Kemal | Der Sturm der Gazellen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Die Insel-Romane

Kemal Der Sturm der Gazellen

Roman. Die Insel-Romane II
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30787-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. Die Insel-Romane II

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Die Insel-Romane

ISBN: 978-3-293-30787-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die paradiesische Insel in der Ägäis war menschenleer, nachdem die griechischen Bewohner nach dem Ersten Weltkrieg vertrieben wurden. Nach und nach stranden hier ihre neuen Bewohner, eine bunte Schar aus allen Winkeln des alten Osmanischen Reiches. Griechen, Türken, Kurden, Armenier, Jesiden, ob Christ, Alevit, Muslim oder Atheist - jeder hat tausend Geschichten zu erzählen und ebenso viele Geheimnisse zu verschweigen, jeder ist gezeichnet von Abenteuern, Heimsuchungen und Albträumen. Sie alle versuchen, heimisch zu werden auf diesem Flecken Land, während in ganz Anatolien noch Millionen auf der Flucht sind. »Genozid und Ökozid - dies sind die beiden großen Katastrophen unseres Jahrhunderts. Diese Tragödien sind Teil meines Lebens und Werkes.« Ya?ar Kemal

Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
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1 


Das Boot kam sehr langsam aus dem nächtlichen Dunkel, das Wasser lag spiegelglatt. Am Himmel barsten dicht hintereinander Sternschnuppen und zogen ihre sprühende Lichtspur ins Meer. Fast gleichzeitig schälte sich verschwommen eine Insel aus dem dunstigen Nebel. Der Mann im Boot ließ behutsam die Ruder sinken, verharrte und schaute sich erschöpft nach allen Seiten um. Drei Fische sprangen kurz nacheinander, alle drei mit rosafarbenem Glanz. Aus drei Richtungen kamen drei Vogelschreie, dann färbte sich der Meeresspiegel violett.

Der Mann reckte sich und griff wieder in die Riemen. Das Meer wurde noch heller. Der Mann tauchte ins Licht ein und aus. Der Gipfel des Berges vor ihm schien sich auch aufzuhellen. Ein fadendünner Strich blitzte auf und verschwand, und verwundert ließ der Mann die Ruder wieder sinken. Das Rot eines in voller Blüte stehenden Granatapfelgartens auf der Inselzunge schien auf den Grund des Meeres getaucht zu sein. Wieder sprangen drei Fische aus dem Wasser, leuchteten in roter Linie auf und verschwanden. Der Morgenwind brachte weiche, salzige Meeresluft von den Ufern herüber, vermischt mit dem Geruch von Blumen, Gras, Thymian und Salbei.

Wie herrenlos trieb das Boot zum Ufer, erst als der Bug die Klippe rammte, kam der Mann wieder zu sich und stand auf. Das Boot schlingerte leicht. Stahlblau schimmerndes Meer, gegenüber der jetzt dunkelviolette Berg, hinter seinem Gipfel ein Stück der kupferfarbenen Sonne, fernab, im diesigen Schatten, ein sich wiegender, im Meer gespiegelter mächtiger Baum, schräg dahinter am Ufer aufgereihte, im Morgendämmer auftauchende, wieder verschwindende, mal wachsende, mal schrumpfende, von Nebelschleiern verhangene Häuser, im Hintergrund, nur verschwommen sichtbar, ein Hügel.

Eine leichte, auflandige Strömung schob das Boot weiter, hin und wieder drehte es sich um sich selbst. Eine kleine Welle nur, und der Mann wäre vom aufgeschaukelten Boot ins Meer gefallen. Er schien in einem Traum gefangen. Vor seinen Augen ein blendendes Lichtergewirr und dazwischen wie zum Meeresgrund ein- und auftauchende Granatapfelblüten. Funkelnde Fische spielten im Wasser. Die Welt hellte sich auf, tauchte zurück ins Dunkel, färbte sich blau. Ganz nah schnellten drei stahlblau schimmernde Fische hintereinander aus dem Wasser. Eine leichte Brise kam auf, der Meeresspiegel riffelte sich.

Traumverloren setzte sich der Mann wieder an die Riemen und ruderte das Boot mit kräftigen Schlägen auf den Sandstrand. Dann stieg er die Böschung hoch und schlenderte in den Granatbaumgarten. Hier fühlte er sich zu Hause. Bienen waren auf die Blüten niedergegangen, ihr Summen war überall. Beim Anblick der im Licht lärmenden Bienen kam er wieder zu sich. Er musste sich hinlegen, sonst würde er vor Erschöpfung zusammenbrechen. Drei Pirole flogen dicht über seinen Kopf hinweg. Er hatte sie nicht kommen sehen, hatte nur den Luftzug ihrer Flügel im Nacken gespürt. Ihr unvergleichlich funkelndes, jedes Menschen Innerstes aufhellendes Gelb verscheuchte auch den letzten Rest seiner Ängste. Er machte noch einen Schritt, dann ging er in die Knie, kippte zur Seite, schob, schon ausgestreckt, den drückenden Revolver von seiner Hüfte nach vorne und war auch schon eingeschlafen.

Es war noch vor Tagesanbruch gewesen, als Vasili das Boot da draußen entdeckte. Er sah das langsame Auf und Ab der Ruderblätter, die im diesigen Blau verschwanden und nach einer Weile verschwommen wieder auftauchten. Vasili füllte die Teekanne am Brunnen und setzte sie aufs zur Glut niedergebrannte Feuer.

Zuerst kam Lena aus dem Haus, nach ihr Musa der Nordwind, der Vasili beim Näherkommen prüfend ansah. »Mit dir ist irgendetwas«, sagte er.

»Im Morgendämmer habe ich ein Boot gesehen. Es kam landauf in unsere Richtung. Dann verschwand es aus meinem Blickfeld. Vielleicht auch im Nebel.«

Tauchten die Ruder so langsam ein und aus, weil der Mann zu Tode erschöpft war, so als fielen ihm die Arme ab und die Augen zu? Er musste doch auf der Insel gelandet sein, wo denn sonst? Vasili trank seinen Tee in einem Zug aus, stand auf und ging zu seiner Mühle. Er stieg ins zweite Stockwerk und setzte sich ans Fenster. Er verließ die Mühle, schlenderte zur Höhle, machte kehrt, ohne hineinzugehen, und stieg über die Böschung zu seinen Granatapfelbäumen. Die Blüten wogten Rot in Rot, und ihr Schimmer strömte mit dem Glitzern tausender summender Bienenflügel über das stahlblau funkelnde Meer. Eine lila Schlange mit kleinen weißen Punkten glitt durch einen langen Zug Ameisen und verschwand unter einem Busch. Vasili umkreiste suchend den Busch, trat ängstlich gegen das Buschwerk, die Schlange ließ sich nicht blicken. Er schob das Gesträuch auseinander, linste durchs Blattwerk, die Schlange war verschwunden. Er stieg hinunter ans Ufer. Am Fuße des steilen Hangs war der Strand drei bis fünf, stellenweise auch fünfundzwanzig Klafter breit. Grübelnd stapfte er durch den Sand. Ja, es musste dieser Mann sein, kein anderer würde heimlich kommen! Aber in welcher Bucht hatte er sein Boot versteckt? Vasilis Unruhe wuchs und schlug um in Wut. Am Hang entdeckte er in die Erde gegrabene Stufen und darunter Fußspuren, die bis zur Inselzunge führten. Sein Herz machte einen Freudensprung, und kaum war er um die Landzunge herum, entdeckte er das Boot, rief lauthals: »Da ist es«, machte kehrt und rannte den Strand entlang zurück. Als er den rötlich gesprenkelten Felsen emporstieg, fiel ihm eine Blume auf. Ihr bläuliches Violett schimmerte hell. Im Schlachtgetümmel in einem grasbewachsenen Graben bei den Dardanellen hatte er zum ersten Mal so eine Blume gesehen. Ganz plötzlich war eine Granate eingeschlagen, so nah, dass Himmel und Erde bebten. Schreie und Stöhnen überall, ein Wirbel von abgerissenen Armen, Beinen, Köpfen und Rümpfen. Tiefe Finsternis hüllte alles ein, nur die Blume stand in grellem Licht, ihr Blau weitete sich immer mehr, und als er die Augen aufschlug, sah er, wie sich von seinen Schultern rinnendes Blut mit dem bläulichen, lilafarbenen Schimmer vermischte.

»Gefunden«, sagte Vasili, »ich habe ihn gefunden. Sein Boot lag hochgezogen auf dem Strand. Er ist es.«

»Woher willst du wissen, dass es dieser Mann ist?«

»Warum kommt er denn heimlich auf diese Insel? Ich hab ihn doch gesehen, er ruderte genauso verhalten wie du damals.«

»Er ist es«, sagte Lena. »Ich hatte es im Gefühl, dass der Mann diese Tage kommt, und geträumt habe ich es auch. Dann träumte ich noch, der heilige Tanasi sei geflohen und hierher unterwegs.« Musa der Nordwind lächelte bitter. Sie bewaffneten sich und machten sich nach dem Mann auf die Suche. »Wenn er ein bisschen Verstand hat, versteckt er sich nicht in seinem Granatapfelgarten«, meinte Musa der Nordwind und versank in Gedanken.

Sie erklommen den Hügel. Von hier oben ließen sie ihre Augen über die ganze Insel schweifen.

»Zur Höhle?«

»Da habe ich schon nachgesehen«, winkte Vasili ab.

Schließlich schlugen sie doch den Weg zu den Granatapfelbäumen ein. Sie vermieden jedes Geräusch, schlichen geduckt von Baum zu Baum. Im Garten war kein Vogel zu hören. In tausend glitzernden Farben schimmerten die Flügel der schwirrenden Hornissen. Die lilafarbene Schlange mit den Punkten kam hinter einem alten Granatapfelbaum hervorgekrochen und schlängelte sich gemächlich zum Steilhang. Auf der Wiese schien sie kurz zu verharren, hob leicht ihren Kopf und blinzelte zu ihnen herüber.

Wie angewurzelt blieben die beiden kurz darauf stehen. Seitlich zusammengerollt lag der Mann da, hatte die Beine an den Bauch gezogen und schlief. Sein Kopf ruhte auf seinem rechten Arm, und mit dem linken hatte er ihn abgedeckt.

Vasili hatte schon den Revolver gezogen.

»Was soll das denn, Vasili?« Nordwinds Flüstern klang spöttisch.

»Das ist bestimmt dieser Mann!«

»Hast du schon mal einen Schlafenden getötet, Vasili?«

Verstört verneinte Vasili.

»Dann steck deinen Revolver wieder ein! Wir setzen uns da vorne unter den Granatapfelbaum und warten, bis der Mann aufwacht.«

Sie hockten sich unter den Baum und lehnten ihre Rücken an den Stamm. Eine ganze Weile hielten sie schweigend die Köpfe gesenkt. Dann fragte Nordwind: »Sind Fische im Quellwasser?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Vasili und überlegte. »Diese Frage habe ich mir beim Betrachten des Wasserlaufs noch nie gestellt.«

»Und was ist mit der Rauen Insel? Wollen wir hin?«

»Ein Paradies. Viele Ölbäume wachsen dort. Breit wie Platanen. Wenn du sie auch noch pfropfst, gibt jeder Baum über fünfhundert Kilo Oliven. Und das Flachland ist ziemlich groß.«

»Und wie viel Ziegen gibt es? Ich weiß, die blauen Ziegen des heiligen Hizir dürfen nicht geschlachtet, ihr Fleisch nicht gegessen werden. Wie ist es aber mit ihrer Milch?«

»Keine Ahnung. Danach müssen wir einen Popen oder einen Hodscha fragen.«

»Ihre Milch darf bestimmt getrunken werden«, meinte Nordwind, »warum auch nicht?«

Schnaubend drehte sich der Mann auf die andere Seite und wimmerte eigenartig. Wer in Schwierigkeiten steckt, wimmert im Schlaf immer so, dachte Nordwind und starrte auf den Mann, in dessen langem, blondem Schnauzbart sich Laub verfangen hatte.

Die lila Schlange mit den weißen Punkten kam hinter den Felsen hervor, hob den...


Kemal, Yasar
Yasar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.

Bischoff, Cornelius
Cornelius Bischoff, 1928-2018, verbrachte seine Jugendjahre in der Türkei und studierte Jura in Istanbul und in Hamburg. Nach 1978 war er als literarischer Übersetzer tätig und schrieb Drehbücher.



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