E-Book, Deutsch, Band 2, 210 Seiten
Reihe: Schmerzflimmern
Kemper Schmerzflimmern Vol. 2
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-00-081091-6
Verlag: INTRONAUTEN
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 210 Seiten
Reihe: Schmerzflimmern
ISBN: 978-3-00-081091-6
Verlag: INTRONAUTEN
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Ende ist nah! Was wie das müde Mantra eines Weltuntergangstheoretikers klingt, ist für Gregor tägliche Routine: Bei bloßer Berührung muss er dem Tod eines Menschen in einer detaillierten Vision beiwohnen. Um dem Ursprung dieser Bürde auf den Grund zu gehen, begibt er sich auf die Suche nach seinem leiblichen Vater. Als unterdessen die Stadt von einem mysteriösen Anschlag heimgesucht wird, geht zunächst niemand von einem Zusammenhang aus. Zumindest nicht, bis Gregor selbst ins Fadenkreuz der Terroristen gerät... Ein cineastischer Zeitreise-Thriller Mit Schmerzflimmern Vol. 2 folgt Autor Marc Kemper seiner mit bissigem Galgenhumor ausgestatteten Hauptfigur auf einen Road Trip, der brennende Fragen beantwortet und sich zu einer Zerreißprobe auf mehreren Zeitebenen zuspitzt.
Marc Kemper, im Sommer 1990 im Ruhrgebiet geboren, ist ein Autor mit einer ganz bestimmten Mission: die verquere Phantastik in neuem Gewand zurück in die deutsche Gegenwartsliteratur zu bringen. Mit Vorbildern wie Chuck Palahniuk, Henry Rollins und Franz Kafka vermischt er nachdenkliche, melancholische Geschichten mit dem amüsanten Horror der Fiktion. Zeuge dieser verqueren Mixtur wird man aktuell in Kempers Romanreihe »Schmerzflimmern«, in der ein introvertierter Held durch die Zeit reist und an jeder Ecke dem Tod in die Augen sieht.
Autoren/Hrsg.
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2.
They're all dead. They just don't know it yet.
Es klingelte an der Tür. Mein Verstand befand sich noch in dieser seltsamen Stasis, die über einem lag, wenn man geweckt wurde, lange bevor der Körper ausgeschlafen hatte. Ich hatte fast die ganze Nacht über wach gelegen und die Decke angestarrt. Zahnräder ratterten in meinem Kopf und spielten hunderte von Eventualitäten durch, die erklären könnten, wie alles, was in diesem Brief stand, überhaupt wahr gewesen sein könnte. Ich war wütend und traurig, enttäuscht und geschockt. Ein kleiner Teil von mir war sogar irgendwie glücklich und voller Hoffnung, auch wenn ich mir das selbst nicht eingestehen wollte. Ein weiteres Klingeln wurde mit einem lauten Summen aus dem Flur beantwortet. Elise war schon wach und öffnete gerade den Möbelpackern die Haustür. Ihre Seite des Bettes war schon kalt, woraus ich schlussfolgerte, dass sie schon eine Weile wach war, mich aber schlafen gelassen hatte. Sie war vom Inhalt des Briefes genauso überrascht worden. Ich fischte mit meiner unversehrten Hand nach meinem Handy, um die Uhrzeit in Erfahrung zu bringen. Das Display leuchtete auf und stach in meine Augen. Der integrierte Internetbrowser war noch geöffnet und zeigte eine Seite für Hobbyornithologen. Der seltsame Vogelmensch, hinter dem der Brief verborgen war, gehörte offenbar zur Familie der Ibisse. Schreitvögel, die man in subtropischen Klimazonen antraf. Natürlich wollte ich meine Neugier stillen und weiter recherchieren, musste nun jedoch meinen übermüdeten Arsch erheben und beim Umzug helfen. Es war eine gute Entscheidung gewesen, die Hilfe eines Umzugsunternehmens herangezogen zu haben. Elise war nach ihrer Herztransplantation angewiesen worden, sich nicht zu überanstrengen und ich war durch die schmerzende Bisswunde noch nutzloser, als ich es ohnehin schon war. Ich streifte also halbherzig meine Kleidung über und begrüßte die Umzugshelfer. Das Unternehmen schickte zwei korpulente Arbeitskräfte in dunkelblauen Latzhosen. Der ältere Mann hatte lichtes, fettiges, stark ergrautes Haar und eine markante Narbe unter seinem linken Auge. Ihm wäre ich definitiv nicht gern allein bei Nacht begegnet. Der andere hatte unzählige Piercings an jeder piercebaren Falte seiner Fratze und einen riesigen Bart, der wild in alle Richtungen wucherte. Es sah aus, als würde ihm Unkraut aus dem Kinn sprießen. Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr so voreingenommen zu sein, weshalb ich den Gedanken schnellstmöglich wieder aus meinem sowieso bereits viel zu beschäftigten Kopf verdrängte. Der jüngere, durch Metall modifizierte Kerl, blickte kurz auf meinen Verband und streckte mir als Ersatz, die linke Hand entgegen. »Ey, ich fasse es nicht! Du bist doch dieser krasse Rambo aus den News, oder?«, fragte er unverblümt. Nicht wissend, warum ich Körperkontakt mied, erwartete der stämmig gebaute Hüne, dass ich die in der Luft schwebende Flosse entgegennahm und schüttelte. Da mir nichts anderes übrig blieb, als höflich die Geste zu erwidern, machte ich mich darauf gefasst, seine Hand zu fassen. »Ach, nun ja. Die haben das Ganze natürlich ein bisschen übertrieben. Für die Quoten und so.« Unzählige Male schon hatte ich das einsetzende Dröhnen, das Schwindelgefühl und den stechenden Schmerz ausgehalten. Davor gab es kein Entrinnen. Alles, was mir bei so unausweichlichen Gepflogenheiten blieb, war auf einen schnellen, vegetarischen Tod zu hoffen. Vegetarischer Tod. So nannte ich die Todesursachen, bei der keine Körperteile verloren gingen. Viel zu oft hatte ich schon Unfälle in der Gartenlaube, auf der Baustelle, oder an einer Werkbank gesehen, im Rahmen derer sich übermäßig enthusiastische Hobbyhandwerker aus Versehen tödliche Verletzungen zugezogen hatten. Speziell bei Kreissägen spritzte es immer ganz besonders. Das waren keine vegetarischen Wege, abzudanken. Die Zeit verlangsamte sich weiter und weiter, bis sie schlussendlich komplett zum Stehen kam und alle um mich stehenden Menschen und Tiere in ihren Bewegungen erstarrten. Das sah meist reichlich lächerlich aus. Ein schwacher Trost. Auch das Licht, welches den Wohnungsflur erhellte, schien wie durch Zauberhand aus der Umgebung abgesaugt zu werden. Nur noch wenige Momente trennten mich von einem kurzen Blick in die Zukunft, der es mir erlauben würde, das Ableben eines Mitmenschen zu sehen. Ich hatte nie um diese Gabe gebeten und schon viel probiert, um sie loszuwerden. Versuche, die Herkunft dieser Visionen zu ergründen, hatten meist damit geendet, dass mich jeder, dem ich mich anvertraute, für verrückt hielt. Selbst meine Mutter war zwischenzeitlich an den vermeintlichen Panikattacken, die mich plagten, verzweifelt. Es hatte wehgetan, dabei zuzusehen, wie sie sich selbst die Schuld dafür gegeben hatte. Deshalb hatte ich mir früh geschworen, so zu tun, als wäre nie etwas gewesen. Auf diese Weise lernte ich die Unausweichlichkeit zu akzeptieren, die sich mir Tag ein, Tag aus bei jeder Berührung offenbarte. Der helle Schein, welcher urplötzlich zurückgekehrt war, blendete mich so sehr, dass ich meine zusammengepressten Augenlider zusätzlich mit den Händen verdecken musste. Erst nach und nach realisierte ich, dass ich mich nun im Freien befand. Genauer gesagt auf einer kleinen Lichtung in einem Wald. Das Vogelzwitschern und Rauschen der sich im Wind umher wiegenden Baumkronen machten dies unmissverständlich. Als sich meine Augen, die sich noch immer von den Phantombildern meiner Wohnung erholten, endlich an die grell erleuchtete Natur gewöhnt hatten, sah ich mich um. In der Wildnis ließ sich in der Regel nur schwer ein Hinweis darauf finden, wie weit es mich in die Zukunft verschlagen hatte. Wo genau auf der Welt ich mich befand, war ebenfalls unklar. Meine Kenntnisse über Naturkunde waren so limitiert, dass ich es maximal schaffte, die Bäume in der Umgebung als Tannen und Kiefern zu identifizieren. Es hätte also fast überall sein können. Immerhin schön zu sehen, dass es noch unberührte Natur gab. Unser heutiges Opfer war jedoch gerade dabei, genau dies zu ändern: Als ich mich umdrehte, rauschte ein gelber Hydraulikbagger an mir vorbei, in dem eine deutlich ältere Version des Mannes saß, der gerade noch meinen Hausrat schleppen sollte. Die Piercings hatte er zwar nicht mehr im Gesicht, dafür war er noch genauso fett wie zu der Zeit, als er in meiner Wohnung stand. Am Ende der Lichtung, zirka 200 Meter vor mir, warteten zwei weitere dieser Maschinen, die bereits fleißig eine Reihe Nadelbäume zersägten und entwurzelten. Die Äste und Nadeln der blaugrünen Bäume flogen wild in alle Richtungen, während die Krallen der Bagger die gefällten Bäume mit Leichtigkeit verarbeiteten und stapelten. Das Ganze geschah, sicherlich um den erzeugten Schaden an der Natur noch weiter zu maximieren, unter unerträglichem Lärm. Hier starb also nicht nur ein Mensch, sondern auch ein ganzes Biotop. Keiner der Arbeiter trug, abgesehen von vereinzelten Schutzbrillen, besondere Schutzkleidung oder gar Sicherheitshelme. Die motorisierten Sägen schienen ohne erkennbaren Widerstand durch die Baumstämme zu gleiten, als wären sie Messer in der Margarine. Je näher ich der Szenerie kam, desto nachvollziehbarer wurde es für mich, dass man hier nur all zu leicht ums Leben kommen könnte. Eine der Maschinen surrte erschreckend nah an meinem Kopf vorbei. Zwar wusste ich ganz genau, dass mir in diesen Visionen kein körperlicher Schaden entstehen konnte, war aber trotzdem nicht in der Lage, mir manche dieser Reflexe abzugewöhnen. Die Männer bedienten diese alten Maschinen so routiniert, dass sie bei einem Unfall gar nicht realisieren würden, dass etwas Außerplanmäßiges geschah. Genau diese Vermutung sollte sich kurz darauf bewahrheiten, als Rauch vom Motor einer der Bagger aufstieg. Unser bärtiger Hauptdarsteller bemerkte dies und rief seinem Kollegen eine Warnung zu. Das Rufen und wilde Gestikulieren wurde durch den Lärm und Staub natürlich komplett verschluckt, was die gut gemeinte Hilfe auf engagierte, aber ultimativ schlecht improvisierte Pantomime reduzierte. Sofort brach ein helles Feuer im Hydraulikbagger aus, welches im Bruchteil einer Sekunde auf die Fahrerkabine übergriff. Am Steuer saß ein alter Greis, der in diesem Moment vermutlich bereute, nicht längst seine überfällige Pension angetreten zu haben. Unser Pantomime war indes herbeigeeilt, um den Mann aus dem lichterloh brennenden Bagger zu ziehen. Soweit kam es jedoch nicht, da der brennende Opa versehentlich genau den Hebel aktivierte, der einen frisch gefällten Nadelbaum auf unseren Möbelpacker fallen ließ. Meine Kleidung war vollkommen verdreckt von Sägemehl und Nadeln, die nach wie vor aus allen Himmelsrichtungen durch die Luft geschossen kamen. Ich klopfte mir den gröbsten Staub von der Jogginghose und begutachtete die Unfallstelle. Der Anblick war wirklich nichts für schwache Mägen, weshalb sich andere Hilfsarbeiter, die ebenfalls zur Rettung eilten, nicht trauten, dem Unfallopfer zu nahe zu kommen. Der Baumstamm begrub den armen Typen so...




