E-Book, Deutsch, 114 Seiten
Kemal Töte die Schlange
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30799-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 114 Seiten
ISBN: 978-3-293-30799-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
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Als es geschah, war Hasan sechs oder sieben Jahre alt.
Über den Felsen von Anavarza kreisen die Adler Flügel an Flügel. Ganz in Weiß strecken die Affodillen ihre Blüten zur Sonne. In der Ferne segelt eine Wolke, ihr Schatten huscht über den Sumpf, gleitet weiter über Dumlu hinweg. Auf den Blütenblättern der Affodillen schimmern schwarze, blaue, gefleckte Wespen und honiggelbe Bienen. Dunkelblaue Disteln sprießen im Geröll. Wie ein Rebhuhn gleitet Hasan über die Felsen. Unter ihm, nach Osten, die tiefe Schlucht. Ihm schwindelt. Bis zu den Adlerhorsten ist er den Steilhang hinuntergeklettert und hat weder Eier noch Jungvögel entdecken können. Aufgescheucht fliegen die Adler zwischen den mauerglatten Felswänden, fächern die Luft mit den Schlägen ihrer riesigen Flügel. Die Frühlingssonne hat das Gestein erhitzt. In den Spalten blaues Wolfsmilchgewächs, gelber Safran, violette Veilchen. Der Thymian trieb die ersten Blüten, unter der Sonne wehte ihr schwerer Duft in Wellen herüber.
Hasans letzte Hoffnung war das Nest am Fuße der Wand. Dorthin zu klettern war jedes Mal schwer gewesen. Einmal war er am Felsen hängen geblieben und hatte sich nur mit Mühe und Not retten können. Seither war er nie wieder dort hinunter geklettert. Hätte er sich damals nicht an die Wurzel des wilden Feigenbaums geklammert oder hätte diese nachgegeben, es wäre mit ihm aus gewesen. Der Abgrund ist bestimmt zehn Minarette tief. In Stücke hätte es ihn gerissen, noch bevor er unten aufgeschlagen wäre.
Um ihn ein Wirbel von Gerüchen. Wenn es in der Frühlingssonne so durcheinander roch, wenn Hasan den einen Geruch vom andern nicht mehr unterscheiden konnte, dann dachte er, dass dies der Geruch der Felsen sei, der Felsen des Anavarza. Denn auch die Bienen, die Eidechsen, die Küken der Rebhühner, die Nester, die Brut der Adler, die Klapperschlangen und Hornvipern rochen so, ja, sogar die Menschen des Anavarza hatten den Geruch dieser Felsen an sich, einen eigenartigen, honigsüßen, betäubenden Duft in der Frühlingssonne. Im Anavarza riecht auch der Regen anders, er riecht nach nassem Fels. Und auch die Wolken riechen, aber wieder ganz anders.
Hasan vergisst diesen Geruch der Felsen nie. Und auch nicht jene Nacht, ihre Finsternis und den Geruch von Pulver in diesem Dunkel … Pulver riecht tags auf der Erde anders als nachts in den Felsen … Die Nacht roch nach Pulver. Von sehr weit hallte das Pfeifen der Kugeln herüber, djiv, djiv, djiv … Ihr Echo hallte durch die Nacht, djiiiv …
Die Felsen des Anavarza, das ist für ihn dieses Echo, dieses Pfeifen der Kugeln, dieser Geruch. Am Himmel des Anavarza kreisen blutige Adler. Hasan erinnert sich genau. Diese Nacht ist seine schrecklichste Erinnerung. Dieses Pfeifen der Kugeln, ihr Echo und dieses Kreisen der Adler im Morgengrauen.
An jenem Morgen war er nicht zur Arbeit gegangen. Es war sehr heiß. Im Dorf hatten sich alle zu den Feldern aufgemacht, nur Hasan nicht. Er war bedrückt, wusste nicht, was mit sich anfangen. Seine Mutter konnte er nicht einmal anschauen. Neun Jahre war er alt. Jedenfalls sagten das die anderen, woher sollte er es auch wissen. Wenn sich an solchen Morgen seine Blicke mit denen der Mutter kreuzten, konnte er aus der Haut fahren.
An solchen Morgen, noch bevor der Tag graute, gab seine Mutter ihm aus dem Bottich das erste Kügelchen Butter, an dem noch die Rahmbläschen hingen. Hasan strich es auf das ofenwarme Fladenbrot, ging zu den Bäumen weit draußen, hockte sich nieder und aß es auf. Er mochte weder das Gesicht noch den Gang seiner Mutter sehen. Seit Langem schon schaute er sie nicht mehr an.
An solchen Morgen war es jedes Mal, aber auch jedes Mal dasselbe. Voller Unruhe und ratlos irrte er im Dorf herum, konnte sich hinterher an nichts mehr erinnern. Das wertvolle, mit Perlmutt eingelegte Gewehr hatten sie ihm schon geschenkt, als er sieben Jahre alt war. Seitdem schoss er auf alles, was sich bewegte: Vögel, Ziegen, Adler, Rebhühner, Schakale, Menschen… Ja, sogar auf Menschen schoss Hasan… Er hatte drei Onkel. Und alle drei ließen ihn gewähren. Das ganze Dorf war versippt, es war ein ganz kleines Dorf. Vor kurzem noch waren seine Einwohner Nomaden, dann wurden sie hier sesshaft. Als sein Onkel und sein Vater so alt waren wie er, trieben sie die Schafe in großen Herden über die Berge der Tausend Stiere. Sie waren Hirten, und ihre großen schwarzen Zelte ruhten auf sieben Pfeilern. Bei jeder Gelegenheit rühmen sie sich noch heute dieser Zelte mit den sieben Pfeilern …
Im Obstgarten, unter den Granatapfelbäumen, hatte er sein Butterbrot aufgegessen und war rundum satt geworden. Er griff nach seinem Gewehr, stellte es aber wieder hin. In den ersten Sonnenstrahlen leuchtete das Perlmutt blau, verlöschte, blitzte wieder auf. Die Hände seitwärts aufgestützt, den Kopf zur rechten Schulter geneigt, betrachtete er regungslos eine Zeitlang die Waffe. Sie leuchtete wieder auf und verlosch. Seine Mutter ging im Hof auf und ab. Wie schön sie doch war. So jung noch, sah aus wie ein Mädchen. Sein Vater war sehr alt gewesen, mit weißem Haar und Bart. Hasan erinnert sich so genau, als sähe er ihn leibhaftig vor sich … Die Mutter hatte langes Haar, lang bis zur Hüfte. Jedermann sagte es, seine Mutter war die schönste Frau der Çukurova, vielleicht die schönste der ganzen Welt. Es gab keinen Burschen in dieser großen Ebene, der sie nicht freien wollte. Doch sie wies alle ab. Sie wollte sich von ihrem Sohn, ihrem einzigen Hasan nicht trennen. Denn würde sie einem der Brautwerber folgen, müsste Hasan hier bleiben. Seine Onkel würden ihn nicht mit der Mutter ziehen lassen. Und seine Mutter verließ ihn nicht, nur um wieder eines Mannes Frau zu werden. Täte sie es und zöge in ein anderes Dorf, sie sähe ihren Hasan nie mehr wieder, nie mehr.
Niedriger als sonst, mit silbernem Schimmer, floss der Ceyhan. In den Senken war Hasan hinter den Eisvögeln her; von morgens bis abends, von abends bis morgens lauerte er vor den Fluglöchern ihrer Nisthöhlen. Er hatte sich feinmaschige Netze besorgt und sie vor die Eingänge der Schlupflöcher gespannt, die die Vögel wie Schlangen in die Böschungen getrieben hatten. In diesen Netzen verfingen sie sich, wenn sie herauskamen. Hasan steckte diese blauen, tiefblauen Vögel in Kalebassen, die er zu Käfigen zurechtgeschnitten hatte. Immer wieder nahm er sie sich vor, konnte sich an ihrem blauen Gefieder nicht satt sehen. So ein Blau gab es kein zweites Mal. Betrachtete Hasan diese Eisvögel, die man auch Regenvögel nannte, versank er in einen blauen Traum. Das Blau dehnte sich weiter und weiter aus, wurde grenzenlos, strömte bis durch sein Inneres, sodass er ganz benommen war.
Schwalben lassen sich nicht fangen, und seit es dieses Dorf gibt, ist Hasan der einzige, dem solches gelingt. Bevor er nicht jeden Tag fünf bis zehn von ihnen gefangen hat, lässt er nicht locker. Dann bindet er sie an einen Faden und lässt sie so an sich gefesselt fliegen. Wenn es Abend wird, gibt er sie – aber nicht immer – frei, und sie segeln mitsamt dem Faden in den Himmel hinein.
In einer Höhle des Anavarza zog Hasan auch junge Adler groß. Jeden Morgen machte er sich auf den Weg und kam erst nach Einbruch der Dunkelheit, wenn man die Hand nicht vor den Augen sehen konnte und die Dorfstraßen völlig verwaist waren, nach Hause zurück. Das perlmuttverzierte Gewehr trug er in der Hand. Davon trennte er sich nie.
Hasan war die Plage der Bienen, der Schlangen, der Vögel und was sonst noch in den Hängen des Anavarza kreucht und fleucht.
Und aus dem Dorf davonlaufen wollte er schon immer. Mindestens zweimal die Woche zog er von dannen, bis zu den nächsten Dörfern, aber dann, wer weiß warum, vielleicht aus Angst, kam er wieder zurück. Einmal hatte er sich mit einem Hirten angefreundet, war mit ihm bis Farsag oberhalb von Kozan gezogen und dann doch wieder umgekehrt. Was sollte er tun? Wie sich verhalten? Nur eines war ihm klar: Im Dorf durfte er nicht bleiben. Oder seine Mutter musste gehen. Seine Mutter, ja, die Mutter müsste fortziehen. Jedermann war ihr Feind. Bei so viel Feindschaft muss ein Mensch ja ersticken. Auch er spürte diesen Hass, auch ihm war dann, als könne er in diesem Dorf nicht mehr atmen. Für nichts auf der Welt ist eine so feindliche Umgebung zu ertragen. Die Großmutter, die Tanten und Onkel, die Frauen seiner Onkel und deren Verwandte, niemand redete mit seiner Mutter. Was hält sie also noch in diesem Dorf? Wo sie auch noch so schön ist, so schön wie keine zweite auf der Welt … Es schmeichelte ihm, dass die Mutter nur seinetwegen im Dorf ausharrte. Doch war er immer verwirrt, wenn er ihr gegenüberstand. Es hieß auch, sein jüngster Onkel bewerbe sich um sie, aber die Mutter weigerte sich hartnäckig. Sie wollte ihn nicht haben.
Hasan verspürte eine unsägliche Unruhe. Und deswegen war er hinter den Vögeln und Käfern her. Wie ein Ertrinkender einen rettenden Zweig, suchte er die Nähe von Lebewesen. Niemandem konnte er sagen, was in ihm vorging, und brächte man ihn um, er könnte es nicht. Sie hatten ihn umzingelt, belagert von allen Seiten. Er konnte tun, was er wollte, sich hinwenden, wohin er wollte, konnte seinen Kopf gegen die Mauern schlagen, diesen eisernen Ring aufzubrechen wollte ihm nicht gelingen.
Jeden Tag fliehen, jeden Tag Höhlen, Adler, Käfer, Schlangen, jeden Tag, aber auch jeden. Er hatte auch keine Spielgefährten. Entweder floh er vor ihnen, oder aber die Kinder mieden ihn. Da gab es noch Salih, aber Salih war einer, der...




