E-Book, Deutsch, Band 2, 288 Seiten
Reihe: Lichterloh
Kempen Lichterloh - Funken in der Luft
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7348-0438-0
Verlag: Magellan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2 der dystopischen Young-Adult Trilogie ab 14 Jahren - Schmuckausgabe mit außergewöhnlicher Klappenbroschurbindung
E-Book, Deutsch, Band 2, 288 Seiten
Reihe: Lichterloh
ISBN: 978-3-7348-0438-0
Verlag: Magellan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah M. Kempen schreibt Geschichten für Kinder und Jugendliche und die, die es noch werden wollen. Neben Romanen verfasst sie auch Drehbücher für Animationsserien und Kinofilme. Für 'Lichterloh' erhielt sie 2022 den Literaturpreis der Hamburger Kulturbehörde sowie das Stipendium des Phantastik-Autoren-Netzwerks in der Kategorie 'Kinder- und Jugendbuch'. Sie lebt mit vielen Knöpfen und noch mehr Strickjacken im Süden Hamburgs.
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1
Die Kohle klapperte die metallenen Rutschen entlang, die sich immer weiter verzweigten, bis sie bei den Häusern ihr endgültiges Ziel erreichten, was sie mit einem mehrstimmigen, melodischen Klingeln verkündeten. Blitzschnell öffneten sich die Türen und Fenster und die Menschen holten die Kohleeimer herein, wie bei einem perfekt funktionierenden Uhrwerk.
Cleo beobachtete das Schauspiel mit Staunen, sicher, dass sie davon nie genug bekommen würde. Es war wie Musik, eine frühmorgendliche Symphonie, mit der das Leben der Menschen begann. Ein neuer Tag, voll neuer Hoffnung und neuer Kohle, mit dem sie ihn bestreiten konnten.
Bis vor wenigen Wochen noch hatte Cleo diesen Vorgang nur bei sich zuhause vorm Fenster verfolgt. Doch die Arbeit als Schornsteinfegerin begann in aller Frühe und das Rattern der Kohlerutsche war ihr Signal loszulegen.
Willa Feuerstatt grinste sie auffordernd an. »Bereit?«
Cleo setzte sich ihren Zylinder auf und nickte. Gemeinsam liefen sie die Stufen vom Wachturm hinab, der das Kupferviertel überblickte. Hier verbrachten sie außerhalb der Rundgänge ihre Zeit, hielten Ausschau nach Brandherden und waren für die Menschen des Viertels erreichbar. Sie folgten bei ihren Kontrollen einem strikten Plan, eine Straße pro Tag, der sie ihre ganze Aufmerksamkeit schenkten, und dann wieder von vorne. In wenigen Wochen hatte Cleo alles über das Viertel, seine Bewohner, deren Eigenheiten und ihre Häuser gelernt. Familie Kufenschmal, Mitglieder der Straßenbaugilde, mit ihren fünf Kindern, verfügte über gleich zwei Waschtrommeln, um immer genug saubere Wäsche zu haben, und Herr Pinselstrich, genialer, aber verschrobener Künstler, dessen Gemälde in den Häusern der Industriellen hingen, besaß ein Musikabspielgerät, das vor Jahren längst den Geist hätte aufgeben müssen, aber immer noch einwandfrei funktionierte.
Das Kupferviertel hatte früher Konradin Glanzruß unterstanden, der den Leuten eiserne Konsequenzen aufgebrummt hatte für Probleme, die oftmals durch seine eigene Nachlässigkeit aufgetreten waren. Doch seit er seine Stellung als Schornsteinfeger bei Cleos Abschlussprüfung vor zwei Monaten verloren hatte, war die Herrschaft über das Viertel an Willa Feuerstatt übergegangen, die ihn zuvor als untergebene Schornsteinfegerin unterstützt hatte. Eine große Ehre, hatte Willa selbst doch ihre Ausbildung erst vor zwei Jahren beendet. Seither waren die Kamine und Schornsteine gepflegter, die Maschinen gefahrenfreier nutzbar und die Menschen Willa sogar wohlgesonnen. Auch heute winkten sie freundlich lächelnd aus ihren Häusern, als sie vorbeigingen. Eine Aufmerksamkeit, die jedoch nicht nur der älteren Schornsteinfegerin galt, sondern auch Cleo. Die Menschen riefen genauso oft ihren Namen zum Gruß wie den von Willa.
Schornsteinfeger, die über ein Viertel verfügten, durften sich einen oder mehrere Lehrlinge des letzten Jahrgangs aussuchen, die sie im Viertel begleiteten. Cleo hatte erwartet, dass keiner der Schornsteinfeger sich freiwillig melden würde, sie aufzunehmen. Dafür hatte sie für zu viel Aufruhr gesorgt und zu viel Ärger gemacht. Doch einen Tag nach der Prüfung hatte Willa vor der Tür des Signalturms gestanden, in dem Cleo lebte, und fröhlich erklärt, dass Cleo sie ab sofort begleiten würde. Allerdings hatte sie auch einen bitteren Preis dafür zahlen müssen, denn alle anderen Schornsteinfeger des Kupferviertels hatten sofort um eine Versetzung gebeten, sodass jetzt nur noch sie beide für dieses riesige Viertel zuständig waren. Cleo rechnete es Willa hoch an, dass sie ihr trotzdem treu geblieben war.
Heute führte der Weg sie in eine etwas niedriger gelegenere Gasse, die nicht mehr gänzlich der Ästhetik der sonstigen so gehobenen, kupfergefertigten Häuser entsprach. Nur noch einige Bauteile bestanden aus diesem Material und waren sonst aus simpleren Metallen und Holz gefertigt. Dennoch waren die Gebäude lange nicht so heruntergekommen wie die in der Schuttgasse, die Cleo von hier aus sehen konnte. Immer noch überfiel sie ein leichter Schauer bei dem Anblick. Dort hatte alles angefangen. Dort hatte sie am Tag der Schornsteinfegerparade verbotenerweise einen Hausbrand eingedämmt. Dort hatte Konradin Glanzruß sie vor den Augen der Leute weggezerrt und schließlich zum Brandrat geführt. Und von dort hatte sich ein Aufruhr gebildet, der bis auf den Schlotplatz gezogen war, was schließlich dazu geführt hatte, dass Cleo zur Schornsteinfegerin ernannt worden war.
Willa blieb vor dem letzten Haus der Straße stehen und klopfte an die Tür. Eine Frau, Undine, wie Cleo wusste, öffnete ihnen die Tür und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
»Meisterin Feuerstatt, Meisterin Lichterloh. Willkommen, kommen Sie doch herein.«
In der Stube saß ein kleiner Junge auf dem Boden und spielte mit Holzfiguren, auf dem Tisch lag ein Berg an Spielzeugen.
»Ich bessere sie aus für die Nachbarn, wenn sie kaputtgegangen sind«, erklärte Undine, als sie eintraten. »Als Nebenverdienst, während mein Thoma in der Bäckereifabrik arbeitet.« Sie zwinkerte Cleo zu. »Ein wenig, wie du die Maschinen immer repariert hast. Äh, ich meine natürlich ›Sie‹«, verbesserte sie sich schnell. »Verzeihung, Meisterin Lichterloh.« Sie lächelte Cleo entschuldigend an.
Cleo lächelte zurück und versuchte, nicht zu zeigen, wie unangenehm ihr das war. Es war noch immer seltsam, mit wie viel Respekt die Menschen ihr jetzt begegneten, hatte sie doch vor einem Jahr noch verbotenerweise an Maschinen geschraubt, damit die Schornsteinfeger keinen Grund hatten, sie zu konfiszieren. Sie begutachtete die Puppen auf dem Tisch und nahm eine der Marionetten in die Hand, welche Undine schon bearbeitet hatte, überprüfte die Gelenke und Verbindungsstücke. Die Frau hatte neue Fäden eingesetzt, die Farbe nachgemalt und die Beine wieder befestigt. Cleo erkannte sofort, wo Ausbesserungen vorgenommen worden waren, aber ein ungeschultes Auge würde keinen Unterschied sehen. Sie bemerkte Undines unsicheren Blick und legte die Puppe schnell wieder zurück. »Entschuldigung, Gewohnheit«, murmelte sie. »Das ist sehr gute Arbeit.« Sie runzelte die Stirn. »Aber Sie sind doch nicht in der Spielzeuggilde, oder?« Cleo wusste, dass Thoma den Nachnamen Hefequell trug, aber soweit sie wusste, hatte Undine nur ihren Vornamen, wie alle Menschen, die zu keiner Gilde gehörten.
Undine zögerte. »Das ist doch kein Problem, oder? Dass ich die Sachen trotzdem repariere?«
Lächelnd schüttelte Willa den Kopf. »Keine Sorge. Aber vielleicht sollten Sie sich um einen Platz dort bemühen. Passiert nicht oft, dass Meisterin Lichterloh eine handwerkliche Arbeit lobt.«
»Das ist doch gar nicht wahr!«, protestierte Cleo, doch Willa schmunzelte.
»Du bist schon erstaunlich pingelig.«
Cleo verschränkte die Arme. So eine Frechheit.
Nachdem Undine sich geschmeichelt bedankt hatte, begannen sie mit der Arbeit. Während Willa Schornstein und Kamin fegte, machte Cleo sich an das Überprüfen der Maschinen. Ein paar Lampen, ein Wassererhitzer, sogar einen Brotröster besaß die Familie, was wohl nur natürlich für jemanden aus der Bäckergilde war. Genau dieser machte Cleo jedoch Sorgen. Die Heizdrähte hatten ihre besten Tage hinter sich und stanken nach nur kurzer Benutzung nach Rauch. »Was meinst du?«, fragte sie an Willa gewandt, die beim Kamin stand.
Die Schornsteinfegerin sah sie unter der Krempe ihres Zylinders schelmisch an. »Du weißt doch, was zu tun ist.«
Cleo grinste und zog ihren Schraubenzieher aus der Halterung an ihrer Kluft. Wenig später war der Brotröster wieder einsatzbereit und die beiden Schornsteinfegerinnen verließen beschwingt das Haus.
Willa knuffte ihr in die Seite. »Du bist so praktisch, Maschinenflüsterin. Ich muss gar nichts mehr reparieren.«
Cleo schnaubte. »Ein Schelm, wer denken würde, dass du dich nur davor drücken willst.«
Willa winkte ab. »Jede von uns hat andere Fähigkeiten und diese Rumfummelei an Winzigkeiten ist nicht meins, da macht meine Geduld nicht mit.« Willa sagte es scherzhaft, dennoch zuckte ein flaues Gefühl durch Cleos Magen. Nur Schornsteinfegern war es erlaubt, Maschinen zu reparieren, genau wie auch nur auf ihre Anweisung hin Brände gelöscht werden durften. Wenn die wenigen, die Geräte instand setzen durften, so schlechte Mechaniker waren, sorgte das nicht nur für viele fehlerhafte Geräte und Menschen, die sich beim Reparieren strafbar machten – sondern auch für unnötige Konfiszierungen. Alles andere als gerecht.
Langsam, aber stetig arbeiteten Cleo und Willa sich durch die Straße. Es wurde schon Abend und sie reinigten gerade den Schornstein eines niedrigen Hauses, als Cleo der Duft von frischem Brot in die Nase stieg. Ein Mann, den sie als Thoma Hefequell erkannte, und eine Frau schlenderten die Gasse entlang, in der typischen Arbeitskleidung der Bäckereifabrik. Teig klebte daran und ihre Gesichter und Hände waren mehlig.
»Diese Doppelschichten rauben mir echt die Kraft«, murrte die Frau mit finsterem Blick und streckte sich. »Nur, damit die Industriellen jeden Tag ihre Abertausenden Backwaren haben, die eh am Abend weggeschmissen werden. Wenn es nach mir ginge, würde man längst mal etwas gegen diese Schnösel da oben unternehmen.«
Thoma senkte seine Stimme. »Glaub mir, das wird man auch. Seit dieses Silberdreh-Mädchen Schornsteinfegerin ist …«
In diesem Moment steckte Willa hustend den Kopf aus dem Schlot. »Der war rußiger als gedacht!«
Die beiden Bäckereiarbeiter wirbelten herum, Schreck in ihren...