Khalifa | Der Feigenkaktus | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 10, 240 Seiten

Reihe: Dialog Dritte Welt

Khalifa Der Feigenkaktus

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30689-9
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 10, 240 Seiten

Reihe: Dialog Dritte Welt

ISBN: 978-3-293-30689-9
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach jahrelangem Aufenthalt in den Ölstaaten kehrt Usama, ein junger Palästinenser, in seine Heimat zurück. Schon beim Grenzübertritt wird ihm schmerzlich bewusst: Dies ist nicht mehr das Land, das er sich in seinen Kindheitserinnerungen und Träumen ausgemalt hat. Bald empfindet er eine tiefe Entfremdung zu den Menschen. Die Mutter vertraut auf Gott und will von Widerstand nichts wissen. Sein Vetter hat in Israel Arbeit gefunden. Sein Onkel beherrscht die Familie als patriarchalischer Familienfürst und hält gleichzeitig flammende Pressekonferenzen ab. Mit diesem Roman trat Sahar Khalifa über Nacht in die erste Reihe der modernen arabischen Literatur. Jenseits aller politischen Formeln stellt sie die komplexe Wirklichkeit ihrer eigenen Gesellschaft dar.

Sahar Khalifa, geboren 1941 in Nablus, Palästina, ging mit achtzehn Jahren eine traditionelle Ehe ein, die dreizehn Jahre dauerte. Nach der Scheidung begann sie sich verstärkt dem Schreiben zu widmen, studierte in den USA und arbeitete als Dozentin an der Universität Bir Zeit. In Nablus gründete sie ein palästinensisches Frauenzentrum, das sie neben ihrer schriftstellerischen Arbeit leitet. Sie lebt in Nablus und Amman.
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2


Stehen bleiben!«, sagte der Soldat, der auf einem Stuhl vor der Holzschranke saß. Usama blieb stehen. Sein Herz schlug langsamer. »Koffer auf!« Der Israeli streckte seine Hand aus und begann herumzuwühlen. »Was ist das?«

»Librium.«

»Aha, ihr mögt das!«

Sein Herz zog sich vor Kummer zusammen. Der Detektor begann zu piepsen. Die Muskeln seines Körpers verkrampften sich unwillkürlich, die ersten unkontrollierten Abwehrbewegungen setzten ein.

»Halt! Hier hinsetzen, hier vor dem Schalter für Familienzusammenführung. Wer hat den Antrag auf Zusammenführung gestellt? Deine Mutter? Gut, etwas näher. Hier hinein. Ausziehen. Alles runter, alles runter, aber auch alles – auch die Schuhe.«

Eine lange Ahle schob sich in den Absatz, der sich löste. Seine Augen weiteten sich, sein Atem ging schneller. Doch dann beruhigte er sich wieder.

»Was ist das für ein Heft? Her damit! Mal sehen, ob es wirklich leer ist. Der Säuretest wird es schon zeigen. Hinsetzen, hier auf die Bank.«

»Usama al-Karmi? Usama al-Karmi? Wer heißt hier Usama al-Karmi?«

»Hier, ich.«

»So, du!? Warum antwortest du nicht? Du warst auf dem Klo? Und was meinst du dazu? Dreckig, wie üblich. Aravim, Araber! Wir bauen ihnen piekfeine Klos, und sie verscheißen sie. Scheiße hier, Scheiße da, überall Scheiße. Du da, Madam. Her mit der Kette! Du brauchst sie nicht in deinem Ausschnitt verschwinden zu lassen. Gold ist verboten. Und du da, was ist das? Eine Uhr? Für wen? Für deine Mutter? Deine Mutter soll um Gottes Beistand bitten, wenns ans Zahlen geht. Verzollen! Und was ist denn das? Stoff für deine Mutter? Die Glückliche. Die Reichtümer Saudi-Arabiens und Kuwaits wird sie in den Händen halten. Da geht ihr erst zu den Ölquellen und kommt dann hierher zurück? Was gefällt euch denn hier so gut? Ihr wisst das gute Leben nicht zu schätzen. Wir schon. Noch ein paar Jährchen, dann sind wir auch dort, und dann kommt ihr nur noch mit einem Passierschein in die Kaaba. Süßigkeiten und Schokolade sind verboten. Ja, verboten, mein Lieber, verboten, mein Herzchen, verboten, verboten! Gesetz, mein Herr! Weißt du, was das ist? Dort rein zum Verhör.«

Er passierte die Schranke. Plötzlich war das Schreien eines Mädchens zu hören. Er ging unter einem kleinen, hohen Fenster vorbei und vernahm das Geräusch mehrerer Schläge hintereinander. Die Haare standen ihm zu Berge. Er blieb wie angewurzelt stehen. Sie schrie: »Ihr Dreckskerle. Ihr Dreckskerle. Ihr Dreckskerle.«

Ein kleiner irakischstämmiger Soldat mit schwarzem Schnurrbart und dichtem Bart ging an ihm vorbei. Er trug ein langes Gewehr mit aufgepflanztem, glänzendem Bajonett. Er lächelte höflich: »Weiter, mein Lieber, nur keine Angst. Du kommst dort drüben dran.« Er schaute zu dem kleinen hohen Fenster hinauf. »Ein süßes Mädchen, wie eine Dattel. Aber ein Luder. Unter ihrer Perücke haben wir eine chiffrierte Botschaft gefunden. Geh weiter, hab keine Angst. Los, geh schon.«

Wieder Schläge, das Klatschen wollte nicht enden. Er fühlte sich leer. Seine Haare stachen wie Nadeln. Die Welt versank in Nebel und Rauch. Plötzlich hörte das Schreien auf. Er lauschte angestrengt. Der Soldat schrie scharf, jede Höflichkeit war verschwunden. »Geh schon! Los, verzieh dich, dorthin!«

Er ging weiter, seine Knie zitterten, sein Magen verkrampfte sich.

Seiner Aussprache nach war er Pole. Er hatte einen blonden Schnurrbart und war riesengroß, reichte bis an die Decke der Holzbaracke. Draußen begann eine Planierraupe zu arbeiten. Es war unerträglich. Der Pole schrie gegen den Krach der Planierraupe an: »Name?«

»Usama al-Karmi.«

»Alter?«

»Siebenundzwanzig.«

»Woher kommst du?«

»Aus Amman.«

»Wo warst du davor?«

»In den Ölstaaten.«

»Was hast du dort gearbeitet?«

»Ich war angestellt.«

»Als was?«

»Als Übersetzer.«

»Aha, daher die guten Englischkenntnisse … Was? Du musst lauter reden!«

»Nichts.«

»Was hast du übersetzt?«

»Berichte und Korrespondenz.«

»Hast du für eine Firma, fürs Radio oder für die Regierung gearbeitet?«

»Für eine Firma.«

»Und was hast du übersetzt?«

»Versicherungspolicen.«

»Aha. Ist das dein Notizbuch?«

»Ja.«

»Wessen Name ist das? Und wessen Adresse?«

»Das sind der Name und die Adresse des Händlers, bei dem meine Mutter ihr Gemüse einkauft.«

»Wie heißt er?«

»Es steht ja da: al-Hadsch Abdallah Mubarak. Gemischtwarenhandlung ›Al-Wafa‹, Saada-Straße.«

»Weshalb trägst du diese Adresse mit dir herum?«

»Er muss mir sagen, wo meine Mutter wohnt.«

»Du weißt nicht, wo deine Mutter wohnt?«

»Nein.«

»Du weißt nicht, wo deine Mutter wohnt?«

»Nein.«

»Wie kommt es, dass du nicht weißt, wo deine Mutter wohnt?«

»Ich weiß es eben nicht.«

»Wie kommt das?«

»Ich bin vor fünf Jahren weggegangen, in die Ölländer, drei Monate nach der Besetzung. Wir haben damals in Tulkarm gewohnt. Als dann mein Vater starb, ist meine Mutter nach Nablus gezogen.«

»Warum ist deine Mutter nach Schechem gezogen?«

»Nablus gefällt ihr.«

»Warum gefällt ihr Schechem?«

»Es gefällt ihr, weil sie dort viele Verwandte hat.«

»Und warum bist du aus den Ölländern zurückgekommen und willst nun nach Schechem?«

»Ich bin zurückgekommen, weil mein Vater gestorben ist.«

»Wer ist gestorben?«

»Mein Vater.«

»Wann ist er gestorben? Du musst lauter reden!«

»Vor zwei Jahren.«

»Und warum bist du erst jetzt zurückgekommen und nicht schon vor zwei Jahren? Du musst lauter reden!«

»Ich habe auf die Familienzusammenführung gewartet.«

Der Krach der Planierraupe hörte auf. Die Gesichtszüge des Polen entspannten sich. Er stand noch immer hinter dem Tisch, in der Hand ein Glas Orangensaft.

»Was willst du in Schechem?«

»Ich will mir in Nablus eine Arbeit suchen.«

Das Schreien begann von Neuem. Das Mädchen schluchzte, während eine israelische Soldatin brüllte: »Beine auseinander! Beine auseinander! Ich muss da reinschauen. Ich muss da reinschauen.« Die Schläge gingen weiter. »Ihr Dreckskerle. Ihr Dreckskerle. Ihr Dreckskerle. Ah … Ah … Ah …«

Der Soldat zog die Brauen zusammen. Er wischte sich den blonden Schnurrbart und fragte weiter: »Was hast du die ganze Zeit gemacht?«

Usama fasste sich etwas und antwortete matt: »Ich habe bei einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet. Hier sind meine Papiere.«

»Und wohin bist du während dieser fünf Jahre sonst noch gereist? Warst du in Algerien?«

»Ja.«

»Warum bist du nach Algerien gegangen?«

»Verlangt ihr jetzt auch noch für Algerien Zoll?«

»Was?«

»Nichts.«

»Was hast du in Algerien getan?«

»Nichts.«

»Du bist in Algerien gewesen und hast dort nichts getan?«

»Ich bin in Algerien herumgereist.«

»Und sonst?«

»Nichts.«

Die beiden wechselten einen langen, ausdruckslosen Blick.

»Und wo warst du sonst noch? In Syrien?«

»Ja.«

»Und wie lange warst du dort?«

»Drei Monate.«

»Und was hast du dort getan?«

»Ich habe angefangen, mich auf das Diplom vorzubereiten.«

»Und warum hast du es nicht fertig gemacht?«

»Ich will es später noch machen.«

»Hm. Du sagst, du hättest als Übersetzer gearbeitet?«

»Ja.«

»Wie hast du von deiner Arbeit drei Monate lang wegkönnen?«

»Sie haben mich rausgeschmissen.«

»Warum haben sie dich rausgeschmissen?«

»Ich weiß nicht.«

»Du weißt es nicht?«

Der Krach der Planierraupe begann wieder.

»Du musst lauter reden. Warum haben sie dich rausgeschmissen?«

Usamas Schläfen begannen zu pochen. Der Druck wuchs. Ein Schraubstock presste ihm den Schädel zusammen.

»Warum haben sie dich rausgeschmissen?«

Wütend schrie er: »Weil ich Palästinenser bin.«

»Ich habe dir doch gesagt, du musst lauter reden. Warum haben sie dich rausgeschmissen?«

»Weil ich Palästinenser bin … Palästiiineeenser …«

»Lass dir was anderes einfallen.«

»Das war der einzige Grund.«

»Haben sie dich rausgeschmissen, weil du für drei Monate nach Syrien gegangen bist?«

»Nein, ich bin erst nach Syrien gegangen, nachdem sie mich rausgeschmissen haben.«

»Du warst aber dort...


Khalifa, Sahar
Sahar Khalifa, geboren 1941 in Nablus, Palästina, ging mit achtzehn Jahren eine traditionelle Ehe ein, die dreizehn Jahre dauerte. Nach der Scheidung begann sie sich verstärkt dem Schreiben zu widmen, studierte in den USA und arbeitete als Dozentin an der Universität Bir Zeit. In Nablus gründete sie ein palästinensisches Frauenzentrum, das sie neben ihrer schriftstellerischen Arbeit leitet. Sie lebt in Nablus und Amman.

Fähndrich, Hartmut
Hartmut Fähndrich, geboren 1944 in Tübingen, ist seit 1978 Lehrbeauftragter für Arabisch und Islamwissenschaften an der ETH Zürich. Neben seiner Übersetzertätigkeit arbeitet er auch als Herausgeber und Publizist. Wegen seiner Verdienste um die Übersetzung arabischer Literatur erhielt er bereits zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Hieronymus-Ring des VdÜ, 2004 den Übersetzerpreis der Arabischen Liga, 2005 den Anerkennungspreis des Großen Literaturpreises des Kantons Bern und 2016 den Spezialpreis Übersetzung der Schweizer Literaturpreise. 2018 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Sheikh-Hamad-Preis für Übersetzung und Kulturaustausch ausgezeichnet.



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