Kepler | Playground – Leben oder Sterben | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

Kepler Playground – Leben oder Sterben

Roman
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-492-97549-0
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

ISBN: 978-3-492-97549-0
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jasmin Pascal-Andersson, Lieutenant in der schwedischen Armee, wird bei einem Kriegseinsatz schwer verwundet. Vierzig Sekunden lang steht ihr Herz still. Nach der Reanimation leidet sie an Halluzinationen, die Ärzte attestieren ihr ein posttraumatisches Stresssyndrom. Eine schwierige Rekonvaleszenzzeit steht ihr bevor, und zurück in Stockholm entscheidet sie sich, aus dem Militärdienst auszutreten, um ein ruhigeres Leben zu führen. Sie findet einen Job als Sekretärin, bringt wenig später ein Kind zur Welt. Alles scheint in bester Ordnung. Doch als Jasmin mit ihrem Sohn in einen furchtbaren Autounfall verwickelt wird, kehren die Halluzinationen zurück ...

Lars Kepler ist das Pseudonym von Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril. Ihre höchst erfolgreiche Krimiserie um Joona Linna wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und hat in vielen Ländern die Bestsellerlisten gestürmt. Das Ehepaar lebt mit seinen drei Töchtern in Stockholm.
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1


Vor gefährlichen Einsätzen betrachtete Leutnant Jasmin Pascal-Andersson stets für eine Weile ein Foto, das sie in ihrer Brieftasche bei sich trug. Das glänzende Papier hatte einen tiefen Knick quer durch das Motiv. Auf dem Bild war die Gefechtsgruppe aus ihrem Zug zu sehen. Fünf Kampfteams à zwei Mann und Jasmin als einzige Frau in der Mitte. Die Männer standen wie Verehrer um sie herum, in Schutzwesten und Helmen. Mark hatte seine rosa Sonnenbrille aufgesetzt und eine Zigarette im Mundwinkel. Lars hatte sich einen weißen Strich unter die Augen und auf die Nase gemalt, und Nico hatte die Augen geschlossen.

Auf dem Foto trug Jasmin ihr rotes Haar in einem stramm geflochtenen Zopf, sie lachte wie ein Geburtstagskind und hielt ihre M240 Bravo mit aufgeklappter Lafette in den Händen. Das Maschinengewehr war fast so lang wie sie, und die Muskeln ihrer sommersprossigen Arme waren angespannt. Der schwere Patronengürtel mit vollummantelter Munition ringelte sich neben ihren Kampfstiefeln auf der Erde.

Eigentlich hatte Jasmin nie Angst, aber sie wusste, wann ein Einsatz ungewöhnlich riskant war. Eine Weile betrachtete sie das Foto, um sich bewusst zu machen, dass die Männer ihr vertrauten, dass deren Sicherheit in ihrer Verantwortung lag.

Sie war eine gute Gruppenleiterin.

Mark witzelte gern, es sei gar nichts anderes denkbar gewesen, als ihr das Kommando zu übertragen, weil sie sowieso immer das letzte Wort haben müsse.

»Muss ich gar nicht«, antwortete sie jedes Mal darauf.

Jasmin schob das Foto zurück in die Brieftasche und blieb eine Weile reglos stehen.

Es war äußerst selten, dass sie schlechte Vorahnungen hatte, aber im Augenblick hatte sie das Gefühl, ihre Seele wäre in ein Schattenreich geraten, obwohl doch alles war wie immer.

Sie zögerte, dann setzte sie die Perlenohrringe ein, die sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte.

Irgendwie machte sie das ruhiger.

Jasmins Sonderkampfgruppe gehörte zur NATO-Operation Joint Forge, ihr war jedoch ein Spezialauftrag in Leposavi´c zugeteilt worden.

Die serbischen Streitkräfte hatten sich schon vor langer Zeit aus dem Kosovo zurückgezogen. Wie eine riesige Schlange waren die Soldaten auf dem Rückzug durch Dörfer und Städte marschiert. Es hätte jetzt vorbei sein sollen, aber im Nordkosovo gab es immer noch Enklaven, die auf eigene Faust handelten.

Jasmins Gruppe war eine von fünf, die die Berichte von Übergriffen auf die Zivilbevölkerung in So?canica untersuchen sollten.

Sie hatten keine Truppentransporter zur Verfügung, und als der Regen zunahm, wurde es für ihre Jeeps immer schwerer voranzukommen. Die Straßen waren kaputt gefahren, die Straßenränder weggespült, und der Fluss Ibar war trüb vom Lehm.

Vom Fahrersitz aus konnte Jasmin sehen, dass Lars ganz blass im Gesicht war, er hatte seinen Helm abgenommen und hielt ihn jetzt im Schoß.

»Vielleicht wäre es schlauer, in eine Plastiktüte zu kotzen«, neckte sie ihn.

»Mir geht es fantastisch«, entgegnete Lars und hielt den Daumen in die Höhe.

»Wir haben ein bisschen Misty Green für dich aufbewahrt«, sagte Nico grinsend.

»Und Nudeln mit Rattenscheiße«, ergänzte Mark mit einem Lachen.

Die Männer hatten die Erlaubnis erhalten, am Abend zuvor zu feiern. Die Sonderkampfgruppe hatte als Ausrede das chinesische Neujahrsfest angeführt. Sie bastelten aus Popcorntüten rote Lampions und feuerten Leuchtgranaten in den Himmel, die mit ihren Fallschirmen wie verzögerte Sternschnuppen zu Boden segelten. Sie aßen Frühlingsrollen und Instantnudeln und mixten sich einen Drink aus schwedischem Wodka und grünen Teeblättern aus der Hangzhou-Provinz zurecht, den sie Misty Green nannten.

Wie üblich trank Lars zu viel, und als er sich übergab, stand Mark daneben und behauptete, er hätte Rattenkot unter die Nudeln gemischt, um so das Jahr der Ratte willkommen zu heißen.

Als Lars über der Kloschüssel hing und schrie, er werde sterben, grölte der Rest der Gruppe, es sei eine Ehre, unter Jasmins Befehl zu sterben.

Jasmin war in ihr Zelt gegangen, hatte die neuesten Satellitenbilder studiert und versucht, sich das Terrain einzuprägen, während das Fest weiterging. Sie hörte die Jungs gern lachen, tanzen und singen.

Im Laufe der Jahre hatte Jasmin mit drei der Männer der jetzigen Sonderkampfgruppe Sex gehabt, aber das war, bevor sie die Leitung übernahm. Wenn sie ehrlich war, konnte sie sich durchaus vorstellen, mit dem einen oder anderen noch einmal zu schlafen.

Was natürlich nicht passieren würde – auch wenn die Einsamkeit sich in Todesnähe deutlich bemerkbar machte.

Früher am Abend war sie Marks funkelndem Blick begegnet und hatte ihm zugenickt. Er war süß, mit Augen, die immer bereit für einen Flirt waren, und breiten, muskulösen Oberarmen, und sie hatte überlegt, ob sie in dieser Nacht nicht doch eine Ausnahme machen sollte oder lieber nur onanieren.

Der Morgen war mit einem bleifarbenen, regenschweren Himmel gekommen. Der Jeep legte sich zur Seite, braunes Wasser reichte bis über die Räder. Jasmin schaltete runter, drehte das Lenkrad nach links und fuhr langsam den steilen Hang hinauf.

Einen halben Kilometer südlich von So?canica war die Straße vollkommen zerstört, und Jasmin beschloss, zu Fuß weiterzugehen.

Während sie die Gruppe hinunterführte, nahm sie den Geruch von Waffenfett deutlicher als je zuvor wahr. Plötzlich war das Gewicht der Waffe eine Qual. Bei jedem Schritt hüpfte das Maschinengewehr im Tragegurt, als versuchte es, seinem Schicksal zu entkommen.

Ihre düstere Vorahnung wurde immer stärker.

Mark rauchte im Regen und sang China Girl zusammen mit Simon. Alles erschien wie von einem dumpfen Schmerz gedrückt: der nasse Himmel, die kahlen Hügel und das spatzengraue Wasser des Flusses.

Im Funkgerät knisterte es, die Verbindung war schlecht, aber sie konnte genug hören, um zu verstehen, dass die beiden britischen Sonderkampfgruppen kurz hinter Mitrovica festsaßen.

Jasmin beschloss, den Ort zu erkunden, solange sie auf die Engländer warten mussten, und führte die fünf Kampfteams hinunter auf den farblosen Ort zu.

Ihre Ohrringe klickten im Takt ihrer Schritte gegen den Riemen des Helms.

Noch bevor sie das erste Haus erreichten, sahen sie ein kleines Mädchen davor liegen, mit dem Gesicht zum Boden, in dem nassen Gras neben seinem Dreirad. Vor dem Haus saß eine schwangere Frau gegen die Wand gelehnt. Sie war an einer Schusswunde in der Brust verblutet. Ein paar weiße Hühner pickten im Kies vor ihr, und der Regen schlug Blasen in den Wasserpfützen.

Jasmin beruhigte Nico, ließ ihn zu Gott beten und sein Kruzifix küssen, bevor sie die Männer weiter hinunter in den Ort führte.

Ein entfernter Knall, kurz wie ein Peitschenhieb, hallte zwischen den Häusern in der Talsenke wider.

Vor einer langen Treppe zwischen zwei Häusern ließ Jasmin ihre Truppe halten, schob sich vorsichtig zur Seite und schaute hinunter auf den Marktplatz mit Gemüseständen und einem alten Wohnwagen. An die dreißig Männer der serbischen Enklave hatten eine Gruppe Jungen vor sich in einer Reihe aufstellen lassen.

Ein Soldat hielt einen Regenschirm über einen Offizier mit dichtem, schwarzem Bart, der auf einem geblümten Sessel saß. Der Regen vermochte nicht das Blut auf dem Boden vor seinen Füßen wegzuspülen. Ein Junge wurde gezwungen, sich hinzuknien, der Offizier sagte etwas und richtete ihn dann mit einem Pistolenschuss ins Gesicht hin.

Sie wollten alle Jungen aus dem Ort töten.

Während der tote Körper weggeschleppt wurde, bekam Jasmin endlich wieder Funkkontakt zu den beiden britischen Sonderkampfgruppen. Sie waren inzwischen auf dem Weg. In höchstens fünfzehn Minuten würden sie ihnen Unterstützung geben können.

Jasmin konnte sehen, dass der nächste Junge knallrote Wangen hatte, als er gezwungen wurde, sich vor dem Offizier hinzuknien.

Vielleicht waren einige der Meinung, dass sie die Entscheidung aus dem Gefühl heraus getroffen hätte, aber keiner ihrer Männer zögerte, ihrem Befehl zu gehorchen. Jasmin wusste, dass sie innerhalb von nur drei Minuten ihre fünf Kampfteams auf Positionen verteilen konnte, von denen aus es möglich sein würde, ohne eigene Verluste achtzig Prozent des Feindes zu schlagen.

Gerade als ihre Männer in Position waren, sah sie durch das Fernglas eine Kolonne von zehn lehmbeschmierten Personenwagen voll mit serbischen Soldaten auf die Hauptstraße einbiegen, die geradewegs zum Marktplatz führte.

Die Autos hatte sie schon früher auf den Satellitenbildern verfolgt, aber da waren sie auf dem Weg fort von der Stadt gewesen, bereits an Lešak vorbei. Aus irgendeinem Grund waren sie umgekehrt, und damit hatte sich das Risiko für ihre eigene Sonderkampfgruppe potenziert, wenn sie die Hinrichtungen verhindern wollten.

Dennoch gab sie Mark den Befehl, den Henker zu erschießen. Es gab einen Knall, die Kugel traf ihn direkt im Kopf, und Blut spritzte auf die Rückenlehne des Sessels.

Unter den serbischen Männern brach Chaos aus, und innerhalb von dreißig Sekunden hatte Jasmins Gruppe mehr als die Hälfte von ihnen unschädlich gemacht.

Ihr Herz hämmerte heftig, Adrenalin wurde ins Blut gepumpt und machte ihren Verstand eiskalt.

Drei Soldaten mit automatischen Karabinern versteckten sich hinter einer Ziegelsteinmauer.

Jasmins M240 kam zum Einsatz, und die Kugeln schlugen eine Reihe von Löchern in die Mauer, woraufhin eine rosa Blutwolke über der Krone aufstieg.

Gut zehn...


Hildebrandt, Christel
Christel Hildebrandt, geboren 1952 in Lauenburg, studierte Germanistik, Soziologie und Literaturwissenschaft und wandte sich nach der Promotion der skandinavischen Literatur zu. Seit 1988 arbeitet sie als freie literarische Übersetzerin aus den Sprachen Norwegisch, Dänisch und Schwedisch. Ihre erste große Übersetzung war »Yesterday« von Lars Saabye Christensen (1989), von dem sie sieben Bücher ins Deutsche übersetzt hat, zuletzt »Der Halbbruder«, für den sie für den Paul-Celan-Preis nominiert wurde. Daneben reicht die Palette ihrer Übersetzungen von Henrik Ibsen bis zu Håkan Nesser, Jógvan Isaksen und Hanne Marie Svendsen. Mit ihrem Mann, drei Töchtern und einer Katze lebt Christel Hildebrandt in Hamburg.

Kepler, Lars
Lars Kepler ist das Pseudonym von Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril. Ihre höchst erfolgreiche Krimiserie um Joona Linna wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und hat in vielen Ländern die Bestsellerlisten gestürmt. Das Ehepaar lebt mit seinen drei Töchtern in Stockholm.



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