E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Kemal Das Unsterblichkeitskraut
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30797-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. Die Anatolische Trilogie III
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-293-30797-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ya?ar Kemal wird der »Sänger und Chronist seines Landes« genannt. Er wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren. Seine Werke erschienen in zahlreichen Sprachen und wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2008 wurde er mit dem Türkischen Staatspreis geehrt. Er starb in Istanbul am 28.2.2015.
Weitere Infos & Material
1
Wie Memidiks Zorn von Tag zu Tag wächst und schließlich unerträglich wird.
Memidik zog blitzschnell sein Messer aus der Scheide; die Klinge, rank wie das Blatt einer Weide, blitzte im Mondlicht und zog einen weiten, bläulich glitzernden Bogen. Sein Körper spannte sich bis ins Knochenmark, bereit, wie ein Falke auf die Beute zu stürzen. Memidik sprang – und blieb dann zitternd auf ausgestreckten, steifen Beinen stehen. Seine Glieder schienen sich vom Scheitel bis zur Sohle in Bleiklumpen zu verwandeln, so schwer.
Die Nacht war mondhell. In silbernem Glanz schienen Bäume, Gräser, Bodenwellen und Hügel zu schwanken, sich zu dehnen, länger zu werden. Fahles Licht füllte Bäche und Schluchten, warf die Schatten des Anavarza-Felsens auf die Wasser des Ceyhan, die silbern, träge und still durch die endlos schimmernde Ebene dahinflossen, lautlos in die Schatten der Felsen tauchten und nach einer Weile hinter ihnen wieder in glänzenden Windungen dahinströmten.
Die Schritte, unter denen die Kiesel am Bache knirschten, kamen immer näher, und je näher sie kamen, desto mehr straffte sich Memidik. Das Geräusch rollender Steine dauerte an, wollte nicht aufhören, hallte wider im Mondlicht. Eine Weile schienen die Schritte von weit her aus der Tiefe zu kommen, dann wieder waren sie ganz in der Nähe; zum Greifen nahe. Die Schritte verhielten, und eine unheimliche Stille breitete sich aus. In der Ferne raschelte trockenes Laub unter dem Gewicht einer Schleiereule, die sich von Zweig zu Zweig schwang. Plötzlich tauchte der Schatten auf, gewaltig und Achtung gebietend. Wie der Blitz hechtete Memidik hinter den nächsten Busch.
Der Schatten bewegte sich gemächlich schwankend vorwärts, wurde immer länger, breiter, mächtiger, fiel wieder in sich zusammen, blähte sich auf, schnellte empor, stürzte, erhob sich, dehnte sich, streckte sich lang über die Erde, bäumte sich plötzlich und sprang wie der leibhaftige Zorn auf Memidik zu. Je näher er kam, desto mehr löste sich Memidiks Spannung, entkrampfte sich sein Körper.
Angst kroch in ihm hoch, ganz langsam, wie auflaufendes Wasser. Arme und Beine versagten ihm den Dienst. Das Messer, seit Einbruch der Nacht fest umklammert in seiner Faust, fiel zu Boden. Die Hand war taub geworden, das Blut darin stockte. Jetzt begann die Haut zu brennen und zu kribbeln. Er bückte sich und tastete in den Stoppeln nach seinem Messer, bis er es gefunden hatte. Als das Mondlicht auf die Klinge fiel, blitzte sie blau schimmernd ganz kurz auf. Memidiks Hände flatterten so heftig, als wollten sie davonfliegen. Dann begann der ganze Körper zu zittern. Der Schatten kam immer näher und ging an ihm vorbei. Memidik sah nur zwei lange Beine, die groß und weit geschmeidig ausschritten. Große, schwarze Beine bewegten sich fort, kamen zurück, schwankten und bauten sich wie eine schwarze Wand vor ihm auf. Memidik konnte sich nicht mehr aufrecht halten, seine Knie wurden weich, ganz langsam glitt er neben dem Busch zu Boden.
»Zur Hölle mit dir, Messer!«, fluchte er in sich hinein, »zur Hölle mit dir, Messer … Zur Hölle mit dir, Angst! Auch diesmal hat es nicht geklappt.«
Erst als der Schatten sich längst entfernt hatte, konnte Memidik sich wieder fangen.
So spielte es sich immer ab. Jedesmal musste er sich damit abfinden, dass Hände und Beine, ja sein ganzer Körper ihm den Gehorsam verweigerten. Und somit konnte Memidik Sefer nicht töten; einzig und allein aus diesem Grund.
Ein verschneiter Wintertag fiel ihm ein. Er war von der Jagd heimgekehrt und wartete unter dem Maulbeerbaum vor Sefers Haustür. Wartete und wartete, die Handflächen brannten, so spannte sich die Haut. Doch als Sefer endlich herauskam, wurde er wieder schwach. Auch damals begann er zu schwitzen, bis schließlich sein ganzer Körper in Schweiß gebadet war.
Er kauerte im Gestrüpp und zitterte immer noch. Zittert und umklammert mit aller Kraft den Schaft seines Messers. »Diese Nacht muss ich den da töten. Diese Nacht, diese Nacht … In dieser Nacht wird Schluss gemacht … Wenn der Mann nicht stirbt, gibt es für mich keine Erlösung.« Er spürt ein Ziehen in seinen Fußsohlen, in seinen Hoden und Knien. Ihm wird übel, und er würgt.
Die Prügel damals gingen ihm nicht aus dem Kopf. Nicht einen Augenblick. Wegen Tasbasoglu hatten sie ihn geschlagen, wegen des Heiligen mit den sieben Lichtkugeln groß wie Pappeln im Gefolge, der die Nächte in Tage verwandelte, dessen Antlitz so rein war wie klares Wasser und der verschwand, um in den Kreis der Vierzig Glückseligen einzugehen.
Sefers Gefolgsmann, der ungeschlachte Ömer, hatte ihn geprügelt. So schlimm, dass Memidik Blut pisste und drei Monate lang das Bett nicht verlassen konnte. Kann man einen Menschen denn so mörderisch schlagen? Sogar das Ungeheuer Ömer wäre nicht so weit gegangen, wenn dahinter nicht Sefer gesteckt hätte, Tasbasoglu Todfeind.
Die Nachbarn hatten sich um sein Krankenlager geschart. »Das übersteht er nicht, das bringt Memidik um«, sagten sie, »gottverdammter Sefer!« Seine Mutter weinte nur noch.
Memidik ist nicht gestorben. Er ist nicht gestorben, aber seitdem ist er auch nicht mehr derselbe. Nachdem er das Bett verlassen hatte, konnte er keinen Schritt mehr ins Dorf tun und niemandem ins Gesicht sehen. Er trieb sich nur noch in den Bergen, den Schluchten und in der Steppe herum. Zum Glück war er Jäger, stellte dort dem Wild nach und hatte nicht das Bedürfnis, zwischen Menschen zu sein. Vor Scham konnte er nicht einmal seiner Mutter in die Augen schauen. »Solange Sefer nicht tot ist, kann ich mich davon nicht frei machen. Ich muss ihn töten, damit ich mich wieder zwischen Menschen bewegen, ihnen ins Gesicht sehen kann.« Tagelang schliff er sein Messer, dessen Klinge rank war wie ein Weidenblatt. Schliff es, bis es bei der geringsten Berührung ein Haar zerschnitt.
Viele Nächte hindurch wartete er im hohen Schnee vor Sefers Tür. Das Blut in seiner Handfläche stockte, und das mit Perlmutt eingelegte Messer vereiste in seiner Faust. Wie oft traf er in jenen Winternächten auf Sefer, standen sie sich Aug in Aug gegenüber. Doch jedesmal zitterte Memidik, war er wie gelähmt, glitt das Messer aus seiner Hand und fiel in den Schnee. Er konnte Sefer nichts tun. Und der Zorn in ihm wurde immer wilder.
»In so einem Winter, solcher Kälte, solchem Frost wird ein Mensch ja vom Warten wie gelähmt«, sagte er schließlich, »aber an dem Tag, an dem wir in die Ebene hinunterziehen, werde ich ihn dort auf der Erde der Çukurova niederstrecken; bei meinem Leben!« Er war ganz sicher, dass in der Çukurova seine Knie nicht weich werden würden.
Sie wurden es doch. Memidik stieß an eine riesige Wand ohne Ende, er stand am Rand der Verzweiflung. »Ich muss mich selbst töten«, sagte er, »ich werde mich töten.« Und wenn seine Glieder ihm im Augenblick der Selbsttötung auch den Dienst versagten?
Er schlug die Richtung ein, in die der Schatten verschwunden war. Nach zweihundert, höchstens dreihundert Schritt war er mitten in einem Gestrüpp Stechginster. Die Dornen schrammten seine Beine, rissen seine Pluderhosen an. Von irgendwoher kam der herbe Geruch der Scheindahlie; der Duft von Minze vermengte sich mit dem Moder aus den Sümpfen, es roch nach brandigen Stoppelfeldern und nach Wegerich. Gerüche, Nacht, Mondschein: alles troff vor Nässe.
Plötzlich, wie ein Blitzschlag, durchfuhr ein Schauer Memidiks Körper. Erschrocken verharrt er eine Weile. Als er weitergeht und den Geruch trockenen Getreides einatmet, kommt er langsam wieder zu sich, kehrt die Spannkraft in seinen Körper zurück.
Als er bei den Maulbeerbäumen anlangte, hatte er sich völlig in der Gewalt, war sein Körper wieder prall und straff. Memidik folgte dem schmalen Pfad bis zum Bach und erklomm einen Hügel. Auf dessen Rückseite lag ein alter Friedhof. Er durchquerte ihn mit geschlossenen Augen. Als er aufblickte, war er wieder am Bach. Die weite Fläche, bedeckt mit weißen Kieseln, musste die Furt sein. Das Wasser war bestimmt nicht tiefer als bis zu den Knöcheln, denn die Fische, die in Schwärmen flussaufwärts zogen, schienen mit ihren schillernden Bäuchen aus dem Wasser herauszuschnellen.
Der Mann kauerte an der Furt auf einem Stein und hatte die Füße ins Wasser getaucht. Sein Rücken war Memidik zugewandt. Was hatte er nur für breite Schultern! Wie die Schultern eines Riesen. »Bürgermeister Sefer ist doch nicht so massig«, sagte sich Memidik, »wer weiß, warum, im Mondlicht sieht es so aus. In der Dunkelheit wachsen die Menschen vier-, ja fünffach. Vielleicht bin auch ich jetzt zehnmal größer.« Diesen Satz flüsterte er immer wieder vor sich hin, bis er sein Selbstvertrauen wiedergefunden hatte.
Dicht neben dem Schatten stand eine Ulme mit ausgehöhltem Stamm. Auf Zehenspitzen glitt er hinter den Baum. Er umklammerte den Griff seines Messers; doch als er sich auf den Schatten stürzen will, verlassen ihn wieder die Kräfte; es schüttelt ihn wie im Fieber, und er sinkt zu Boden.
Vor dem Schatten schnellte ein großer beschuppter Fisch in drei Sätzen über das Wasser. Sein Bauch schimmerte silbern im Mondlicht. Der Schatten hob den Kopf. Dann warf er einen Kieselstein in die Richtung, in die der Fisch gesprungen war.
Memidiks Wut wurde immer größer. Er verfluchte sich. Ach, wenn ihm jetzt Arme und Beine doch nur gehorchten, wenn ihm...




