Kemal | Der Granatapfelbaum | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Kemal Der Granatapfelbaum

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30786-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-293-30786-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der amerikanische Marschall, so nennen ihn die Landarbeiter, hat nach dem Zweiten Weltkrieg gemäß seinem Plan die Türkei mit Tausenden von funkelnden, riesenhaften Traktoren überschwemmt. Seither ist in der Çukurova-Ebene nichts mehr so wie früher. Die Großgrundbesitzer sind vernarrt in ihre neuen Maschinen und glücklich, dass sie sich mit den Tagelöhnern aus den Bergdörfern nicht mehr herumschlagen müssen. So irrt ein Grüppchen von Dörflern durch Staub, Hitze und höllische Moskitoschwärme. Schließlich findet es sein Glück ganz unerwartet: auf dem Feld des menschenfreundlichen Melonengärtners.

Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
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Memeds Frau stand regungslos im endlosen Ödland. Dann beugte sie sich nieder und scharrte mit gekrallter Hand die Erde. Nachdem sie eine Weile gesucht hatte, fand sie einige Körner, die sie prüfend zwischen Zeigefinger und Daumen rieb, biss dann mit Bedacht auf jedes Einzelne und steckte sie in die Tasche.

 »Vay!«, jammerte sie, »mein armer Kopf. Alles verfault! Mein armer Kopf!«

 Sie kratzte erneut, fand noch einige Körner, nahm sie zwischen ihre Vorderzähne, biss, und spuckte sie wütend wieder aus.

 »Vay! All meine Mühe!«

 Auf dem ganzen Feld schimmerte nicht das geringste Grün. Graue Erde überall. Von Leben keine Spur.

 »Wir sterben«, stöhnte sie, »wir sterben dieses Jahr. Vay, mein sorgengeplagter Kopf!«

 Sie hockte sich nieder, fiel fast in sich zusammen, starrte in die endlose Steppe, starrte auf das tote Feld … Ihr Kopf drehte sich, und immer wieder klagte sie: »All meine Mühe!«

 Bis zum späten Nachmittag kam sie nicht mehr auf die Beine. Sie war ganz benommen, kauerte da, als sei ihre letzte Stunde gekommen. Doch plötzlich raffte sie sich auf und machte sich auf den Heimweg. Der Tag ging zur Neige, als sie zu Hause war und sich voller Groll vor den Kamin hockte.

 »Mädchen«, sagte Memed, »morgen noch nicht, wir gehen erst übermorgen. Sowie ich in der Çukurova bin, bringe ich Geld zur Post. Zehn Tage, nachdem ich weg bin, gehst du zum Krämer Cemal, denn ich werde das Geld zu Händen Cemal Efendi schicken!«

 Die Frau gab keinen Laut von sich.

 »Mädchen, was ist?«

 Wütend machte sie sich Luft: »Geh doch, geh doch hinunter in die Ebene! Und was sollen wir zehn Tage lang essen? Die ganze Saat ist verfault. Abgesehen vom Mehl, wir haben nicht einmal Salz im Haus. Was sollen wir zehn Tage lang essen? Die ganze Saat ist hin.«

 Zwei Zicklein tollten durchs Haus. Vier Kinder in abgerissenem Zeug standen aneinander gedrängt ganz still da. Nur das kleinste, ein Junge, fast nackt in seinen Lumpen, versuchte mit lautem Schniefen seinen Nasenschleim wieder hochzuziehen.

 »Wir verkaufen die weiße Ziege«, schlug Memed vor, »kaufen von dem Geld einen Scheffel Weizen und von dem Rest Salz.«

 »Verkauf doch!«, entgegnete die Frau. »Verkauf doch, dann ist auch das bisschen Aufstrich zum Brot weg.«

 »Wenn ich aus der Çukurova zurückkomme, kaufe ich uns zwei Ziegen, ja, sogar vier.«

 »Verkauf du die eine, verkaufe sie, damit wir verdorren!«

 Jetzt wurde auch Memed wütend. »Ja, ich werde sie verkaufen«, schrie er, »und wie ich sie verkaufen werde!«

 »Verkauf sie nur, damit wir endlich sterben.«

 Am nächsten Tag verkaufte Memed die Ziege im Nachbardorf an Duran Efendi.

 Als habe man einen Toten aus dem Haus getragen, weinte und schluchzte die Frau um die weiße Ziege. Memed aber konnte nicht zurück nach Haus und seiner Frau ins Gesicht sehen, und so trieb er sich nur noch draußen herum.

 Ein leichter Wind fegte Ziegendung an Mauern und Hauswände. Als Erster war Memed zur Stelle, nach ihm kam Hösük. Sie hockten sich unter ein Vordach und schmiedeten Pläne. Am nächsten Morgen wollten sie sich auf den Weg machen.

 »Sie lügen«, polterte Hösük. »In der Çukurova soll es keine Arbeit geben? Nichts als Lügen! Die Çukurova ist riesig!«

 »Lügen!«, sagte Memed schroff, »nichts als Lügen. Sie finden keine Leute in der Çukurova, bringen sich fast um für sie … Du musst nur rechtzeitig dort sein. Wie Köter betteln sie dort jetzt um Arbeiter.«

 Bald danach kam Yusuf und hockte sich nieder. »Ich habe gehört, ihr Kerle geht in die Çukurova. Das habe ich gehört …«

 »Ja, wir gehen«, entgegnete Hösük. »Ich, Memed und Ali der Barde auch.«

 Yusuf schnalzte. »Wo habt ihr denn euren Verstand gelassen? Ihr geht in den Tod, geht ins Siechtum, geht in die Fiebersümpfe zu elendem Fraß! Das alles ist die Çukurova. Fragt mich! Ich kenne sie. Ihr Wahnsinnigen! Lieber sterben, als in die Çukurova gehen. Schade um eure Jugend, ihr Wahnsinnigen. Memed, du hast vier rosenschöne Kinder. Tus nicht. Wer dorthin geht, kommt nicht wieder, und wenn er wiederkommt, dann so wie ich.«

 »Wir haben keine Wahl«, sagte Memed.

 »Wir wissen es ja, Bruder, aber wir haben keine Wahl«, sagte auch Hösük.

 »Nur wer die Çukurova kennt, kann es wissen«, begann Yusuf von neuem. »Und ich kenne sie. Sie brennt, ja, sie brennt. Wie Blut ist ihr madiges Wasser, ein reißender Wolf jede Stechmücke. Wie Wolken kommen sie über dich und saugen dein Blut. Sie brennt, Brüder, sie brennt. Lasst es sein! Seht mich doch an! Nehmt mich als Beispiel und lasst es sein! Das Wasser voller Maden und lau wie Blut … Meine Worte sind die Worte eines Bruders, sind wie der Rat eines Vaters. Seht doch meinen Zustand … Und müsstet ihr hungers sterben, geht nicht hin! Es gibt Arbeit, es gibt Geld, es gibt Brot, sogar Vogelmilch solls geben und alles, was du dir vorstellen kannst. Aber dort ist auch der Tod, das Elend, das Sumpffieber, die Schwindsucht. Seht mich doch an! Sie brennt, die Çukurova, sie brennt. Geht nicht!«

 »Nichts zu machen, wir gehen«, sagte Hösük.

 »Wir gehen«, nickte Memed.

 »Lieber Tod als Not, lieber Sumpffieber als Armut, lieber schwindsüchtig als ständig hungrig!«, meinte Hösük.

 »Wir gehen«, wiederholte Memed.

 »Seht mich doch an!«, jammerte Yusuf. »Gehe ich mit, erwartet mich dort der Tod. Gott bewahre! Ich gehe kein zweites Mal. Und müsste ich Schösslinge und Baumrinde essen, ich gehe nicht.«

 »Wir gehen«, wiederholte Memed.

 »Tot sein ist besser als arm sein. Wir gehen«, sagte Hösük.

 »Seht mich doch an«, klagte Yusuf.

 Er zeigte mit der Rechten immer wieder auf seinen Bauch, der aussah wie der einer schwangeren Frau. Yusuf steckte in zerlumpten Kleidern, seine nackten Fußsohlen schützte Hornhaut so dick wie Reifengummi. Er hatte einen spindeldürren Hals, die dicken Lippen im blutleeren Gesicht waren voller Risse. »Von mir an euch ein brüderlicher Rat! Jede Stechmücke …«, begann Yusuf von neuem.

 »Um Gottes willen, Yusuf, halt den Mund!«, herrschte Hösük ihn an.

 Yusuf sagte kein Wort mehr.

Die eingerollten Decken auf dem Rücken, die Sicheln an der Hüfte, warteten sie auf Memed, der noch mit seiner Frau sprach, sich dann mit den Worten: »Bleib gesund!« verabschiedete und losging.

 »Die ganze Saat ist verfault«, rief die Frau hinter ihm her.

 Der Morgen graute. Sie waren spät dran und machten sich eilig auf den Weg, blickten aber immer wieder zurück, bis das Dorf aus ihren Augen entschwunden war. Als sie Rufe hinter sich hörten, blieben sie stehen. Ganz außer Atem kam Yusuf angelaufen.

 »Was ist denn, Yusuf?«, riefen sie.

 »Alles bestens«, antwortete Yusuf. Er keuchte wie ein Blasebalg und hockte sich nieder. »Wartet, bis ich mich verschnauft habe. Vom Dorf bis hierher bin ich gelaufen.«

 Sie blieben bei Yusuf stehen. Nachdem dieser wieder zu Atem gekommen war, erhob er sich.

 »Ich habe hin und her überlegt und bin dann hinter euch her«, keuchte er. »Tot ist tot, was soll das Geröchel, sagte der Kurde. Tot ist tot … Los, gehen wir!«

 Am Himmel stand keine einzige Wolke. Die Steppe dorrte unter ihren Füßen.

 Als sie an Feldern entlanggingen, bückten sie sich und kratzten an der Krume.

 »Nichts los damit«, sagten sie. »Das wird nichts.«

 »Und wenn schon«, schimpfte Memed, »kratz dir ruhig Nagel und Finger aus. Zwei Hand voll Körner gesät! Das kann so oder so nichts bringen.«

 »Dann eben nicht«, sagte Hösük.

 »Das wäre immerhin besser als gar nichts«, meinte Ali der Barde.

 »Zum Teufel mit der Çukurova!«, fluchte Yusuf.

 Die andern lachten.

 Bei der Weißquelle verschnauften sie, tranken und wuschen sich die Gesichter. Und wer kam angerannt, als sie sich umsahen? Keklikoglus Hirtenjunge Klein Memed.

 »Was hast du denn hier zu suchen?«, rief Hösük.

 »Ich hau ab«, antwortete Klein Memed. »In die Çukurova. Ich hörte, dass ihr gehen würdet und warte hier seit zwei Tagen auf euch. Ja, ich gehe. Soll der Aga doch erst einmal einen Schäfer wie mich finden! Ich mache mich auf und davon.«

 Klein Memed war dünn wie ein Stecken, hatte aber unglaublich große Hände und Füße.

 »Das hast du gut gemacht, Memed«, lobte ihn Ali der Barde. »Seit ich dich kenne, sehe ich dich in Keklikoglus Diensten.«

 »Weder Lohn noch irgendetwas, nicht wahr?«, sagte Hösük.

 »Ja. Ich hab die Nase voll.«

 »Und jeden Tag den Stock«, fügte Hösük hinzu.

 »Wer die Freiheit will …«, sinnierte Ali der Barde.

 »Bekomme ich denn in der Çukurova mein gutes Recht?«, fragte Klein Memed.

 »Auch die Çukurova gehört Keklikoglu«, antwortete Ali der Barde.

...


Kemal, Yasar
Yasar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.

Bischoff, Cornelius
Cornelius Bischoff, 1928-2018, verbrachte seine Jugendjahre in der Türkei und studierte Jura in Istanbul und in Hamburg. Nach 1978 war er als literarischer Übersetzer tätig und schrieb Drehbücher.



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