Kincaid | Lucy | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Kincaid Lucy

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30862-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-293-30862-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lucy, 19 Jahre alt, kommt von den Westindischen Inseln zum ersten Mal nach New York. Als Au-pair-Mädchen lebt sie bei Mariah und Lewis, einem wohlhabenden Ehepaar mit vier kleinen Töchtern. Alles ist neu für Lucy, sie entdeckt eine vollkommen fremde Welt, die Angst macht und erschreckt. Doch die junge Frau kämpft um ihre innere Unabhängigkeit - in der schmerzvollen Distanzierung von ihrer Mutter, ihren ersten Beziehungen zu Männern und in der Auseinandersetzung mit Mariah, deren Freundschaftsangebote Lucy zurückweist.

Jamaica Kincaid, geboren 1949 auf der Karibikinsel Antigua, wanderte mit sechzehn Jahren in die USA aus, wo sie zunächst als Au-Pair-Mädchen arbeitete. Kincaid hat mehrere Prosabände und Romane veröffentlicht, darunter Die Autobiografie meiner Mutter und Lucy. Ihre Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sie unterrichtet Literatur am kalifornischen Claremont McKenna College und an der Harvard University.
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Armer Gast


Es war mein erster Tag. Ich war am Abend zuvor angekommen, an einem grauschwarzen, kalten Abend – wie das Mitte Januar zu erwarten war, wenn ich das damals auch noch nicht wusste –, und auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt konnte ich nichts deutlich erkennen, obwohl alles beleuchtet war. Man machte mich da und dort auf ein berühmtes Gebäude aufmerksam, eine wichtige Straße, einen Park, eine Brücke, die zur Zeit ihrer Errichtung als spektakuläres Bauwerk gegolten hatte. In einem Tagtraum, dem ich oft nachgehangen war, waren alle diese Orte Orte des Glücks für mich gewesen; Rettungsboote für meine kleine ertrinkende Seele, derin ich sah mich sie betreten und verlassen, und genau das – sie immer wieder zu betreten und zu verlassen – würde mir über ein schlimmes Gefühl hinweghelfen, für das ich keinen Namen hatte. Ich wusste nur, es war ein bisschen wie Traurigkeit, aber schwerer als das. Nun, wo ich diese Orte sah, wirkten sie gewöhnlich und schmutzig, abgenutzt von den vielen Menschen, die im wirklichen Leben dort ein und aus gingen, und mir kam der Gedanke, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt sein konnte, für den sie ein Inventar der Fantasie waren. Es war dies nicht mein erster Zusammenprall mit den Enttäuschungen der Wirklichkeit und würde nicht mein letzter sein. Die Unterwäsche, die ich trug, war ganz neu, eigens für meine Reise gekauft, und wie ich da im Wagen saß und mich in die eine und andere Richtung drehte, um einen guten Blick auf die vor mir liegenden Sehenswürdigkeiten zu haben, wurde ich daran erinnert, was für ein unbehagliches Gefühl einem Neues geben kann.

Ich betrat einen Aufzug, was ich noch nie zuvor getan hatte, und dann befand ich mich in einer Wohnung und wurde an einen Tisch gesetzt, und man servierte mir Essen, das direkt aus einem Kühlschrank kam. Dort, wo ich soeben herkam, hatte ich immer in einem Haus gelebt, und in meinem Haus hatte es keinen Kühlschrank gegeben. Alles, was ich erlebte – die Fahrt mit dem Aufzug, in einer Wohnung zu sein, Dinge zu essen, die schon einen Tag alt waren und in einem Kühlschrank aufbewahrt wurden –, war so praktisch, dass ich mir vorstellen konnte, ich würde mich daran gewöhnen, und es würde mir sehr gefallen, aber am Anfang war das alles so neu, dass ich mit herabgezogenen Mundwinkeln lächeln musste. Ich schlief tief und fest in dieser Nacht, aber das lag nicht daran, dass ich glücklich war und mich wohlfühlte – ganz im Gegenteil; es lag daran, dass ich nichts weiter in mich aufnehmen wollte.

Dieser Morgen, der Morgen meines ersten Tages, der Morgen, der meiner ersten Nacht folgte, war ein sonniger Morgen. Nicht die Art leuchtenden Sonnengelbs, wie ich es gewohnt war, bei dem alles sich, fast erschrocken, an den Rändern einringelt, sondern eine blassgelbe Sonne, als würde das Scheinen sie so anstrengen, dass sie davon müde geworden war; aber immerhin war es sonnig, und das war hübsch und bewirkte, dass ich meine Heimat ein bisschen weniger vermisste. Und weil ich also die Sonne sah, stand ich auf und zog ein Kleid an, ein fröhliches Kleid aus Madras-Baumwolle – ein Kleid, wie ich es zu Hause für einen Tag im Grünen angezogen hätte. Es war ganz und gar falsch. Die Sonne schien zwar, aber die Luft war kalt. Immerhin war es Mitte Januar. Aber ich wusste nicht, dass die Sonne scheinen und die Luft trotzdem kalt bleiben konnte; keiner hatte mir das je gesagt. Was für ein Gefühl das war! Wie kann ich es erklären? Etwas, was ich immer gewusst hatte – so wie ich wusste, dass meine Haut braun wie eine Nuss war, die man mehrmals mit einem weichen Tuch poliert hat, oder wie ich meinen Namen wusste –, etwas, was ich als selbstverständlich betrachtet hatte, »die Sonne scheint, es ist warm«, war nicht so. Ich war nicht mehr in einer tropischen Zone, und diese Erkenntnis trat in mein Leben wie ein Wasserstrom, der einen vorher trockenen und festen Boden in zwei Landbänke teilt, von denen eine meine Vergangenheit war – so vertraut und vorhersagbar, dass selbst der Gedanke an alles, was mich damals unglücklich gemacht hatte, mich jetzt glücklich machte –, die andere meine Zukunft, ein graues Nichts, der Ausblick auf ein bedecktes Meer, auf das der Regen fiel und auf dem kein Schiff zu sehen war. Ich war nicht mehr in einer tropischen Zone, und mir war innen und außen kalt; es war das erste Mal, dass mich ein solches Gefühl überkam.

In Büchern hatte ich gelesen, dass Menschen – von Zeit zu Zeit, wenn die Handlung es erforderte – unter Heimweh litten. Da flüchtete jemand aus nicht sehr angenehmen Verhältnissen und ging woandershin, wo es viel, viel besser war, und dann sehnte er sich zurück nach dem Ort, wo es gar nicht nett gewesen war. Wie ungeduldig ich mit solchen Menschen gewesen war, denn ich fand, dass ich selbst mich in nicht sehr angenehmen Verhältnissen befand und nichts sehnlicher wollte als woandershin. Aber jetzt wäre auch ich am liebsten wieder dorthin zurückgekehrt, wo ich herkam. Dort hatte ich mich zurechtgefunden, hatte gewusst, woran ich war. Hätte ich in diesem Augenblick ein Bild von meiner Zukunft zeichnen müssen, wäre es ein großer grauer Fleck gewesen, umgeben von schwarz, schwärzer, am schwärzesten.

Was für eine Überraschung das für mich war, dass ich mich nach dem Ort zurücksehnte, wo ich herkam, dass ich mich danach sehnte, in einem Bett zu schlafen, aus dem ich herausgewachsen war, dass ich mich nach Menschen sehnte, deren winzigste, natürlichste Geste solchen Zorn in mir wachrief, dass ich sie am liebsten alle tot zu meinen Füßen gesehen hätte. Oh, ich hatte mir vorgestellt, dass ich mit diesem einzigen raschen Schritt – meine Heimat zu verlassen und an diesen neuen Ort zu kommen – alles hinter mir lassen könnte wie ein altes Kleid, das man nie wieder anzieht: meine traurigen Gedanken, meine traurigen Empfindungen und meine Unzufriedenheit mit dem Leben ganz allgemein, wie es sich mir darbot. In der Vergangenheit war der Gedanke an die Verhältnisse, in denen ich mich jetzt befand, ein Trost für mich gewesen, aber jetzt hatte ich nicht einmal mehr das, um mich darauf zu freuen, und so legte ich mich auf mein Bett und träumte davon, eine Schüssel rosaroter Seebarbe mit grünen Feigen, gekocht in Kokosmilch, zu essen, und sie war von meiner Großmutter zubereitet, weshalb sie mir so besonders gut schmeckte, denn sie war der Mensch, den ich auf der ganzen Welt am liebsten mochte, und außerdem war es das Gericht, das ich am liebsten aß.

Das Zimmer, in dem ich lag, war ein kleines Zimmer gleich neben der Küche – das Dienstmädchenzimmer. Ich war ein kleines Zimmer gewohnt, aber das hier war ein kleines Zimmer ganz anderer Art. Die Zimmerdecke war sehr hoch, und die Wände gingen bis hinauf zur Decke und umschlossen den Raum wie eine Kiste – eine Kiste für die Beförderung von Transportgütern über eine weite Strecke. Aber ich war kein Transportgut. Ich war nur eine unglückliche junge Frau, die in einem Dienstmädchenzimmer wohnte, und ich war nicht einmal das Dienstmädchen. Ich war das junge Mädchen, das auf die Kinder aufpasste und abends in die Schule ging. Wie nett sie eigentlich alle zu mir waren; sagten, ich solle sie als meine Familie betrachten und mich wie zu Hause fühlen. Ich glaubte ihnen, dass sie es ehrlich meinten, denn ich wusste, dass sie so etwas nicht zu einem Mitglied ihrer wirklichen Familie sagen würden. Denn die Familie, sind das nicht schließlich die Leute, die im Leben eines Menschen zum Mühlstein um seinen Hals werden? Am letzten Tag, den ich zu Hause verbrachte, schenkte mir meine Cousine – ein Mädchen, das ich mein Leben lang kannte, eine unangenehme Person, schon bevor ihre Eltern sie dazu zwangen, eine Adventistin vom siebenten Tag zu werden – zum Abschied ihre Bibel und hielt mir mit dem Geschenk einen kleinen Vortrag über Gott, Güte und Gnade. Jetzt lag diese Bibel vor mir auf einem Frisiertisch, und ich dachte daran, wie wir als Kinder vor meinem Haus gesessen waren und einander damit gequält und in Schrecken versetzt hatten, dass wir uns laut Passagen aus der Offenbarung vorlasen, und ich fragte mich, ob es je in meinem Leben einen Tag geben würde, an dem diese Menschen, die ich hinter mir gelassen hatte, meine Familie, nicht auf die eine oder andere Weise vor mir erscheinen
würden.

Es gab auch ein kleines Radio auf diesem Frisiertisch, und ich hatte es angedreht. In diesem Augenblick ertönte, wie um meine Gefühle zusammenzufassen, ein Lied, in dem es unter anderem hieß: »Versetz dich an meine Stelle, wenn auch nur für einen Tag; sieh, ob du die schreckliche Leere da drinnen ertragen kannst.« Ich sang mir die Worte wieder und wieder vor wie ein Schlaflied, und ich schlief wieder ein. Ich träumte, dass ich eines meiner alten Nachthemden aus Baumwollflanell in der Hand hielt, und es war bedruckt mit hübschen Szenen von Kindern, die mit Weihnachtsschmuck spielten. Die Szenen auf meinem Nachthemd waren so echt, dass ich die Kinder tatsächlich lachen hören konnte. Ich musste unbedingt wissen, woher dieses Nachthemd kam, und begann, es wild zu untersuchen, um das Etikett zu finden. Ich fand es, wo Etiketten sich im Allgemeinen befinden, hinten oben am Halsausschnitt, und es stand darauf »Made in Australia«. Aus diesem Traum weckte mich das wirkliche Dienstmädchen, eine Frau, die mir von allem Anfang an zu verstehen gegeben hatte, dass sie mich nicht leiden konnte, und zwar wegen der Art, wie ich sprach. Ich war überzeugt, dass der wahre Grund ein anderer war, aber ich wusste nicht, was. Als ich die Augen öffnete, stand das Wort »Australien« zwischen unseren Gesichtern, und da fiel mir ein, dass Australien...


Kincaid, Jamaica
Jamaica Kincaid, geboren 1949 auf der Karibikinsel Antigua, wanderte mit sechzehn Jahren in die USA aus, wo sie zunächst als Au-Pair-Mädchen arbeitete. Kincaid hat mehrere Prosabände und Romane veröffentlicht, darunter Die Autobiografie meiner Mutter und Lucy. Ihre Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sie unterrichtet Literatur am kalifornischen Claremont McKenna College und an der Harvard University.



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