E-Book, Deutsch, 489 Seiten
Kern Himmel über den Klippen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-793-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rügen-Saga
E-Book, Deutsch, 489 Seiten
ISBN: 978-3-98952-793-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Judith Kern, 1968 geboren, wuchs in der Nähe von Stuttgart auf. Sie studierte in Paris, Tübingen und Hamburg Politikwissenschaften, Germanistik und Romanistik und arbeitete lange als Redakteurin. Wenn sie keine Bücher schreibt oder auf Recherche-Reise ist, arbeitet sie heute in Hamburg als Wissensmanagerin. Bei dotbooks veröffentlichte sie ihre Romane »Das Leuchten des Sanddorns«, »Sturmjahre auf Hiddensee« und »Himmel über den Klippen«.
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Kapitel 1
Das Spiegelbild war nicht freundlich zu ihr. Wie überhaupt das ganze Leben nicht freundlich zu ihr gewesen war in den vergangenen Monaten. Überall auf ihrem Gesicht glaubte sie Falten zu sehen. Um ihre Augen, ihren Mund, selbst auf ihrer bislang makellosen Stirn hatten sie sich eingegraben. Was hatte sich Ferdinand nur dabei gedacht, sie hierher zu verschleppen in diese Wildnis, zu diesen Trampeln, in dieses unwirtliche Leben.
»Auguste! Bist du soweit?« Seine Stimme klang aufgeregt wie die eines Schuljungen, der seinen ersten Schultag kaum erwarten kann. Seit er sich in den Kopf gesetzt hatte, den Weg seines Großvaters zu beschreiten, lag in seiner Stimme dieser überhitzte Ton. Wenn sie es nicht besser wüsste, sie hätte geschworen, er sei nicht ihr Mann.
Sie tat so, als würde sie ihn nicht hören. Auch auf das Klopfen an ihrer Tür zeigte sie keine Reaktion. Und dennoch streckte er Sekundenbruchteile später seinen Kopf in ihr Zimmer.
In Berlin hätte er gewartet, bis sie ihm ein Zeichen zum Eintreten gegeben hätte. Aber hier schienen andere Regeln zu gelten. Ach was, Regeln, hier herrschte reinste Anarchie. Als sie vor einer Woche angekommen waren, standen in der Eingangshalle noch zwei Schränke und eine Kommode von diesem Mehrich und seiner Familie. Und im obersten Stockwerk belegte er noch immer ein Zimmer mit seinen Sachen – Stühle, ein Tisch, Papiere, Zeitungen. Ein kurzer Blick hatte genügt, und sie wusste, dass sie das Zimmer erst würde desinfizieren müssen, bevor sie es benutzen konnte. Alles roch nach Gülle. Sie brauchte dringend eine Haushälterin, die sich darum kümmerte.
»Es ist Zeit. Die Leute warten schon«, sagte er, seinen Zylinder in der Hand, den er ungeduldig gegen seinen Oberschenkel schlug.
»Ich weiß noch nicht einmal, was man zu so einem Anlass anzieht«, erwiderte sie, ohne sich nach ihm umzudrehen.
»Dein bestes Kleid natürlich.«
»Für so eine Sauerei?« Allein der Gedanke daran ließ sie würgen. »Wenn wir in die Oper gingen oder ins Theater. Herrje, Ferdinand, sag bitte, dass das alles nur ein böser Traum ist.«
Er lachte, er konnte einfach nicht anders. Seitdem sie hier waren, hätte er am liebsten die ganze Welt umarmt. Selbst die schlechte Laune seiner Frau vermochte seiner Freude nichts anzuhaben. Dieses Gut zu kaufen war die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Wie herrlich es hier roch. Und dann der Blick. Über sanft abfallende Hügel, wogenden Wellen ähnlich, schaute man direkt aufs Meer. Und dabei hingen in diesen Novembertagen tiefe Wolken über Rügen. Wenn erst die Sonne schien, wenn die Felder in voller Pracht stünden, offenbarte sich der Ort auch seiner Frau als Paradies, daran zweifelte er nicht. Er jedenfalls hatte sich von der ersten Sekunde an heimisch gefühlt.
»Beeil dich, bitte. Wir wollen doch einen guten Eindruck hinterlassen.«
Sie sagte nichts, aber einen guten Eindruck hinterlassen war so ziemlich das Letzte, was sie wollte. Sie wollte mit all diesen Menschen da draußen nichts zu tun haben. Sie wollte einfach nur nach Hause. Langsam stand sie auf. Der samtene Stoff ihres Kleides fühlte sich schwerer an als sonst, als hätte er all die Feuchtigkeit in sich aufgesogen, die sich in diesem kalten Gemäuer über ein Jahrhundert angesammelt hatte. Das Kleid würde sie danach ohnehin wegwerfen können. Nur gut, dass sie nicht ihr bestes gewählt hatte.
Sie streckte ihren Rücken durch und blickte ihren Mann mit einem Widerwillen an, den er geflissentlich übersah. »Dann lass es uns hinter uns bringen.«
Ein Raunen ging durch die Menge, als sie am Kopf der Treppe erschienen. In Windeseile stellten sich die Kinder zu einem Spalier auf. Alle Augen richteten sich jetzt auf sie beide, die der Kinder ebenso wie die des Kutschers, des Schweinemeisters, des Melkmeisters, der Tagelöhner, der Bauersfrauen, des Inspektors und seiner Familie. Für einen Moment herrschte ehrfürchtige Stille.
Es lagen nur fünf Stufen zwischen der Eingangstür des Gutshauses und dem mit Kies aufgeschütteten Hofplatz, aber für Auguste von Salen war es, als käme sie Stufe um Stufe dem Ungeheuerlichen, Unabwendbaren, der schrecklichen Wirklichkeit immer näher. Eine Woche lang hatte sie so getan, als wäre sie gar nicht hier, war nicht einmal vor die Tür gegangen, hatte alles Rosa überlassen, ihrer Köchin aus Berlin. Und nun gab es kein Entrinnen mehr.
Rechter Hand lagen die Schweineställe, und Ferdinand von Salen führte seine Frau geradewegs dorthin. Sein aufrechter Gang, sein edler Frack, alles an ihm verriet seinen Stolz. Auf Augustes Gesicht war keine Regung zu erkennen. Sie hatte sich fest vorgenommen, sich nichts von ihrem Ekel anmerken zu lassen. Schließlich ging das nur sie und Ferdinand etwas an. Allenfalls ihre Kinder durften noch wissen, wie widerwärtig ihr das alles hier war.
Um sie herum herrschte nun geschäftiges Treiben. Wassereimer wurden geschleppt, Messer gewetzt, Bottiche vor dem Stall aufgestellt. Während Auguste gerade eben noch geglaubt hatte, in die immergleichen groben, vom Wetter gegerbten Gesichter zu blicken, erkannte sie jetzt Viktor, ihren Ältesten, der gerade mit zwei großen leeren Eimern an jeder Hand aus dem Stall kam. Ihm folgte Luise, die Jüngste. Sie trug eine Decke unter dem Arm. Und etwas abseits sah sie auch Anton stehen, neben einer in ihren Augen selbst für diese Gegend sonderbar kauzigen Gestalt.
Es war Schlachttag, ihr und ihrem Mann und ihren Kindern zu Ehren. Und wie es sich für eine Gutsherrin gehörte, war es ihr vorbehalten, das Blut umzurühren, damit es nicht gerann.
Der Schlachter führte die Sau aus dem Stall. In Augustes Ohren schrillte ihr Quieken schlimmer als jeder Presslufthammer, den sie neuerdings in Berlin zum Bau der U-Bahn einsetzten. Wie gern wäre sie jetzt dort gewesen. Direkt neben eine der Baustellen hätte sie sich gestellt, freiwillig, einen ganzen Tag lang. Aber Berlin war weit weg. Das hier, dieses Gut, dieser Hof, diese Menschen, dieses Fest – ja, sie hatten es ein Fest genannt, Ferdinand und ihre Kinder, sogar Anton hatte sich darauf gefreut, was ihr unbegreiflich war –, war jetzt ihr Leben.
Schnell hatte sich um sie und das Tier und den Schlachter ein Kreis gebildet. Viktor rieb sich aufgeregt die Hände, Luise drängte sich nach vorn, damit sie besser sehen konnte, Ferdinand stand dicht neben ihr, die Arme verschränkt. Sie erkannte Paul Mehrich, den Inspektor, der, aufgelehnt auf seinem Stock, einer Gruppe Männern Anweisungen zu geben schien. Auch der Mehrich hat einen Zylinder auf, wie Ferdinand, dachte Auguste noch, aber da hob der Schlachter auch schon seinen Vorschlaghammer, und alle Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf ihn.
Es war mucksmäuschenstill. Nur das Quieken der Sau hallte über den Hof. Auguste hätte am liebsten die Augen geschlossen, dabei kam das Schlimmste erst noch.
Ein gezielter Schlag genügte, und das Tier war verstummt. Ohne zu zögern, rannten die jüngeren Kinder zu dem betäubten Schwein und streichelten über seinen prallen warmen Bauch. Das hatten hier noch alle Kinder gemacht, und das Ritual gehörte ebenso zu einem gelungenen Schlachtfest wie das Schwarzsauer am Abend.
Der Schlachter packte das Schwein an den Hinterhachsen und hängte es kopfüber auf.
»Gnädige Frau.« Er zeigte auf den großen Eimer neben Auguste. »Wenn Sie nun den Bottich ...«
Wortlos stellte sie ihn unter das Tier, direkt unter dessen Kopf. Eine der Bauersfrauen reichte Rosa, der Köchin, einen langen Holzrührlöffel, den diese an Auguste weitergab. Die Blicke der beiden Frauen trafen sich nur kurz, aber Auguste glaubte auf Rosas Gesicht den Ekel der ganzen Welt zu erkennen.
Das Messer traf das Schwein mitten ins Herz.
»Gnädige Frau«, hörte sie wenig später den Schlachter erneut sagen, »Sie müssen jetzt rühren.«
Aus dem toten Tier rann das Blut, erst in einem dünnen Rinnsal, dann immer kräftiger. Es roch grauenvoll. Dabei hatte sie schon viel schlimmere Gerüche in der Nase gehabt, Gerüche wie Mist und Moder, Gerüche der Verwesung. Dieses Blut, dieses tote Fleisch, diese klaffende Wunde hingegen rochen nach einem letzten Aufbäumen ohne Hoffnung.
Kaum füllte sich der Eimer, schien der blutrot gefärbte Schweinekopf um sie zu kreisen. Auch der Stall und der Schlachter wackelten bedenklich. Die anderen Menschen verschmolzen vor ihren Augen zu einem Klumpen. Es fehlte nicht viel, und sie wäre gefallen. Mit etwas Pech direkt in den Bottich. Aber Auguste hielt sich beharrlich an dem Stück Holz fest und rührte das Blut.
Langsam löste sich die Menge um sie herum auf. Weitere Schweine standen auf der Schlachterliste, ebenso zwei Rinder. Außerdem gab es viel zu bereden. Nicht nur, dass alle guter Stimmung waren, schließlich versprach dieser Tag für das kommende Jahr fette Würste, dicke Schwarten und feinste Braten, auch die neuen Gutsbesitzer wollten genau in Augenschein genommen werden.
»Siehst du, wie blass sie um die Nase ist?«, fragte eine der Bäuerinnen eine andere, die wie sie mit verschränkten Armen etwas abseits stand.
»Ach, ich finde, sie hält sich wacker. Wenn ich da an die anderen denke. Ich frag mich nur, was er eigentlich die ganze Zeit zu lachen hat.«
»Dem wird das Lachen schon noch vergehen, glaub mir. Allen ist hier noch das Lachen vergangen«, sagte sie, ohne ihren Blick von Auguste abzuwenden.
Für Auguste, die wie in Trance rührte und noch nicht einmal Wortfetzen des Gesprächs aufgeschnappt hatte, kam die Erlösung in Gestalt von Luise. Unter anerkennendem Murmeln des Schlachters löste sie ihre Mutter ab.
Auf wackligen Beinen zwar, aber den Kopf hoch erhoben, ging Auguste von Salen über den Hof. Von allen Seiten trafen sie Blicke. Sobald sie jedoch...




