Kerckhoff / Graf | Berliner Briefe | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Kerckhoff / Graf Berliner Briefe


Die Auflage entspricht der aktuellen Auflage der Print-Ausgabe zum Zeitpunkt des E-Book-Kaufes.
ISBN: 978-3-608-11704-2
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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ISBN: 978-3-608-11704-2
Verlag: Klett-Cotta
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»Eine literarische Sensation!« Denis Scheck Wie kaum eine Autorin ihrer Zeit hat Susanne Kerckhoff den Verlust der moralischen Integrität der Deutschen, ihre Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus und die Frage der daraus resultierenden geistigen Neuorientierung zum Mittelpunkt ihres literarischen Schaffens gemacht. Ein bedeutendes Zeugnis dieser Auseinandersetzung ist ihr kurzer, 1948 erschienener halbfiktiver Briefroman »Berliner Briefe«. »In ein bestimmtes Lager gehöre ich - in das Lager derjenigen, die sich noch in gar keiner Weise beruhigt haben. Über Nationalsozialismus und Krieg, über Sozialismus und Kapitalismus, über Schuld und Sühne, über eigene Schuld und eigene Sühne kann ich mich nicht beruhigen.« Susanne Kerckhoff »Ich halte dieses Buch für ein Wunder.« Thea Dorn, Literarisches Quartett   »Die Wiederentdeckung dieser halb vergessenen Schriftstellerin löst ungläubiges Staunen aus: so differenziert, so radikal, so klug analysierend ging eine junge Frau mit sich und Deutschland 1948 ins Gericht.« Denis Scheck, Leseempfehlung für das Kölner Literaturhaus   »Susanne Kerckhoff war eine Frau von wahrhaft messerscharfem Verstand und mit einer brillanten Formulierungsgabe gesegnet. Und sie verpflichtete sich zu einer wirklich unbestechlichen Suche nach der Wahrheit.« Annemarie Stoltenberg, NDR   »Was für eine Stimme! Voller Unruhe und Sehnsucht, rücksichtslos selbstkritisch, desillusioniert und doch kämpferisch benennt hier eine fiktive Briefeschreiberin, wie stark das Gift der Diktatur im ?Volkskörper? nachwirkt.« Carsten Hueck, Deutschlandfunk Kultur

Susanne Kerckhoff (1918-1950) spielte nach 1945 als Schriftstellerin, Publizistin und politische Stimme eine bedeutende Rolle im literarischen Diskurs der Nachkriegszeit. 1945 wurde sie zunächst Mitglied der SPD, trat aber 1947 der SED bei und siedelte in den Ostsektor Berlins über. Sie arbeitete für die satirische Wochenzeitung Ulenspiegel und war ab 1948 Redakteurin und Feuilletonleiterin der Berliner Zeitung. Nach politischen Auseinandersetzungen mit Walter Ulbricht, Paul Wandel und Stephan Hermlin nahm sich Susanne Kerckhoff 1950 das Leben.
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Fünfter Brief


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Lieber Hans!

Mit Ernst – Du besinnst Dich auf ihn? – stand ich im Jahre 1931 vor einer Nazifiliale, und er las mir, veralbert jiddelnd, das Verslein vor:

„Und es lügt und verleumdet und mauschelt und zischt,

wie wenn Mosse mit Ullstein sich menget!“

Dann pfiffen wir, er reinlich und vollklingend, ich aus besten Kräften, die Internationale. Der braune Inhaber stürzte heraus, uns zu verjagen. Ein arischer Herrenmensch, bläßlich, mit Pickeln im Gesicht. Er zankte mit uns, und wir pfiffen, standen breitbeinig und fest gewurzelt, die Hände in den Taschen, und blickten aggressiv und humorlos. Es war ein wundervoller Frühling, ein Steglitzer Frühling mit weißen Schleifen und holden Muffigkeiten. Es war ergreifend und unbegreiflich schön, auf der Seite der „unterdrückten Klasse“ zu kämpfen, Masken abzureißen, die Wahrheit genau zu kennen – Aufbruch der Vernunft zu einem tödlichen Frühling der Unvernunft.

Meine Sehnsucht gipfelte darin, wieder mit der unterdrückten Klasse zu kämpfen. All die Jahre hat mich das bestimmt, was ich einmal nicht weiterleben durfte. Ich will Dir nicht verhehlen, daß ich diese Sehnsucht noch jetzt ganz und gar besitze, nur mit der Differenzierung – nein, das muß gründlicher gesagt werden. Ich war noch in der britischen Zone, als die Gründung von Parteien gestattet wurde. Jetzt hatte ich einen Rahmen für meine Sehnsüchte Das Wort „Genosse“ im Ursinn, nicht im Sinne eines anmaßenden Privilegs „Wir, die dran sind“ – Genossen, unsereins, für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!

Aber schon bei der ersten Versammlung in Osnabrück schlug eine Uhr: „Tick-tack-Tak-tik-Tick-tack-Tak-tik!“ Denke Dir, daß ich dachte: jetzt muß es um Wahrheit gehen! Daß ich fest glaubte, die Zeiten irgendeiner Art von Propaganda, von politischem Schleichhandel, seien vorüber. Ich fühle noch jetzt mein Erschrecken, weil ein Genosse ausführte, was alles an taktischem Geschick bei den Nazis zu lernen wäre! Er baute einen Schlachtplan auf, wie die sozialdemokratische Partei Schlüsselstellungen besetzen müsse – usw.

In diesem Augenblick, wo ich das schreibe, sehe ich uns beide über den Fichtenberg gehen, wie vor vielen Jahren. Wer sich in den Kleinkram der Parteien zwängt – so sagtest Du damals –, hat auf Wahrhaftigkeit bereits verzichtet und kann auf Wahrheit erst ganz verzichten. Die Politik sei ein Geschäft, so meintest Du, und zwar ein schmutziges. Schmutzig, weil sie eine Tarnkappe von Idealen und Illusionen vor ihr wahres, gieriges, wirklichkeitssattes Gesicht halte.

Sagst Du heute noch das gleiche? Hast Du nicht eingesehen, daß wir uns den alltäglichen Wirklichkeitsfragen tätig stellen müssen? Unsere Aufgabe hat zu sein, daß die Politik kein schmutziges Geschäft aus Gier und Lüge sei! Warum kann, fragt sich der politische Naivling, und ist sich seiner Torheit voll bewußt, warum kann Politik nicht grundlegend geändert werden, nur dem Zweck dienen, der Menschheit jammervolles Chaos zu entwirren?

Es gibt Ansätze dazu. Denke an den Nürnberger Prozeß! Zu diesem Prozeß gab es, daher wird er von trockenen Juristen gern begeifert, bisher keine geformte legale Grundlage. Und doch war die Grundlage vorhanden, tief und wahr vorhanden in allen Menschen, die das lasterhafte Schalten mit dem Leben und Gut von Untertanen als krasseste himmelschreiende Sünde erkannten. Aus diesem Prozeß muß ein neues Gesetz, ein neuer Maßstab für politische Wege erwachsen. Nicht als einmalige Abrechnung mit einem Gegner, der Hybris hatte und dafür zahlen mußte, kann er angesehen werden. Wird er nicht beispielhaft, fundamentierend, verbindlich für die ganze Welt, dann steht er als gespenstisches und tragisches Kuriosum da.

Und geht es wirklich um Menschlichkeit und Ordnung, dann ist gleisnerische Taktik (nicht sinnvoll kluge Erziehung meine ich) ein überflüssiges Mittel einer überwundenen, einer schlechteren Epoche.

Ich lief in Osnabrück nicht gleich davon. Ich konnte es mir gar nicht anders vorstellen, als daß ich tätiges Mitglied einer Partei sein müßte, mit den anderen zusammen die Kastanien aus dem Feuer des Zusammenbruchs retten.

Ich will jetzt versuchen, über unsere Parteien nach dem Kriege zu sprechen. Es wird mir schwerfallen, ein System in meine Darstellung zu bringen. Vergeblich wirst Du nach einer fest umrissenen Meinung suchen. Ich bin nicht gegen Parteien. Ich bin für Parteien, mittels derer es dem Volk möglich ist, sich zu äußern. Ich bin für ein lebendiges Parteileben, für eine weitgehende Lockerung jeder Partei-Engstirnigkeit, die zu nichts anderem führt als zu einem überheblichen, dümmlichen Sektierertum.

Es ist keineswegs eine Notwendigkeit, daß Anhänger des historischen Materialismus zu „hysterischen Materialisten“ werden (eine hübsche Prägung des Dichters Charles Morgan). Es ist auch nicht notwendig, daß im Rahmen einer Demokratie die Parteien über einen luftleeren Raum von Haß und Verständnislosigkeit miteinander zanken. Schwimmende Übergänge wären wahrhaftiger als abgehackte Einseitigkeit.

Siehst Du, der politische Naivling glaubte nicht nur, daß die Völker sich nach diesem Kriege zu einer gradlinigen Friedensarbeit finden würden. Er nahm auch an, jetzt sei die Zeit gekommen, wo Vertrauen und Freundschaft aus dem Leid herauswachsen würden, die Entbehrungen gegenseitig leichter gemacht, die gegensätzlichen Meinungen mit wohltuender und wohlmeinender Schärfe aufeinanderprallen. Ein immer waches Bewußtsein davon, was die vergangenen Jahre an Unwürdigkeit und Spitzelsystem mit uns angerichtet haben.

In Westdeutschland wurden die naiven Träume sofort enttäuscht. In Berlin soll anfangs dieser jubelnde Geist der Solidarität geherrscht haben. Anfangs. Dann gibt es traurige Kreuzgangstationen: etwa der mißglückte Versuch, die sozialistischen Parteien vereinigen zu wollen – der unbändige, großzügige und kleinlichste Haß, der sich daraus entwickelt hat. Die Station der Berliner Wahlen vom vorigen Oktober war auch einen durststillenden Essigschwamm wert. Ich komme später darauf zurück.

Selbstverständlich fühlt unsereiner sich heute unendlich viel glücklicher am Leben als in den Hitler-Jahren. – „Sehr schrecklich, Freunde, war das Schweigen.“ – Jetzt bewegt man sich in Berlin frei, spricht und schreibt, was man denkt. „Man“ fühlt sich frei? Wir fühlen uns frei. In einer ganz vertrackten Weise ist unsere Denkrichtung „oben“. Wir sprechen nicht im Namen des deutschen Volkes. Man will unsere Mahnungen, unsere Deutungen nicht. Wir sind keine Führer geworden. Wer sind wir? Mit diesem Wörtchen umfasse ich alle geistigen und politischen Charaktere in Deutschland, die, in welcher Partei sie jetzt sein oder nicht sein mögen, bewußt prohumanitär, das heißt antifaschistisch gewesen – und geblieben sind. Letzteres ist nicht selbstverständlich! Es gibt neue Profaschisten zur Genüge. Sie vergnügen sich schelmisch und bitter. Die Witze, die sie über unsereinen einander zuschreien (Flüstern ist nicht mehr nötig!), erinnern in häßlicher Weise an jene Witzchen, die in den ersten Jahren des Naziregimes ziemlich friedlich meckerten. Weiß Ferdl erschien in München vor seinem Publikum, auf der einen Schulter eine Zwiebel, auf der anderen vier. „In der Nazizeit hat uns einer gezwiebelt – jetzt zwiebeln uns vier!“ – Oder: Ein Deutscher, ein Amerikaner und ein Engländer stehen vor einem Lazarett: Der Amerikaner: „Wir haben eine so wunderbare Beinprothese, daß Amputierte jetzt schon Wettlauf und Weitsprung mit besten Erfolgen treiben!“ Der Engländer: „Das ist noch gar nichts! Wir haben eine so wunderbare Handprothese, daß ein Amputierter den Weltrekord im Schreibmaschineschreiben errungen hat!“ Der Deutsche: „Das ist ja gar nichts gegen uns: Wir haben eine so wunderbare Kopfprothese, daß jetzt Leute, denen der Kopf im Konzentrationslager abgeschlagen wurde, mit dem Holzkopf bei uns in der Regierung sitzen!“

Das genügt wohl fürs erste.

Ideologisch sind wir „an der Macht“. (Mit unseren Holzköpfen.) Wir sind genau so wenig durch Stimmenmehrheit und Volksbewegung an diese ideologische Macht gelangt wie seinerzeit die Nazis. Wir sind genau so wenig beliebt wie jene in der ersten Zeit, ehe sie noch dazu kamen, das Volk mit Brot und Spielen zufriedenzustellen, es endlich zu einem Größenwahnsinn umzuerziehen, aus dem heraus es heute, hungernd und jämmerlich, gegen die Alliierten und uns marktschreit.

Die Alliierten und wir – halte bitte die Definition des „Wir“, die ich oben gab, fest – führen eine schwierige Ehe. Eine Ehe ist es. Als die Alliierten kamen, um uns zu heiraten, gingen wir ihnen entgegen. Aber unsere Lämpchen hatten wir entweder verlöschen lassen, oder sie waren bessere Beleuchtung gewöhnt – jedenfalls verstanden sie nicht immer unsere Gesinnung und unsere Situation: Nur ein kleines Beispiel zur Illustration: Mir hat, fürwahr!, mein englischer Chef vorgeworfen, daß ich keine gute Deutsche wäre, weil ich für die Engländer arbeitete. Das Vertrauen, mit dem wir ihnen entgegenkamen, hatten sie durch ihre Sendungen in deutscher Sprache, unsere heimlichen „Abendandachten“, ja erst genährt. Wir waren beide, sie und wir, psychologisch unzulänglich vorbereitet. Daraus ergab sich ein trauriger Mangel an Anmut und Würde. Sie bedurften, um zu regieren, unserer zur Hochzeit. Dann warfen sie uns gleichzeitig in einen deutschen Schuldkomplex mit hinein, in den wir nicht gehörten. (In...


Kerckhoff, Susanne
Susanne Kerckhoff (1918–1950) spielte nach 1945 als Schriftstellerin, Publizistin und politische Stimme eine bedeutende Rolle im literarischen Diskurs der Nachkriegszeit. 1945 wurde sie zunächst Mitglied der SPD, trat aber 1947 der SED bei und siedelte in den Ostsektor Berlins über. Sie arbeitete für die satirische Wochenzeitung Ulenspiegel und war ab 1948 Redakteurin und Feuilletonleiterin der Berliner Zeitung. Nach politischen Auseinandersetzungen mit Walter Ulbricht, Paul Wandel und Stephan Hermlin nahm sich Susanne Kerckhoff 1950 das Leben.

Graf, Peter
Peter Graf, geboren 1967, leitet den 'Verlag Das Kulturelle Gedächtnis' und die Verlagsagentur 'Walde + Graf'. Publizistisch begibt er sich vor allem auf die Suche nach vergessenen Texten, um sie heutigen LeserInnen neu zugänglich zu machen.

Susanne Kerckhoff (1918–1950) spielte nach 1945 als Schriftstellerin, Publizistin und politische Stimme eine bedeutende Rolle im literarischen Diskurs der Nachkriegszeit. 1945 wurde sie zunächst Mitglied der SPD, trat aber 1947 der SED bei und siedelte in den Ostsektor Berlins über. Sie arbeitete für die satirische Wochenzeitung Ulenspiegel und war ab 1948 Redakteurin und Feuilletonleiterin der Berliner Zeitung. Nach politischen Auseinandersetzungen mit Walter Ulbricht, Paul Wandel und Stephan Hermlin nahm sich Susanne Kerckhoff 1950 das Leben.

Peter Graf, geboren 1967, leitet den 'Verlag Das Kulturelle Gedächtnis' und die Verlagsagentur 'Walde + Graf'. Publizistisch begibt er sich vor allem auf die Suche nach vergessenen Texten, um sie heutigen LeserInnen neu zugänglich zu machen.



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