Kendi / Blain | Vierhundert Seelen | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 672 Seiten

Kendi / Blain Vierhundert Seelen

Die Geschichte des Afrikanischen Amerika 1619-2019

E-Book, Deutsch, 672 Seiten

ISBN: 978-3-641-29327-7
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Nummer-1-New-York-Times-Bestseller der Herausgeber Ibram X. Kendi und Keisha N. Blain erzählen 80 außergewöhnliche Stimmen die vierhundertjährige Geschichte des afrikanischen Amerikas von 1619 bis in die unmittelbare Gegenwart.
Die Geschichte beginnt 1619, ein Jahr vor der Ankunft der Mayflower, als die White Lion etwa 20 »negroes« an der Küste Virginias ausspuckt und damit die afrikanische Präsenz in den späteren Vereinigten Staaten einleitet. Sie führt uns quer durch den enormen Einfluss der Schwarzen auf die Geschicke der jungen Nation.Ibram X. Kendi und Keisha N. Blain versammeln 80 Autorinnen und Autoren, die sich der Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln nähern: durch die Augen großer historischer Ikonen oder durch die unerzählten Geschichten einfacher Menschen, durch Orte, Gesetze und Gegenstände. Während sich Themen wie Widerstand und Kampf, Hoffnung und Neuerfindung wie ein roter Faden durch das Buch ziehen, entfaltet diese Sammlung eine verblüffende Bandbreite an Erfahrungen und Ideen, die es in der Community der Schwarzen in Amerika immer gegeben hat. So erzählt dieses Buch u.a. von Leid und Trauma, von Unterdrückung und Befreiung, vom Kampf um Selbstbestimmung und rechtliche Gleichstellung, von gewaltigen Pionier- und Heldentaten, von der Entwicklung von Swing, Rock'n'Roll, Soul, Funk und HipHop und der Entstehung der Black-Lives-Matter-Bewegung.Vierhundert Jahre Afrikanisch-Amerikanische Geschichte: Eine Reise voll von unmenschlicher Gewalt, visionären Kämpfen und erstaunlichen Errungenschaften.
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Einführung

Eine Seelengemeinschaft
VON IBRAM X. KENDI

übersetzt von Mirjam Nuenning Als im August 1619 etwa zwanzig »Negroes« von Bord der White Lion gingen und in britische Gesichter blickten, wussten sie es nicht. Als ihre Füße den Boden in Jamestown, Virginia, berührten, wussten sie nicht, dass ihr Leben nie wieder dasselbe sein würde. Sie wussten nicht, dass sie ihre Community nie wiedersehen würden. Vielleicht dachten sie an die Gewässer auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans, die in den Cuanza-Fluss strömten, der in ihr westafrikanisches Heimatland floss. Vielleicht waren sie zu erschöpft von der Middle Passage, um sich Ndongo vorzustellen. Der Name der westafrikanischen Nation Angola ist auf den Begriff Ngola zurückzuführen, dem königlichen Titel des Staatsoberhauptes von Ndongo. Die zwanzig Menschen aus Ndongo, die im August 1619 in Jamestown eintrafen, waren wahrscheinlich noch im selben Jahr in dem Land, das wir heute Angola nennen, während eines Sklavenraubzugs gefangen genommen und in die portugiesische Hafenkolonie Luanda gebracht worden, ohne zu ahnen, dass sie eine neue Community unter dem Herzen trugen. In Luanda trafen sie auf 350 weitere gefangen genommene Ndongo und gemeinsam wurden sie wie Vieh auf die São João Bautista getrieben. Die portugiesischen Sklavenhändler stachen in See und steuerten auf die spanische Plantagenkolonie Vera Cruz in Mexiko zu. Doch sie kamen nie dort an. In den schimmernden karibischen Gewässern setzte das unter der Führung von Kapitän John Jope stehende englische Kaperschiff White Lion gemeinsam mit einem weiteren englischen Kaperschiff namens Treasurer zum Angriff an. Nicht weil sie Abolitionisten waren, sondern weil sie der damaligen untergehenden europäischen Großmacht Spanien den Kampf ansagten. Die Angreifer beraubten die Menschenräuber einer Gemeinschaft von circa sechzig versklavten Menschen, wahrscheinlich diejenigen Personen an Bord, die am jüngsten und in der besten körperlichen Verfassung waren. Sie teilten die menschliche Beute zwischen der Treasurer und der White Lion auf und steuerten nach Norden, in Richtung der britischen Kolonien. Als die White Lion den Atlantik hinaufsegelte, setzten bei den rund zwanzig Menschen aus Ndongo Geburtswehen ein. Historische Kräfte formten diese Community – und die Community prägte wiederum historische Kräfte. Am 20. August 1619, der symbolischen Geburtsstunde Afroamerikas, gebar diese Community an der Küste Virginias – und wurde geboren. Die Ndongo waren nicht die ersten Menschen afrikanischer Herkunft, die nach Amerika kamen. Die ersten trafen bereits vor Christoph Kolumbus ein. Möglicherweise schlossen sich einige Menschen aus Afrika den spanischen Entdeckern an, die im 16. Jahrhundert auf Entdeckungsreise in die heutigen Vereinigten Staaten gingen. Eine Revolte versklavter Afrikaner*innen hinderte 1526 spanische Sklavenhalter daran, Plantagen im heutigen South Carolina aufzubauen. »Ein Stammregister aus dem Monat März 1619 zeigt, dass es [in Virginia] bereits zweiunddreißig Sklav*innen gab«, erklärte der Historiker Thomas C. Holt. Doch niemand weiß, wie und wann sie dort eintrafen. Niemand kennt die exakte Geburtsstunde Afroamerikas. Vielleicht soll niemand sie kennen. Afroamerika ist wie die versklavte Frau, die tragischerweise niemals wusste, wann genau sie geboren wurde. Afroamerika ist wie der versklavte Mann, der, basierend auf der ersten Aufzeichnung eines Tages, an dem Menschen afrikanischer Herkunft in einer der dreizehn britischen Kolonien, die später die Vereinigten Staaten wurden, eintrafen, seinen eigenen Geburtstag wählte – den 20. August 1619. Seit diesem Jahr haben Menschen afrikanischer Herkunft, die in den Kolonien und später in den Vereinigten Staaten eintrafen oder geboren wurden, eine Community gebildet, die sich als Afroamerika oder als Schwarzes Amerika verwirklichte und manchmal identifizierte. Afro bezieht sich auf Menschen afrikanischer Herkunft. Schwarz bezieht sich auf Menschen, die als Schwarz rassifiziert werden. Das Schwarze Amerika lässt sich definieren als Individuen afrikanischer Herkunft in Solidarität, ob unfreiwillig oder freiwillig, ob politisch oder kulturell, ob um des Überlebens willen, oder um des Widerstandes willen. Solidarität ist der Mutterleib der Community. Die Geschichte Afroamerikas ist die bunte Geschichte dieser mehr als vierhundert Jahre alten vielfältigen Community. Seitdem der Abolitionist James W. C. Pennington The Origin and History of the Colored People schrieb, das 1841 veröffentlichte erste Geschichtsbuch über das Schwarze Amerika, sind Geschichten über das Schwarze Amerika fast immer von Einzelpersonen geschrieben worden, meistens von Männern. Doch warum sollte nicht eine Community von Frauen und Männern die Geschichte einer Community aufzeichnen? Warum sollte nicht ein Schwarzer Chor dieses Spiritual in den Himmel der Geschichte singen? Vierhundert Seelen: Die Geschichte des Afrikanischen Amerika 1619–2019 ist dieser Community-Chor in diesem historischen Moment. Die preisgekrönte Historikerin und Herausgeberin Keisha N. Blain und ich haben eine Community von achtzig Schwarzen Autor*innen und zehn Dichter*innen, die zu den besten Chronist*innen der vierhundertjährigen Schwarzen Geschichte gehören, zusammengebracht. Bei dieser Community handelt es sich um eine bemerkenswerte Auswahl aus Historiker*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen, Philosoph*innen, Schriftsteller*innen, Politikwissenschaftler*innen, Jurist*innen, Anthropolog*innen, Kurator*innen, Theolog*innen, Soziolog*innen, Essayist*innen, Wirtschaftswissenschaftler*innen, Pädagog*innen, Dichter*innen und Kulturkritiker*innen. Zu dieser schreibenden Community zählen Schwarze Menschen, die sich als Frauen und Männer, Cisgender und Transgender, jünger und älter, heterosexuell und queer, dark-skinned und light-skinned identifizieren (oder identifiziert werden). Die Autor*innen sind Einwanderer*innen oder Nachfahren von Einwanderer*innen aus Afrika und der afrikanischen Diaspora. Die Autor*innen sind Nachfahren von versklavten Menschen in den Vereinigten Staaten. Die meisten Texte in diesem Band wurden 2019 verfasst. Wir wollten, dass die Community während des vierhundertsten Jahres schrieb. Wir wollten, dass Vierhundert Seelen Geschichte schreibt und Geschichte ist. Die Leser*innen dieses gemeinschaftlichen Tagebuchs werden immer wissen, was Schwarze Amerikaner*innen über die Vergangenheit und die Gegenwart dachten, als Afroamerika symbolisch vierhundert Jahre alt wurde. Jede*r der achtzig Autor*innen berichtet über eine Zeitspanne von fünf Jahren Schwarzer amerikanischer Geschichte, wodurch vierhundert Jahre abgebildet werden. Die Journalistin Nikole Hannah-Jones, Gewinnerin des Pulitzer-Preises und Initiatorin des Projektes 1619: Eine neue Geschichte der USA, ist die erste Autorin dieses Bandes und schreibt über die Zeit zwischen dem 20. August 1619 und dem 19. August 1624. Die letzte Autorin des Bandes, Cogründerin der Black Lives Matter Bewegung Alicia Garza, berichtet über die Zeit zwischen dem 20. August 2014 und dem 20. August 2019. Jeder Text ist unverkennbar und gleichzeitig den anderen Texten in Bezug auf die Länge relativ ähnlich; es entsteht eine in sich geschlossene, zusammenhängende Erzählung, bestehend aus deutlich unterschiedlichen – und dennoch vereinten – Stimmen. Ein Chor. Und gemeinsam singt dieser Chor Akkorde des Überlebens, des Kampfes, des Triumphes, des Todes, des Lebens, der Freude, des Rassismus, des Antirassismus, der Schöpfung und der Zerstörung – die klarsten Akkorde Amerikas, Jahr für Jahr, Akkorde der Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie für alle. Vierhundert Akkorde. Jeder Text beschäftigt sich mit einer Person, einem Ort, einer Sache, einer Idee oder einem Ereignis. Diese Kunstkammer achtzig unterschiedlicher Themen von achtzig unterschiedlichen Köpfen, die achtzig unterschiedliche Perspektiven wiedergeben, ist unerlässlich, um diese Community der Unterschiedlichkeit zu verstehen, die das Schwarze Amerika seit jeher ausmacht. Vierhundert Seelen ist außerdem in zehn Teile unterteilt, die jeweils vierzig Jahre abdecken. Jeder Teil schließt mit einem Gedicht, das die jeweilige geschichtliche Zeitspanne in Versform festhält. Diese zehn Dichter*innen sind die lyrischen Solist*innen des Chores, sie singen die historischen Zwischenspiele. Geschichte lässt sich manchmal am besten von Dichter*innen festhalten – wie diese zehn Dichter*innen zeigen. Die ersten Verse stammen tatsächlich von den ursprünglichen zwanzig Menschen aus Ndongo. John Rolfe, Virginias Hauptbeauftragter für Registrierung und bekannt als Ehemann von Pocahontas, stellte 1619 die Geburtsurkunde für das Schwarze Amerika aus. Er informierte Sir Edwin Sandys, Schatzmeister der Virginia Company of London, dass »ein holländisches Kriegsschiff … nichts als circa zwanzig Negroes mitgebracht« und gegen Nahrungsmittel eingetauscht hätte. Nichts? Das Leben war diesem Neugeborenen 1619 nicht garantiert. Freude war nicht garantiert. Frieden war nicht garantiert. Freiheit war nicht garantiert. Nur Sklaverei, Rassismus und der gewaltige Atlantik, der den Weg zurück nach Hause versperrte, schienen garantiert. Doch die Community begann zu singen, lange bevor jemand dieses alte Spiritual hörte: We shall overcome, we shall overcome someday. Irgendwann werden wir es...


Bieker, Sylvia
Sylvia Bieker ist Übersetzerin aus dem Englischen und Ghostwriterin für Politik, New Economy und Kultur. Sie gehörte u. a. zu den Übersetzerteams von Bob Woodward (»Furcht« und »Wut«), Barack Obama (»Ein verheißenes Land«), »Der Mueller Report« (hgg. v. The Washington Post) und z. B. den Biografien von Kamala Harris (Dan Morrain), Jennette McCurdy (»I’m Glad My Mom Died«), Britney Spears (»The Woman in Me«), Elon Musk (Walter Isaacson) und Martin Luther King (Jonathan Eig).

Kunstmann, Andrea
Andrea Kunstmann, Jahrgang 1970, studierte Germanistik, Romanistik und Buchwissenschaft und arbeitete danach als Verlagslektorin. Seit 2013 übersetzt sie aus dem Englischen, Französischen und Italienischen.

Zeltner-Shane, Henriette
Henriette Zeltner-Shane übersetzt Sachbücher, Belletristik sowie Kinder- und Jugendliteratur. Ihre Übersetzung von »The Hate U Give« wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in München und Tirol.

Blain, Keisha N.
Keisha N. Blain, geboren 1985, ist eine preisgekrönte Historikerin, Professorin und Schriftstellerin, die als eine der innovativsten und einflussreichsten jungen Intellektuellen ihrer Generation gilt. Nach Promotion in Princeton ist sie inzwischen Professorin für African Studies und Geschichte an der Brown University. Sie war u.a. Guggenheim-Stipendiatin des Jahres 2022 und Carnegie-Fellow im gleichen Jahr. Zudem ist sie Autorin zahlreicher Bücher wie etwa des mehrfach preisgekrönten Buches »Set the World on Fire« sowie Kolumnistin für MSNBC, wo sie sich mit den Themen Rasse, Geschlecht und Politik in historischer und aktueller Perspektive beschäftigt.

Kendi, Ibram X.
Ibram X. Kendi, geboren 1982 in New York, ist Gründungsdirektor des Antiracist Research and Policy Center, Professor für Geschichte und Internationale Beziehungen und er hat die renommierte Andrew-W.-Mellon-Professur in the Humanities an der Boston University inne, die als besondere Auszeichnung für akademische und gesellschaftliche Leistung gilt und seit ihrer Gründung 1973 nur von Elie Wiesel besetzt war. Für sein Buch »Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika« erhielt er 2016 den National Book Award. »How to Be an Antiracist«, sein viel beachtetes Standardwerk zum Thema Antirassismus, war ein New-York-Times-Nummer-1-Bestseller, in dem er anhand seiner eigenen Lebensgeschichte die Mechanismen von Rassismus sichtbar macht und nicht weniger als die radikale Neuorientierung unseres Bewusstseins fordert.

Thomas, Jacob
Jacob Thomas, geboren 1984, studierte Politik- und Geschichtswissenschaften und Kulturmanagement in Tübingen und Berlin. Er arbeitet seit 2012 als Verlagslektor und lebt in München.

Ledwon, Melody Makeda
Melody Makeda Ledwon ist gebürtige Berlinerin, die viele Jahre in New York gelebt hat und sich dort am meisten zu Hause fühlt. Sie arbeitet als Übersetzerin, Dolmetscherin und Erziehungswissenschaftlerin im Bereich Öffentliche Gesundheit. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf rassismuskritischen, intersektionalen Perspektiven und Ansätzen. In ganzheitlichen Gesundheitszentren bietet sie sexualpädagogische Angebote an. Ihre Übersetzungen sind unter anderem in Schwarzer Feminismus – Grundlagentexte, Neue Rundschau und Diversity Arts Culture Magazin zu finden.

Link, Elke
Elke Link, geboren 1962 in Erlangen, hat in München und Canterbury studiert. Sie lebt in Berg am Starnberger See, wo sie zeitgenössische und klassische Literatur aus dem Englischen und Amerikanischen übersetzt. Für ihre Übersetzung des Romans „Silas Marner“ von George Eliot erhielt sie gemeinsam mit Sabine Roth 1997 den Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur.


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