E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Die Insel-Romane
Kemal Die Hähne des Morgenrots
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30781-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. Die Insel-Romane III
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Die Insel-Romane
ISBN: 978-3-293-30781-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
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1
Er war sehr müde. Tagelang hatte er rundum die Inseln abgerudert, bis er seine Arme nicht mehr heben konnte. Auf welcher Insel der Mann sich aufhielt, wusste er, dennoch steuerte das Boot andere Strände an. Zwar hielt er Kurs auf die ihm so vertraute Ameiseninsel, wusste, dass die gesuchte Person dort war, heftete seine Augen auf das im Dunst auftauchende Ufer, dümpelte, bis das Meer weiß wurde und die Insel sich aus den feinen Schleiern schob, wendete dann aber das Boot und machte sich ziellos davon. Proviant hatte er nur noch wenig. Auf anderen Inseln konnte er nicht an Land, denn wenn er den Mann umbrachte, würde man ihn leicht wiedererkennen. Auf See war ihm bisher noch niemand begegnet, kein Fischkutter, kein Boot, kein Dampfer. Die See lag leer und spiegelglatt.
Gegen Mittag fand er sich an einem Strand wieder, feiner Sand, soweit das Auge reichte. Dicht dahinter waren mit Tamarisken bestandene Hänge zu sehen. Er zog das Boot auf den Sand, nahebei stürzte Wasser über steil abfallende Felsen und vermischte sich mit dem Meer. Der Mann nahm seinen Proviant, ging zum Wasserfall, kniete nieder, trank, setzte sich, lehnte seinen Rücken an die Böschung, aß im Schatten der Tamarisken sein vertrocknetes Brot, den Käse, die mit der Faust zerschlagene Zwiebel, füllte die Krüge mit frischem Wasser und brachte sie zum Boot. Bald fielen die Schatten der Tamarisken auf den sandigen Strand. Der Mann rollte eine lange Matratze am Fuße der Böschung aus. Als er seinen Kopf auf den Quersack bettete, schoss aus einem großen Loch in der Böschung ein azurblauer Eisvogel, überzog den Sand, die Böschung, die Tamarisken mit seinem Blau und flog über das Meer davon.
Als die Sonne im Westen verschwand, lag Süleyman schweißgebadet da. Er wachte auf, schaute sich um. Er zog den Revolver aus einer der Taschen, er war nagelneu. Wie schön er doch glänzt, dachte er. Süleyman wird in Kürze einen blutjungen Mann töten, dazu noch einen, der niemanden getötet hat. Einen Unschuldigen, der sich in jener Nacht am Raubzug nicht beteiligt hatte, der nur abseits auf seinem Pferd saß, nicht einen Schuss abgab, kein Blut vergoss, dann sein Pferd zum Zelt des Emirs trieb und sich so rettete. Einen blutjungen, verbannten Tscherkessen, und einen Stammesbruder. Denn für uns Tscherkessen wurde das Töten von Menschen zum Beruf. Wir wurden mit Mord- und Totschlag verbannt, und bald wird ein Tscherkessenjunge durch deine Kugeln fallen! Er warf den Revolver wieder in die Tasche. Ist der Stiel der Axt, die den Baum fällt, nicht auch aus Holz?
Warum hatte Emir Selahaddin diesen Mann, der in seinem Zelt Zuflucht suchte, so lange geschützt? Sein ganzes Dorf hatte er nach Arabien umgesiedelt! Wohin genau, das wusste keiner. Vielleicht hatte er sie auch zurückgeschickt in den Kaukasus, nach Daghestan. War Emir Selahaddins Hanum nicht auch Tscherkessin? Die Tscherkessinnen sind die schönsten Frauen auf dieser Welt. Warum bloß haben die Männer des Emirs dem Scheich denn erzählt, dass der Führer der Männer, die sie nachts überfallen und niedergemacht haben, ein Tscherkesse war? Diese Männer des Emirs waren ja auch Tscherkessen! Dass er auf dieser Insel ist, hatten ihm auch die Söhne des Khans der Tschetschenen bestätigt. Wir werden ja sehen, ob das alles stimmt!
Warum schickte der Scheich ihn hierher, obwohl er genau wusste, dass Abbas und auch er selbst Tscherkessen sind? Wollte er das Band zwischen ihnen zerreißen?
Wie konnte er nach so vielen Jahren einen Menschen wiedererkennen, den er am Ufer des Euphrat zu Pferde im Kugelregen bis zum Zelt des Emirs verfolgt hatte? Nur einen Lidschlag lang hatte er ihn gesehen. Warum schickte ihn dann der Scheich los, obwohl er das alles wusste? Weil all die anderen Burschen, die er geschickt hatte, nur Aufsehen erregt, aber nichts erreicht hatten? Weil du erfahren bist, in den Dardanellen gekämpft, unzählige Bajonettkämpfe überstanden hast? Weil du diese Gegend und ihre Menschen so gut kennst wie deine Handflächen? Weil er meint, dass ein Tscherkesse darauf brennt, einen anderen Tscherkessen zu töten? Soll er doch mal sehen …
Er betrat das Dorf. Die Häuser waren anders als in den Dörfern, die er kannte. Sie waren zweistöckig. Die Bäume in den Gärten waren anders. Ölbäume standen in dunkelgrünem Dunst. Aufmerksam um sich schauend, ging er bis zur aufragenden Platane in der Dorfmitte. Im Café unter der Platane saßen Dörfler und Dörflerinnen. Sie winkten ihm, Platz zu nehmen, und riefen: »Willkommen, du bringst uns Freude!«
»Auch ich bin erfreut«, sagte Süleyman.
»Woher kommst du, wohin gehst du?«, fragten sie. Er antwortete: »Ich komme von den Bergen, kam ans Meer, habe in den Dardanellen gekämpft.«
»Es möge vergangen sein, Bruder! Hast du Verletzungen davongetragen?«
»In beiden Oberschenkeln stecken noch Kugeln. Die Ärzte meinten, sie sollen dort stecken bleiben, und ich sagte: Einverstanden. Ein Geschenk der Dardanellen an mich.«
Er ging in den Laden gegenüber. Dort lagen Brotlaibe, die von den Frauen in kleinen Hausöfen gebacken wurden. Sie waren noch ofenfrisch. Er kaufte Brot, Oliven, Käse und Türkischen Honig und sagte: »Bleibt gesund, Freunde, ich steche in See!«
»Geh frohen Mutes!«, riefen sie hinter ihm her. Über den Sand ging er zum Boot, legte den Quersack auf die Vorplicht, schob das Boot ins Wasser, sprang hinein und legte sich in die Riemen.
Der Ort war ein Griechendorf, das anatolischen Umsiedlern übergeben worden war, nachdem die Griechen es verlassen hatten.
Sie waren nicht hierher verbannt worden. Man hatte ihnen die Häuser geschenkt. Verbannt waren die Tscherkessen. Ihnen gab man weder Haus noch Acker. Man hatte sie splitternackt in die anatolischen Berge, in die Wüsten Arabiens vertrieben, ihnen gesagt: Seht zu, wie ihr zurechtkommt. Sie wurden zur Palastwache in den Serails der Emire abgestellt oder zu Leibgardisten von arabischen Scheichs. Wer keine Arbeit fand, musste verhungern.
Süleyman ruderte stetig. Langsam versank im Westen die Sonne. Je tiefer sie sich zum Meer senkte, desto größer wurde ihr roter Glutball.
Süleyman hatte das Auf und Ab des Ruderblattes dem Fluss seiner Gedanken angepasst. Wohin die Fahrt ging, kümmerte ihn nicht. Er war auf dem Weg, einen Tscherkessenjungen zu töten. Tut man das? Süleyman schämte sich. Die schrecklichste Gräueltat ist das Töten eines Menschen. Aber das Töten von Menschen ist die Aufgabe der Tscherkessen. Und die Araber töteten sich ja auch dauernd gegenseitig.
Vom Nachdenken und gleichzeitigem Rudern ermüdet, ließ Süleyman die Ruder sinken. Inmitten der ruhigen See fühlte Süleyman sich auch ganz ruhig. Er schaute in die untergehende Sonne. Das Orange, das Grün, das Violett, das Gelb, das Blau in ihrem Umkreis vermischten sich in einem Farbenrausch.
Das Licht der Sterne fiel auf das dunkelnde Meer. Er setzte sich auf die vordere Ruderbank und schaute hoch zu den Sternen. Sie standen reglos übereinander, glitten nicht weiter. Ganz anders die Sterne am Himmel des Euphrat: Sie zogen hintereinander dahin, brodelten, kreuzten sich, wurden ein jeder am Himmel zu mächtigen, sich öffnenden Blumen des Lichts.
Süleyman konnte seine Augen nicht vom Sternenhimmel wenden. Noch nie hatte er so viele sich neben- und übereinanderballende unbewegliche Sterne gesehen. Er vergaß alles um sich herum. Seltsam, überall auf dieser Welt gleiten die Sterne am Himmel. Aber die Sterne über diesem Meer schienen wie festgebunden. Bis ein Stern zu gleiten beginnt, wird er hier warten und zum Himmel schauen.
Bis nach Mitternacht wartete er, die Sterne scherte es nicht. Doch da machte ein kleiner Stern einen kurzen Ruck, und Süleyman frohlockte. Und im Osten stieg ein großer Stern wie von der Sehne geschnellt aus dem Meer, zog einen großen Bogen und fiel im Westen wieder ins Meer. Süleyman war verblüfft: Hat man so etwas schon gesehen? Sofort legte er sich in die Riemen. Die Ruderblätter wirbelten das Wasser auf, und es begann zu leuchten. Süleyman hatte sehr viele Meere erlebt, aber so ein Meeresleuchten noch nie. Seine Müdigkeit war verflogen.
Große und kleine Sterne begannen überall am Himmelszelt zu gleiten. Süleyman duckte sich erschrocken über die Riemenholme, ließ die Sterne aber nicht aus den Augen und bekam eine Heidenangst, sie könnten beim Gleiten zusammenstoßen.
Kühle Brisen kamen auf, der Meeresspiegel wurde milchweiß. In einiger Entfernung tauchte aus weißen Dunstschwaden immer wieder eine Insel auf. Ist es diese Insel?, überlegte Süleyman. Die Insel zeigte sich wieder und verschwand. Soll ich zurückrudern?, fragte sich Süleyman. Ich weiß, Abbas ist auf jener Insel. Wenn wir uns treffen, wird entweder er mich oder werde ich ihn töten. Ich werde ihn nicht überrumpeln. Ich bin dem Blutbad der Dardanellen entkommen, habe tausendundein Übel überlebt – und er die Apokalypse am Allahüekber. Wenn ich jetzt umkehre, geradewegs zum Emir Selahaddin, und ihm sage: Du bist unsere einzige Zuflucht. Der Scheich hat mich zu dieser Insel geschickt, um diesen Mann zu töten. Wie kann ich einen Menschen töten, der bei dir Zuflucht gefunden hat? Wenn ich ihn nicht töte und auf seiner Insel bleibe, würdest du dann meine Familie retten und auch mich in deine Obhut nehmen? Emir Selahaddin soll anstelle des Osmanischen Padischahs zum neuen Padischah ernannt werden. Mazli Sultan, seine Frau, ist auch Tscherkessin. Ich bin Tscherkesse,...




