E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Kerley Bestialisch
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96215-109-6
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Carson-Ryder-Thriller
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-96215-109-6
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Weitere Infos & Material
KAPITEL 1
Dies war der Morgen, an dem ich – Detective Carson Ryder vom Police Department in Mobile, Alabama – innerhalb einer knappen halben Stunde gleich mehrmals Neuland betrat.
Ich landete zum ersten Mal auf dem LaGuardia Airport, wurde zum ersten Mal in meinem Leben direkt von einer Boeing 737 abgeholt, während die anderen Passagiere noch sitzen bleiben mussten. Ich wurde erstmals von Sicherheitsbeamten durch ein Flughafengebäude geschleust und fuhr zum ersten Mal in einem Streifenwagen mit eingeschalteter Sirene durch ein graues, verregnetes Manhattan.
»Würde mir mal jemand verraten, worum es hier eigentlich geht?«, fragte ich meinen Fahrer, auf dessen Namensschild Sergeant Koslowski stand. Wir schlitterten schräg über eine Kreuzung. Um Haaresbreite wären wir mit einem Taxi zusammengestoßen, hätte Koslowski nicht in allerletzter Sekunde das Steuer herumgerissen und Vollgas gegeben. Die gelangweilte Miene des Taxifahrers stimmte mich nachdenklich. Ob es wohl irgendetwas gab, womit man einen New Yorker Taxifahrer aus der Ruhe bringen konnte?
»Da mir keiner was gesagt hat«, knurrte Koslowski, »kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.« Das Knurren passte zu diesem Mann, der an eine Bulldogge in Uniform erinnerte.
»Was hat man Ihnen denn gesagt?«, erkundigte ich mich.
»Dass ich Sie am Flughafen abholen und irgendwo im Village absetzen soll. So, und jetzt sind Sie genauso schlau wie ich.«
Noch vor zwei Stunden hatte ich in Mobile an meinem Schreibtisch gesessen, Kaffee getrunken und darauf gewartet, dass mein Partner Harry Nautilus zur Arbeit erschien. Und dann hatte mich mein Vorgesetzter, Lieutenant Tom Mason, ganz unvermittelt in sein Büro gerufen und die Tür geschlossen. Der Hörer seines Telefons lag nicht auf der Gabel, sondern neben dem Apparat.
»Sie haben einen neuen Fall, Carson. In zwanzig Minuten geht Ihr Flug nach New York. Das Ticket ist für Sie am Schalter hinterlegt, und die Maschine wartet wahrscheinlich auf Sie.«
»Was soll das denn? Ich kann doch nicht so einfach alles stehen und liegen … «
»Draußen steht ein Streifenwagen bereit, der Sie fährt. Los jetzt.«
Koslowski schlitterte wieder quer über die Fahrbahn und bog in eine kleine Straße. Vor einem dreistöckigen Backsteingebäude trat er mit voller Kraft auf die Bremse. Wir rutschten an vier Funkstreifen mit eingeschaltetem Blaulicht, dem Kombi von der Spurensicherung und einem Wagen vorbei, der – wie ich mutmaßte – als mobile Kommandozentrale diente. Der Gerichtsmediziner war auch schon vor Ort. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sich hier zugetragen hatte, aber eins stand fest: Jemand hatte die ganze Truppe zusammengetrommelt.
Ein korpulenter Mann mit tief ins Gesicht gezogenem Hut und grauem Regenmantel, der im Wind flatterte, näherte sich uns und öffnete die Beifahrertür. Ich stieg aus.
Er war Ende fünfzig, hatte ein rundes Gesicht, eine große Hakennase und sah so verbissen drein wie ein Bluthund, der Witterung aufgenommen hatte. Dieser Mann mit den Tränensäcken und schweren Lidern schaute vermutlich auch dann noch traurig aus der Wäsche, wenn eine Frau Ja sagte. Im Gegensatz zu allen anderen schien er es überhaupt nicht eilig zu haben. Er begrüßte mich mit ausgestreckter Hand: »Ich bin Sheldon Waltz vom NYPD. Freunde nennen mich Shelly, und vielleicht tun Sie das ja auch. Wie war Ihr Flug?«
In seiner Stimme schwangen Wärme und Aufrichtigkeit mit, was mich veranlasste, auf Höflichkeiten zu verzichten und mit der Wahrheit herauszurücken. »Ich hasse Flieger, Shelly. Mir wäre es lieber gewesen, wenn man mich mit einer Kanone hier hochgeschossen hätte.« Ich legte eine kurze Pause ein. »Werden Sie mir erzählen, worum es überhaupt geht?«
Er seufzte und klopfte mir auf die Schulter. Selbst seine Berührung wirkte bekümmert. »Um ehrlich zu sein, ich hatte gehofft, Sie könnten mir das sagen.«
In dem Lagerhaus roch es nach abgestandenem Wasser und frischem Rattenkot. Wir gingen über Holzbohlen zu einem Lastenaufzug. Ein Fingerabdruckspezialist bestäubte die Wände, von denen die Farbe abblätterte, mit Puder. Zuerst glaubte ich, dass der Spezialist mich schief musterte, doch dann merkte ich, dass ich mit meiner Einschätzung falschlag. Sein Interesse galt Waltz. Ein junger Mann, der eine Jacke mit dem Aufdruck TECHNISCHER DIENST trug und mit einem kleinen Videomonitor auf dem Schoß im Schneidersitz auf dem Boden saß, beäugte Waltz ebenfalls. Er erweckte den Eindruck, als stecke er voller Tatendrang und warte nur darauf, dass ihm endlich jemand sagte, was er tun sollte.
Rechter Hand gab es einen Flur, der in den angrenzenden Raum führte. Jemand hatte die alten Neonröhren an der Decke eingeschaltet, die laut surrten und dem Ort eine gespenstische Atmosphäre verliehen. Drinnen standen drei Detectives. Das Alphatier, eine Frau Anfang dreißig, herrschte ihre Untergebenen an, die eilfertig nickten. Sie hatte ein ovales Gesicht, schmale Hüften und dunkle, streng zurückgekämmte Haare, die von einem Gummiband zusammengehalten wurden. Effektiv und aerodynamisch. An der Brusttasche ihres rostfarbenen, schlichten Kostüms hing eine goldene Polizeimarke. Sie hatte kluge Augen und die durchtrainierte Statur einer Tänzerin.
Nach einer kleinen Weile richtete die Frau den Blick auf mich und musterte mich so angriffslustig, als hätte ich ihr in die Suppe gespuckt und wäre lachend davongelaufen. Ich winkte ihr freundlich zu, woraufhin sie sich umdrehte und mit ihren Marionetten im Schlepptau den Raum verließ. Ich hörte, wie einer der Männer das Wort Landet murmelte.
»Wer war das, Shelly?«, fragte ich, als wir in den Lastenaufzug – einen Drahtkäfig mit festem Boden – traten. Waltz drückte einen Knopf, und wir ruckelten nach oben.
»Ist im Moment unwichtig.«
Der Fahrstuhl kam ruckartig zum Stehen. Wir traten in einen großen Raum mit einem Labyrinth aus halbfertigen Rigipswänden. »Das Gebäude wird in Lofts umgewandelt«, erklärte Waltz. »Als der Vorarbeiter um sechs Uhr früh auftauchte, um die Arbeitspläne für die Trockenbauer vorbeizubringen, hat er das Opfer gefunden. Der Vorarbeiter ist schon älter und leidet an Angina Pectoris. Der Anblick war zu viel für sein Herz. Um zu verhindern, dass er auch noch den Löffel abgibt, haben die Sanitäter ihn in die nächste Notaufnahme gebracht.« Waltz deutete mit dem Kinn auf eine andere Tür. »Das Opfer ist dort hinten.«
Ich folgte Waltz in den abgetrennten Raum, der nach Fertigstellung schätzungsweise fünfzehn Meter lang und sieben Meter breit sein würde. Im hinteren Teil lag auf zwei Sägeböcken eine Sperrholzplatte und darauf ein zugedecktes Gebilde, bei dem es sich um einen menschlichen Körper handelte.
»Wegen der Kälte zeigt der Leichnam noch keine Spuren der Verwesung«, meinte Waltz, als er meine Irritation bemerkte. »Macht die Sache einfacher.«
»Für wen?«
»Für Sie.«
Auf dem Boden war von der Spurensicherung vorsichtshalber ein Plastikläufer ausgelegt worden, damit keine Beweise vernichtet wurden. Neben dem Läufer entdeckte ich eine Haarsträhne, eine dünne braune Locke. Daneben lag ein weißes Knäuel. Ich ging in die Hocke, schürzte die Lippen und blies vorsichtig auf die Fundstücke. Härchen stoben durch die Luft. »Unterschiedliche Haarfarben«, konstatierte ich. »Eigenartig.«
Waltz drehte sich um. »Kommen Sie, Detective. Die Zeit drängt. Um die Details kümmert sich die Spurensicherung.«
Da der Läufer sehr glatt war, bewegten wir uns so vorsichtig wie Männer auf einem zugefrorenen See. Als wir vor der Gestalt standen, packte Waltz einen Zipfel der weißen Decke. Ich holte tief Luft und nickte. Los. Waltz schlug die Decke zurück und präsentierte mir einen kopflosen Frauenkörper. Nein, rebellierte mein Verstand plötzlich, der Kopf ist da. Der Kopf mit den weit aufgerissenen Augen starrte mich nämlich aus der aufgeschnittenen Bauchhöhle an. Das Bild, das sich mir bot, war grauenvoll und völlig grotesk.
In dem Moment traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Ich kannte dieses Gesicht.
Mir stockte der Atem. Ich bekam weiche Knie, und der Raum begann zu wanken. Waltz schob eine Hand unter meine Achsel und stützte mich. Ich schloss die Augen. Mehrere Sekunden verstrichen, ehe ich sie wieder öffnen konnte.
»Sie kennen sie, oder?« Waltz studierte mein Gesicht. »Lassen Sie sich ruhig Zeit.«
Ich wartete, bis sich der Raum nicht mehr drehte, bis ich die Kraft fand, die Worte herauszupressen. »Ihr Name ist Dr. Evangeline Prowse. Sie ist die Leiterin des Alabama Institute of Aberrational Behavior. In dieser Einrichtung landen einige der abartigsten Mörder Amerikas. Fleischgewordene Alpträume.«
»Ich habe von dieser psychiatrischen Klinik gehört. Sind Sie sicher, dass sie Prowse ist?«
Ich nickte und trat an ein offenes Fenster, um Luft zu schnappen. Vielleicht legte sich der Schwindel dann. Waltz brachte mir einen Pappbecher mit Wasser und dirigierte mich zu einem Stuhl.
»Besser?«, fragte er, als ich das Wasser in tiefen Schlucken trank.
»Wird schon«, log ich.
»Wie gut haben Sie sie gekannt?«
»Sie hat die Polizei von Mobile bei mehreren Fällen beraten. Wir mochten uns. Man könnte uns sogar als Freunde bezeichnen. Wir hätten uns gern häufiger gesehen, konnten es aber leider nur selten einrichten.«
Und nun würden wir es nie mehr einrichten können. Das Wissen, dass ich mich mit Vangie nie mehr unterhalten würde, war schier unerträglich.
»Wann...




