseits ans Fenster, lehnte den Kopf auf die aufgestützten Hände, hielt die heiße schmerzende Stirn an die gefrorenen Scheiben und sah mit den verwachten verweinten Augen in die trostlose Schneenacht hinaus, die der Mond in ihrer ganzen lautlosen Erstorbenheit noch blasser und leichenhafter malte.

Und nun, da keine äußere Tätigkeit und Sorge sie mehr zerstreute, erwachte ihr inneres Auge. Ihre ganze Vergangenheit lief in raschen Bildern vor ihr vorüber, jede frühere Lust, jeder vergangene Schmerz bohrte sich tief und wühlend in ihre müde Seele ein, und alle diese kämpfenden Erinnerungen führten sie zuletzt wieder zu ihrer Gegenwart, zu ihrer gräßlichen Verlassenheit, zum Sterbebett ihres schönen Kindes.

Margret war das Kind begüterter Eltern aus einem benachbarten großen Dorfe. Ihr Vater hatte unter Napoleon gedient, viele Länder gesehen, und mit dem verständigen Blicke, der dem rheinfränkischen Stamme eigen ist, Menschen und Sitten beobachtet. Überall fand er, daß Kenntnis Macht gibt, und als er mit einem zerschossenen Arme, aber sonst noch rüstig in sein väterliches Dorf zurückkehrte, ein Weib nahm und sein kleines Erbgut zu bewirtschaften anfing, da wandte er alles, was er gesehen und in achtsamem Herzen bewahrt hatte, auf sein Arbeiten an, nicht in dem neuernden Geiste halber Bauernbildung, der alles versucht und gleich wieder aufgibt, bevor es sich als nützlich hat bewähren können, sondern mit besonnener und geduldiger Prüfung. Zum Staunen des Dorfes trat er, der schlichte Mann vom Pfluge, in einen benachbarten Verein reicher und gebildeter Grundbesitzer ein, der eben damals zur Aufbesserung der schmählich vernachlässigten Landwirtschaft jener Gebirge zusammentrat; gern nahmen ihn die Theoretiker auf, die von seinem sichern Blick und seiner verständigen Erfahrung vieles lernten, während dagegen er von ihnen die Resultate der neuern Wissenschaft für den Landbau empfing und sogleich benutzte. In fünfzehn Jahren stand der Mann, der so klein angefangen hatte, bloß durch die Macht des Verstandes unter den wohlhabendsten Leuten seiner Gemeinde da, und die erst über seine neuen Bebauungsweisen und die wunderlichen Besserungen und Futterkräuter lachend den Kopf geschüttelt, beeiferten sich jetzt von ihm zu lernen. Man wählte ihn zum Schöffen, und wenn er seine Meinung über eine gemeinschaftliche Maßregel im Gemeinderat oder auch im Wirtshause vortrug, so war alles still, dem klaren, scharfen Auge, den ruhig hingestellten Gründen, der beredten praktischen Ausführung seiner Vorschläge vermochte auch kein Gegner zu widerstehen, und er war im Geiste der Fürst seines Kreises, obwohl an äußerer Stellung und an Reichtum der alte Schultheiß noch über ihm stand.

Jenen Schatz von Kenntnissen nun, dem er sein Lebensglück dankte, wollte er um jeden Preis auch seiner ganzen Familie ins Leben mitgeben. Er hatte neun Kinder und sah also voraus, daß von seinem Erbe auf jedes doch nur ein kleines Teil fallen werde, daß sie also gleich ihm wieder unten anfangen müßten, wenn sie es in der Welt zu etwas Rechtem bringen wollten. Die Söhne nahm er selbst in seine Schule, gewöhnte sie von früh auf an eigenes kräftiges Zugreifen bei der Feldarbeit, führte sie schon als Knaben mit auf die Jagd und teilte ihnen alle Vorteile mit, die sich dem Landleben und der allnährenden Erde abgewinnen lassen. Dann mußten sie, die Kinder eines wohlbegüterten Landmannes, dennoch ohne Ausnahme für ein paar Jahre als Knecht auf großen Gütern bei tüchtigen Gutsbesitzern eintreten: denn beim Militär hatte der Alte gelernt, daß nur wer vortrefflich gehorchen gelernt hat, hernach vortrefflich zu befehlen versteht. Dann aber, mit klugem Blicke die zu große Zahl der Bevölkerung in einem...



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