Keseling | Aus meinem Leben | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 218 Seiten

Keseling Aus meinem Leben

Im Nationalsozialismus, im Krieg und als Hochschullehrer im "roten" Marburg der 68er Jahre
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-4456-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Im Nationalsozialismus, im Krieg und als Hochschullehrer im "roten" Marburg der 68er Jahre

E-Book, Deutsch, 218 Seiten

ISBN: 978-3-7597-4456-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
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Gisbert Keseling, geboren 1928 in Elze, erzählt aus seiner Kindheit und Jugend im Schatten des Nationalsozialismus, von seinem unfreiwilligen Kriegseinsatz an der Elbe mit gerade einmal 17 Jahren und von seiner Desertation in den Wirren der letzten Kriegstage. 1968 wird er als Hochschullehrer an die Marburger Philipps-Universität berufen und gerät dort mitten in die ganz anders gearteten heftigen politischen Auseinandersetzungen, die sowohl mit den Studierenden als auch unter den Lehrenden ausgetragen werden mussten. Zwei Lebensphasen, von zwei politischen Systemen geprägt, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, und von denen doch die eine ohne die vorherige nicht denkbar ist.

Gisbert Keseling wurde 1928 geboren und war von 1968 bis 1996 Professor für Germanische und Deutsche Philologie an der Philipps-Universität Marburg. Er lebt heute in Berlin. Kontakt: gkeseling@usdkb.de

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Kindheit auf dem Gutshof in Elze
In meinem Geburtsjahr 1928 war Deutschland noch eine Demokratie. Bei den Reichstagswahlen vom 20. Mai erhielt Hitlers NSDAP, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, von den 32 Millionen Stimmen nur gut 810 000 und verfügte im Reichstag über ganze 12 Sitze. Aber schon vier Jahre später schnellte die Zahl der Mandate auf 230 hoch, und am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Mit dem am 23. März desselben Jahres verabschiedeten Ermächtigungsgesetz erhielt seine Regierung für die Dauer von vier Jahren die Befugnis, Gesetze zu erlassen und Verfassungsänderungen einzubringen, womit das Parlament de facto entmachtet wurde. Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und Feinde in den eigenen Reihen wurden ermordet oder eingesperrt und gefoltert. Schon 1933 gab es Dutzende von den Nationalsozialisten betriebene Konzentrationslager. In meinen ersten Lebensjahren bekam ich davon nur wenig mit. Die Welt, in der ich aufwuchs, reichte kaum über die Stadt Elze, einem kleinen Ort südlich von Hannover mit etwa 3 000 Einwohnern, hinaus, und auch die Sorgen der Erwachsenen hatten mit dem politischen Geschehen nicht unmittelbar etwas zu tun. Wir lebten in einem Gutshaus, zu dem auch ein größerer Gutshof mit Stallgebäuden, Wiesen und Ländereien sowie ein großer und wunderschöner Park mit uralten Bäumen, gepflegten Rasenflächen und Blumenbeeten gehörten. Das alles war im Besitz der hannoverschen Adelsfamilie Bock von Wülfingen, die das Gut jedoch nicht selbst bewirtschaftete, sondern es – nach der Art eines mittelalterlichen Lehensverhältnisses – meinem Großvater Harry Moldenhauer überantwortet hatte. Das sah im Einzelnen so aus, dass meine Großeltern auf dem Grundstück Viehzucht und Ackerbau betreiben konnten, dass sie von den Erträgnissen jedoch regelmäßig Teile an die Eigentümer abliefern mussten. Da die Eltern meiner Mutter hauptberuflich im Nachbarort Nordstemmen ein (so genanntes) Kolonialwarengeschäft (i.e. Lebensmittelgeschäft) betrieben, hatten sie die Bewirtschaftung des Gutes an ihre langjährige Angestellte Ida Kleine übertragen. Ida hatte die hierfür erforderlichen Fähigkeiten schon in ihrer Kindheit erworben. Sie war in Mardorf am Steinhuder Meer auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen und musste bereits als Kind in Haus und Hof mitarbeiten. In ihrem vierzehnten Lebensjahr, also nach Schulabschluss, wurde sie dann von meinen Großeltern als Dienstmädchen eingestellt. Sie lebte im dortigen Haushalt und war wegen ihrer Tüchtigkeit bald unentbehrlich. Als mein Großvater dann später als Nebenberuf die Gutsverwaltung auf dem Elzer Hof übernahm, delegierte er einen Großteil der Arbeiten an Ida, die fortan auch im Gutshaus wohnte. Meine Eltern lebten dort wegen der niedrigen Kosten und anderer Vorteile mehr oder weniger gezwungenermaßen. Sie hatten beide nicht das erreicht, was ihnen in jungen Jahren vorgeschwebt hatte. Mein Vater Rudolf Keseling hätte gern einen Beruf ausgeübt, der mit Literatur zusammenhängt. Er schrieb Gedichte und Erzählungen und gab lange Zeit die Hoffnung nicht auf, davon als großer Dichter eines Tages auch leben zu können. Da er sein Studium nicht abgeschlossen hatte, musste er eine untergeordnete Stelle in einer Bank annehmen, und etwas später wurde ihm dann die Schriftleitung der örtlichen Tageszeitung übertragen. Meine Mutter „Franzi“ hatte bei einem bekannten Pianisten namens Luther eine kostspielige Ausbildung gemacht und träumte von einer großen Karriere. Die Wirklichkeit sah indessen anders aus. Sie konnte zwar hervorragend Klavier spielen und hätte damit auch gerne Geld verdient, hatte aber Angst öffentlich aufzutreten und zog es deshalb vor, auf dem Gut die Buchhaltung zu besorgen. Das war auch bitter nötig, denn die Einkünfte meines Vaters reichten selbst für unsere dreiköpfige Familie kaum aus. Meine Eltern fühlten sich in der ländlichen Umgebung und in dem Gutshaus nicht wohl. In dem sehr großen Gebäude hatten sie es schwer, ein Privatleben zu führen. Wir wohnten im Südflügel des Erdgeschosses. Im Nordflügel hatten meine Urgroßtante Frieda und Ida Kleine je zwei Zimmer; das Obergeschoss war vermietet. – Die meisten Räume, die eigenen sowohl wie die fremden, waren nur von der großen Diele aus zu erreichen. Dort begegnete man dann zwangsläufig den anderen Bewohnern. Das war vor allem für meinen Vater schrecklich. Er legte Wert darauf, an den Wochenenden und den Feierabenden mit meiner Mutter allein zu sein, musste aber jederzeit damit rechnen, von anderen gestört zu werden. Wegen der ständigen Geldnot mussten wir uns weitgehend von dem ernähren, was auf dem Hof erwirtschaftet wurde, und um den Winter zu überstehen, war eine ausgiebige Vorratswirtschaft erforderlich. Obst und Gemüse wurden eingekocht und mehrere Zentner Kartoffeln wurden im Keller gehortet. Selbst Fleisch kauften wir nicht beim Metzger, stattdessen wurden im Winter Schweine geschlachtet und das Fleisch wurde dann für das ganze Jahr in Dosen konserviert. Es gab keine Wasserleitung und natürlich auch keine Zentralheizung. Das Wasser musste über mehrere Treppen hinweg in Eimern von einer hinter dem Haus gelegenen Pumpe in die Küche getragen werden. Holz musste zerkleinert und Kohlen aus dem Keller geholt werden. Alles das konnte meine Mutter neben ihren Verwaltungsaufgaben und dem täglichen Klavierspiel unmöglich allein bewältigen. Wir beschäftigten also für unseren Haushalt ein weiteres Dienstmädchen und einmal in der Woche kam außerdem eine Waschfrau. – Hinzu kam, dass mein Vater mit Tieren nichts im Sinn hatte und sich schon vor Hunden und Katzen fürchtete. Für mich war das Leben auf dem Gutshof berauschend schön. Der große Park mit alten Kastanienbäumen, Ulmen, Weiden, Akazien und diversem Gebüsch war ein ideales Gelände zum Spielen. Es gab dort verschiedene Stellen, wo ich mich besonders gern aufhielt. Das waren die Ställe und das Innere einer ehemaligen Mühle, und das waren außerdem das Gelände unter zwei riesengroßen Kastanienbäumen und gleich daneben die so genannte „Hölle“, ein in einen Hang eingelassenes Kellergewölbe, dessen Tür verschlossen war. Was dort aufbewahrt wurde, wusste ich nicht, und wenn ich Ida danach fragte, winkte sie kopfschüttelnd und ohne Antwort ab, wodurch dieser Raum für mich noch geheimnisvoller wurde. Oft hielt ich mich auch im Hof und in den Ställen auf und ich lernte viel dabei. Meine Lehrmeisterin war Ida. Sie wusste und konnte in meinen Augen alles. Sie war geschickt genug, um mich bei ihren Arbeiten nicht nur zusehen zu lassen: Sie brachte mir bei, welches Futter die einzelnen Tiere bekamen, und wenn ich wollte, konnte ich vieles selbst übernehmen. Dem kam entgegen, dass es damals anders als heute in der Landwirtschaft kaum Maschinen gab, so dass fast alle Tätigkeiten mit der Hand erledigt werden mussten. Dabei konnte ich mitmachen, zum Beispiel den Hühnern Getreide hinstreuen, die Eier aus dem Nest nehmen, die Kühe von der Weide in den Stall führen und sie auch melken. Oder – ein Vergnügen besonderer Art – das Schweinefutter vorbereiten und dazu gekochte Möhren, Kartoffeln und Futtermehl mit hochgekrempelten Ärmeln zu einem Brei zermanschen und mich anschließend daran ergötzen, wenn die Säue laut schmatzend darüber herfielen. Ida war mit Lob nicht zurückhaltend und betonte immer wieder, wie wertvoll meine Hilfe sei. Ich bekam auch mit, was in den einzelnen Jahreszeiten zu tun war. Das begann schon im Herbst damit, dass ein Fuhrmann mit zwei Pferden angeheuert wurde, der die Ackerböden zuerst pflügte, dann eggte und zum Schluss das Wintergetreide, Gerste und Roggen, säte, eine Prozedur, die sich im Frühjahr mit Weizen und Hafer wiederholte. Für die einzelnen Arbeiten waren jeweils bestimmte Leute zuständig, die dafür stundenweise bezahlt wurden. So kamen Anfang Juni drei kräftige Männer, die mich schon nachts um drei mit dem Dengeln der Sensen weckten; für das Wenden und Zusammenharken des Heus waren dann zwei Frauen zuständig und zum Einfahren des Heus wieder der Fuhrmann, dieses Mal mit einem großen Ackerwagen, der von den beiden Frauen beladen wurde, wobei Ida die Heuballen auf dem Wagen gleichmäßig verteilte. Ich selbst durfte nachharken. Diese Arbeiten waren nur bei gutem Wetter und am Nachmittag oder Abend möglich, wenn das Heu ausreichend getrocknet war. Die Fahrt zum Stallgebäude, mit mir obendrauf, war dann die große Belohnung. – Der lange Sommer war recht arbeitsam. Dann war vieles gleichzeitig zu tun. Obst und Gemüse mussten geerntet, verarbeitet und zum Teil auch verkauft werden, woran auch meine Mutter beteiligt war, und auf den Feldern und Wegen musste das Unkraut ausgerodet werden. Das erledigten drei Tagelöhnerinnen, die jetzt regelmäßig jeden Nachmittag von eins bis sechs auf dem Gut waren. Bis weit in den Oktober hinein war ständig etwas zu tun: die Apfelernte, das Kartoffelroden und zum Schluss das Einbringen von Futterrüben und...



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