E-Book, Deutsch, 556 Seiten
Kern Das Leuchten des Sanddorns
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-464-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rügen-Saga | Drei Frauen, drei stürmische Leben - eine Insel
E-Book, Deutsch, 556 Seiten
ISBN: 978-3-98952-464-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Judith Kern, 1968 geboren, wuchs in der Nähe von Stuttgart auf. Sie studierte in Paris, Tübingen und Hamburg Politikwissenschaften, Germanistik und Romanistik und arbeitete lange als Redakteurin. Wenn sie keine Bücher schreibt oder auf Recherche-Reise ist, arbeitet sie heute in Hamburg als Wissensmanagerin. Bei dotbooks veröffentlichte sie ihre Romane »Das Leuchten des Sanddorns«, »Sturmjahre auf Hiddensee« und »Himmel über den Klippen«.
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Kapitel 1
Es war ein herrlicher Sommertag Anfang Juli im Jahre 1909 auf Rügen. Nicht eine Wolke war am Ostseehimmel zu entdecken, die Luft flirrte in der Mittagshitze, und ein kaum spürbarer Wind trug den beruhigenden Klang des sanften Meeresrauschens vom wenige Meter entfernt liegenden Sandstrand herüber zur Hotelterrasse, auf der zahlreiche Badegäste unter einer hohen Buche Schatten fanden. Kinder tollten um die eng stehenden Stühle und Tische herum, Damen in langen hellen Kleidern und mit großen Hüten fächerten sich frischen Wind zu, während sie sich mit ihren Ehemännern und mit neuen Urlaubsbekanntschaften lautstark und quer über alle Tische hinweg darüber unterhielten, ob sie am Nachmittag lieber in die Granitz zum Jagdschloss wandern, eine Kutschfahrt in die Umgebung machen oder sich einfach dem Müßiggang hingeben sollten. Erst als auch die letzte Bestellung aufgetragen war, wich das wilde Stimmengewirr einem gleichmäßigen Klappern der Messer und Gabeln gegen das Porzellan, nur manchmal unterbrochen von Ermahnungen an die Kinder, doch nun endlich still zu sitzen.
Marie Dahm trat aus der mit Rosen und Wicken umrankten Tür, die zur Terrasse führte, und setzte sich zu ihrem Mann Franz und Klara, der kleinen Tochter, an den runden Tisch, der etwas abseits der Gästetische direkt an der Hauswand stand. Auf ihrer blassen Stirn standen Schweißperlen, die sie mit dem Handrücken fast entschuldigend abwischte. Die Hitze, die Aufsicht der Mädchen, damit auch alles seinen ordentlichen Gang ging, das Aushelfen in der Küche bei Hanna, Besorgungen machen, im angeschlossenen Kolonialwarengeschäft verkaufen, kurzum, das ganze Hotel und den Laden am Laufen halten, das alles forderte seinen Tribut. Doch Marie beklagte sich nicht. Beim Anblick der zufriedenen Gäste huschte ein Lächeln über ihr schmales Gesicht. Keine Frage, es war eine anstrengende Arbeit, die sie hier seit nunmehr fast zehn Jahren, neun davon als Hausherrin, verrichtete, aber es war eine, die sie zufrieden stimmte. Und manchmal dachte sie sogar, sie sei glücklich. So wie jetzt, als sie sich für Sekunden und im Glauben, unbeobachtet zu sein, auf dem Holzstuhl rekelte, ihren Kopf in den Nacken legte und die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht spürte.
»Was für ein prächtiger Tag«, raunte Franz ihr ins Ohr. Er hatte seine Anzugjacke neben sich gelegt und saß, nur mit einem weißen Hemd und einer Anzugweste bekleidet, schon seit einiger Zeit hier im Freien. Wenn das Wetter es erlaubte, nahm er seine Papiere mit nach draußen, um sie dort durchzuarbeiten. Die Seeluft sog er dabei jedes Mal aufs Neue so tief ein, als gälte es, einen Vorrat anzulegen. »Prächtig, nicht«, seufzte er noch einmal zufrieden, und sein Blick wanderte zu den Möwen, die über ihren Köpfen kreisten. »Hör nur die Schreihälse, klingt nicht sogar ihr Kreischen heute wie Freudengesänge?«
»Hm«, murmelte Marie in Gedanken versunken und schlug erst erschrocken die Augen auf, als Franz ihr mit seiner weißen Leinenserviette einen Schweißtropfen von der Wange wischte.
»Nicht«, zischte sie und machte unwillkürlich eine abweisende Handbewegung. Doch sofort tat es ihr leid. »Franz«, flüsterte sie so leise, dass es ihre Tochter nicht hören konnte, »entschuldige bitte, du weißt doch, dass ...«
»Schon gut«, unterbrach Franz sie und strich im Schutz der Tischdecke mit seiner Hand für einen kurzen Moment sanft über ihr Knie. »Schon gut.«
Das Haus, auf dessen Terrasse sie saßen, war eines jener Häuser, die wie auf einer Perlenkette aufgereiht dicht an dicht an der Binzer Strandpromenade standen. Es gab welche, die mehr Erker und mehr Türme, mehr Balkone und mehr Veranden aufweisen konnten, welche, die vornehmer und mondäner waren, aber es gab nur wenige Häuser, die vor der Villa Luise so dicht am Strand erbaut worden waren. Franz, der, wie er oft sagte, »aus Sentimentalität und Heimatverbundenheit« nach dem Tod seiner Eltern seine Kapitänsmütze an den Nagel gehängt und seine ganzen Ersparnisse und sein Erbe in den Bau dieses Hauses gesteckt hatte, ließ es 1899 am äußersten Rand des Ortes, östlich des Flüsschens Ahlbeck, das den Schmachter See mit dem Meer verbindet, errichten.
Den Platz hatte er mit Bedacht gewählt. Die Eingangsseite zum Meer gerichtet, »atmete« das Haus »die Unendlichkeit des Wassers«. So zumindest hatte er sich ausgedrückt, als er Marie gleich nach Bauende als Hausmädchen eingestellt und sie voller Stolz durch seine Villa Luise – benannt nach seiner verstorbenen Mutter – geführt hatte. Es war die Sehnsucht nach Weite, die eines ehemaligen Kapitäns, die damals noch aus ihm gesprochen hatte. Doch mit dem Alter war der Wunsch nach Sicherheit mindestens genauso stark geworden.
Als Marie damals zum ersten Mal in dieses Haus gekommen war, war es nicht die Lage, die sie besonders beeindruckt hatte. Ihre ganze Bewunderung hatte den weiß getünchten Holzschnitzereien gegolten, mit denen jede einzelne Veranda verziert war. Diesen feinen Ornamenten, die sich zwischen den Holzbalken wie Blumen rankten. Sie hatte diese Schönheit und Reinheit von Anfang an gemocht, vielleicht auch, weil sie sich so sehr von dem unterschied, was sie bislang gekannt hatte.
»Denkst du an die Einladung heute Abend?«, fragte Franz unvermittelt, ohne den Blick von seinem Suppenteller zu heben.
»Natürlich.« Marie nickte, während sie die beiden Mädchen beobachtete, die sich bereits darangemacht hatten, die Tische der Gäste abzuräumen. »Du entschuldigst mich?« »Nie hat sie Zeit für uns, was, Klärchen?« Franz zwinkerte seiner Tochter verschwörerisch zu und lehnte sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück. Dann sah er seine Frau aufmunternd an, und sein Blick folgte der zarten Gestalt, wie sie im Haus verschwand.
Von der Binzer Seebrücke ertönten noch die letzten Takte eines Operetten-Potpourris, das die sechzigköpfige Kapelle zum Abschluss ihres Kurkonzertes spielte, als Franz und Marie am Abend auf dem Vorplatz des Kurhauses eintrafen.
Marie trug ein ins Altrosa changierendes, mit Spitzen an Kragen und Armen besetztes weit schwingendes Kleid aus Chiffon. Eine Schneiderin aus Bergen, die in einem Hinterhof ihr kleines Atelier betrieb, hatte es ihr für einen Neujahrsball vor vier Jahren genäht. Seitdem zog sie es zu festlichen Anlässen an, und bislang hatte sie nie daran gedacht, sich ein anderes Kleid schneidern zu lassen.
Mit Franz und Marie waren zahlreiche andere Gäste eingetroffen. Die Damen in eleganten und reichlich verzierten Kleidern, die Herren in schwarzen Anzügen und mit schwarzen Hüten. Auch Franz machte da keine Ausnahme. In der rechten Hand schwenkte er zudem einen Stock mit silbernem Knauf, den er zum Gruß steil nach vorne streckte.
»Wetter auch!«, dröhnte es von hinten. »Nee, ist das der Franz?« Ein kräftiger Schlag traf ihn auf der Schulter. »Der Franz. Was tust du hier unter all den feinen Leuten? Nimmst mich mit rein zu die Herren und Damen? Da wird doch wohl noch ein Plätzchen sein für einen kleinen Mann wie mich, oder?«
Franz blickte in das vom Wetter zerfurchte Gesicht von Fischer Harksen, das einer Gebirgslandschaft mit Krater glich. Ein Geruch aus Fisch und Schnaps umhüllte ihn, und Marie machte unwillkürlich einen Schritt zurück.
»Vornehm, vornehm.« Harksens Blick glitt von oben nach unten langsam über Franz hinweg, Marie ignorierte er. »Meine Hochachtung, Franz, meine Hochachtung. Wenn du zu mir kommst, dann trägst du nie deinen feinen Rock. Meinst wohl, ich wäre es nicht wert, was?« Er versetzte Franz wieder einen kräftigen Schlag auf den Rücken und verzog diesmal seinen Mund zu einem breiten Grinsen. Wie ein Mahnmal enthüllte er seinen schwarz verfärbten Schneidezahn.
»Ist gut, Harksen, geh jetzt nach Hause, ich schau morgen mal bei dir rein.« Rasch fügte er noch hinzu: »Hast wohl heute geräuchert, was? Lass mir was übrig. Du weißt ja, ich esse nur deinen Räucheraal und sonst keinen.«
Harksen lachte laut auf und nickte wild mit dem Kopf. »Zu Recht, Franz, zu Recht. Da, siehst du den? Der war neulich auch bei mir. Extra aus Berlin ist der gekommen.« Er zeigte auf einen Mann in einem weißen Frack, der gerade im Begriff war, in der Eingangstür des Kurhauses zu verschwinden. »Rosi, komm rüber.« Harksen hatte Rosmarie Carl erspäht, die neben dem Eingang ihren Fotoapparat aufgebaut hatte und im Auftrag der Kurdirektion die Gäste fotografierte. »Rosi!«, schrie er noch einmal über den halben Platz hinweg, so dass sich auch diejenigen nach ihm umdrehten, die bislang noch nicht auf ihn aufmerksam geworden waren.
»Komm, Franz, lass uns endlich reingehen«, drängte Marie. »Rosi, ein Foto, bitte, bitte. Du bist doch meine liebste Kleine«, tönte es in voller Lautstärke über den Platz. Doch Rosmarie Carl winkte nur lachend ab, während Franz die Gelegenheit nutzte und Marie sanft Richtung Eingang schob.
Der große Saal war festlich geschmückt. Unter der Decke spannte sich ein Meer aus deutschen und schwedischen Fahnen, und auf den langen Tafelreihen blitzten die dreiarmigen Leuchter und silbernen Platzteller im warmen Kerzenlicht. Ehrfürchtig strich Marie über die Besteckreihe aus großen und kleinen Löffeln, Messern und Gabeln, bevor sie neben Franz Platz nahm.
»Erstklassige Arbeit von Frauenhänden«, raunte ihr eine Frauenstimme von hinten ins Ohr.
Erschrocken drehte sich Marie um und blickte in ein ihr unbekanntes braungebranntes Gesicht mit großen dunklen Augen und vollen roten Lippen, die sich in diesem Moment verschmitzt kräuselten. Doch noch ehe Marie etwas erwidern konnte, bahnte sich die Unbekannte bereits ihren Weg durch die enge Stuhlreihe weiter fort. Ungläubig schüttelte Marie den Kopf. Sie sah zu Franz, doch der ließ sich gerade von...




