Kessel | Herrn Brechers Fiasko | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 564 Seiten

Kessel Herrn Brechers Fiasko


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7317-6081-8
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 564 Seiten

ISBN: 978-3-7317-6081-8
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Martin Kessel erzählt die Geschichte Max Brechers, der in einem Berliner Medienkonzern arbeitet, in einem langsamen, unwiderruflichen Prozeß an den Rand gedrängt wird und schließlich sein Fiasko erlebt.Er lebt wie alle anderen im Büro, er trägt 'weiße Gamaschen und die Hosen tipp-topp gebügelt', verfertigt Parolen und Prospekte in der Werbeabteilung der UVAG, der 'Universalen Vermittlungs-Actien-Gesellschaft'.Das Büro ist das Zentrum des Romans, in dem ein bemerkenswertes Personal aufeinandertrifft. Alle erkennen wir wieder: es sind typische Gestalten unsererBürowelt, der 'sitzenden Lebensweise', Angestellte in der Normalität der Arbeitswelt, in der Anonymität des Großstadtlebens.'Herrn Brechers Fiasko' ist die Wiederentdeckung eines der bedeutendsten Großstadtromane der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Der außerordentliche Rang des Romans wurde bereits im Jahr seiner ersten Veröffentlichung (1932) erkannt, die Machtübernahme der Nationalsozialisten verhinderte jedoch die breitere Wirkung des Buches.'

Martin Kessel wurde am 14. April 1901 in Plauen/Vogtland geboren und starb am 14. April 1990 in Berlin. Er studierte Germanistik, Philosophie, Musik- und Kunstwissenschaften an den Universitäten in Berlin, München und Frankfurt am Main. 1923 promovierte er an der Frankfurter Universität mit Studien zur Novellentechnik Thomas Manns und lebte bis zu seinem Tode als freier Schriftsteller in Berlin.
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In der Friedrichstadt

I

Täglich, zumal bei Büroschluß, läuft ein Zittern durchs Zentrum, durch die Fundamente Berlins, als wäre nun wieder etwas Unvorhergesehenes im Gang.

Alles ist unterwegs. Wer sich frühmorgens pünktlich im Gebäude seiner Firma eingefunden hat, wird nun wieder – nach einem funktionellen Verdauungsprozeß, der den Menschen zur bloßen Arbeitskraft degradiert und deren Bestes sich zunutze gemacht hat – auf die Straße gesetzt und seinem Privatschicksal überlassen. Die eine Organisation entläßt, die andere empfängt, aus der Arbeitskraft wird ein Fahrgast oder ein Fußgänger. Diesen wiederum öffnen sich Kinos und Restaurants, und jedes Stadium fordert seinen Tribut.

Spießt eine Stange irgendwo in die Luft, auch Haltestelle genannt, ist ein Loch irgendwo zur U-Bahn hinunter oder ein Podium, auch Bahnsteig genannt, gleich findet daselbst eine Kristallisation statt. Leute sammeln sich an, Passanten der verschiedensten Gattung, die’s eilig haben, aber mit einer Ernsthaftigkeit auf den Gesichtern, als wären es letzte Vereinsmitglieder ums Banner. Ein Dunst steigt auf, ein Geruch wie aus der Manege, und über all die fixen Ideen und wahrzunehmenden Interessen hin spielt der diffuse Widerschein des Lichtes, lautlos, als einzig zärtliches, Träume spinnendes Element.

Tag für Tag, in einer Art Schlafwandel der Gewohnheit, erneuert sich das, ein schweigsames von Hand-zu-Hand-Gehen, und in mehreren Schichten sind die besten Köpfe dabei, auch fürs Unvorhergesehene die einwandfrei besten organisatorischen Formeln zu finden. Ist nicht alles durch Zeichen geregelt, durch Signale, Paragraphen und Übereinkünfte, durch eine Sprache, deren Geometrie in nahezu atavistischer Weise tabu ist, und hat sich nicht im Laufe des Funktionierens etwas herausgebildet, das Beachtung verdient, eine Art gläubige Sorglosigkeit, ein Lakonismus vor der höheren abstrakten Ordnung? Denn was wäre, käme heut einer und stocherte mit dem Spazierstock in diesem Ameisenhaufen herum – Beispiele, die aus der Geschichte bekannt sind –, oder es leistete sich jemand den Scherz, dem ersten besten, gleichgültig wem, wie man als Kind es den Käfern zuleide getrieben hat, einen Strohhalm quer vor die Füße zu legen? Hin und her würde er laufen, womöglich mit Selbstmordgedanken, und in höchster Not kämen aus allen Vierteln Gleichbetroffene und Gleichgesinnte hinzu, und schließlich würden sie einen Saal erstürmen, um sich dort zu organisieren – und dies alles wegen eines Strohhalms.

Der Reisende freilich, der vom Bahnhof aus die Eingeweide Berlins betritt, um hier, gewisser Erlebnisse willen, unterzutauchen, ahnt im zehnten Fall nicht, wohin er geführt wird, auch tappt er blindlings über alle Risse und Strohhalme hinweg. Er hat sich mehr für die Gesamtansicht entschieden, für Aspekte und Panoramen, und so schwärmt er zunächst für Sehenswürdigkeiten, kaum verwundert, daß auf manch einer Säule ein Engel schwebt, der die ganze Gattung verballhornt. Einen Reisenden kümmert das wenig. Solang die Örtlichkeit, wo er sich befindet, genau der in seinem Führer bezeichneten entspricht, tippt er den Finger darauf und ist zufriedengestellt. Vielleicht, da das Nachkontrollieren von Sehenswürdigkeiten anstrengt, gähnt er einmal, es nachlässig mit dem Handrücken verdeckend, und das nächste Mal gähnt er dann wieder. Hi, es kennt mich ja niemand, denkt er. Aber dieser entspannende Gedanke hat ihn unvorsichtig gemacht, und so kommt es, daß er vor der dritten gähnenden Sehenswürdigkeit peinlich hereinfällt. Er ist beobachtet worden. Ein Lausejunge hat ihn beobachtet und macht sofort einen Witz, schlagfertig genug, so daß der Reisende sich gezwungen sieht, den Mund auf ewig zu schließen. »Zustände sind das«, murmelt er betroffen, ehe er sich, in Ermangelung eines Besseren, der nächsten – hoffentlich einer erotischen! – Sehenswürdigkeit in die Arme wirft.

Von Reisenden also ist nichts zu befürchten, und es zeigt sich, daß, wie jedermann zugeben wird, schärfere und kältere Maßnahmen erforderlich sind, um das Leben dieser Stadt in die Gewalt zu bekommen, wie ihr selbst es gelang mit den Menschen.

Alles ist unterwegs. Es ist der Fluchtcharakter Berlins, das sich zwar behördlicherseits ein Zentrum geleistet hat, von welch letzterem aber niemand behaupten könnte, dies sei der Mittelpunkt. Es scheint vielmehr, als halte sich ein Koordinatensystem von Linien in dauernder Spannung, mit einigen darunter, die in leibhaftiger Projektion ausbrechen aus dem Spannungsgefüge, Ausfallstraßen, so breit, daß die Sonne auf ihnen sich langweilt. Andernteils: da sind die Linden. Als eine Achse durchqueren sie das Ganze, aber nach einigen hundert Metern haben sie bereits den Namen gewechselt; plötzlich sind sie eine Chaussee. Oder da ist, einige Querstraßen südlicher, die Leipziger Straße, gewiß eine mehr geschäftlich nivellierte Achse, nicht so repräsentativ, und es ist zu begreifen, warum sie hinläuft, als hätte sie mit der anderen nicht das geringste zu tun – aber auch sie wechselt nach ein paar hundert Metern den Namen. Draußen vielleicht, am Wannsee oder in Marzahn, begegnen sich beide, jedoch ihr Gedächtnis verläßt sie, und sie erkennen sich nicht. Es ist, als suchte man eine Sympathie zwischen zwei Parallelen, von denen die Mathematik behauptet, daß sie sich im Unendlichen schneiden, während die Praxis behauptet: sie schneiden sich, wie zwei verfeindete Familien sich schneiden! – Ab und zu bemühen sich zwar die Plätze, in dankenswerter Weise einen neutralen Ausgleich zu schaffen, ein Behälter zu sein für den Fluchtcharakter, für die graue Gleichgültigkeitserklärung der Straßen – jedoch auf wie lang? Unverrückbar bekundet leider Berlins topographischer Grundriß das traurige Bild einer gegenseitigen Halsabschneiderei.

Sichtbarer freilich als diese Interna des Bewußtseins wachsen die Gebäude herauf, einem spekulativem Geheiß zufolge, in ihrer, wie ein aus kalifornischen Ländern mit Erfolg zurückgekehrter Filmschauspieler es nannte, »deklarierten Unschönheit«. Da es ihnen zur Häßlichkeit an Charakter fehlt, sind sie wahrscheinlich deklariert unschön. Oft bröckelt es in den Fassaden, von der Rückwand der Höfe zu schweigen; dann sind als einzige Hinterlassenschaft graugelbe Flecken zu sehen, Flecken des Harms, rasch mit einem Firmenschild zugedeckt; und wird ein Mietbewohner nach dem Hauswirt gefragt, so schüttelt der Gefragte meistens den Kopf, ratlos, und verweist auf den Verwalter. Denn der sagenhafte Besitzer ist unterwegs, auch er ist meist unterwegs. Zur Bekräftigung dessen saust die funktionierende Vertikale des Fahrstuhls in ihrem Drahtkäfig auf und nieder, die innere abgegriffene Höhe dieser Häuser durchmessend, während die einzelnen, bald dieser, bald jener Sache dienstbaren Räume durchlöchert sind von der harten Geschwätzigkeit der Diktate, dem Grillengewisper der Schreibmaschine, falls es nicht der Totenwurm ist.

Wie es so aushält, dieses Gemäuer, in all seiner Abnutzung immer noch aushält, in einer bis ins Schmutzige reichenden Geduld, wie es dann in den Fassaden zu perlen und künstlich zu fließen beginnt, die Rettung im Glanz der Propaganda suchend, in der Neuheit der Stunde, die auch die verlebtesten Dinge heimisch sein läßt durch eine milde, gern trügerische Beleuchtung, wie dann plötzlich alles, unbekümmert um Herkunft und Adel, in vollendeter Abendtoilette dasteht, bereit zur Premiere, ein Produkt dieser Stadt, und wie das Leben so leicht zu werden scheint unterm Schmuck seiner Lichter, bis inmitten des Ruins das Märchen beginnt, und wie sich dann ein Zittern durchs Zentrum stiehlt, durch die Fundamente auch der Existenz, als wäre nun wieder etwas Unvorhergesehenes im Gang … »Keinen Schritt weiter!« sagt ein Plakat in der Friedrichstraße, als nehme es Bezug darauf. »Was wird hier in Kürze eröffnet?«

II

Unter den besten Auspizien, die Arbeit hinter sich und eine Schlangenlinie von Vergnügen vor Augen, erschienen im Portal eines großen Bürohauses zwei junge Herren, einer so groß wie der andere, gleichaltrig beide. Es wäre ihnen am liebsten gewesen, man hätte sie für Gentleman-Einbrecher gehalten, aber da sie nur zwei ganz gewöhnliche Angestellte waren, Propagandisten, gaben sie sich auch damit zufrieden. Außerdem hatte der eine von beiden einen Titel, den Doktor, und er verfehlte auch nicht, sich stets so zu nennen: Doktor Geist – nicht allein, weil jeder Friseur jeden besseren Herrn einen Doktor nennt, sondern aus Gründen der Übereinkunft, aus Praxis, entsprechend manch intelligenten Leuten, deren eigentliche Versicherungsgesellschaft die Skepsis ist. Nun, Skeptiker glaubte Doktor Geist gleichfalls zu sein, daneben indessen hatte er eine große Schwäche fürs Unerreichbare, für Eleganz der Kleidung wie der Sprache, und daher legte er auch beim Betreten der Straße größeren Wert auf seine Haltung als sein Kollege: Max Brecher.

Genau mit der Minute, nicht eher, nicht später, hatten sie droben in der Abteilung Propaganda ihre Arbeit niedergelegt, um gemeinsam, nicht ohne sportliche Rivalität, die Stufen des hohen Treppenhauses hinunterzuspurten, unten am Portier Baumann vorbei und hinaus, wo sie dann keuchend festzustellen beliebten, daß das Ergebnis zwischen ihnen noch immer wie sonst lautete: eins zu eins. Keiner von beiden hatte einen Vorteil erreicht; sie verdienten nicht üppig, sie gehörten zur soziologischen Kategorie derer, von denen das Sprichwort sagt: zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel – wobei allerdings unter Leben ein etwas luxuriöseres Gefilde verstanden sein will, denn einfach zu leben hatten sie. Unten auf...


Kessel, Martin
Martin Kessel wurde am 14. April 1901 in Plauen/Vogtland geboren und starb am 14. April 1990 in Berlin. Er studierte Germanistik, Philosophie, Musik- und Kunstwissenschaften an den Universitäten in Berlin, München und Frankfurt am Main. 1923 promovierte er an der Frankfurter Universität mit Studien zur Novellentechnik Thomas Manns und lebte bis zu seinem Tode als freier Schriftsteller in Berlin.

"Martin Kessel wurde am 14. April 1901 in Plauen/Vogtland geboren und starb am 14. April 1990 in Berlin.Er studierte Germanistik, Philosophie, Musik- und Kunstwissenschaften an den Universitäten in Berlin, München und Frankfurt am Main. 1923 promovierte er an der Frankfurter Universität mit "Studien zur Novellentechnik Thomas Manns" und lebte bis zu seinem Tode als freier Schriftsteller in Berlin."



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