E-Book, Deutsch, Band 1, 464 Seiten
Reihe: Karolinger Frauen
Kempff Die Königsmacherin
2. Auflage 2012
ISBN: 978-3-492-96093-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman über die Mutter Karls des Großen
E-Book, Deutsch, Band 1, 464 Seiten
Reihe: Karolinger Frauen
ISBN: 978-3-492-96093-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martina Kempff ist Autorin, Übersetzerin und freie Journalistin. Sie war Redakteurin bei der Berliner Morgenpost, Reporterin bei Welt und Bunte, bis sie beschloss, Bücher zu schreiben. Besonders bekannt ist sie für ihre historischen Romane wie »Die Königsmacherin«, »Die Beutefrau« und »Die Welfenkaiserin«, die sich durch hervorragende Recherche und außergewöhnliche Heldinnen auszeichnen. Martina Kempff lebte lange in Griechenland, später in Amsterdam. Acht Jahre verbrachte sie in der Eifel, was sie zu einer einfallsreichen Krimiserie inspirierte. Heute lebt sie im Bergischen Land.
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2
Aufbruch
Sie erwachte mit einem Ruck, als sie ihren Namen hörte. Die Männerstimme, die ihn ausgesprochen hatte, redete erregt in der vertrauten fränkischen Mundart ihres Vaters weiter: »Ihr seid also jetzt mit meinem Haus verwandt, Frau Berta! Übertragt den Haß gegen meinen Vater nicht auf mich, seinen Nachfolger als Hausmeier hier in Austrien, und es wird Euer Schade nicht sein.«
Bertrada öffnete die Augen einen Spalt, schloß sie aber sogleich wieder, denn das Licht schmerzte. Es drang durch ein kleines Fenster unter der Zimmerdecke und flutete unmittelbar auf das Kopfende ihres Lagers. Zu lange hatten Haare, Schmutz, die schwarze Farbe von getrocknetem Fledermausblut, Kohle und Holunder um ihre Lider sowie das Blätterwerk des Waldes die Helligkeit von ihr ferngehalten. Aber der kurze Augenblick hatte genügt, um zwei Menschen an der Tür auszumachen, einen dunkel gekleideten Mann mit wirren schwarzen Haaren und eine magere Frau mit hoher Haube. Es mußte bereits Mittag sein, wenn die Sonne schon so hoch stand.
»Drohungen, lieber Verwandter, bewirken bei mir eher das Gegenteil«, vernahm sie die kalte Stimme ihrer Großmutter. »Ich lehne Euch allein deshalb nicht ab, weil Eure Erziehung im Kloster zu Echternach uns in Prüm zu mehr Hoffnungen berechtigt als die Eures Bruders bei den Langobarden oder in der liederlichen Umgebung Neustriens.«
»Eure Enkelin ist jetzt mit meinem Bruder verheiratet, also wird er zu gegebener Zeit Eure austrischen Gebiete in Besitz nehmen«, gab der Mann zu bedenken.
»Da mit meinem Ableben vorerst nicht zu rechnen ist, so Gott will…«, ihre Stimme klang, als hätte Gott keine andere Wahl, als sich ihrem Willen zu beugen, »…werde ich, Herr Karlmann, mich nicht mit Mutmaßungen darüber aufhalten, was Bertradas Ehemann Pippin irgendwann einmal mit meinen Besitztümern zu tun gedenkt.«
Bertradas Ehemann? Die junge Frau im Bett stieß einen kleinen Laut aus. Schritte näherten sich dem Lager, eine kühle trockene Hand legte sich auf ihre Stirn. Bertrada hielt die Augen geschlossen. Sie wollte mehr hören. Herr Karlmann? Der Bruder Pippins? Wie konnte Pippin verheiratet sein, da seine Braut doch verschwunden war? Ich bin die, von der ihr sprecht, und ich habe niemanden geheiratet! Sie öffnete den Mund und gleich danach die Augen, als ihr ein von Kräutersud durchtränkter Lappen auf die Lippen gelegt wurde.
»Wie geht es dir, Flora von Ungarn?« Frau Berta hatte ins Lateinische übergewechselt. Sie saß jetzt auf einer Bank neben dem Bett und ließ das Tuch in eine Schüssel neben sich fallen.
Bertrada antwortete nicht. Sie starrte gebannt auf den Mann, der sich ebenfalls dem Bett genähert hatte.
Hätte er bei einem Ausritt in Laon ihren Weg gekreuzt, wäre sie zu Tode erschrocken und hätte wohl angenommen, den Leibhaftigen vor sich zu sehen. Doch seitdem waren Äonen vergangen. Ihr Blick hatte in der Zwischenzeit weit Schlimmeres ertragen müssen als ein vom Wetter gegerbtes scharfgeschnittenes Gesicht, dessen linke Hälfte durch eine flammendrote Narbe verunstaltet war, die sogar eine Schneise durch den krausen bläulichschwarzen Bart geschlagen hatte. Aus ihrer Perspektive konnte Bertrada unter dem Gestrüpp buschiger Brauen dunkelbraune Augen erkennen. Diese musterten sie gründlich und schienen dabei sogar freundlich zu lächeln. Das nahm dem Gesicht sofort den furchterregenden Ausdruck. Bertrada lächelte schwach zurück.
»Becher und Krug«, befahl Frau Berta, als wäre Karlmann ein Gehilfe. Er trat an einen grobgezimmerten Holztisch, ergriff einen Becher und starrte auf die beiden kleinen Krüge, die dort in tönernen Wasserschüsseln kühl gehalten wurden.
»Erst Bier, dann Met«, ordnete Frau Berta an und half Bertrada, sich aufzusetzen. Etwas Weiches fiel ihr ins Gesicht. Als sie danach griff, erkannte Bertrada, daß sich die spröden verklebten Strähnen wieder in ein sanftes Vlies verwandelt hatten. Es war unglaublich! Sie faßte rasch nach, fuhr sich durch die Haare, schüttelte den Kopf, daß die Locken flogen, und wickelte rasend schnell eine Strähne nach der anderen um die Finger, als verbündete sie sich mit jedem einzelnen Haar.
»Sie ist von Sinnen«, bemerkte Karlmann.
Bertrada hielt inne und starrte ihn böse an.
»Gut. Sie versteht unsere Sprache«, bemerkte Frau Berta befriedigt und hielt ihr den Becher hin. »Schaut sie Euch genau an. Sie ist mit Sicherheit von edler Herkunft. Erkennt Ihr sie?«
Bertrada mied seinen Blick.
»Nein«, sagte Karlmann. »Aus Austrien ist sie nicht.«
»Aus Ungarn aber auch nicht. Wie heißt dein Vater, Flora?«
Bertrada nahm einen tiefen Schluck und schloß die Augen.
»Was werdet Ihr mit ihr machen?« fragte Karlmann.
»Ich werde sie nach Mürlenbach mitnehmen. Wenn sie lesen und schreiben kann, wird sie bei mir ein Auskommen haben. Ich habe dringende Korrespondenz zu erledigen.«
»Zum Beispiel an meinen Bruder«, sagte Karlmann. »Ihr könnt ihm in einem einzigen Brief zum Tod unseres Vaters kondolieren, zur Hochzeit gratulieren, Erfolg bei der Verwaltung Neustriens wünschen und sich seine Einmischung in unsere austrischen Angelegenheiten verbitten.«
»Willst du bei mir bleiben, Flora?« fragte Frau Berta, als hätte sie Karlmann nicht gehört.
Bertrada öffnete die Augen und nickte.
»Schön!« erklärte Frau Berta. »Dann soll dich die Magd jetzt weiter versorgen. Ich schaue später wieder nach dir.« Sie erhob sich von der Bank. »Und Ihr, Herr Karlmann, erzählt mir jetzt alles über die prächtige Hochzeit meiner Enkelin.«
Zu Bertradas Bedauern schloß sich die Tür hinter dem Paar. Eine Magd huschte ins Zimmer. Bertrada senkte die Lider und widerstand der Versuchung, sich noch einmal durch ihr Haar zu fahren. Sie mußte nachdenken, und dabei war nichts hinderlicher als eine geschwätzige Dienstbotin. Eine Dienstbotin wie Mima, die Mutter von Leutberga.
Sie hat es wirklich getan! Leutberga hat mir mein Leben weggenommen! Sie ist tatsächlich als Bertrada von Laon in Saint Denis eingezogen und hat Pippin an meiner Stelle geheiratet! Die Tochter meiner Amme ist jetzt Gemahlin des Hausmeiers! Glaubt sie wirklich, daß sie sich auf Dauer für mich ausgeben kann? Wir sehen uns zwar sehr ähnlich, doch der Betrug wird spätestens dann ans Licht kommen, wenn sie meinen Eltern begegnet oder anderen Menschen, die mich sehr gut kennen! Oder wenn sie sich durch eine Dummheit selbst verrät. Was wird dann geschehen? Wird man wieder nach mir suchen? Ob Leutberga jetzt wohl meine Schuhe anziehen wird? Dann muß sie in jeden davon Wolle hineinstecken, in den linken etwas mehr als in den rechten. Warum hat mich die Großmutter nicht auf meinen Fuß angesprochen? Es wird ja nicht allzu viele Frauen mit ungleichen Füßen geben. Wahrscheinlich hat Vater seiner Mutter nie davon erzählt. Ich glaube, er mag sie nicht und hat ihr ohnehin nicht viel mitgeteilt. Außerdem hat er immer großen Wert darauf gelegt, daß ich dies vor aller Welt verberge. Aber jetzt schäme ich mich nicht mehr wegen meines größeren linken Fußes, glaube nicht mehr, daß mich Gott damit strafen will. Die Muhme hat mich eines anderen belehrt. Die Muhme …
Tränen stiegen Bertrada in die Augen, als sie an die Alte dachte, der sie ihr Leben verdankte. Dabei hatte sie sterben wollen und es sich ganz einfach vorgestellt: sie würde am Bach liegenbleiben und irgendwann tot sein.
Doch als sie raschelndes Laub und das Knacken trockener Äste hörte, setzte sie sich auf, zog die Knie an den Leib und schaute angstvoll um sich. Sie dachte an den Wilddieb, der auf Anordnung ihres Vaters dem hungrigen Bären im Käfig des Schloßkellers vorgeworfen worden war. Sie selbst hatte sich das Schauspiel nicht angesehen, aber Leutberga hatte ihr mit behaglichem Gruseln berichtet, es seien noch Schreie aus einem Blutklumpen gekommen, der schon gar nichts Menschliches mehr an sich hatte. Bertrada wollte nicht bei lebendigem Leib von einem wilden Tier zerfleischt werden, nicht spüren, wie ihr die Glieder abgerissen wurden, nicht qualvoll verrecken, sondern sanft in die andere Welt hinübergleiten. Sie begann laut zu beten. Gott, der ihren nächtlichen Schlaf behütete, sollte sie gnädig der ewigen Ruhe zuführen!
Heiseres Husten drang an ihre Ohren. Kühe konnten wie Menschen keuchen, Bären vielleicht auch? Bertrada kniff wieder die Augen zusammen. Sie hatte nichts, um sich zu wehren, und ergab sich in ihr Schicksal. Doch selbst ein abgerichteter Bär würde kein erschüttertes »Gott behüte!« ausstoßen können, und so hob sie langsam wieder die Lider. Vor ihr stand eine gebeugte Gestalt in einem lehmfarbenen Umhang. Erst bei den nächsten Worten erkannte Bertrada, daß zwischen Nase und Kinn eine Öffnung klaffte, rot und zahnlos.
»Was ist dir geschehen, Kind, wo sind deine Kleider?«
Eine Hexe, dachte Bertrada mit leichtem Unbehagen, das aber nach den Sekunden der Todesangst fast wohltuend war. Vielleicht war dies sogar die alte Frau, die ihrem Vater begegnet war. Aber nein, eine Hexe würde nie Gott anrufen. Andererseits wüßte eine Hexe von Mitteln, einen schnellen und schmerzlosen Tod herbeizuführen. Bertrada bedauerte, aus den botanischen Lektionen ihrer Mutter nur noch den Satz »Alles zum Leben und Sterben schenkt der Wald« im Kopf zu haben. Von allem zu wissen war zu wenig, wenn man etwas ganz Bestimmtes brauchte.
»Geraubt«, murmelte sie. »Alles geraubt.«
Die Alte steckte ihren Stock in die Erde, hielt sich daran fest und ging mühsam in die Hocke. Ihr Blick blieb auf Bertradas blutbeschmierten Beinen hängen.
»Wer hat dir das angetan?« fragte sie hart.
»Ein Edelmann«, presste Bertrada hervor.
Die rotgeränderten...




