E-Book, Deutsch, 700 Seiten
Kessler Der Weg zum Leben
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-15985-6
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ethik des Alten Testaments
E-Book, Deutsch, 700 Seiten
ISBN: 978-3-641-15985-6
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was soll ich tun? In der Antwort auf diese Frage werden wir gelenkt von unserem Gewissen. Es stützt sich bewusst oder unbewusst auf einen Bestand an kollektiven Überlieferungen. Eine davon, und in unserem Kulturkreis nicht die unwichtigste, ist die Bibel in ihren zwei Testamenten. Die ethischen Konzepte der biblischen Überlieferung, wie sie im Alten Testament bewahrt sind, bringt dieses Buch neu und umfassend zur Geltung.
- Gut und Böse unterscheiden
- Die Ethik des Alten Testaments - mehr als die 10 Gebote
- Die Grundlagen unserer moralischen Kultur umfassend dargestellt und neu zur Geltung gebracht
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§1 WOZU DIENT EINE ETHIK DES ALTEN TESTAMENTS?
Die Darstellung der Ethik des Alten Testaments dient zunächst der Rekonstruktion der in der Hebräischen Bibel zugrunde liegenden ethischen Vorstellungen. Sie ist aber mehr als das. Sie dient ferner der Selbstverständigung innerhalb der Kirche, für die das Alte Testament Teil ihrer heiligen Schrift ist. Des Weiteren wird die Ethik des Alten Testaments durch die Kirche als eine der Diskursteilnehmerinnen in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht. Innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses fällt der Darstellung der Ethik des Alten Testaments zugleich eine apologetische Aufgabe zu.
1. Die Aufgabe der Rekonstruktion
Eine eigenständige Darstellung der Theologie der Bibel im Unterschied zu gegenwärtig systematisch formulierter Theologie gibt es erst nach dem Beginn der historisch-kritischen Forschung. Bis dahin sind systematische Theologie und biblische Theologie identisch, wobei die Verfasser davon ausgehen, dass ihre systematische Darstellung der Theologie mit der Bibel übereinstimmt. Zwar kann die Art, wie diese Übereinstimmung ausgedrückt wird, differieren. Sie kann von einem sehr losen Schriftbezug, der zudem mit Argumenten aus der Tradition (Kirchenväter, Konzilsbeschlüsse) angereichert wird, bis zum Beleg jeder einzelnen dogmatischen oder ethischen Aussage durch eine Schriftstelle (die so genannten dicta probantia) reichen.
Gegenüber dieser Ineinssetzung von systematischer und biblischer Theologie und Ethik weist die historische Kritik auf deren Differenz hin. Für die Zeit der Aufklärung ist dies die Differenz zwischen historischen, kontingenten Ereignissen, die in die biblischen Überlieferungen eingegangen sind, und allgemeinen Vernunftwahrheiten, die überzeitliche Geltung beanspruchen. Dabei kann das Verhältnis beider unterschiedlich aufgefasst werden. Während Baruch de Spinoza (1632-1677) 1670 sagt, er fände in der Schrift »nichts, das nicht mit der Vernunft im Einklang wäre oder das ihr widerstritte …«,1 spricht Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) im Jahr 1777 davon, dass zwischen dem, was uns historisch von Christus überliefert ist, und dem, was wir heute glauben und denken können, der »garstige breite Graben, über den ich nicht kommen kann, sooft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe«, liegt.2
Für die Theologie und in ihr die Fachexegese ist Johann Philipp Gabler (1753-1826) der Erste, der 1787 die Unterscheidung zwischen historischer (biblischer) und systematischer (dogmatischer) Theologie fruchtbar macht. Er definiert: »Die biblische Theologie besitzt historischen Charakter, überliefernd, was die heiligen Schriftsteller über die göttlichen Dinge gedacht haben; die Dogmatische Theologie dagegen besitzt didaktischen Charakter, lehrend, was jeder Theologe kraft seiner Fähigkeit oder gemäß dem Zeitumstand, dem Zeitalter, dem Orte, der Sekte, der Schule und anderen ähnlichen Dingen dieser Art über die göttlichen Dinge philosophierte.«3 Ganz im Sinn der Aufklärung unterscheidet Gabler für die hermeneutische Aufgabe der Vermittlung von biblischer und dogmatischer Theologie zwischen dem historisch Kontingenten und dem zeitlos Notwendigen und Gültigen.
Bei Gabler geht es dezidiert um dogmatische Theologie, also um die Lehre der Kirche, und nicht um Ethik. Gleichwohl ist der entscheidende Schritt getan, der in der Unterscheidung zwischen systematischer und historischer Theologie besteht, gleich ob es sich dabei um Dogmatik oder Ethik handelt.
Diese Unterscheidung impliziert notwendigerweise zwei Aufgaben. Die erste ist die der historischen Rekonstruktion. Denn nur durch sie kann ich überhaupt feststellen, dass und inwieweit Theologie und Ethik der Bibel nicht mit gegenwärtig zu formulierender Theologie und Ethik identisch sind. Die zweite Aufgabe ist die der hermeneutischen Bemühung um die aktuelle Aneignung der historischen Theologie und Ethik. Deren Erfolgsaussichten mag man unterschiedlich beurteilen. Aber hinter die Aufgabe selbst der hermeneutischen Vermittlung gibt es kein Zurück. In der Darstellung der Ethik des Alten Testaments kann sie allerdings ihren Platz erst nach der historischen Rekonstruktion finden (siehe dazu unten §38).
Somit lässt sich als erste Aufgabe einer Darstellung der Ethik des Alten Testaments die Aufgabe der Rekonstruktion angeben. Sie berührt Arbeitsfelder, die jede historisch-kritische Arbeit am Alten Testament angehen muss, auch wenn diese bei der Darstellung der Ethik nur am Rand berührt werden können. Da die Rekonstruktion sich mit Texten befasst, muss sie deren sprachliche Gestalt erkunden, und zwar sowohl philologisch als auch literarisch. Da das Alte Testament eine Zusammenstellung von Schriften ist, die über mehrere Jahrhunderte hinweg entstanden sind, muss die Rekonstruktion der Frage nach der Entstehung dieser Schriften nachgehen. Und gerade als historische Rekonstruktion muss sie schließlich die Frage behandeln, unter welchen Bedingungen diese Schriften entstanden sind. Neben den allgemeinen historischen Bedingungen sind dies insbesondere auch die sozialen Verhältnisse, wie sie die Sozialgeschichte darzustellen versucht.
Zusammengefasst kann man diesen Teil der Aufgabe einer Darstellung der Ethik des Alten Testaments als »historische Ethik« bezeichnen.
2. Die Ethik des Alten Testaments als Mittel der kirchlichen Selbstverständigung
Als historische Ethik ist die Ethik des Alten Testaments noch keine theologische Ethik. Sie muss das auch nicht werden. Die historische Rekonstruktion trägt ihren Wert in sich. Sie erweitert den Wissensbestand der Menschheit. Darüber hinaus ist angesichts der unbestreitbaren Wirkmächtigkeit der biblischen Aussagen in der abendländischen Geschichte die Rekonstruktion dessen, was die Bibel – hier die des Alten Testaments – sagt, eine notwendige Voraussetzung, um diese Geschichte verstehen zu können, ohne dass damit Geltungsansprüche dieser Texte übernommen werden müssten.
Allerdings ist die Bibel über ihren Charakter als historische Quelle hinaus in aktuellen religiösen Gemeinschaften zudem eine Urkunde, die Geltung beansprucht. Das trifft auf das Judentum, das sich auf die Schrift der Hebräischen Bibel stützt, ebenso wie auf die christliche Kirche zu, für die die Bibel aus Altem und Neuem Testament eine normative Grundlage ist. Dies gilt, auch wenn in den konkreten Kirchen sowohl der Umfang des Kanons differiert als auch die Art der Geltung unterschiedlich gesehen wird. Bei Letzterem geht es neben allgemeinen hermeneutischen Entscheidungen vor allem um die Rolle, die neben der Schrift selbst die Auslegungen der Kirchenväter, die Beschlüsse von Konzilien und des päpstlichen Lehramtes oder die Bekenntnisschriften der Reformation spielen.
Zudem ist in den theologischen Ethiken protestantischer Provenienz – dies ist der konfessionelle Rahmen, in dem ich mich bewege – strittig, welchen Stellenwert neben dem Neuen das Alte Testament für die Ethik haben soll. Traditionell und verbreitet ist in der christlichen Ethik die Reduktion des Alten Testaments in inhaltlich-ethischer Sicht auf den Dekalog. Dazu treten in der Regel noch ethisch relevante Theologumena. So verzichtet kaum eine Ethik auf die imago-dei-Vorstellung von Gen 1. Auch die mit der Erzählung von Gen 2–3 begründete Lehre vom Sündenfall nimmt für zahlreiche protestantische Ethiken eine Schlüsselstellung ein. Auf solche Texte ist bei der historischen Rekonstruktion ein besonderes Augenmerk zu richten.
Neben der selektiven Aufnahme des Alten Testaments stehen allerdings auch Positionen, die den vollständigen Verzicht auf das Alte Testament fordern. Für Friedrich Schleiermacher (1768-1834) sind die Schriften der Hebräischen Bibel im Grunde entbehrlich. Im §132 der Glaubenslehre formuliert er in einem Zusatz zur »Lehre von der heiligen Schrift«: »Die alttestamentischen Schriften verdanken ihre Stelle in unserer Bibel theils den Berufungen der neutestamentischen auf sie, theils dem geschichtlichen Zusammenhang des christlichen Gottesdienstes mit der jüdischen Synagoge, ohne daß sie deshalb die normale Dignität oder die Eingebung der neutestamentischen theilen.«4 In der Tradition Schleiermachers steht dann ein Großteil der liberalen protestantischen Ethik des 19. Jhs. An dessen Ende formuliert Adolf von Harnack (1851-1930) in seinem viel zitierten Urteil über Marcion als explizite Forderung: »Das AT im 2. Jh. zu verwerfen, war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jh. beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation noch nicht zu entziehen vermochte; es aber seit dem 19. Jh. als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung.«5 Dass die Rückbesinnung auf die Theologie Schleiermachers im 21. Jh. auch eine erneute Ablehnung des Alten Testaments im Gefolge hat,6 beruht zwar nicht auf innerer Notwendigkeit, kann aber auch nicht verwundern.
Allerdings ist der Versuch, erneut die Ablehnung des Alten Testaments zu begründen, seinerseits auf heftige Ablehnung gestoßen.7 Denn in neuerer Zeit wurden immer mehr Stimmen laut, die entgegen dem völligen Verzicht auf das Alte Testament oder seiner Reduktion auf wenige Texte die Ethik der Hebräischen Bibel grundlegend in die Formulierung einer christlichen Ethik einbeziehen wollen. So erhebt Frank Crüsemann die Forderung, »daß unbeschadet des historischen Abstandes allein die Tora die Grundlage einer biblisch orientierten...




