Kemal | Die Ameiseninsel | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

Kemal Die Ameiseninsel

Roman. Die Insel-Romane I
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30789-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. Die Insel-Romane I

E-Book, Deutsch, 368 Seiten

ISBN: 978-3-293-30789-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Musa mit seinem Ruderboot an der Küste der ägäischen Insel anlegt, stößt er auf ein menschenleeres, verlassenes Paradies. Sofort erliegt er dem Zauber dieser verwunschenen Welt und lässt sich auf der Insel nieder. Aber unter der friedlichen Oberfläche liegen Tragödien. Die Bewohner, alles Griechen, wurden nach dem Ersten Weltkrieg in einer gigantischen Umsiedlungsaktion von einem Tag auf den anderen vertrieben. Und in Musa erwacht die Erinnerung an die Grausamkeiten, die jahrzehntelang Anatolien, die Völker des Kaukasus und des Mittleren Ostens heimsuchten.

Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
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1 


Es war kurz vor Sonnenaufgang. Das Meer dehnte sich regungslos und weiß. Außer dem Klatschen der Ruderblätter war kein Laut zu hören. Noch waren die Möwen nicht aufgewacht. Liegt vor Tagesanbruch die Welt so spiegelglatt da, verwandelt sich das Meer in dieses unendliche Weiß.

Ruhig und ohne abzusetzen ruderte Musa der Nordwind seit gestern Abend mit genau bemessener Gleichmäßigkeit. Von Zeit zu Zeit kam der Hauch einer Brise auf, legte sich wieder, vermischte den vom Rudern aufgewirbelten Meeresduft mit dem Schweißgeruch des jungen Mannes. Er war erschöpft, wollte es aber nicht wahrhaben. Als er sah, wie das Meer weiß zu schimmern begann, vergaß er den Schmerz in seinen Händen, die Müdigkeit und alles andere. Mit der aufkommenden Morgenbrise überkam ihn ein Gefühl überschäumender Freude, und als habe er nicht die ganze Nacht gerudert, legte er sich in die Riemen, dass sein Boot davonschoss. Das Meer war noch spiegelglatt, das Boot, die Ruder, der Himmel und die Sterne schimmerten weiß, aber auch Musa der Nordwind schien schneeweiß vom Scheitel bis zur Sohle.

Als es hinter den gegenüberliegenden Bergen aufhellte, bekam das Meer Farbe. Auf seinem Spiegel begannen violette, orangefarbene, tief grüne, gelbe und rote Lichter zu wirbeln. Musa der Nordwind hob den Kopf, und als er den Blick schweifen ließ, entdeckte er gar nicht so weit vor sich die Insel. Er verlangsamte die Fahrt, strich die Ruder, bis das Boot stoppte, stand auf, öffnete die Arme und tat einen tiefen Atemzug; das Boot schlingerte leicht. Vor ihm erhob sich ein Wunder. Die Insel war in rosarotes Licht getaucht, das sich im Meer leicht wellend widerspiegelte.

Hingerissen blieb Musa der Nordwind im dümpelnden Boot stehen, bis die Sonne aufging. Zuerst glitt das Weiß des Meeres davon, war im nächsten Augenblick verschwunden. Dann schwebte plötzlich das im Wasser widergespiegelte, pfirsichblütene Rosa davon und senkte sich auf die Insel nieder. Die Sterne blitzten noch einige Mal auf und verloschen. Ein Fisch, armlang, schoss aus dem Wasser, sprühte stahlblaue, stahlgrüne, stahlviolette, stahlrote Funken in die Luft und fiel zurück. Hinter ihm sprangen große und kleine Fische, ließen ihre Farben stehen und verschwanden in den Fluten. Wie Flitter hielt sich das Gefunkel meterhoch über dem Wasser.

Lächelnd setzte sich Musa der Nordwind, griff die Riemenholme, lenkte den Bug zur aufgehenden Sonne und begann längs dem Ufer zu rudern. Es war schon Vormittag, als er in die Bucht einfuhr, das Boot aufsetzte und vom Dollbord ans kiesige Ufer sprang. Nach einigen Schritten verhielt er und betrachtete die drei großen Platanen auf dem Platz vor ihm. Sie hatten schon Knospen, ihr feines, samtenes Grün streichelte Luft und Meer. Dann ging er über den Uferweg an den Reihen zweistöckiger Häuser entlang nach Süden, wendete sich beim letzten Haus nach Osten, wo gleichfalls zweistöckige Holzhäuser in Reihe standen. Schließlich bog er ab zur Dorfmitte. Auch hier waren alle Häuser aus Holz, die meisten sirupfarben, einige aber auch gelb, lila, auberginefarben, blau oder weiß gestrichen.

Die Häuser am Meerufer waren allesamt weiß, so auch die drei Windmühlen der Insel, die immer wieder in hellem Sonnenlicht standen. Musa der Nordwind schlug den Pfad zur mittleren ein, die auf einem Hügel stand. Ihre Flügel drehten sich gemächlich. Die Tür stand offen, er machte einige zaghafte Schritte ins Innere. Auf den wuchtigen, von breiten Eisenbändern eingefassten Mühlsteinen lag aufgeschüttetes Korn, der Mahlgang war mit handbreit hohen Brettern abgeschirmt, davor stand ein Holzbottich, in den aus einem hölzernen Trichter fein gemahlenes Mehl rieselte.

Schon als Musa der Nordwind diesen aus Quadern gemauerten Turm betrat, fühlte er sich eigentümlich berührt. Von weit her war ihm ein wohliger Mehlgeruch in die Nase gestiegen. Mit seinem Vater hatte er oft die Packsättel der Pferde mit prallen Kornsäcken beladen und war mit ihm zur Wassermühle am Fuße der nahen Berge gezogen. Schon von weitem war ihnen mit dem Rauschen des Wassers der feine Mehlgeruch entgegengekommen. Beim Anblick der Mühlsteine hörte er wieder das rauschende Wasser, roch er das Mehl. Rund um die Mühle hatten, mächtigen Platanen gleich, zahlreiche Feigenbäume und von Schlingpflanzen umrankte hohe Silberpappeln gestanden und Haine von Granatapfelbäumen sich weit in die Hänge hinein erstreckt … Und wars im Monat Juni, wellten sich knallrot ihre Blüten … Vom Rand des Gerinnes aufsteigender Duft der Minze und noch tausendundein anderer Geruch hatten sich mit dem des Mehls vermischt. Schäumendes Wasser, das von den Schaufeln schwappte, der Duft zahlloser Blumen am Mühlbach … Der Geruch von Wasser und Mehl und in den Feigenbäumen das reine Gelb dicht gedrängt schwirrender Pirole. Leuchtendes Gelb überall, goldschimmerndes Getreide, wohin das Auge blickte, die ganze Ebene ein brodelndes, wogendes Meer gelben Lichts. Solange das Korn gemahlen wurde, war Musa der Nordwind in den Feigenbäumen herumgeklettert, hatte er wie die taubengroßen Pirole auf den Ästen gehockt.

Lächelnd machte er noch einige Schritte. Grobfaserige Säcke lagen überall, daneben rostige Eisenstücke, gebrochene Zahnräder, an eine Wand gelehnt ein Balken, in Abständen von etwa vier Fingern in seiner ganzen Länge mit Löchern versehen. Gelehnt an eine andere Wand ein nagelneuer Windmühlenflügel, hier und da, achtlos hingeworfen, verbeulte, rußgeschwärzte Kupfertöpfe …

Über knarrende Stufen ging er nach oben. Noch immer stieg ihm Mehlgeruch in die Nase, vermischt mit dem Duft von wildem Majoran und frischen Feigen. Am obersten Treppenabsatz blendete ihn so starkes Licht, dass er taumelte. In jeder Himmelsrichtung war, wie eine große Schießscharte, ein Fenster. Die Läden waren aus der Halterung gerissen und lagen am Boden. Er ging zum Fenster an der Südseite und blickte hinaus. In der Ferne war das spiegelglatte Meer zu sehen. Tief unten lagen ihm die Ziegeldächer der Häuser zu Füßen.

Erst als er sich an eine der Öffnungen lehnte, fiel ihm auf, wie dick die Mauern waren. Mit Mühe schwang er sich im Quersitz auf die Fensterbrüstung und schätzte mit ausgestrecktem Arm. Das Mauerwerk maß fast einen Faden. Als er von der Brüstung hinuntersprang, knickte er ein und wäre beinahe hingefallen. Er war erschöpft. Mühsam richtete er sich auf und ging zum nächsten Fenster. Von hier aus sah er auf die Pfirsichbäume, deren rosa Blüten sich heute Morgen vor Sonnenaufgang im Meer widergespiegelt hatten. Himmel, Meer und Erde, die ganze Welt, ob Blumen, Vögel und Bäume, ob Grün, Violett, Gelb und Orange, alles hatte einen rosa Schimmer. Musa der Nordwind sah an sich herunter, auch er war von Kopf bis Fuß rosa angehaucht, und hoch über der Mühle sah er die rosa Wolke in einer Flut von Licht kreiselnd nach Süden gleiten. Ihm schwindelte leicht, als er an das östliche Fenster kam. Auch hier schimmerte alles rosa. Er eilte ans Fenster an der Nordseite. Von dort aus fiel ihm ein Schatten auf, der sich da unten im rosa Gebüsch bewegte, sich aufrichtete und immer wieder Deckung suchend davoneilte. Ein unheimliches Gefühl beschlich ihn, verstört eilte er die Treppe hinunter ins Freie, ging mit ausholenden Schritten zum nächstliegenden Haus am Dorfplatz und öffnete die Tür. Die Krone einer großen Platane an der Nordseite des Hauses überschattete das Dach, die Jungvögel in den hier und da im Laub versteckten Nestern waren noch nicht geschlüpft. Das Haus war gähnend leer.

Er ging über den kiesigen Strand zurück zu seinem blau gestrichenen Boot, bückte sich nach seiner zusammengeschnürten Matratze, doch er konnte sie nur herausheben, indem er sie mit beiden Händen an den Schnürstricken übers Dollbord zog. Er schleifte sie über den Kieselstrand ins Haus, hatte aber nicht mehr die Kraft, sie auszurollen, und sackte, angekleidet, wie er war, auf den Ballen nieder. Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln den Schatten von vorhin am Haus vorbeihuschen. Jetzt noch die Sachen aus dem Boot zu holen, das würde er nicht mehr schaffen. Wenn aber jener Schatten jemand war, der nur darauf wartete, mit dem Boot davonzufahren? Im Nu war er auf den Beinen, rannte zum Strand, hob die Ruder aus, eilte mit ihnen zurück, verriegelte die Tür und ließ sich auf seine zusammengerollte Matratze fallen.

Er saß auf einem Grauschimmel und ritt über eine Ebene ohne Anfang und Ende. Weites Land rundum, blendend weiß und lichtdurchflutet. Riesige, weit geöffnete rosarote Blüten berührten den Bauch des Pferdes und streckten sich immer höher. Mühsam bahnte sich das Pferd einen Weg durch die rosaroten Blumen. Wildwasser, das aus dem Gipfel des gegenüberliegenden Berges schoss, toste schäumend über die Hänge zu Tal und verschwand zwischen den rosaroten Blumen. Plötzlich verstummte das rauschende Wasser. Das Pferd stieg auf die Hinterhand, der Berg färbte sich rosarot, und rosarote Schatten bedeckten die Ebene.

Das Mittelmeer dampfte in blau rieselndem Licht.

Regen fiel, rosarot.

Das gestiegene Pferd wieherte, es schimmerte rosarot. Der rosarot leuchtende Berg setzte sich in Bewegung, sein Licht schäumte. Ein rosaroter Sturzbach strömte schäumend über seine Hänge. Das Wiehern tausender rosarot schimmernder Pferde hatte die Ebene erfüllt. Sie waren ineinander verkeilt, sie flogen. Ihre Flügelspitzen berührten sich, ihre Mähnen und Schweife wehten.

Dann verschwanden die Pferde samt der nach und nach in fleckenloses Gelb übergehenden Ebene in...


Bischoff, Cornelius
Cornelius Bischoff, 1928-2018, verbrachte seine Jugendjahre in der Türkei und studierte Jura in Istanbul und in Hamburg. Nach 1978 war er als literarischer Übersetzer tätig und schrieb Drehbücher.

Kemal, Yasar
Yasar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.



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