E-Book, Deutsch, 500 Seiten
Kemal Salman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30795-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 500 Seiten
ISBN: 978-3-293-30795-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
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1
Mondlicht füllte randvoll die Senke, in der das Dorf lag. Salman stand regungslos in einer Ecke der niedrigen Hofmauer und sang kaum hörbar ein altes, seltsam anrührendes Volkslied. Die Dorfkinder waren wieder zu einem Versteckspiel hinausgelaufen, das in hellen Mondscheinnächten gespielt wurde. Sie teilten sich in zwei Gruppen, die eine musste sich an den unvermutetsten Plätzen verstecken, die andere sollte sie finden. Durch Kopf oder Adler wurde entschieden, wer zu welcher Gruppe gehörte. Die Münze warf jedes Mal Mustafa das Fohlen. So war es schon immer gewesen, das Vorrecht, die Münze zu werfen, gebührte Mustafa dem Fohlen! Salmans Umriss schien jetzt riesengroß, sein Schatten streckte sich langgedehnt über die staubige Erde des Vorhofs. Das geschulterte Gewehr war nur verschwommen auszumachen. Die spielenden Kinder warfen immer wieder einen bangen Blick in die Richtung von Salmans kerzengerader, übergroßer Schattengestalt, doch kaum hatten sie ihn ausgemacht, stahlen sie sich davon, bis er außer Sichtweite war.
Salmans Haare waren blond und standen ab wie Igelborsten, die man ihm in die Kopfhaut gesteckt hatte. Seine kleinen, fast in ihren Höhlen verschwindenden Augen blickten giftgrün und kalt. Sie schienen ins Leere zu starren, dennoch hatte man das Gefühl, sie seien überall. Seine Schweigsamkeit und dass er nie lachte, verschärfte die harten Züge seines sonnenverbrannten Gesichts mit der spitzen Nase, die immerfort bebte, so als habe ein Maskenbildner sie ihm gerade aufgeklebt. Salman hatte breite Schultern, war untersetzt und krummbeinig, und seine langen Arme schienen bis auf den Boden zu reichen. Es gab keinen triftigen Grund, dass die Kinder ihn fürchten mussten, ja nicht einmal wagten, von Weitem zu ihm hinüberzublicken. Die Deutsche Flinte an seiner Schulter war wie neu, Schaft und Kolben schimmerten im Mondlicht, und der Lauf glänzte, als beschiene ihn die Sonne. Wenn Salman am Tage nicht schlief, befasste er sich unablässig mit seinem Gewehr, reinigte Kolben, Schaft und Lauf, ölte sogar die Patronen mit verschiedenen duftenden Fetten, wischte und wienerte, legte das Gewehr in die Sonne, setzte sich davor und bewunderte es gedankenversunken, vergaß darüber Essen und Trinken. In solchen Augenblicken, traumverloren wie ein Schlafwandler, verklärten sich seine Züge, huschte ein glückliches Lächeln über sein Gesicht. Dann nahm er Gewehr und Patronen wieder aus der Sonne, putzte und fettete, ging zur sonnenbeschienenen Hecke gegenüber dem Konak und lehnte die Flinte gegen einen Kaktus. Und die bläulichen Blitze des funkelnden Metalls vermischten sich mit dem Glitzern der weißen Stacheln, den gelben, blauen, rosa und orangefarbenen Blüten der Hecke aus mannshohen Kakteen.
Salman trug mindestens sechs goldverzierte, voll bestückte Patronengurte. Vier davon kreuzweise über Schulter und Brust, die andern beiden um die Hüfte geschlungen. An manchen Tagen waren es wesentlich mehr, so dass er bis zum Hals in patronengefüllten Gurten eingewickelt schien. Dazu baumelte ein riesiger Feldstecher über seiner Brust, schlugen zwei locker umgeschnallte, nahezu gleich aussehende tscherkessische Handschare mit nielliertem Silberknauf gegen seine Hüften. Der elfenbeinerne Griff seines Revolvers, eines Nagant von, so sagt man, unschätzbarem Wert, war mit Gold eingelegt, er trug ihn offen über seiner Leistenbeuge und hielt seine Rechte so dicht an der Waffe, dass seine Finger zumindest den Knauf leicht berührten.
Salman zeigte ja selten seine Zähne, doch wenn er sie entblößte, leuchteten sie in zwei schneeweißen, geraden Reihen. Er gehörte zu den Menschen, deren Alter schwer auszumachen war, er wirkte wie zwanzig, konnte aber ebenso siebenundzwanzig oder dreißig sein. Die Enden seines roten Schnauzbarts hingen neben seinem Kinn herab wie die Grannenbüschel am Maiskolben; und Sommer wie Winter trug er, bis zu den Ohren heruntergezogen, eine Schirmmütze.
Und so stand er in einem Winkel des Vorhofs, rechts von der undurchdringlichen Wand aus mannshohen Kakteen, die sich bis zu den Felsen erstreckte, stand unbeweglich am Schattenrand des Granatapfelbaums, von dem niemand wusste, wie alt er schon war, und der seine Äste wie eine mächtige Platane streckte, und Salmans Schatten wuchs und schwankte, bewegte sich vor und zurück, tanzte wie losgelöst von Salman am Schattenrand der Kakteen.
Im Dunkel der Hütten aus Ried und Lehm, die sich bis zu den Wassern des Ceyhan erstreckten, glitten die Kinder lautlos das Dorf entlang und verharrten erst, als von Salmans Umriss nichts mehr zu sehen war. In manchen Nächten aber verfolgte sie Salmans Schatten so hartnäckig, dass sie ihre Beine in die Hände nahmen und zu den Feigenbäumen am anderen Ende des Dorfes liefen, auf den Platz neben dem Fels der Knäkenten am Ufer des Ceyhan und dort Verstecken spielten. In kalten, trostlosen Winternächten aber wurde nicht gespielt. Dann tummelte sich im Dorf nur der Nordwind, der scharf wie ein Schwert vom felsigen Hang des violetten Bergs herunterfegte. Ob Mondschein oder nicht, in diesen Winternächten lag das Dorf verlassen da, waren Katzen die einzigen Geschöpfe in den verödeten Gassen, durch die der Nordwind pfiff, dann gab es kein Lebenszeichen im Dorf außer dem fahlen Licht, das durch die handbreiten Fenster der Lehmhäuser und die Ritzen der Schilfhütten schimmerte, außer Salman, der, eingehüllt in einen Hirtenmantel, dicht bei den Kakteen unter dem Granatapfelbaum auf Ismail Agas Vorhof stand und dessen Schatten wuchs und wuchs. Jeder wusste, dass noch zwei weitere Männer Ismail Agas Haus bewachten, aber bisher hatte keiner im Dorf, nicht Kind, nicht Erwachsener, weder diese beiden Männer noch ihre Schatten im Hof ausmachen können. Dort stand allein Salman, dessen Umriss den ganzen Hof, ja, die ganze Nacht ausfüllte. Zwei Hirtenhunde, die er keines Blickes würdigte, lagen breit wie Pferde oft zu seinen Füßen, doch keiner hat bisher erlebt, dass sie auch nur den Kopf hoben, gar bellten, solange er sich nicht bewegte.
Mustafa zählte ab, sie waren genau neunzehn. »Ali der Barde ist über«, rief eines der Kinder.
»Dann spiele ich eben nicht mit«, sagte Ali der Barde und senkte den Kopf. »Ich kann das Spiel auch nicht, habe ja nie mitgespielt.« Ali der Barde war der älteste unter ihnen, er war über neun, aber nicht über zwölf. Mustafa, schlank und aufgeschossen, war sechs oder sieben, hatte große, schwarze Augen, die plötzlich aufblitzten, wenn er sich freute oder fürchtete. Er war der Einzige unter den Kindern, der Schuhe trug. »Los, aufteilen!« rief er.
Nach lautem Palaver, Gedränge und Geschubse hatten sie sich in zwei Gruppen geteilt. »Ich spiel nicht«, wiederholte Ali der Barde, und an seiner gepressten Stimme war zu erkennen, wie sehr er sich grämte, ausgeschlossen zu sein.
Memet der Vogel war wie immer in Mustafas Mannschaft.
»Warte ab«, wandte sich Mustafa an Ali den Barden, »lass mich erst einmal die Münze werfen, dann sehen wir weiter …« Er warf, und die Kinder beugten sich gespannt über die am Boden liegende Münze.
»Wir werden uns verstecken«, rief Mustafa, »und du, Ali, versteckst dich mit uns!«
Dann war da noch Zecke, fast erwachsen, dem bereits der Bartflaum spross. Er gehörte zu keiner Mannschaft, hielt sich jedoch, ob am Tage oder nachts, in der Nähe der Kinder auf und schaute wie verzaubert vor Glück ihren Spielen zu. Spielten sie Verstecken, saß er als eine Art Schiedsrichter auf dem großen, mit einer Inschrift versehenen, rechtwinkligen Marmorblock und rief Spielverderber zur Ordnung oder achtete darauf, dass niemand mogelte. Er nahm seine Aufgabe sehr ernst, und die Kinder verließen sich auf ihn. Jetzt stellte er neun Kinder mit den Gesichtern zum Heckenzaun der Scheune auf und würde sie erst losrennen lassen, wenn von den andern, die sich versteckten, kein Zipfel mehr zu sehen war.
Spielregel war, alle, die sich versteckt hielten, aufzustöbern. Manche Kinder jedoch verbargen sich so schlau, dass sie bis in die späte Nacht hinein nicht entdeckt wurden und das Spiel am nächsten Abend fortgesetzt werden musste. Waren schließlich alle »Versteckten« aufgespürt, gaben sie den »Findern« Geschenke: Taschentücher, Murmeln, Katapulte mit Vierkantgummi für die Vogeljagd, Steinschleudern aus Leder oder engmaschiger, bestickter Wolle, Vogelschlingen und viele andere Dinge mehr … Die »Gefundenen« gaben für die »Finder« auch Feste mit reichlichem Essen. Und wenn von den »Versteckten« mindestens drei über eine Woche unauffindbar blieben, mussten die erfolglosen Finder die anderen beschenken.
»In einer Reihe vor der Hecke aufstellen!« schrie Zecke.
»Die Reihe steht«, antwortete Yusuf die Raupe. Er war der Sohn von Hüseyin der Raupe, dem einzigen Einwanderer aus Thrazien in ihrem Dorf. Noch bevor Hüseyin die Raupe damals sein Umzugsgut abgesetzt und das Haus besichtigt hatte, war er den zu Hilfe eilenden Dörflern mit den Worten: »Hört zu, Freunde, damit ihrs wisst, mein Name ist Raupe!« entgegengegangen. »Ja, in meinem Land war ich weithin bekannt als Hüseyin die Raupe. Gibt es unter euch auch jemanden, der Raupe heißt?«
»So einen Mann gibt es hier nicht«, antworteten die Dörfler bedächtig, »du bist uns willkommen, Raupe!«
»Bringst Freude in unser Dorf, Raupe.«
»Es hat uns schon immer bedrückt, dass es bisher in unserem Dorf keinen Raupe gab …«
»Macht...




