E-Book, Deutsch, 591 Seiten
Kinkel Die Söhne der Wölfin
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95520-839-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 591 Seiten
ISBN: 978-3-95520-839-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tanja Kinkel, geboren 1969 in Bamberg, studierte und promovierte in Germanistik, Theater- und Kommunikationswissenschaft. Sie erhielt acht Kultur- und Literaturpreise, Stipendien in Rom, Los Angeles und an der Drehbuchwerkstatt der HFF München, wurde Gastdozentin an Hochschulen und Universitäten im In- und Ausland sowie Präsidentin der Internationalen Feuchtwanger Gesellschaft. 1992 gründete sie die Kinderhilfsorganisation Brot und Bücher e. V, um sich so aktiv für eine humanere Welt einzusetzen (mehr Informationen finden Sie auf der Website brotundbuecher.de). Tanja Kinkels Romane, die allein in Deutschland eine Gesamtauflage von über sieben Millionen erzielten, wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und spannen den Bogen von der Gründung Roms bis zum Amerika des 21. Jahrhunderts. Bei dotbooks veröffentlichte Tanja Kinkel ihre großen Romane »Die Puppenspieler«, »Die Löwin von Aquitanien«, »Wahnsinn, der das Herz zerfrisst«, »Mondlaub«, »Die Söhne der Wölfin« - der Roman ist auch im Sammelband »Die Frauen der Ewigen Stadt« erhältlich -, »Die Schatten von La Rochelle« und »Unter dem Zwillingsstern«, die Novelle »Ein freier Mann« sowie ihre Erzählungen »Der Meister aus Caravaggio«, »Reise für Zwei« und »Feueratem«, die auch in gesammelter Form vorliegen in »Gestern, heute, morgen«. Die Kurzgeschichte »Ein unverhofftes Weihnachtswunder« ist außerdem in der Anthologie »Kerzenschein und Schneegestöber« erhältlich. Die Autorin im Internet: tanja-kinkel.de
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Kapitel 2
Faustulus neigte im allgemeinen nicht zu hastigen Entscheidungen. Als er sich vor zwei Jahren an einem Raubzug beteiligt hatte, um den Tusci Vieh zu stehlen, hatte das weniger mit jugendlichem Übermut als mit Armut und bitterer Notwendigkeit zu tun gehabt. Die Herden seines Dorfes bestanden nach einer Seuche und einigen weiteren Unglücksfällen nur noch aus ein paar abgemagerten Tieren, die kaum zwei Familien ernährt hätten. Und jeder wußte, daß die Tusci reich waren, reich an allem, auch an Vieh, und obendrein waren sie Magier, so daß ihre Herden nie krank wurden.
Also hatte er sich den anderen jungen Männern angeschlossen, und fast hätten sie mit ihrem Plan Erfolg gehabt. Es war geradezu lächerlich einfach gewesen, zwei Dutzend Schafe von den Herden der Tusci-Stadt Alba abzusondern und fortzutreiben. In einem jähen Anfall von Tollkühnheit hatte Faustulus geglaubt, auch noch nach einer Kuh Ausschau halten zu müssen. Seither hütete er sich davor, sich je wieder Erfolg zu Kopf steigen zu lassen, denn die Strafe ließ nicht lange auf sich warten. Der Bruder des Herrschers von Alba, der mit einem kleinen Trupp die Viehdiebe verfolgte, hatte ihn gefangen genommen.
Bei einem Krieg hätte wohl die Möglichkeit bestanden, ausgelöst zu werden, aber sein Dorf führte keine Kriege, das konnte man sich nicht leisten. Also wurde er das Eigentum des Mannes, der ihn aufgespürt hatte. Er hätte es schlimmer treffen können. In die Steinbrüche geschickt zu werden oder in die Erzgruben, zu den Blasebälgen in der Nähe der heißen Feuer, die den Tusci ihren Reichtum sicherten, das war es, was jeder Latiner fürchtete. Doch sein neuer Herr war nicht grausam zu Faustulus, und wenn er zaubern konnte und mit Unterweltsdämonen im Bunde stand, so wie man das von den Tusci behauptete, dann ließ sich nichts davon erkennen. Und, so stellte sich heraus, er brauchte Krieger, deren Treue nicht seinem Bruder galt.
Faustulus lernte, ein Schwert zu gebrauchen. Er war weder sonderlich gut noch sonderlich schlecht darin, aber als Arnth die Macht in Alba übernahm, tat Faustulus seinen Teil. Zu diesem Zeitpunkt beherrschte er die Sprache der Tusci, die sich sehr von der seinen unterschied, immerhin ausreichend, um nicht nur die Befehle der Anführer zu verstehen, sondern auch mit seinen Kameraden über die Dinge des Alltags reden zu können. Er war kein mißtrauischer Mensch, und so dachte er sich nichts dabei, von seiner Hoffnung zu sprechen, als Belohnung für seine Dienste vielleicht irgendwann einmal freigelassen zu werden. Nicht, daß es ihm in Alba schlecht erging; anders als in den letzten Jahren in seinem Dorf hatte er hier zumindest immer einen vollen Magen. Aber er fühlte sich unwohl inmitten der vielen Häuser aus Stein, ihm fehlten seine alten Freunde, seine Sprache, und er war sich wohl bewußt, daß die Tusci auf seinesgleichen herabsahen.
Als er vor den König gerufen wurde, meinte Sico, der Sabiner, der weder die Tusci noch die Latiner besonders mochte, nun sei wohl die Zeit genommen, wo Faustulus für sein loses Maul büßen müsse. Dergleichen wäre Faustulus nicht eingefallen, und er weigerte sich, Angst zu zeigen, nun, da Sico ihm den Gedanken in den Kopf gesetzt hatte. Einen Schritt nach dem anderen, pflegte sein Vater zu sagen.
Was der König ihm anbot, klang fast zu schön, um wahr zu sein. Er würde wieder frei sein und ein Hirte, mit zwei gedeckten Kühen und zehn Schweinen bestimmt der reichste Mann im Dorf. Als Gegenleistung mußte er nicht mehr tun, als ein schwangeres Mädchen als sein Weib mitzunehmen und dafür zu sorgen, daß sie nicht fortlief. Trotzdem wartete er erst ein wenig ab, ehe er einwilligte. Er war nicht dumm. Es gab verdienstvollere Krieger als ihn, und er verstand nicht, warum der König ausgerechnet ihn ausgewählt hatte.
»Es stört dich doch nicht, daß sie das Kind eines anderen erwartet, oder?« fragte der König verwundert, als Faustulus nicht sofort sein Einverständnis erklärte.
»Aber nein«, entgegnete Faustulus ehrlich. »Eine fruchtbare Frau ist gut.« Wäre der König seinesgleichen gewesen, dann hätte er vielleicht noch hinzugefügt: »Wie ein Acker, der schon Früchte getragen hat.« Aber so vertraut mit dem Herrscher der Stadt zu reden brachte er nicht fertig. Er dachte nach, entschied, daß Offenheit am besten wäre, und fragte schließlich: »Warum ich?«
Die Augenbrauen des Königs hoben sich. »Weil du ein treuer Diener und ein ehrlicher Kerl bist, jedenfalls seit ich dir den Viehdiebstahl abgewöhnt habe«, antwortete er schmunzelnd. Faustulus dankte ihm und wußte damit auch nicht mehr als vorher.
Am Abend wanderte er mit ein paar Kameraden durch die Stadt, um seinen Abschied zu feiern. Durch das Geschwätz der Leute entdeckte er, was ihm der König nicht erzählt hatte, und begriff. Das schwangere Mädchen war eine der Tusci-Priesterinnen, obendrein die Nichte des Königs, und sie hatte zuerst behauptet, ihr Kind sei von einem Gott gezeugt worden. Kein Mann der Tusci würde sie danach auch nur mit dem kleinen Finger anfassen. Wenn sie die Wahrheit sprach, dann war es Gotteslästerung, wenn sie log, dann war sie verflucht wegen ihres Eidbruchs, und in jedem Fall bedeutete der Bankert einer Priesterin, Enkel eines Königs, der sich dem Gebot der Götter verweigert hatte, nichts als Ärger.
Faustulus wußte nicht, was er von all dem zu halten hatte.
Das Mädchen sollte ihm erst am Ende der Woche übergeben werden, doch er beschloß, sie sich schon vorher anzuschauen. Die Leute sprachen über nichts anderes mehr, und so hörte er, daß sie morgen, wenn die Sonne am höchsten stand, öffentlich ihres Amtes und ihres Namens entkleidet und danach aus der Stadt verbannt werden würde.
»Wenn ihr mich fragt«, meinte der Wirt der Schenke, in der Faustulus und seine Kameraden am liebsten einkehrten, »hat der König das eingefädelt. Sie hätte Hohepriesterin werden können, sie war doch ständig an der Seite der Edlen Fasti. Jetzt braucht er sich keine Sorgen mehr zu machen, daß irgendwann eine rachsüchtige Nichte für die Göttin spricht.« Er schenkte sich selbst noch etwas ein und fuhr fort: »Bestimmt hat einer von seinen Handlangern sie verführt. Es muß ein Mann des Königs gewesen sein, denn wie hätte er sonst so schnell den Vater finden können? Ihr glaubt doch nicht, daß der sich freiwillig gemeldet hat.«
»Gewiß nicht«, fiel Sico ein und lächelte boshaft. Faustulus hatte nichts von dem schwangeren Mädchen erzählt, nur von dem Vieh, das ihm der König zum Abschied versprochen hatte, doch Sico hatte offenbar die richtige Schlußfolgerung gezogen. »So etwas würde nur ein ausgemachter Trottel tun.«
»Ein Verbrecher, meinst du wohl«, protestierte ein anderer Kamerad schaudernd. »Eine Priesterin schänden – so etwas bringt doch Unglück über Generationen hin. Das würde ich nicht mal tun, wenn sie mir die ganze Stadt dafür hinterherwürfen.«
Faustulus waren die Götter der Tusci zwar unheimlich, aber er hatte seine eigenen Götter, die ihn beschützen würden. Seine Götter gehörten zum Land und waren daher älter als die der Tusci; er erinnerte sich vage, daß ihm sein Großvater erzählt hatte, die Tusci seien nicht immer hier gewesen, sondern erst vor langer Zeit gekommen, von jenseits des Meeres wie die Griechen und die Phönizier, mit denen sie Handel trieben. Also vertraute er auf seine Götter. Dies war gewiß seine letzte Gelegenheit, um zu seinem alten Leben zurückzukehren. Nur wünschte er sich Gewißheit, daß er sich keine Hexe ins Haus holte.
***
Bis auf die Jahresnagelung hatte Faustulus noch nie einer Tusci-Zeremonie beigewohnt, also wußte er nicht, ob die der Verdammung seiner zukünftigen Frau etwas Ungewöhnliches war. Ihm fiel auf, daß die Priesterschaft statt der roten Festtagsgewänder von der Jahresnagelung diesmal weiße Tebennas trug. Sogar ihre Kopfbedeckungen waren weiß. Aber bei dem Reichtum der Tusci mochte es wohl sein, daß ihre Priester für jeden Anlaß anders angezogen waren. Es gab keine Musik wie hei der Jahresnagelung, niemand spielte Flöte oder schlug die Crotali. Doch die Weißgewandeten schritten in der gleichen Anordnung aus dem Tempel heraus auf den Vorplatz, wo sich wohl die halbe Stadt versammelt hatte – drei voran, gefolgt von den anderen sieben. Die Priester der übrigen Schutzgötter der Stadt erschienen in genau der gleichen Ordnung, erst drei, dann sieben.
Es fiel Faustulus nicht schwer herauszufinden, welche die Nichte des Königs war. Sie trug als einzige keine Mitra und stand in der Mitte der sieben aus dem Turan-Tempel. Die drei Frauen an ihrer linken und rechten Seite traten alle einen Schritt zurück, als die drei vor ihnen sich umwandten.
Die Menge, in der er sich befand, wurde still. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, das Gesicht des Mädchens besser auszumachen. An ihrer Gestalt ließ sich nichts aussetzen. Man erkannte noch nichts von einer Schwangerschaft; mit den langen Beinen und den gutgeformten Brüsten entsprach sie durchaus seinen Vorstellungen. Er spürte Sehnsucht in sich aufsteigen. Es war lange her, daß er ein Weib gehabt hatte. Wenn er damals mit der Kuh zurückgekommen wäre, hätte es in seinem Dorf ein Mädchen für ihn gegeben, aber er machte sich keine Hoffnungen, daß sie noch auf seine Rückkehr wartete. Ihr Vater hatte sie gewiß längst einem anderen gegeben; so war das Leben. Für einen Unfreien wie ihn bestand hier in Alba zwar die Möglichkeit, sich mit einer Sklavin einzulassen, aber dabei war ihm gewöhnlich kein Glück beschieden gewesen. Ja, es würde gut sein, wieder bei einer Frau zu liegen.
Er schob sich etwas weiter durch das Gedränge vorwärts, und jetzt konnte er auch ihre Gesichtszüge erkennen. Sie schaute starr geradeaus, während eine der Priesterinnen...




