E-Book, Deutsch, 490 Seiten
Kemal Zorn des Meeres
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30796-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 490 Seiten
ISBN: 978-3-293-30796-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
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1
Die roh behauene Tür des Kaffeehauses wurde mit einem Fußtritt fast aus den Angeln gesprengt; noch bevor Zeynel, den Trommelrevolver in der Faust, auf der Schwelle erschien, fegte Lodos, der Südwind, der weit draußen das Meer aufwühlte, staubwirbelnd in die Gaststube. Einen Augenblick zauderte Zeynel, doch dann stellte er sich in aller Ruhe sperrig in den Türrahmen, richtete seine Waffe auf Ihsan und begann zu feuern. Wie versteinert blieben die Anwesenden auf ihren Stühlen hocken.
»O Mutter, ich bin verloren«, schrie Ihsan schrill. Sein zweites »Ich bin verloren« kam schon sehr leise, war kaum zu hören. Er glitt von seinem Stuhl zu Boden, ein Strom von Blut quoll in Stößen aus seinem Hals, versiegte dann plötzlich. Ihsans Aufschrei und der Sprung Selims des Fischers, der sich wie von der Sehne geschnellt aus der erstarrten Menge auf Zeynel stürzte, dessen Handgelenk umklammerte und sich der Waffe bemächtigte, waren eins. Den Revolver in der Hand, schaute Selim verstört einmal in die rauchende Mündung, dann wieder zu Zeynel, der immer noch dastand. Im nächsten Augenblick zuckten alle durch das Klatschen einer Ohrfeige zusammen, doch noch immer rührte sich keiner von der Stelle. Selim hatte die Waffe fallen lassen, mit der Linken Zeynel am Genick gepackt und schlug mit der Rechten auf ihn ein. Zeynel wiederum hatte seinen Kopf mit beiden Händen abgedeckt, und je länger der andere zuschlug, desto mehr krümmte er sich, duckte sich tiefer und tiefer, als gelte es, dem Tod zu entrinnen. Die Mündung seines Revolvers, der unter dem Herd der Teestube lag, rauchte nicht mehr, und Selim, mit Händen wie Vorschlaghämmer, schlug und schlug, bis er schließlich wie ein Blasebalg keuchend von Zeynel abließ. Dieser stand jetzt wie verloren neben dem Toten, ratlos, was er nun tun solle. Ihsan hatte sich im Fall auf die rechte Seite gerollt und lag mit geballten Fäusten und an den Bauch gezogenen Beinen in seinem Blut, das stellenweise im Lehmboden kleine Lachen gebildet hatte und bis an die Tür gesickert war. Auch der lange, blonde Schnurrbart des Toten war blutbefleckt. Und in den weit aufgerissenen, starren Augen zeichneten sich der maßlose Schrecken ab und die Angst vor dem drohenden Tod. Selim ging zu Ihsans Leichnam, betrachtete ihn, und während seine Augen nachdenklich auf ihm ruhten, bekam sein Gesicht nach und nach wieder Farbe. Wie von Angst gepackt drehte er sich plötzlich um, aber Zeynel stand noch immer unverändert da. Selim baute sich vor ihm auf, starrte ihn an, als gewahre er ihn zum ersten Mal, und fragte sich, wo dieser Mann wohl auf einmal hergekommen sei. Vielleicht konnte er wirklich nicht nachvollziehen, was da eben vor sich gegangen war. Er drehte sich wieder um, und als suche er irgendetwas, beugte er sich über den Toten, blickte ihm in die Augen und berührte ihn mit dem Zeigefinger. Doch ruckartig, als habe er eine Flamme berührt, zog er seine Hand wieder zurück. Als er sich danach aufrichtete, stand er Aug in Aug Zeynel gegenüber.
Mit einem lauten »Haktuuu!« spuckte Selim den reglosen Zeynel an, einmal, zweimal, dreimal mit solcher Kraft, dass die Spucke in dessen Gesicht wie der Hieb einer Peitsche aufklatschte.
Wie ein Betrunkener schwankte Selim zur Tür hinaus, mit hängenden Armen, den Strand entlang bis zur Anlegebrücke, kehrte von dort zum Kaffeehaus zurück, verharrte gedankenversunken vor der Tür, linste wie auf der Suche nach jemandem in die Gaststube, machte sofort wieder kehrt und schlug am »Kasino zur Möwe« entlang den Weg zum Strand von Florya ein. Baumhoch türmte der aus Südwest stürmende Lodos die Gischt über die Küstenstraße, wo sie klatschend auf den Asphalt niederging.
Kurz nachdem Selim gegangen war, richtete sich Zeynel wie aus tiefem Schlaf erwachend aus seiner gebückten Haltung auf, schaute in die Runde, stieg, ohne ihn anzusehen, über den daliegenden Ihsan hinweg, ging zum Herd, bückte sich, hob seinen Revolver auf, machte kehrt, ging zur Tür, und nachdem er wieder über Ihsan hinweggestiegen war, blieb er, den Rücken dem Licht zugewandt, vor der Tür stehen. Nacheinander schaute er jeden von uns an. Schließlich blieb sein Blick auf Ihsan haften, und es schien, als husche ein Ausdruck des Erstaunens über sein Gesicht. Er lächelte, schüttelte den Kopf, biss die Zähne zusammen, und dann sagte er mit gepresster, pfeifender Stimme: »Du hast mich vernichtet, Hurensohn Ihsan! Was hatte ich dir bloß getan?«
Er wandte sich ab, doch auf der Türschwelle verhielt er, schaute einmal zum Meer hinaus, dann mit scheuem Blick zu uns und rief: »Nun sagt schon, ihr alle wart hier Zeuge, und was habe ich diesem Luden Selim getan, dass er mich so behandelt?«
Niemand gab auch nur einen Ton von sich.
»Nun sagt schon, verdammt, was habe ich ihm denn getan, dass er mich vor euch allen so erniedrigt? Muss ich mich jetzt nicht für all das bei Selim rächen? Los, antwortet, 'dammt noch mal! Seid ihr denn Grabsteine?«
Den Revolver in der Hand, begann er im Kaffeehaus zu wandern. Weiterredend ging er auf und ab, verhielt hin und wieder, betrachtete den Toten zu seinen Füßen, um dann mit langen Schritten seinen Rundgang fortzusetzen, wohl bedacht, nicht in das Blut zu treten, das bis zur Schwelle gesickert war.
»Sagt mir, hab ich mit diesem Selim auch nur einmal gesprochen, seit er hier in Menekse aufgetaucht ist? Antwortet, ihr Plagen Gottes, ihr Feiglinge, ihr miesen Geschöpfe! Seid ihr eigentlich Menschen? Schau, schau, nur weil ich diesen Revolver in der Hand halte und dieser Schurke da in seinem Blut liegt, könnt ihr euren Mund nicht aufmachen, nicht wahr? Ist euer Blut eingetrocknet, nicht wahr? Da ist unter euch kein zweiter Recke wie dieser stumme, tausendjährige Selim, nicht wahr? Heeey, ihr Grabsteine, gebt Laut! Hey, Süleyman, schau her, du Kiefernkloben, schau dich an, gebaut wie ein Bär, und vor lauter Brumm und Knurr wagt sich sonst niemand in deine Nähe, du verdammter Hund, und sieh, jetzt verkriechst du dich da, bist drauf und dran, unter den Tisch zu rutschen und unter dich zu scheißen!«
Er brach in irres Gelächter aus.
»Wer weiß«, höhnte er, »vielleicht hast du schon in die Hose geschissen und kannst dich deswegen nicht von der Stelle rühren.«
Dann richtete er die Mündung des Revolvers auf Süleyman. Dessen blau angelaufene Lippen zitterten so, dass man meinte, sie fielen ihm im nächsten Augenblick vom Munde. Er selbst hockte zusammengesunken auf seinem Stuhl.
»Steh auf, ungehobelter Bär! Seht ihn euch an, dieses Schwergewicht. Masse für drei Körper, wenn man ihn zerteilte.«
Wutentbrannt reckte Zeynel seinen drahtigen Körper, der sich jetzt wie eine stählerne Feder spannte.
»Auf die Beine, Schwätzer Süleyman, Sohn einer hurenden Mutter!«
Süleyman versuchte aufzustehen, er hatte beide Hände auf den Tisch gestemmt, doch es wollte ihm nicht gelingen, sich aufzurichten. Sein Gesicht war von papierener Blässe.
»Lase Erkan, steh auf und sieh mal nach, ob Süleyman in die Hosen geschissen hat.«
Erkan der Lase stand auf, fasste Süleyman unterm Arm, hob ihn hoch, bückte sich, besah den Sitz, musterte dann eingehend Süleymans Rücken, besonders das Hinterteil seiner Hose, und während Süleyman sich wieder hinsetzte, schüttelte Erkan den Kopf, schnalzte und sagte: »Tz, tz, er hat nicht geschissen.«
Zeynel musste lachen: »Dieser gottlose, geschwätzige Lude hat vor lauter Angst nicht einmal scheißen können …«
Süleyman nuschelte etwas vor sich hin. Zeynel ging näher an ihn heran und fragte: »Kerl, was hast du gesagt?« Seine Stimme klang spöttisch, von oben herab. »Wenn du nicht wiederholst, was du eben gesagt hast, kriegst du eine Kugel.«
Er drückte ihm den Revolverlauf gegen die Nase, doch dann, als sei ihm etwas eingefallen, drückte er die Trommel heraus, leerte die Patronen in seine Hand, steckte die Hand mit den Patronen in die Tasche, zog sie dann wieder heraus, lud den Revolver von Neuem und hakte die Trommel wieder ein.
»Nun sag schon, du Stricher«, drohte er, »sag, bevor ich dir das Maul mit Blei voll stopfe!«
Und Süleyman sagte flehentlich wie im Gebet: »Bitte nicht, mein Junge, tu's nicht, mein Kleiner, tu's nicht! Es gibt doch einen Gott …«
»Soso!« stieß Zeynel zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, »soso, dessen Mutter und Weib, dessen ganze Sippe samt Tochter und Stute … Für euch gibt es keinen richtenden Gott, aber für mich, nicht wahr, für mich solls einen geben, stimmts?«
Er verkantete den Lauf und schmetterte ihn mit aller Kraft auf Süleymans Kopf. Blut strömte Süleyman von der Stirn übers ganze Gesicht zum Hals hinunter und weiter übers Hemd auf den Tisch, wo es kleine Lachen bildete.
»Lase Erkan!«
»Befiehl, Bruder!«
»Wisch diesem Luden das Blut ab! Keine Angst, er wird nicht krepieren. Er wird nicht krepieren, aber er wird einen Monat lang auch nicht hinausfahren können, das gesamte Marmarameer in einer Nacht leerzufischen.«
Erkan stand auf, ging zum Küchenherd, nahm dem Wirt das Geschirrtuch von der Schulter und wischte damit Süleyman das Blut vom Gesicht, ging wieder an seinen Platz und setzte sich.
»Du hättest diesem Scheißkerl die Jacke ausziehen und damit sein verseuchtes Blut abwischen sollen«, sagte Zeynel und biss wieder die Zähne...




