Kielland | Gesammelte Werke | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 373 Seiten

Kielland Gesammelte Werke


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2927-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 373 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2927-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alexander Lange Kielland gehörte zu den Autoren des Modernen Durchbruchs in Skandinavien, die sich dem konsequenten Realismus verschrieben hatten. Wie seine literarischen Mitstreiter setzte er sich sozialkritisch mit den Klassenunterschieden der damaligen Gesellschaft auseinander. Hauptangriffspunkte seiner Kritik, die er mittels scharfer Kontraste und typisierender Personendarstellungen zum Ausdruck brachte, waren das Schulwesen, die Heuchelei in Kirche und Bürgertum, vor allem jedoch die Kluft zwischen arm und reich. Dieser Band beinhaltet seine Werke: 'Grün ist die Hoffnung'. Welke Blätter. Erotik und Idyll. Ballstimmung. Ein Mittagsessen. Zwei Freunde. Die Schlacht bei Waterloo. Schiffer Worse Schnee Sultan

Kielland Gesammelte Werke jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Erstes Kapitel



»Lauritz, du Galgenstrick, hinauf in den Mast und mach den Wimpel zurecht.« Der Schiffer Worse stand auf dem Hinterdeck bei der Kajüte. Ein frischer Nordwind strich über die Bucht und die alte Brigg glitt langsam hinein vor wenigen Segeln.

Der Strom kam aus der Bucht heraus und trieb die Wellen jenseits der Landzunge, hinter welcher die Bucht von Sandsgaard sich hinein zog, unregelmäßig empor, und als »Der Familie Hoffnung« nun um die Spitze bog, schien das gute Schiff sich in dem alten bekannten Hafen sicher und heimisch zu fühlen.

Schiffer Worse aber sagte, dem Mann am Rade zublinzelnd: »Das Ding merkt wahrhaftig, daß es nach Hause geht, seit wir in die Bucht kamen.«

Denn »Der Familie Hoffnung« war nicht wie andere Schiffe. Es konnte vielleicht Fahrzeuge geben, die etwas leichter und feiner aussahen, ja es mochten sogar unter den neumodischen englischen Schiffen eins oder zwei zu finden sein – Worse hatte es freilich nie gesehen, aber ganz unmöglich war es darum nicht – die ein bißchen schneller segelten.

Weiter aber gingen die Einräumungen nicht. Etwas Stärkeres, etwas Festeres, etwas Vollkommeneres als »Der Familie Hoffnung« schwamm nicht auf dem Meere und würde auch niemals darauf schwimmen.

Und die Sonne schien so festlich über die Häuser von Sandsgaard, über die Gärten und die Werft, über die ganze freundliche Bucht, wo die blauen sommerlichen Wogen scharenweise ans Land eilten, um Jakob Worses Ankunft zu melden.

Aber vor dem an der See gelegenen hohen Speicher hatte man das Schiff schon gesehen und der Packhausknecht Zacharias hatte die Meldung ins Comptoir gebracht, »Ist Er seiner Sache auch ganz sicher?« sagte Konsul Garman mit scharfem Ton.

»Wir haben das Schiff im Fernrohr observiert, Herr Konsul, es ist so gewiß ›Der Familie Hoffnung‹, wie ich hier stehe, ein Sünder vor Gott. Es segelt gerade in die Sandsgaarder Bucht hinein.«

Morten W. Garman erhob sich vom Armstuhl. Er war von hohem, kräftigem Wuchs, das weiße Haar war stark gekräuselt und die Unterlippe trat etwas vor. Als er Hut und Stock nahm, zitterten ihm die Hände ein wenig, denn »Der Familie Hoffnung« war sehr lange unterwegs gewesen.

Draußen, im äußeren Comptoir, stand der Buchhalter am kleinen Aussichtsfenster. Der Konsul nahm ihm das Fernrohr aus der Hand, sah über die Bucht hinaus, schob das Glas wieder zusammen und sprach: »Es ist in der That so, Jakob Worse ist ein zuverlässiger Mann.«

Noch nie zuvor war aus dieser Gegend ein Schiff in Rio de Janeiro gewesen, und hauptsächlich der Ehrgeiz des Schiffers Worse hatte es dahin gebracht, daß man sich dieses Mal auf das gewagte Unternehmen eingelassen. Als er nun aber so lange wegblieb, hatte der Konsul allmählich »Der Familie Hoffnung« aufgegeben, wie er so vieles andere in den letzten Jahren aufgegeben hatte.

Wohl war er jetzt froh, daß sein Schiff und sein alter Kapitän Worse wiederkehrten, aber dennoch waren seine Schritte schwer und sie klangen so hohl und traurig, als er aus dem Comptoir durch den großen Gang ging, aus dem eine breite Treppe ins zweite Stockwerk führte.

Denn es bedurfte mehr als einer glücklichen Reise, um den bekümmerten Kaufmann zu beruhigen, und dazu kam noch, daß Sandsgaard öde und verlassen war, daß es dort keine Gesellschaften, keine jungen Leute mehr gab; nur alte Erinnerungen von zierlichen Kavalieren und von Damen mit freimütig ausgeschnittenen Kleidern hatten in den Winkeln einen Duft hinterlassen, welcher sein Herz höher schlagen ließ.

Seit dem Tode der Frau Garman im vorigen Sommer standen alle Gesellschaftszimmer im zweiten Stock verschlossen. Die beiden Söhne waren im Auslande, Christian Friedrich in London und Richard in Stockholm, und es konnte dem Konsul Garman, der sein ganzes Leben lang an heiteren, sorglosen Umgang gewöhnt war, nicht gerade zu besonderer Ermunterung gereichen, daß er nur zwei alte Fräulein um sich hatte, Schwestern seiner verstorbenen Gattin, die sich darum stritten, seinen Hausstand zu führen.

Als Jakob Worse von seinem guten Schiffe gewahrte, wie alles auf der Werft und rund umher in der Bucht voll Bewegung ward, schwoll ihm das Herz vor Stolz. Was an Böten vorhanden war, kam ihm entgegen gerudert. Verwandte der Mannschaft, Mütter und Bräute schwenkten mit Tüchern, während sie vor Bewegung weinten – die meisten hatten längst »Der Familie Hoffnung« aufgegeben.

Zum Schiffer Worse kamen keine Verwandten; er war Witwer und sein Sohn war auf der Handelsschule in Lübeck. Aber er freute sich darauf, den anderen Schiffern im Klub von Rio de Janeiro zu erzählen, wo keiner von ihnen gewesen war; mit größtem Behagen aber dachte er an alle die Geschichten, die er dem Schiffer Randulf zum besten geben wollte.

Was war nun Randulfs weitberühmte und oft erzählte Reise nach Taganrog gegen die Fahrt nach Rio! Worse nahm sich vor, sie nach besten Kräften herauszustreichen.

In seinen jungen Jahren war Jakob Worse ein toller Bursche gewesen und er war noch trotz seiner fünfzig Jahre ein munterer Gesell.

Er war von gedrungener untersetzter Gestalt, seine Züge waren die eines echten Schiffergesichts mit roten vollen Wangen, treuherzig und lustig.

Waren seine Haare gezählt, so mußte das eine hübsche Zahl abgeben; denn sie saßen so dicht wie auf einem Otternfell und sie wuchsen auf eine ganz eigentümliche Weise.

Es sah aus, als ob ein Orkan ihm einmal auf den Hinterkopf geweht, ihm zuerst einen kleinen spiralförmigen Haarwirbel oben auf den Scheitel gelegt und dann alles übrige abwärts nach den Seiten hin und vornüber gestrichen hätte. Und so lag nun sein Haar ein für allemal und ließ sich von keinem späteren Winde stören; nach vorn aber, an den Ohren vorbei, hatte der Orkan kleine wellenförmige Schichten gelegt, wie sie der feine Flugsand nach einem Sturm bildet.

Schiffer Worse bemerkte, daß man an der Schiffbrücke das »Frauenboot« zum Auslaufen fertig machte; er rieb sich die Hände, das war eine große Auszeichnung. Als er nun aber den Konsul selbst ins Boot steigen sah, machte er auf dem Deck ein paar lustige Sprünge, wie ein junger Bursch. Denn daß der Konsul sich selbst an Bord begab, um das Schiff zu bewillkommnen, war etwas ganz Außergewöhnliches. Sonst ward meistens einer der Comptoirbeamten hinausgeschickt, wenn nicht gerade die jungen Söhne zu Hause waren, denn weder Christian Friedrich noch Richard ließ es sich nehmen, den ankommenden Schiffen weit in die Bucht hinaus entgegen zu rudern, um mit hinein zu segeln und in der Kajüte Marsala zu trinken.

Als die Brigg sich vor Anker legte, war das »Frauenboot« noch nicht herangekommen. Jakob Worse aber konnte nicht länger an sich halten, er erfaßte das Wandtau, schwang sich auf die Schiffsseite hinauf und den Hut schwenkend rief er, daß es über ganz Sandsgaard schallte: »Wir kommen spät, Herr Kunsel, aber wir kommen gut!«

Konsul Garman lächelte und erwiderte den Gruß, während er heimlich seine Ringe an der rechten Hand abnahm, denn er kannte Jakob Worses Händedruck, wenn dieser von der Reise kam.

Auf dem Deck stand der Kapitän ehrerbietig und glückselig mit dem Hut in der Hand, als der Konsul vorsichtig und etwas steif das Fallreep emporkletterte.

»Ich heiße Sie willkommen, Jakob Worse!«

»Besten Dank, Herr Kunsel!«

Und der Konsul überließ ihm seine Hand zum Pressen.

Die Mannschaft stand in einem ehrerbietigen Kreise um die beiden. Sie hatten sich schon gereinigt und geputzt und zum Verlassen des Schiffes fertig gemacht; denn es waren so viele Freunde und Verwandte an Bord gekommen während des Einsegelns, daß die Leute selbst sich mit dem Ankern und Festmachen nicht zu befassen brauchten.

Der Konsul begrüßte sie freundlich. Die sonneverbrannten Gesichter nahmen sich keck und fremdartig aus zu Hause in dem kühlen Vorsommer; hie und da trug einer ein feuerrotes Hemd oder eine violette wollene Mütze, die aus dem wunderbaren Rio mitgebracht waren. Und all den lächelnden Gesichtern konnte man es ansehen, welch verwetterte Kerle zu sein sie sich bewußt waren und wie sich jeder danach sehnte, ans Land zu kommen, um sich zu zeigen und zu erzählen.

»Hier ist ein toller Bursch,« sagte Schiffer Worse; »er ging mit als Kajütenjunge, aber wir haben ihn unterwegs zum Jungmann gemacht. Es starben uns nämlich drüben in Rio ein paar Leute, Herr Kunsel, böses Klima dort! Nun, Lauritz, komm' nur hervor!«

Ein junger Bursch von sechzehn bis siebzehn Jahren ward endlich aus der Gruppe hervorgedrängt, verlegen und unbeholfen; sein rundes Gesicht schimmerte glänzend rot wie ein Apfel, der tüchtig gewaschen ist.

»Wie heißt Er?« fragte der Konsul.

»Lauritz Seehus,« antwortete der Bursch.

»Lauritz Boldeman Seehus,« ergänzte der Kapitän.

»Wir haben stets guten Grund und Anlaß gehabt, ein besonderes Gewicht auf Kapitän Worses Rekommandationen zu legen, und wenn der junge Mann in die Fußstapfen eines so tüchtigen Seemannes« – hier...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.