Kiefer | LETZTE SCHLACHTEN | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Kiefer LETZTE SCHLACHTEN

Kurze Geschichten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95765-914-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kurze Geschichten

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-95765-914-9
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einer spielt Cowboy und stellt fest, dass Schießeisen einer ganz anderen Logik folgen. Einer begegnet seiner zusammenfantasierten Liebe, die freilich eine ganz andere ist, und gerät in einen Strudel politischer Handlungen. Einer leiht sich einen Hund aus, um einen Flirt in die Wege zu leiten, und findet sich im Bett mit einem Hundebaby wieder. Eine junge Frau krabbelt in fremde Hotelbetten und muss deshalb ihre beiden Tanten erschießen. Eine andere, die einen sanften Mord plant, wird vom Tod ihres Opfers überrumpelt. Einer bezieht evangelikale Prügel, weil er nicht von einer reuigen Sünderin lassen kann. Ein anderer will einen Einbrecher verprügeln und findet eine Frau, die ihm schon in selbiger Nacht untreu wird. Peter Kiefer erzählt schrille, seltsame und manchmal traurige Geschichten über Scheidewege und Scharmützel im Geschlechterreigen. Selbst kleine Terrorakte sind nur der Liebe geschuldet.

Peter Kiefer, geb. 1951, studierte Philosophie und Soziologie in Berlin, arbeitete zunächst als Familientherapeut, dann als Kulturjournalist, Feature-Autor und Moderator im Hörfunk. Von ihm erschienen diverse Erzählbände und Beiträge in Literaturmagazinen.
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Einbruch


Jedes Mal, wenn er eine der zahlreich in diesem Sommer herumschwirrenden Motten totgeschlagen hatte, hielt er kurz inne und dachte, dass auch er einmal so sterben wollte: ohne Vorwarnung und so plötzlich, dass er selbst nichts mehr davon mitbekäme. Leonardo – seinen Namen verdankte er der Italienschwärmerei seines Vaters und er wollte ihn nicht auf Leo verkürzen – neigte zur Melancholie.

Er bewohnte ein kleines Haus in einer Gegend mit lauter kleinen Häusern, in die meist nur eine Familie passte. Die aber, zumindest eine Frau, fehlte ihm. Grund war seine Schüchternheit, die ihn in entscheidenden Momenten des Lebens mit eisernem Griff gefangen hielt. Sein Äußeres – breite Stirnglatze, fleischige Lippen, rundliche Figur – machte ihm ebenfalls zu schaffen. Dennoch empfing er gelegentlich Signale, auf die er gerne geantwortet hätte, wäre ihm nicht jedes Mal wieder seine mangelnde Courage im Weg gestanden.

Im Lehrerkollegium der Schule, an der er Erdkunde und Latein unterrichtete, war, Glück im Unglück, keine Frau dabei, in die er sich hätte verlieben mögen. Insofern fühlte er sich an der Stelle besser aufgehoben als im Vergnügungsdschungel der großen Stadt, dem er sich nicht gewachsen fühlte. Und auch wenn er sich das nicht eingestehen wollte, hatte er die Aussicht auf ein erfülltes Liebesleben bereits als Mittdreißiger mehr oder minder ad acta gelegt. Allenfalls ein wunderbarer Zufall konnte ihn noch retten.

Genau der schien sich eines Tages gegen zwei Uhr in der Nacht anzubahnen. Leonardo hatte an diesem Abend versucht Spinoza im lateinischen Original zu lesen, jenes geometrisch zurechtgeklügelte Werk zur Ethik. Er war am Schreibtisch darüber eingeschlafen, wieder aufgewacht und hatte das Gelesene inzwischen zur Hälfte schon wieder vergessen. Das ärgerte ihn. Er ging in die Küche und kochte sich eine Kanne Tee. Die nahm er mit ins Schlafzimmer, klemmte seine Leseleuchte an das Buch und vertiefte sich wieder in den dreißigsten Lehrsatz, der, wenn auch in einer trockenen Kathedersprache, von der Erregung der Lust handelte. Da vernahm er ein Geräusch.

Er konnte es nicht genau zuordnen, es klang auf seltsame Weise neutral, hatte nichts Fortdauerndes wie etwa das Scharren oder Knabbern von Mäusen, es flatterte, schmatzte oder klirrte auch nichts. Weil ein zweites Stockwerk ebenso wenig existierte wie ein Keller, konnte es nur aus einem der Nachbarzimmer kommen. Ruckartig erhob er sich aus seinem Bett, nahm, bereits in heller Aufregung, und weil keine passendere Waffe greifbar war, einen Schemel zur Hand und bewegte sich durch die offene Schlafzimmertür auf den schmalen Gang hinaus, der zu seinem Wohn- und Arbeitszimmer führte. Dort hinten blinkte tatsächlich eine Taschenlampe auf.

Leonardo hatte Mühe, an sich zu halten. Kein Zweifel, es schlich jemand durchs Haus. Am liebsten hätte er sich versteckt oder wäre abgehauen, um nicht mit diesem Einbrecher konfrontiert zu werden. Aber die Wut darüber, sich ohne Gegenwehr bestehlen zu lassen, trieb ihn auf Zehenspitzen weiter. Mit beiden Händen hielt er sich jetzt an jenem Schemel fest, seiner Lanze und seinem Schutzschild.

Als dann eine Gestalt im Türrahmen vorüberhuschte, wurden seine Knie noch weicher als ohnehin schon. Er hörte, wie sein Arbeitsschrank geöffnet wurde, das Geräusch der verzogenen Türen war eindeutig. Nur noch ein paar Schritte waren es bis zum Lichtschalter. Er konnte auf den Überraschungseffekt setzen und dann … keine Ahnung. Der Einbrecher – oder waren es sogar zwei? – würde wütend reagieren und es war fraglich, ob dann noch etwas von ihm übrig bleiben würde.

Was aber suchte jemand ausgerechnet in diesem Schrank, der vollgestopft war mit Elektroschrott, vergilbten Unterrichtsmaterialien, alten Steuererklärungen, längst vergessenen Quittungen, vergessenen Prospekten und weiterem Strandgut seiner papiernen und digitalen Lebensgeschichte.

Er pirschte sich weiter heran. Schließlich gelangte er bis nahe hinter die Gestalt des Einbrechers. Kaum zu glauben, dass der Kerl dabei nicht vom überlauten Schlagen seines Herzens aufgeschreckt wurde, was wohl nur geschah, weil dessen ungeteilte Aufmerksamkeit Leonardos Schrankinhalt galt. Mit einem gezielten Schlag des Hockers aufs Schulterblatt – das würde der Richter ihm später sicher als angemessene Notwehr zugestehen – konnte die Sache zu Ende gebracht werden. Immerhin hatte er noch nie, selbst nicht im Kindesalter, dem ja eine natürliche Boshaftigkeit zu eigen ist, jemandem ernsthaften Schaden zugefügt, er hätte sich das gar nicht getraut. Jetzt dachte er ans Mottenglück und an kurzen Prozess. Aber das da vor ihm war keine Motte, sondern eine Frau.

Statt draufzuhauen, machte er zwei Ausfallschritte und schaltete das Licht ein.

Die Frau schrie auf und wandte sich hastig zu ihm um. Die Szene hätte vielleicht in einer alten Hollywoodkomödie Platz gehabt: Cary Grant erwischt Doris Day, die eine heruntergezogene Schiebermütze trägt, beim Klauen und sie starrt ihn nun mit großen erschrockenen Augen an. Aber Leonardo hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Cary Grant und auch diese fremde Frauengestalt hatte nichts lausbubenhaft Einnehmendes an sich. Sie mochte um die vierzig sein und erinnerte, unterstützt durch ihr wirres weißblondes Haar, ihre blasse Haut und ihr schmales Augenpaar, irgendwie an Nebel und November.

Wer sind Sie?

Sie hatte sich erhoben, presste ihren Rücken an den offen stehenden Schrank und hielt sich, ohne zu antworten, mit einer Hand daran fest. Sie antwortete nicht.

Also, fragte Leonardo scharf, der jetzt langsam wieder in die Spur fand, was suchen Sie hier? Sind Sie eine Diebin?

Diebin?, kam es in schreckverdünntem Tonfall zurück, der trotzdem einen höhnischen Beiklang hatte.

Wie würden Sie es denn nennen?, meinte Leonardo.

Augen und Mund der Frau waren zu ganz schmalen Streifen geworden, sichtbar staute sich Unmut dahinter. Sie atmete laut ein und langsam wieder aus und sagte dann: Sind nicht Sie der Dieb?

Erst bei dieser Frage wurde es Leonardo bewusst, dass er nichts weiter als seine ausgeleierte, auch noch grasgrüne Unterhose trug und damit jegliche Autorität verspielte. Am liebsten hätte er gesagt: Augenblick mal, ich ziehe mir nur kurz meinen Bademantel an, dann diskutieren wir das aus. Aber das ging natürlich nicht.

Er hob seine Stimme an, um von seinem Bauchspeck abzulenken, und sagte: Sie brechen hier ein, wühlen in meinen Sachen und haben dann auch noch die Frechheit mich zu fragen, wer hier der Dieb ist! Sind Sie bewaffnet?

Nein, natürlich nicht.

Ich hätte Ihnen eins überbraten können, das ist Ihnen hoffentlich bewusst. Ich habe Sie aber verschont und kann nun alles Weitere der Polizei überlassen.

Er streckte den Hocker wieder gegen die unbekannte Frau aus, wie um zu zeigen, dass nichts ihn jetzt daran hindern konnte, zum Telefon zu greifen.

Sie können mich damit nicht erschrecken, sagte sie gefasst und glitt im selben Moment zu Boden, wo sie im Schneidersitz hocken blieb. Die Handflächen legte sie auf die Knie, dann schloss sie die Augen.

Was machen Sie denn da?, fragte Leonardo vor den Kopf gestoßen.

Ein paar Sekunden ließ sie sich Zeit, atmete tief und regelmäßig und als sei sie aus einer Trance erwacht, sagte sie dann: Kali steht mir bei.

Über einem Sessel direkt neben ihm hing ein ewig nicht weggeräumter Pullover, der jetzt Leonardos Rettung zu sein schien. Hastig griff er danach und ebenso hastig wollte er ihn sich mit einer Hand überstreifen. Aber in der Aufregung verhedderte er sich. Ehe sein Kopf aus der Kragenöffnung wieder hervorgekommen war, hatte die Frau ihm mit einiger Leichtigkeit den Schemel aus der anderen Hand gerissen und streckte ihm nun ihrerseits dessen drei Beine vor die Nase.

Sie sagen mir jetzt einfach, wo ich es finde?, sagte sie mit fester Stimme. Es gehört nämlich mir!

Ihnen gehört hier gar nichts!

Kampfeslustig versuchte er, ein Schemelbein zu erhaschen, aber sie zog den Hocker geschickt zurück, um im Gegenzug blitzschnell damit auf ihn einzustechen. Sie war eine drahtige Person, der er körperlich nicht ohne Weiteres beikommen würde.

Was suchen Sie denn bloß!, fauchte er.

Ein Stück Papier, Stoff, Leder, was weiß ich. Da wo es draufgeschrieben ist. Mein Mantra.

Ein Mantra? Sie suchen ein Mantra?

Mir ist klar, dass Sie es nicht freiwillig aus der Hand geben werden.

Leonardo sank matt in den Sessel und versuchte die Angelegenheit amüsant zu finden. Ich besitze kein Mantra, sagte er gedehnt.

Das Kali-Mantra. Selbst wenn Sie ein Nachkomme des Benedikt Borchers sind, berechtigt Sie das zu überhaupt nichts. Es geht hier um einen immateriellen Austausch, verstehen Sie?

Wer zum Teufel ist Benedikt Borchers?

Da sehen Sie’s. Sie kennen ihn nicht einmal, aber ich kenne Sie.

Leonardo durchfuhr es wie ein Blitz.

Sie wollen sagen, dass Sie mich seit Längerem im Visier haben? Und alles wegen dieses ominösen Mantras? Und ich soll’s auch noch geklaut haben? Was ist das denn für eine blödsinnige Geschichte!

Sie ließ die Hockerbeine...



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