E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
Kiner Galgenmann
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8437-0273-7
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-0273-7
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aline Kiner ist als Tochter eines Minenarbeiters in einer Kleinstadt in Lothringen aufgewachsen. Sie hat Literaturwissenschaft studiert und arbeitet heute als Journalistin. Galgenmann ist der erste Fall des Kommissars Simon Dreemer.
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Freitag, 10. Dezember 2004
9 Uhr Der Nebel, der in den Baumwipfeln hing, hob sich allmählich. Ein fahler Sonnenstrahl strich über die kahlen Baumstämme. Seit über einer Stunde ging Pater Louis Sugères zügigen Schrittes über den Pfad, der den Ausläufern des Hochplateaus im Hinterland von Varange folgte. Mit seinem Gehstock hieb er auf das Gestrüpp ein, erst zu seiner Rechten, dann zur Linken, und drückte dabei eifrig das Dickicht platt, das ihn beim Weitergehen behinderte.
Die Spreu vom Weizen trennen. Jesaja.
Der kleine Hund, der vor ihm herlief, verschwand beinah in dem Gewirr der Pflanzen. Ab und zu sah er den weißen Körper kurz zwischen den Bäumen emporspringen wie ein dünnes, stilles Gespenst.
Im Lauf der Nacht war die Temperatur auf minus zehn Grad gesunken. Trotz des dicken Anoraks, den er über seine Wollstrickjacke gezogen hatte, zitterte Louis. Ihm war bewusst, dass er müde und verängstigt war. Die Spaziergänge, die er seit seinem Eintritt in den Ruhestand Morgen für Morgen unternahm, linderten meist das Gefühl von Mattigkeit, das ihn immer öfter überkam und das er schließlich akzeptiert hatte, ebenso wie er es akzeptierte, alt zu werden. Am Vorabend jedoch hatte er an einer weiteren Versammlung im Rathaus teilgenommen, bei der es um die Mine gegangen war. Die Dorfbewohner waren beunruhigt, und er spürte, wie ihn langsam die Furcht vor einer bald bevorstehenden Katastrophe befiel.
Er blieb einen Moment lang stehen. Es war noch kein Schnee gefallen, dafür war es zu kalt, doch es würde nicht mehr lange dauern. Der Wind drehte nach Westen, die Wolken verschwammen nach und nach zu einer eintönig weißen Schicht. Die ersten Flocken wären eine Wohltat für alle. Die Kinder würden ihre Schlitten herausholen, vielleicht gäbe es ein richtiges Weihnachtsfest.
Louis seufzte, rieb seine Hände aneinander, um sie zu wärmen, dann schritt er langsam weiter und schwang dabei seinen Stock. Rechts, links: Das Schlagen des Holzstocks auf die brechenden Zweige passte sich allmählich dem Rhythmus seines Atems an. Laufen war auch eine Art von Gebet, das er öfter praktizierte als die einsame, auf Knien ausgeübte Variante.
Mit dem Alter und dem Beginn des Ruhestands knüpfte der alte Mann nach und nach wieder an die Gewohnheiten des Bauern an, der er nie aufgehört hatte zu sein. Er wusste seit langem, dass die Regeln, die im Seminar gelehrt wurden, angesichts der realen Welt wenig Bestand hatten. Seine Laufbahn als Priester hatte während des Algerienkrieges in der Militärseelsorge begonnen. Am Tag, als er in Marseille an Bord der Mansour ging, war er gerade zwanzig Jahre alt. Die Ankunft im Hafen von Algier hatte sich mit der Klarheit eines Fotos in sein Gedächtnis gegraben: die Küste, eine leuchtende Linie vor dem Himmel, dahinter der Schatten der Hügel und dann, wie eine irreale Erscheinung, das Weiß der Kasbah, die sich über dem blaugrauen Meer erhob. Dort hatte er die wirkliche Bedeutung bestimmter Worte kennengelernt: Schmerz, Hass, Angst, Gehorsam.
Ein Lächeln huschte über Louis’ Gesicht, dann schlug er mit seinem Gehstock auf einen Zweig, der ihm den Weg versperrte. Der Weg wurde immer schmaler, er war von Wurzeln und Gestrüpp überwuchert. Die Spreu vom Weizen trennen. Ebenfalls Worte, die nichts bedeuteten. Im Mittelalter fürchteten sich die Menschen vor dem Wald. Für sie war er eine Wildnis, ein Ort des Umherirrens, des Wahns. Sie hatten ihn gerodet, Klöster errichtet und dabei die Grenzen der zivilisierten Welt verschoben. Louis jedoch war sich nicht sicher, ob sich die Zivilisation wirklich diesseits des Horizonts befand. Er selbst hatte wenig Ehrgeiz. Die alten Wege freilegen, die vergessenen Pfade instand setzen. Licht ins Dunkel bringen.
Er war losgegangen, ohne eine genaue Route im Kopf zu haben. Vor ihm bogen sich raschelnd die Zweige, unter denen der Hund herlief. Er hatte ihn von seinen Gemeindemitgliedern zum siebzigsten Geburtstag geschenkt bekommen. Eine nette Geste, wie er fand, doch auch ein wenig lächerlich. Aber er hatte das Tier liebgewonnen, einen Jack Russell, der seinen eigenen Willen hatte und eher wie eine Katze war. Er hatte ihn Charlie genannt, in Anlehnung an Chaplin, weil er genau wie der Landstreicher aus Hollywood pechschwarze Flecken um die Augen herum hatte.
Allmählich wurde das Unterholz spärlicher. Louis näherte sich einer Lichtung. Es war einer dieser Orte, an die nie jemand einen Fuß setzte. Im Frühling war der Boden über und über mit Moos, Efeu und zarten, jungen Trieben bedeckt. Wie ein endloser Teppich, den noch nie jemand betreten hatte, ein Wald wie im Märchen oder am Anfang der Welt.
Er blieb reglos stehen und suchte seine Orientierungspunkte: die Eschen dort drüben und die Buchen, deren Stämme Schlagseite hatten, als wäre ein heftiger Sturm über sie hinweggefegt, die rote Eiche mit dem gespaltenen Stamm, der Bruch in der durchgehenden Linie der Anhöhe, die die Lichtung im Osten begrenzte.
Eines Nachts war der Boden plötzlich eingesunken. In der Mine darunter hatte es einen Einsturz gegeben. Der Ausbau, der die Stollendecken stützte, war zusammengebrochen, Erde und Gestein waren hinabgestürzt, und am Morgen war die Landschaft nicht mehr dieselbe gewesen. Dort, wo das Gelände immer flach war, hatte sich nun eine Senke gebildet.
Der Unfall hatte sich vor etwa zehn Jahren ereignet. Glücklicherweise arbeitete niemand mehr in diesem Bereich. Es hatte weder Tote noch Verletzte gegeben.
Louis kam an diesen Ort, um ruhiger zu werden. Er kannte jede Unebenheit in diesem großen Kessel, die für einen unachtsamen Spaziergänger nicht erkennbar waren. Die Senke bildete einen beinah vollendeten Kreis, mit einem Durchmesser von etwa hundert Metern, und umfasste die Lichtung und einen Teil des Waldes. Louis ließ seinen Blick über den Blätterteppich schweifen, versuchte, das tiefe Dunkel im Westen und Süden zu durchdringen, und blickte dann zu den Baumstämmen empor, die ihm am nächsten standen. Alles war unverändert. Gott sei Dank.
Der Priester blieb eine ganze Weile lang stehen. Aus einem Baumwipfel über seinem Kopf erklang Vogelgesang, vielstimmig und klar, doch leicht gedämpft. Der Widerhall einer reinen Stimme unter den Gewölben einer Kirche.
Der kleine Hund neben ihm stand zitternd auf und schüttelte seine glatthaarigen Flanken. Louis sah, wie er mit emporgereckter Nase auf den Rand der Lichtung zuging und dann im Dunkeln verschwand. Das Tier kläffte einmal und noch einmal kurz, dann verstummte es.
Louis fühlte sich besser. Die beruhigende Wirkung des Waldes setzte endlich ein. Doch dann bellte der Hund erneut. Louis spitzte die Ohren. Aus seinem Ruf war ein eigenartiger Ton herauszuhören. Verwunderung? Angst?
Mit großen Schritten durchquerte der Priester die Lichtung in der Richtung, in der das Tier verschwunden war. Er hatte es schnell gefunden. Der Hund war unter einem Stacheldrahtzaun durchgeschlüpft, an dem dicke, rot-weiß gestreifte Plastikbänder befestigt waren. Sie kennzeichneten eine Spalte, die sich beim Einsturz der Mine gebildet hatte.
»Komm her, Charlie!«, rief Louis.
Der Hund drehte den Kopf zu seinem Herrchen, aber rührte sich nicht von der Stelle. Er hob eine Pfote, wie immer beim Anzeichen von Gefahr. Louis trat näher.
An zwei Stellen war der Zaun deutlich sichtbar durchtrennt worden. Er bückte sich, um besser sehen zu können. Da erblickte er die Hand. Sie ragte unter einem Gewirr von Ästen hervor, die in der Spalte aufgehäuft lagen, so als schwebte sie, anmutig und durchscheinend vor dem vom Frost dunkel gewordenen Holz, wie die Hand einer Ertrunkenen auf einem stillen Gewässer. »Ophelia …«, murmelte Louis. Dann erst nahm er den Geruch von Lehm und Fäulnis wahr, der aus dem Loch emporstieg.
10 Uhr 30 Simon Dreemer hatte sich ans Fenster gesetzt. Er hatte die Beine ausgestreckt, damit niemand gegenüber von ihm Platz nahm. Doch um diese Uhrzeit reisten nur wenige im Zug nach Metz, und außer einem jungen Mann mit verschlafener Miene war niemand hereingekommen. Dieser hatte es sich in einer Ecke am anderen Ende des Abteils bequem gemacht, seinen Kragen übers Kinn gezogen und war sofort eingeschlafen.
Simon holte seinen Walkman aus der Ledertasche, die neben ihm stand. Er setzte die Kopfhörer auf, wählte ein altes Album von Calvin Russell aus und lehnte den Nacken an die unbequeme Kopfstütze. Le Républicain Lorrain, den er kurz vor der Abfahrt an der Gare de l’Est gekauft hatte, lag noch immer auf seinen Knien. Er schob die Zeitung beiseite und drehte sich dann mit gerunzelter Stirn zum Fenster.
Er hatte nur seinen Walkman, einen Laptop und einen kleinen Koffer mitgenommen. Er wusste nicht, wie lange er in Lothringen bleiben würde, doch er hatte beschlossen, so zu tun, als sei er nur zu einem kurzen Aufenthalt weggefahren. Kommissar Bordes hatte ihm kein Datum nennen wollen. An seinem Blick konnte Simon ablesen, dass Bordes ihn nicht nur bestrafen, sondern auch vor sich selbst schützen wollte, indem er ihn in die Provinz versetzte.
Simon wusste, dass er zu weit gegangen war. Doch er war sich sicher, dass er recht hatte! Als er die Frau sah, hatte er gespürt, dass etwas an ihr falsch war. Diese Augen, in denen die Tränen zitternd gefroren, die Worte, die, gemessen an der Wirklichkeit, wie die eines Schauspielers klangen oder wie die eines Schlafenden, der sich selbst reden hört und weiß, dass er träumt …
Verdammte Intuition! Frank, sein Kollege, hatte gescherzt: »Du wirst nach Sibirien verbannt«, doch Simon konnte nicht darüber lachen.
Die...