Kemal | Eisenerde, Kupferhimmel | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 468 Seiten

Kemal Eisenerde, Kupferhimmel

Roman. Die Anatolische Trilogie II
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30792-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. Die Anatolische Trilogie II

E-Book, Deutsch, 468 Seiten

ISBN: 978-3-293-30792-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Winter ist über das anatolische Bergdorf hereingebrochen. Die Bauern, eine in Stolz, Liebe, Hass und Verzweiflung verkettete Schicksalsgemeinschaft, sind von der Außenwelt abgeschnitten. Mehr und mehr werden sie Gefangene ihrer Angst: Wann kommt Adil Effendi? Nach der elenden Baumwollernte des letzten Jahres konnten sie ihm die Schulden nicht zurückzahlen. Jetzt ist das Dorf vogelfrei. Wenn Adil Effendi kommt, darf er alles mitnehmen, das letzte Korn, das Vieh, sogar die Hosen der Frauen. Das wäre sein gutes Recht. In den endlosen Nächten entzünden sich die uralten Fantasien und Träume der Menschheit und werden Realität. Ob dieser Ta?baso?lu, der sich als einziger nicht beugen läßt, das Dorf retten kann?

Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
Kemal Eisenerde, Kupferhimmel jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1


Hasan vorweg, hinter ihm Ümmühan näherten sich still und zögernd dem Eichenwald. Hasan mit gekrümmtem Rücken, vornübergebeugt, hatte die Hände über Kreuz in seinen Kragen gekrallt. Ümmühan starrte dauernd auf ihre Fußspitzen. Beide sprachen kein Wort. Sie waren ängstlich. Schon ein aufgescheuchter Vogel hätte ihnen den Schrecken in die Glieder gejagt. Ihre Augen waren zu Schlitzen verengt, sie waren auf der Hut.

Überall lag hoher Schnee. Er hatte Senken und Hügel eingeebnet, die Welt war ein einziges Weiß. Auf diesem Weiß nicht der kleinste Fleck, nicht die Spur eines Vogels, nicht einmal einer Fliege. Auch der Himmel war schneeweiß. Nur in der Ferne, im Süden, über den Wäldern des Taurus, leuchtete ein Blau, das in warmes Grün überging, wie ein schmaler, kristallener Schleier, den man über die unendliche weiße Weite gelegt hatte. Und da sind noch Hasan und Ümmühan. Beobachtete sie jemand aus der Ferne, würde er sie für zwei junge Schwalben halten, die, aus dem Nest gefallen, flügelschlagend durch den Schnee purzeln. Und auf diese weiße Welt scheint zu allem Überfluss die Sonne so hell, wie sie nur in der Çukurova-Ebene scheint, die Schneedecke glitzert so grell, dass man die Augen nicht offen halten kann.

Der verharschte Schnee knirscht unter ihren Schritten. Ümmühans Füße sind nackt, und Hasans Füße sind nackt. Sie sind rot vor Kälte. Den Kindern ist, als gingen sie auf glühendem Eisen. Daher ihre eigenartigen Verrenkungen. Und zum Eichenhain ist es noch weit.

Hasan drehte sich um: »Sieh mich an, Mädchen!«, sagte er grob.

»Was ist?«, fragte Ümmühan mit sehr weicher Stimme.

»Sowie wir im Wald an gekommen sind …« Dann schwieg Hasan. »Sowie wir im Wald angekommen sind?«, fragte Ümmühan.

»Ich werde es nicht sagen, habe es mir anders überlegt. Sowie wir im Wald sind … Das ist alles.«

»Dann sags eben nicht«, antwortete Ümmühan gleichgültig. »Was wird schon sein, wenn du es sagst?«

»Ein Dreck wird sein«, giftete Hasan. Ümmühan spürte, dass Hasan ernstlich Streit suchte, und schwieg.

»Ich sagte dir, dass ein Dreck sein wird. Hast du mich nicht verstanden?«

»Ich habs verstanden, Bruder. Dann sagst dus eben nicht, ich kanns nicht ändern.«

»Ich sage es nicht!«, schrie Hasan noch zänkischer. Dann neigte er sich wieder vornüber und ging noch schneller weiter. Ümmühan gab sich alle Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Doch bald wurde ihr Atem so schwer, dass sie fast zusammengebrochen und, wo sie gerade war, liegen geblieben wäre. Die Kräfte verließen sie, und sie fiel immer weiter zurück. Hasan aber änderte seine Gangart nicht im Geringsten und vergrößerte zusehends den Abstand. Und Ümmühan brachte es nicht über sich zu sagen: »Hasan, geh ein bisschen langsamer, ich kann dir nicht nach.« Sie wusste, was auf sie zukam, wenn sie Hasan aus den Augen verlieren würde. Ümmühan begann, hinter ihm herzulaufen. Sie holte etwas auf, doch dann fiel sie ermattet wieder zurück.

Nachts knirscht er mit den Zähnen, schreckt aus dem Schlaf hoch und schreit. Dann macht er den ganzen Tag den Mund nicht auf und verzieht mürrisch das Gesicht. Der Junge hat sich zu seinem Nachteil verändert. Kinder, die immer grübeln, nehmen ein schlimmes Ende. Sie werden von der Schwindsucht dahingerafft. Wenn ein Junge nichts anderes tut, als von morgens bis abends zu denken, ist er verloren. Früher trällerte Hasan ununterbrochen Lieder vor sich hin. Jetzt singt er überhaupt nicht mehr. Hasan ähnelt einem verdorrten Baum.

»Hasan, lieber Bruder, ich tu alles, was du willst, nun bleib doch ein bisschen stehen«, rief Ümmühan ängstlich hinter ihm her, aber so verhalten, dass Hasan sie nicht hörte. »Oh, mein armer Bruder, er löst sich auf und verschwindet.«

Nach einer Weile drehte Hasan sich um und schaute zurück. Ümmühan war nicht zu sehen. Sie wird in einer Senke sein, dachte er. Er biss die Zähne zusammen und wartete. Die Sonne begann zu sengen, und die Wärme kroch den Hals hinunter über seinen Rücken, wie eine Liebkosung. Hasan blinzelte und legte seine Hand schützend über die Augen. In der unendlichen Weite des Schnees war nicht der kleinste Fleck zu sehen.

»Ümmühan! Ümmühan!«, brüllte er. Seine Stimme hallte von den fernen Felswänden wider. »Wo steckst du, Ümmühan!«

Ümmühans dünne Stimme klang verloren in der weißen Schneewüste: »Ich komme!«

Hasan ging zurück in ihre Richtung. Als er einen Hügel erklommen hatte, verharrte er. Unter ihm, wie ein schwarzer Käfer, krabbelte Ümmühan den Weg entlang. »Komm schon, beeil dich, der Schnee soll dich holen.«

Ümmühan war schweißgebadet. Sie bot alle Kraft auf, die sie noch hatte. Ihr Atem ging schwer, als sie endlich bei ihm war.

»Was ist mit dir, Mädchen?«

»Ich kriege keine Luft mehr«, keuchte Ümmühan.

Hasan drehte sich um und ging so schnell wie vorhin weiter. »Bleib doch ein bisschen stehen, Bruder, mir bleibt der Atem weg!«

Hasan hielt an und wartete. Wie der leibhaftige Zorn stand er da im Schnee, und sein Schatten reichte nicht weiter als seine Fußspitze.

»Hätt ich das gewusst, ich hätte dich nicht mitgenommen«, sagte er, als sie endlich neben ihm stand. »Gehst du mit ’ner Hündin aus, steht das Unglück dir ins Haus.« Diese Worte sprach er mit tiefer Stimme. Dabei legte er bedächtig wie ein Erwachsener die Hand an sein Kinn, sodass er aussah wie der alte Zwerg aus dem Märchen: eine Handbreit groß mit einem sieben Handbreit langen Bart.

Dieses Gehabe hat Ümmühan schon immer gestört. Zum Verrücktwerden! Jedes Mal, wenn er sich als Erwachsener aufspielt, könnte sie vor Wut platzen. So tun als ob! Sonst ist er in Ordnung, aber das ist nicht zu ertragen. Sollte sie einen Streit anfangen? Was zu viel ist, ist zu viel! Ja, sie verspürte unbändige Lust, einen handfesten Streit vom Zaune zu brechen, aber dann würde er nie und nimmer erzählen, was er ihr nachher im Wald anvertrauen wollte … Oder sich umdrehen und einfach weggehen! Rotznäsiger, dreckiger Junge! Pisser! … Ja, er pisst noch ins Bett. Und sein Bett stinkt. Es lag ihr auf der Zunge: Pisser! Und dann die große Keilerei …

Hasan steht kerzengerade da, möchte vor Wut aufstampfen und fährt mit dem Daumen über die Schneide der Axt in seiner Hand. Er wusste, das macht Ümmühan rasend.

Und wieder gebärdete er sich wie ein Erwachsener. Bedächtig wie der Kahle Barde griff er sich ans Kinn und sagte: »Sei Ehrlosen und Dreisten kein Weggefährte, so teilst du auch nicht ihr Los.« Er hatte es so betont, dass – da war er sich sicher – Ümmühan den Streit beginnen würde, koste es, was es wolle. Doch eigenartig, von Ümmühan kam kein Mucks. Oder sie tat nur so, als habe sie keine Wut. Sie kann schon ein Aas sein, und was für eins!

»Gehe deinen Weg allein, hab mit Zänkern nichts gemein!«

Was denn? Wie kann diese Wildkatze so viele Beleidigungen ertragen? Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie das nicht geschluckt.

»Sind keine Männer und lügen sehr, tragen nur Röcke und denken nicht mehr.«

Das trifft sie tödlich, macht sie rasend … Er wartet ab, blickt ihr höhnisch in die Augen. Doch Ümmühan sagte wieder nichts. Ein Seufzer war alles.

»Huren haben keinen Glauben, können auch auf Gott nicht bauen.«

Und das? Sollte das auch nicht gewirkt haben?

Hasan sah, wie sich Ümmühans Augen mit Tränen füllten. Plötzlich tat ihm das Mädchen leid. Er bereute alles, was er gesagt hatte, ging zu ihr und ergriff ihre Hand. »Du bist doch meine schöne, liebe Schwester«, sagte er. »Diese Sprüche habe ich nicht zu dir gesagt … Damit habe ich dich doch nicht gemeint. Ich dacht mir, mal sehen, ob sie merkt, dass ich sie nicht gemeint habe. Deswegen habe ich das alles gesagt.«

Ümmühan freute sich: »Ich habe wohl gemerkt, dass du mich nicht gemeint hast. Kann ein Mensch seine Schwester Hure nennen?«

Hasans Mitleid schlug augenblicklich in Wut um. »Wenn jemand eine Schwester hat wie dich, nennt er sie auch Hure, oder schlimmer noch«, murmelte er in sich hinein. Plötzlich drehte er sich um: »Reicht es immer noch nicht? Du hast jetzt genug Luft geholt.« Dann ging er mit schnellen Schritten weiter. Ümmühan konnte wieder durchatmen. Außerdem brannte der Schnee unter ihren Füßen. Sie lief wieder hinter ihm her.

Sie waren schon geraume Zeit gegangen, als Hasan sich umschaute. Er war zornig. Seine ganze Wut würde er Ümmühan ins Gesicht kotzen. Lass sie nur etwas dichter herankommen. Diesmal wird es ihr bis zum Halse stehen. Die wird was erleben.

Ümmühan kam näher. Sie wusste, was ihr blühte. Ängstlich verlangsamte sie ihre Schritte. Und Hasan sah aus wie ein Habicht, bereit, sich auf seine Beute zu stürzen.

»Ümmühan!« Seine Stimme klang wie ein Messer. Doch dann stutze er. Sein Blick blieb auf Ümmühans Füßen haften. Sie zitterten und zuckten unter der Kruste von gefrorenem Schlamm und sahen aus wie der zerfurchte Rücken einer Eidechse. Außerdem waren sie feuerrot angelaufen.

Hasan wurde friedlich: »Los, geh schon, Mädchen. Wenn wir erst im Wald sind …« Seine Stimme war wie eine warme Hand, die zärtlich ihren ganzen Körper streichelte. Doch...


Bischoff, Cornelius
Cornelius Bischoff, 1928-2018, verbrachte seine Jugendjahre in der Türkei und studierte Jura in Istanbul und in Hamburg. Nach 1978 war er als literarischer Übersetzer tätig und schrieb Drehbücher.

Kemal, Yasar
Yasar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.