Kemelman | Am Samstag aß der Rabbi nichts | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Durch die Woche mit Rabbi Small

Kemelman Am Samstag aß der Rabbi nichts

Kriminalroman. Durch die Woche mit Rabbi Small (Der zweite Fall)
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30909-8
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman. Durch die Woche mit Rabbi Small (Der zweite Fall)

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Durch die Woche mit Rabbi Small

ISBN: 978-3-293-30909-8
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf Rabbi David Small lastet ein schlimmer Verdacht: Hat er den jüdischen Friedhof entweiht, indem er dort einen Selbstmörder begrub? Der Rabbi und Amateurdetektiv ermittelt auf eigene Faust und findet heraus, dass der Mann ermordet wurde. Doch damit steckt er plötzlich in noch viel größeren Schwierigkeiten als zuvor. Der zweite Fall für Rabbi David Small, den kurzsichtigen, unsportlichen, aber überaus scharfsinnigen Schriftgelehrten, der nie um eine treffende Sentenz aus dem Talmud verlegen ist.

Harry Kemelman, geboren 1908 in Boston, wuchs als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in den USA auf. Er lehrte englische Literatur am Boston State College. Großen Erfolg feierte er mit seinen Romanen um den Rabbi und Amateurdetektiv David Small und erhielt unter anderem den Edgar Allan Poe Award. Er starb 1996 in Marblehead, Massachussets.
Kemelman Am Samstag aß der Rabbi nichts jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


4 


Für die Alteingesessenen von Barnard’s Crossing war der ausgedehnte Besitz der Goralskys immer noch die Northcliffe-Villa. Vor drei Jahren war das Anliegen in die Hände der Goralskys übergegangen, und Myron Landis, der Makler, der das Geschäft zustande gebracht hatte, wurde nie müde, davon zu berichten: »Also, auf die Annonce melden sich zwei Männer, ja – ein Greis mit einem Bart und sein Sohn, auch schon so um die fünfzig. Der Alte sagt: ›Sind Sie der Agent für Northcliffe?‹ Und das mit einem Akzent, dass man ihn kaum versteht. ›Ja, Sir‹, sag ich. Da fragt er: ›Wie viel kostet das Grundstück?‹ ›Hundertundzwanzigtausend‹, sag ich. Er nickt seinem Sohn zu, und die beiden verziehen sich in eine Ecke und diskutieren hin und her. Ich hab kein Wort verstanden – sie sprachen nicht auf Englisch. Dann stellt der Junge einen Scheck aus und gibt ihn dem Alten zur Unterschrift. Der Alte nimmt die Brille ab, setzt eine andere auf und liest den Scheck durch; dabei wackelt er immer so mit dem Kopf. Dann holt er einen altmodischen Füller raus, so einen, wo die Feder noch rausgeschraubt wird, ja, und malt sorgfältig seinen Namen hin. Schließlich gibt er mir den Scheck hin, und ich lese schwarz auf weiß: einhunderttausend Dollar, unterzeichnet von einem gewissen Moses Goralsky. Sag ich: ›Das sind aber nur hunderttausend. Der Preis ist hundertzwanzigtausend.‹ Natürlich ist es hirnverbrannt, so was zu sagen – kein Mensch kauft auf diese Weise, ohne das Grundstück überhaupt gesehen zu haben und ohne nach der Finanzierung zu fragen, nach Hypotheken und so. Ich hab so was noch nie erlebt. Na ja, und am Ende hat ers gekriegt – für die hunderttausend.«

Das große graue Herrschaftshaus war durch eine breite Rasenfläche von der Straße getrennt. Ein hohes Eisengitter umgab den Besitz. Die hintere Front des Hauses blickte aufs Meer, und als Rabbi Small und Miriam durch das Hauptportal fuhren, hörten sie die Brandung gegen den Damm schlagen und spürten die kühle Brise.

Der Wagen hielt vor dem Haustor. Der Fahrer sprang heraus und öffnete den Schlag. Im gleichen Moment trat Ben Goralsky zu ihnen, ein hochgewachsener, stämmiger Mann mit roten Wangen und dichten schwarzen Augenbrauen.

Er schüttelte dem Rabbi die Hand. »Danke, dass Sie gekommen sind. Ich hätte Sie selbst abgeholt, aber ich wollte Vater nicht allein lassen.« Er wandte sich an den Fahrer: »Sie können gehen, aber lassen Sie den Wagen hier. Ich fahre meine Gäste selbst zurück!« Dann wieder zu dem Rabbi: »Wissen Sie, wir haben dem ganzen Personal bis auf die Haushälterin heute Abend und morgen freigegeben. Vater will es so. Er meint, sie dürfen nicht arbeiten, weil sie zu unserem Haushalt gehören. Ich werde Sie aber selbst zur Synagoge fahren, keine Sorge – Sie werden rechtzeitig dort sein.«

»Wie gehts ihm?«, erkundigte sich der Rabbi.

»Nicht gut. Der Arzt war vor einer halben Stunde da – ein Professor aus Harvard. Soll eine Kapazität auf seinem Gebiet sein.«

»Ist Ihr Vater bei Bewusstsein?«

»Ja. Manchmal döst er ein wenig, aber sonst ist er immer bei vollem Bewusstsein.«

»Kam es ganz plötzlich? Ich habe ihn doch vor Kurzem noch in der Synagoge gesehen.«

»Stimmt – am Dienstagmorgen ging er noch zum minjen. Am Mittwoch fühlte er sich nicht so gut, und am Donnerstag bekam er Fieber und hustete. Als es heute nicht besser wurde, holte ich den Arzt. Er sagt, es ist eine Infektion. Und Sie wissen ja, in dem Alter kann aus der kleinsten Erkältung etwas Ernstes werden.« Er blieb in der pompös ausgestatteten Halle stehen. »Macht es Ihnen was aus, hier unten zu warten, Mrs Small?«

»Aber nein, Mr Goralsky. Ganz und gar nicht.«

»Hier hinauf, bitte.« Er führte den Rabbi über die breite Marmortreppe mit dem dicken roten Teppich.

»Wann hat er nach mir verlangt?«, wollte der Rabbi wissen.

»Eh, er hat eigentlich nicht nach Ihnen verlangt. Es war meine Idee«, murmelte Goralsky verlegen. »Wissen Sie, es ist, weil … Er will seine Medizin nicht schlucken.«

Der Rabbi blieb stehen und starrte ihn ungläubig an.

Auch Goralsky war stehen geblieben. »Sie verstehen mich nicht. Der Arzt hat gesagt, er muss alle vier Stunden seine Medizin einnehmen, auch während der Nacht. Wir sollen ihn sogar aufwecken. Aber er will sie nicht nehmen, die Medizin.«

»Und jetzt soll ich sie ihm einlöffeln?«

Goralsky bemühte sich, dem Rabbi die Sache klarzumachen. »Nein, das kann ich auch, aber … Er will nicht, weil Jom Kippur ist. Er will das Fasten nicht unterbrechen.«

»Weil Jom … Aber das ist doch Unsinn! Die Vorschrift gilt nicht für Kranke.«

»Ich weiß. Aber er hat einen harten Kopf. Darum dachte ich, Sie könnten ihn noch am ehesten überzeugen. Wenn Sie mit ihm reden, meine ich, wird er Sie vielleicht ernst nehmen.«

Der Rabbi schüttelte den Kopf; sie gingen weiter. Im ersten Stock stieß Goralsky eine Tür auf. »Hier, Rabbi.«

Als sie eintraten, erhob sich die Haushälterin, und Goralsky bedeutete ihr, draußen zu warten. Das Zimmer war ganz anders eingerichtet als die Räume, die der Rabbi gesehen hatte. Mitten im Raum stand ein breites, altmodisches Messingbett, in dem der Alte auf hochgetürmten Kissen lag. Ein wuchtiges, zerkratztes Eichenpult, über und über mit Papieren bedeckt, stand an der Wand, davor ein Mahagonidrehstuhl mit riesigem Lederpolster. Außerdem gab es noch zwei mit grünem Plüsch bezogene Stühle, von denen der Rabbi vermutete, dass sie einmal zur Esszimmereinrichtung der Goralskys gehört hatten.

»Der Rabbi kommt dich besuchen, Papa«, sagte Goralsky.

»Ich danke ihm«, antwortete der Greis. Er war klein; das wachsbleiche Gesicht verschwand zur Hälfte unter einem struppigen Bart. Die dunklen, eingesunkenen Augen glänzten fiebrig. Eine knochige Hand zupfte nervös an der Bettdecke.

»Wie geht es Ihnen, Mr Goralsky?«, fragte der Rabbi.

»Dem Nasser sollts gehn wie mir«, gab er zurück. Das Lächeln wirkte gezwungen.

Auch der Rabbi lächelte. »Warum wollen Sie Ihre Medizin nicht einnehmen?«

Der Greis schüttelte langsam den Kopf. »Am Jom Kippur faste ich, Rabbi.«

»Aber das Fastgebot gilt nicht für Medikamente. Es ist eine Ausnahme, ein besonderes Gesetz.«

»Ich versteh nichts von Sondergesetzen und Ausnahmen. Was ich weiß, hab ich von meinem Vater selig gelernt. Er war kein Gelehrter, aber in seinem Städtchen drüben in dem alten Land gab es keinen, der so beten konnte wie er. Er glaubte an Gott wie an einen Vater. Er stellte keine Fragen, und er machte keine Ausnahmen. Einmal, ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt, stand er zu Hause in der Stube beim Morgengebet. Da sind besoffene Bauern ins Haus gekommen. Sie wollten Streit. Sie schrien meinen Vater an, er solle ihnen Schnaps geben. Meine Mutter und ich, wir hatten Angst; aber mein Vater schaute sie nicht einmal an und ließ kein einziges Wort von seinem Gebet aus. Einer von den Kerlen wollte auf ihn losgehen, und meine Mutter fing an zu schreien, aber Vater betete unbeirrt weiter, bis es den Strolchen zu dumm wurde. Sie zerrten ihren Kameraden mit und gingen davon.« Der Sohn hatte die Geschichte offenbar schon oft gehört, denn er schnitt ungeduldige Grimassen, doch der Alte achtete nicht auf ihn und erzählte weiter. »Mein Vater hat sich abgerackert, aber für Essen und Kleider reichte es immer. Und bei mir wars genauso. Er hat mir eine gute Frau gegeben, und sie hat gelebt, bis ihre Jahre voll waren; und gute Söhne hat Er mir gegeben, und im hohen Alter Reichtum obendrein.«

»Halten Sie es für so was wie eine Unfallversicherung, wenn man betet, den Sabbat heiligt und am Jom Kippur fastet?«, fragte der Rabbi. »Gott hat Ihnen auch einen Verstand gegeben, Mr Goralsky, und ein Leben, für das Sie ihm verantwortlich sind.«

Der Alte zuckte die Achseln.

»Es steht ausdrücklich geschrieben, dass Kranke nicht fasten dürfen«, sagte der Rabbi eindringlich. »Es ist eine Grundregel unserer Religion.«

»Hören Sie, Rabbi: Ich bin ein alter Mann; seit mindestens fünfundsiebzig Jahren faste ich am Jom Kippur. Glauben Sie, dass ich jetzt plötzlich beginnen werde zu essen?«

»Medikamente sind kein Essen«, widersprach der Rabbi und fuhr ernst fort: »Sind Sie sich bewusst, Mr Goralsky, dass es als Selbstmord ausgelegt werden könnte, falls Sie, Gott behüte, sterben sollten, weil Sie Ihre Medizin verweigern?«

Der Alte lachte nur.

David Small fühlte, dass es dem Greis ein boshaftes Vergnügen bereitete, mit einem jungen Rabbi zu argumentieren; er musste lächeln, machte aber doch noch einen letzten Versuch. Er gab sich Mühe, finster und unheilvoll zu klingen: »Bedenken Sie, Mr Goralsky – ein Selbstmörder erhält kein rituelles Begräbnis. Man würde an Ihrem Grab keine Rede halten und keinen Kaddisch sagen. Genau genommen müsste man Sie sogar abseits beerdigen, am Rand des Friedhofs. Sie dürften nicht neben Ihrer Frau liegen, und es wäre eine Schande für Ihre Kinder und Enkel.«

Der Alte hob eine magere, blau geäderte Hand hoch. »Keine Sorge, Rabbi, ich werd schon nicht ausgerechnet heute Nacht sterben. Benjamin, ihr müsst jetzt gehen, sonst kommt ihr zu spät zu Kol Nidre.« Er schloss die Augen zum Zeichen, dass er...


Koralnik Rottenberg, Eva
Eva Rottenberg, später Koralnik, arbeitete als Übersetzerin und leitete viele Jahre die Literaturagentur Liepman in Zürich.

Kemelman, Harry
Harry Kemelman, geboren 1908 in Boston, wuchs als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in den USA auf. Er lehrte englische Literatur am Boston State College. Großen Erfolg feierte er mit seinen Romanen um den Rabbi und Amateurdetektiv David Small und erhielt unter anderem den Edgar Allan Poe Award. Er starb 1996 in Marblehead, Massachussets.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.