E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Khalid Bruder
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-910372-03-0
Verlag: Kjona Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. »Ein aufregendes Debüt über verschiedenste Formen von Macht, das viel über unsere moderne Welt offenbart.« The New York Times
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-910372-03-0
Verlag: Kjona Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zain Khalid schreibt fürs amerikanische Fernsehen und veröffentlicht Artikel im >New Yorker<, bei >n+1< und im >Believer<. Er wuchs auf Staten Island auf und lebt auch heute in New York City. >Bruder< ist sein erster Roman.
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TEIL 2
DIE BARBAREN
27
An diesem Brief schreibe ich schon seit geraumer Zeit. Ich habe ihn sogar schon mehrmals geschrieben. Erst trotzig, dann weinerlich, schließlich humoristisch: »Ich heiße Salim Taufiq. Wenigstens das entspricht der Wahrheit.« Ich habe alle Versionen verbrannt. Ich werde versuchen, euch die Dinge nüchtern zu schildern.
Fangen wir mit dem an, was in Markab geschah.
Nach meinem Studienabschluss an der Columbia und meinem ersten und einzigen Haddsch schrieb ich mich mit einem klaren Ziel vor Augen an der Islamischen Universität in Markab ein. Genauso wie es kein Studium gibt, mit dem man Premierminister wird, gibt es natürlich auch kein Studium, mit dem man Macht erlangt, dennoch wollte ich genau das erreichen. Wie könnte man Menschen wie mir besser helfen als mit Macht? Nein, das ist eine Lüge. Ich hatte schon immer ein großes Talent, mir die Dinge passend zurechtzulegen und mir einzureden, eine Täuschung wäre ehrenhafter als eine schmerzliche Wahrheit. Ich war begierig auf eine einflussreiche Position, weil sie für mich Akzeptanz und Bestätigung bedeutet hätte. Das zu werden, was ich jetzt bin – ein an einen unbedeutenden Ort vertriebener Mann – erschien mir damals für eine Persönlichkeit wie mich vollkommen unpassend. Ich war auserwählt! Ich war so verblendet, wie man es normalerweise nur von jungen Menschen im Westen kennt. Khadija, meine liebste Freundin im College, hat mal gesagt, dieser Ehrgeiz sei mein Versuch, meinen Glauben mit meinem Intellekt in Einklang zu bringen. Sie hielt mich für dumm zu denken, dass mir das je gelingen könne.
In Saudi-Arabien, in Markab, habe ich mich zum ersten Mal verliebt. Ja, im College hatte ich mit Adam geschlafen, aber damals liebte ich ihn nicht. Zu eurer Information: Ich weiß, dass ihr meine Veranlagung kennt – ganz so unauffällig waren eure Aktionen nicht –, aber ich will euch von nun an nicht mehr mit Geheimnissen kränken. Meine erste große Liebe war nicht Adam. Meine erste große Liebe war der achte und jüngste Sohn eines pakistanischen Generals, ein Kommilitone namens Mohammed Ali Riyaz. Er war nicht nach dem Boxer benannt, sondern nach der Straße in Bombay, in der er geboren wurde, während sein Vater an einer Konferenz mit indischen Funktionären teilnahm.
Nach einem Kurs zum Koranstudium, in dem ich aus Angst, unwissend zu erscheinen, kein einziges Mal den Mund aufgemacht hatte, entdeckte ich Mohammed Ali an einem der Plastiktische in der Cafeteria, die Hakennase in Saadi’s Bostan vergraben. Ich würde bald erfahren, dass er der Dichtung jederzeit den Vorzug vor der Heiligen Schrift gab und die beiden für nicht vergleichbar hielt. Als ich ihn fragte, ob ich mich zu ihm setzen dürfe, rezitierte er: »Mir lebte in Isfahan ein Freund, kampfeslustig, munter und von edlem Mut.«
»Oh Löwenbezwinger!«, rief ich. »Was hat dich zermürbt wie einen alten Fuchs?«
Komisch, oder? Wie alle Dinge von ihrem Anfang geprägt werden?
Mohammed Ali besaß ein Gesicht, das im Alter nur noch schöner werden würde. Wenn er lächelte, zeichnete sich auf seiner Stirn eine Linie ab, die sich einst in seine erste Falte verwandeln würde. Er war schlank, aber er hatte breite Hüften. Er konnte zuhören, ohne den Kopf zu bewegen, wie ein älterer Mann. Fromm war er nicht; er absolvierte das Studium nur auf Anordnung seines Vaters. Was Mohammed Ali eigentlich wollte, war malen, aber das war natürlich völlig undenkbar. Ein Sohn mit einer klassischen Ausbildung in islamischem Recht würde sich in der Vita des Generals dagegen äußerst gut ausnehmen. An jenem Tag in der Cafeteria aber fühlte es sich an, als würden wir lange und ausführlich über nichts Besonderes reden. Ich erfuhr, dass er verheiratet war und sein Heimatland bisher nur ein einziges Mal verlassen hatte, nämlich um in Berlin sein Studium abzuschließen. Er wirkte liebenswürdig und weltfremd; er war der Überzeugung, der Sears Tower sei eine Fiktion, ein so hohes Gebäude könne überhaupt nicht existieren. Was über die Größe amerikanischer Bauwerke berichtet wurde, hielt er sowieso nur für Propaganda. Ich war kurz davor, mich über ihn lustig zu machen, aber sein schönes Gesicht hielt mich davon ab. Ich erzählte ihm, dass der Turm in Wirklichkeit noch höher war, als er auf den Bildern aussah. Ich lud ihn ein, nach unserem Abschluss in die USA zu kommen und sich selbst davon zu überzeugen. Bis dahin hätte ich bestimmt schon die Arbeit an der Moschee begonnen, die ich bei meiner triumphalen Rückkehr gründen wollte. Sie sollte am Times Square stehen, erzählte ich ihm, und würde sehr schnell bekannter werden als die Metropolitan Opera. Er lachte höflich und willigte ein.
Ich würde gerne glauben, dass es eine Art gottgewollte Anziehungskraft war, die am nächsten Nachmittag zwei weitere Studenten, Abdul Karim und Huk Sun, an unseren Tisch führte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass wir außer ihnen die Einzigen in der Cafeteria waren, die Englisch sprachen (abgesehen von den weißen Studenten aus Amerika, denen man bekanntermaßen nicht trauen konnte). Abdul Karim, der sich stets nur mit seinem Nachnamen ansprechen ließ, war der Sohn eines der wohlhabendsten Selfmademen Nigerias. Der Reichtum der Familie stammte aus dem Zementexport, die Firma hatte sich aber inzwischen zu einem multinationalen Produktionskonzern entwickelt. Karim hatte wie schon sein Vater die Al-Azhar-Universität besucht und anschließend in Cambridge Wirtschaft studiert. Aber statt einen gut bezahlten Job in der väterlichen Firma anzunehmen, wollte er lieber, wie er sagte, »ein Produkt verkaufen, das zu jeder Zeit nachgefragt wird«. »Es ist simple Mathematik, Salim«, erklärte er mir. »Kein Sicherheitskonzept wird zu einem so hohen Preis gehandelt wie die institutionelle Religion.« Er war nicht aus Glaubensgründen nach Markab gekommen, sondern weil er angesichts zunehmender Instabilität in Nordafrika (und zwar nicht nur im Maghreb) die »Zeichen der Zeit« erkannt hatte, wie er es ausdrückte. Karim versteckte sich nicht hinter angeblicher Tugendhaftigkeit wie die Wahhabiten oder die Salafisten – die in den Seminaren und nach dem Gebet die Ungläubigen ermahnten, dabei aber genau wussten, dass ihre aufgesetzte Feindseligkeit nur dazu diente, sich die eigenen Taschen zu füllen. Nein. Karim, der später wie ein Bruder für mich sein würde, war aufrichtig. Er war so ehrlich, dass er sich mit seinem Vater, der es für besser hielt, nicht nur in geschäftlichen Dingen, sondern gerade auch in der Religion manche Dinge hinter einer Maske der Höflichkeit zu verbergen, schmerzlich entzweit hatte. Die Kluft zwischen ihnen war so groß, dass sie seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen hatten.
Huks Familie war lange nicht so prominent wie Abdul Karims. Huks Vater war einer der ersten Muslime in Südkorea gewesen, bekehrt durch die türkischen Streitkräfte, die nach dem Koreakrieg als Friedenstruppen und Missionare im Land geblieben waren. Er hatte am Aufbau der ersten Moschee des Landes mitgewirkt und die Korea Muslim Federation gegründet. Die meisten der 20.000 Gläubigen des Landes kannte er mit Namen – genau wie sein Sohn später auch. Neben der ungeheuren Größe seines Vaters hatte Huk auch dessen Frömmigkeit geerbt. Iseul, du glaubst gar nicht, wie oft ich dir gerne gesagt hätte, wie sehr du mich an ihn erinnerst. Jedenfalls bekam Huk mit Unterstützung einer islamischen Gemeinde in Rochester ein Visum für die USA und studierte an irgendeinem College in Florida Maschinenbau. Anschließend schrieb er sich an der Universität Markab ein, denn es war sein Traum, seinem Volk den wahren Islam zu bringen, der den Menschen Trost bieten würde, falls noch einmal die Wölfe über sie herfallen sollten. »Es ist schwer, seine Feinde zu vergessen, wenn sie so nah sind«, erklärte er. »Das verstehen die Amerikaner nicht. Amerika lässt seine Feinde ins Land und lädt sie ein, eine Weile zu bleiben, weil es weiß, dass es alle, die von seiner Einzigartigkeit nicht überzeugt sind, einfach niedermachen kann.«
Als wir die beiden in der betörend nach Ingwer, gebratenen Zwiebeln und Lamm duftenden Cafeteria kennenlernten, vergingen kaum zwanzig Minuten, bis Huk und Karim in eine spaßhaft-wilde Diskussion verwickelt waren. Ich weiß gar nicht mehr, worum sich der Streit drehte, aber Huk war in seinem Glaubenseifer fest davon überzeugt, Karim von seinem Pragmatismus heilen zu können, während Karim in Huk nur einen unreflektierten Riesen sah. Anfangs ermahnten Mohammed Ali und ich die beiden, sie sollten mal »runterkommen«, wie ihr es formulieren würdet, aber schon bald fielen wir begeistert in ihr Streitgespräch ein, weil sie einfach einen Riesenspaß hatten. An diesem Tag schwänzten wir unsere restlichen Kurse, aßen, diskutierten bis in den späten Abend und schwelgten im Glück, tausende Meilen von zu Hause entfernt eine Familie gefunden zu haben.
Es entstand eine intensive Freundschaft, und als Huks und Karims Ehefrauen, Iffat und Najma, einige Monate später aus Seoul beziehungsweise Lagos nach Markab kamen, wuchsen wir sechs sogar noch enger zusammen. (Mohammed Alis Frau blieb vorerst noch bei der Familie ihres Mannes in Pakistan.) Die beiden Frauen brachten noch mehr Trubel in unser ohnehin schon exaltiertes Grüppchen. Unsere Lautstärke wurde langsam gefährlich, warnte uns Mr Abadi, der Besitzer des Cafés Abadi Special in Old Markab, einem Armenviertel ungefähr zwanzig Meilen vom Zentrum entfernt. In diesem Café durften Männer und Frauen zwar gemeinsam am Tisch sitzen, aber ratsam war es nicht, wie Mr Abadi uns regelmäßig erinnerte, sollte man doch tunlichst vermeiden, die Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und Verhinderung von Lastern (sprich, die Religionspolizei), die regelmäßig grausame...




