E-Book, Deutsch, 517 Seiten
King Die Zärtlichkeit des Highlanders
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96148-852-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 517 Seiten
ISBN: 978-3-96148-852-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Susan King wurde 1951 in New York geboren. Sie studierte und promovierte in Kunstgeschichte. Während ihrer Promotion schrieb sie ihren ersten Roman, der sofort zum internationalen Überraschungserfolg wurde. Seitdem begeistert die Bestseller-Autorin regelmäßig mit ihren historischen Liebesromanen. Bei dotbooks erscheinen auch folgende Highland-Romane von Susan King: »Der Schatz des Highlanders« »Sturm über dem Hochland« »Der Fluch des Highlanders« »Die Ehre des Highlanders« »Der Kampf des Highlanders« »Das Verlangen des Highlanders« »Die Insel der wilden Disteln« »Der Ritter und die Highlanderin« »Das Spiel des Highlanders« »Die Zärtlichkeit des Highlanders« »In der Gewalt des Lords« »Eine ungehorsame Braut«
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Prolog
Galloway, Schottland
Sommer 1311
Sie glitt zwischen den Verwundeten hin und her wie Sonnenlicht, das durch Schatten dringt. Obwohl Nebelschwaden über das Schlachtfeld zogen und die Leichen derer verbargen, die an diesem Morgen im Kampf gefallen waren, sah Diarmid Campbell das junge Mädchen ganz deutlich. Er beobachtete sie, und seine Finger, die das Skalpell umschlossen, blieben still. Für einen Moment hielt sie seine Aufmerksamkeit gefangen.
Ihr helles Gewand und ihre goldenen Zöpfe schienen bei jeder ihrer Bewegungen in dem trüben Licht zu schimmern. Umgeben von Nebel und Schlamm, wirkte sie ätherisch und anmutig, als sie sich über einen Verwundeten beugte und seine Stirn berührte.
Wie ein Engel, der herabgestiegen ist, um die toten Seelen zu holen, dachte Diarmid. Dann schüttelte er den Kopf, um seine von der Schlacht verwirrten Gedanken zu ordnen. Das ist keine selige Erscheinung an diesem verfluchten Ort, dachte er, nur ein schönes, schmales Mädchen, das eine Wasserschüssel und eine Handvoll Bandagen trägt. Offensichtlich war sie mit den Frauen des Ortes gekommen, um nach dem Kampf zwischen Engländern und Schotten den Verwundeten Hilfe zu leisten.
Diarmid strich sich mit dem Handrücken, der rot war vom Blut anderer Männer und von seinem eigenen, über die schweißbedeckte Stirn. Dann beugte er sich hinunter, um eine Pfeilwunde in der Schulter eines Highlanders zu untersuchen.
Der Mann verzog das Gesicht. »Tut ein bartloser Jüngling die Arbeit der Weisen Frauen?« fragte er auf Gälisch. »Ich habe gesehen, wie du kämpfst, Junge. Ich weiß, daß du das kannst, ebenso wie dein Bruder.«
»Es stimmt, mündig bin ich noch nicht«, erwiderte Diarmid sanft, »aber ich habe bei einem Arzt im Kloster Mullinch gelernt. Und ich habe bereits Hunderte von Wunden geheilt, die ernster waren als deine.«
»Also mach deine Arbeit, aber schnell«, knurrte der Mann.
Diarmid umfaßte den hölzernen Schaft, preßte entschlossen die Lippen zusammen und zog die festsitzende eiserne Spitze rasch heraus. Der Mann stöhnte auf. Diarmid goß aus seiner Feldflasche reichlich Wein über die frische Wunde. Dann zog er einen seidenen Faden durch eine goldene Nadel, reinigte die Nadel und seine Hände mit ein wenig Wein und nähte das Fleisch schnell zusammen. Anschließend verband er die Schulter mit einem Stück Leinen, das er vom Hemd des Mannes abgerissen hatte; dann blickte er auf.
»Wechsle den Verband häufig und gieß Wein oder uisge beatha darüber, wann immer du kannst«, sagte er. »Und genehmige dir auch einen Schluck.« Der Highlander nickte zum Dank.
Diarmid stand auf und wischte zum wiederholten Mal das Blut ab, das aus einer Schnittwunde über seinem linken Auge sickerte. Er würde Fionn bitten müssen, sie zu nähen, obwohl sein Bruder bei so einer Arbeit nicht besonders behutsam war. Für den Moment würde er sie nicht weiter beachten, ebenso wie die schmerzende Wunde an seinem linken Unterarm, beides Verletzungen, die er im Kampf davongetragen hatte.
Auch der lauernden Angst, nicht genug über die Behandlung dieser Verwundeten zu wissen, der Angst, durch Fehler oder mangelndes Wissen jemandem große Schmerzen zuzufügen oder sogar seinen Tod zu verschulden, schenkte er keine Beachtung. Er preßte die Hände fest zusammen, während er über das Schlachtfeld ging, und widerstand der Müdigkeit, die seine Schritte lähmte.
Es stimmte nicht, daß er Hunderte von Kriegswunden behandelt hatte; das hatte er dem Highlander nur erzählt, um ihn zu beruhigen. Er hatte bei einem fähigen Arzt einiges über Heilkräuter und über die Behandlung Kranker oder Verletzter gelernt. Aber Bruder Colum besaß selbst wenig Erfahrung mit Kriegswunden, und er war gestorben, ehe Diarmid all das über Heilkunde und den Aufbau des Körpers hätte lernen können, was er wissen wollte.
Fast sein ganzes seitdem erworbenes Wissen beruhte auf Erfahrungen, auf den erbarmungslosen Zuständen außerhalb der friedlichen Krankenstube der Abtei. Das letzte Jahr hindurch hatte Diarmid, während er an der Seite anderer Highlander für König Robert Bruce kämpfte, regelmäßig den Verwundeten geholfen. Trotz seiner Jugend besaß er bereits den Ruf eines fähigen Wundarztes. Die Notwendigkeit erwies sich als anspruchsvolle Lehrerin.
An diesem Morgen waren seine Fähigkeiten ständig gefragt. Eine englische Patrouille hatte die kleine Truppe von Highlandern, die Diarmid begleitete, überfallen und viele der Schotten verletzt oder tot auf dem feuchten Grund zurückgelassen. Manche der Männer waren Verwandte von Diarmid, Angehörige des Campbell-Clans; Diarmid selbst und sein Bruder Fionn waren noch einmal davongekommen.
Er hatte sein Bestes getan, um rasch und effizient Wunden und gebrochene Glieder zu versorgen, doch war er nicht in der Lage gewesen, jeden, der seiner Hilfe bedurfte, zu retten. Eine geschickte Hand, ein scharfes Auge und ein wenig Wissen reichten kaum aus gegen die Macht des Todes. In stummer Verzweiflung fuhr er sich mit der Hand durch das wirre braune Haar.
Als er sich umschaute, sah er das Mädchen wieder. Sie leuchtete in den grauen Nebeln wie ein zarter Sonnenstrahl, ein zerbrechliches Wesen, viel zu unschuldig und rein für einen so trostlosen, blutigen Ort. Während Diarmid sie betrachtete, riefen einige Verwundete nach ihr oder starrten sie an, als wäre sie eine Heilige und vom Himmel herabgestiegen.
Aber Diarmid erlag keinen solchen Illusionen. Die Mönche im Kloster Mullinch glaubten an Wunder, doch sie waren Männer, die ein behütetes Leben führten. Mit seinen neunzehn Jahren war Diarmid mit der Härte der Welt jenseits der Klostermauern bereits sehr vertraut. Er war von Mönchen erzogen worden, doch sein Vater ließ ihn gleichzeitig zum Krieger und zum Burgherrn ausbilden. Fast täglich sah er Tote und auf grauenvolle Weise Verwundete, und er tötete und verwundete selbst. Er war ebenso vertraut damit, ein Breitschwert zu schwingen wie ein Skalpell zu führen.
Im Augenblick jedoch wollte er keines von beidem tun. Er dachte an Dunsheen Castle in den westlichen Highlands, das sich stolz auf seiner grünen Insel erhob, umgeben von Wasser, Nebel und Gebirge. Seine neue Rolle als Burgherr dort war Herausforderung genug. Seine Verwandten, Pächter, Herden und das Handelsunternehmen seines verstorbenen Vaters bedurften auf die eine oder andere Weise seiner Führung. Er träumte davon, wieder auf Dunsheen zu sein, und sehnte sich danach, mit einer neuen, prunkvollen Galeere auf Handelsreise zu fahren. Doch diese Dinge würden warten müssen, solange der Krieg tobte.
Diarmid seufzte, während er über das Schlachtfeld ging. Auch andere bewegten sich durch die Nebelfetzen: verletzte und unverletzte Männer und einige Frauen, die mit einem Priester gekommen waren, um Hilfe und Beistand zu leisten. Die Schreie der Verwundeten hallten im Nebel wider, und ihm wurde kalt ums Herz.
Er sah, wie das blonde Mädchen im Schlamm kniete und sich vorbeugte, um den blutenden Arm eines Mannes zu reinigen. Sie hatte eine ruhige und sichere Art, so als würden die frischen Wunden und die Qualen sie nicht ängstigen. Diarmid blieb stehen und betrachtete sie aus der Entfernung.
»Wenn es Engel gibt, sehen sie aus wie sie«, murmelte eine Stimme hinter ihm.
»Oh, aber Engel sind selten auf Schlachtfeldern, Bruder«, entgegnete Diarmid und drehte sich um.
Fionn Campbell nickte. Er war gutaussehend, mit einem scharf geschnittenen Profil, umrahmt von üppigen braunen Locken. Diarmid wußte von den Bildern, die ihm unbewegte Wasserflächen und polierte Stahlspiegel zurückwarfen, wie sehr er und sein jüngerer Bruder einander ähnelten.
Fionn sah Diarmid an, und seine grauen Augen blickten ernst. »Wir haben keine Zeit, um über die himmlischen Heerscharen nachzudenken. Komm und schau dir Angus MacArthur hier drüben an. Als eine der Weisen Frauen von hier versucht hat, die Wunde an seinem Bein zu behandeln, hat sie stark zu bluten begonnen.«
Diarmid folgte dem hochgewachsenen, hageren Fionn und kniete im feuchten Gras neben Angus MacArthur, einem entfernten Cousin seines Vaters, nieder. Der ältere Mann stöhnte und wand sich, als Diarmid die tiefe Wunde in seinem Schenkel untersuchte, die vom gewaltigen Streich eines englischen Breitschwertes stammte. Angus war in früheren Zeiten der gille-ruith, der Bote, von Diarmids Vater gewesen. Seine Beine waren stark wie Eisen, doch die Klinge war tief in den harten Muskel eingedrungen und hatte den Knochen beinahe gespalten.
Mit gerunzelter Stirn legte Diarmid das Tuch zusammen, das Fionn ihm reichte, und drückte es für einige Minuten auf die klaffende Wunde. Als er keine Besserung feststellen konnte, seufzte er tief und blickte Fionn an. »Halt sein Bein fest«, befahl er. »Ich muß die Wunde genauer untersuchen. Wenn eine Arterie durchtrennt worden ist, muß ich versuchen, sie zu flicken.«
Während der Untersuchung Diarmids stützte Fionn den Schenkel ab. »Wenn du hier fertig bist, solltest du dich um deine Verletzungen kümmern«, sagte er. »Die Wunde an deinem Arm blutet durch den Verband hindurch. Und der Schnitt über deinem Auge hat sich wieder geöffnet.«
»Das ist im Augenblick nicht so wichtig. Du kannst sie später nähen.«
»Du willst dein Leben zweimal an einem Tag riskieren?« bemerkte Fionn trocken. »Wenn du überleben willst, dann bitte den Engel, sich darum zu kümmern.«
Diarmid stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus und arbeitete schweigend weiter.
Fionn blickte über das Schlachtfeld. »Ich habe das Mädchen beobachtet. Sie scheint zu wissen, wie sie diesen Männern helfen kann. Vielleicht ist sie eine Kräuterheilerin oder sogar eine Nonne. Das wäre allerdings ein Jammer....




