Kellerhoff Der Reichstagsbrand
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8393-0106-7
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Karriere eines Kriminalfalls
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-8393-0106-7
Verlag: BeBra Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sven Felix Kellerhoff, geboren 1971 in Stuttgart, studierte Geschichte und Medienrecht und absolvierte die Berliner Journalisten-Schule. Seit 1993 als Publizist vorwiegend für historische Themen tätig. Derzeit leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte bei der 'Welt'. Buchveröffentlichungen: 'Deutsche Legenden' (mit Lars-Broder Keil); 'Als die Tage zu Nächten wurden. Berliner Schicksale im Bombenkrieg'; 'Attentäter. Mit einer Kugel die Welt verändern'; 'Mythos Führerbunker. Hitlers letzter Unterschlupf'.
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Die Brandstiftung
Der Reichstag brennt – der Täter auf frischer Tat ertappt?
Vier bis fünf Grad unter Null zeigten die Thermometer in Berlins Innenstadt am Abend des 27. Februar 1933; ein eisiger Ostwind ließ die gefühlte Temperatur noch niedriger erscheinen. Ansonsten aber schien dieser Montag ein ganz gewöhnlicher Winterabend zu sein. Nichts deutete darauf hin, dass die Ereignisse dieses Abends in die deutsche Geschichte eingehen und bis in unsere Tage Anlass zu hitzigen Debatten geben würden. Es herrschte Wahlkampf, am kommenden Sonntag sollten die Deutschen schon wieder ein neues Parlament bestimmen, obwohl seit der vorigen Wahl nicht einmal ein halbes Jahr vergangen war. Und natürlich hatte sich viel geändert, seit Adolf Hitler genau vier Wochen zuvor zum Reichskanzler ernannt worden war, als Chef einer Koalition aus NSDAP und Deutschnationalen: Mehrfach seither hatten kommunistische und sozialdemokratische Zeitungen nicht erscheinen dürfen. Tausende SA- und SS-Männer waren vom 22. Februar an zu »Hilfspolizisten« ernannt worden; viele nutzten ihren neuen Status brutal aus. Schlägereien zwischen den braun uniformierten Trupps der Nazi-Partei und Anhängern des Rotfrontkämpfer-Bundes häuften sich; mehr als ein Dutzend Menschen waren bei Ausschreitungen seit dem 30. Januar allein in der Reichshauptstadt ums Leben gekommen. Dass alle Parteien im laufenden Wahlkampf gleiche Chancen hätten, glaubte längst niemand mehr. Denn die von Hermann Göring kontrollierte preußische Polizei löste Versammlungen der Opposition bei nichtigen Anlässen auf, während die NSDAP praktisch nie auf diese Weise behindert wurde.1
Im Reichstagsgebäude war es am 27. Februar ruhig, denn Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte das Parlament unmittelbar nach Hitlers Ernennung aufgelöst. Die KPD nutzte ihre Fraktionsbüros im Reichstag als Ausweichsitz, nachdem die Polizei die reguläre Parteizentrale, das Karl-Liebknecht-Haus am Bülowplatz, kurz zuvor besetzt, durchsucht und gesperrt hatte. Doch noch gaben die Hitler-Gegner nicht auf: Die SPD hatte die große Versammlung zum 50. Todestag von Karl Marx im Sportpalast vom eigentlichen Stichdatum, dem 14. März, vorgezogen auf diesen Montagabend, um möglichst viele ihrer Wähler zu mobilisieren. Allerdings löste die Polizei die Veranstaltung vorzeitig auf – deshalb musste eine ungenehmigte Demonstration aufgebrachter Sozialdemokraten durch das Regierungsviertel befürchtet werden. Doch zerstreute sich die Menge friedlich; rund um den Reichstag blieb alles ruhig.2
Allerdings nur bis gegen 21 Uhr. Um diese Zeit war der Theologie-Student Hans Flöter gerade auf dem Heimweg. Er arbeitete so oft wie möglich in der Preußischen Staatsbibliothek, und so hatte er sich auch an diesem Abend lange in den Lesesälen des Prachtbaus Unter den Linden aufgehalten. Nun ging er zügig nach Hause, in die Hindersinstraße zwischen Reichstag und Spree. Sein Weg führte ihn über den Königsplatz zwischen dem Bismarck-Nationaldenkmal und der Westseite des Reichstages, die nur mäßig beleuchtet war – der Berliner Magistrat hatte die städtischen Gaswerke angewiesen, ab dem 1. Oktober 1932 in den Laternen nur jede zweite Flamme zu betreiben. Gerade passierte Flöter den südlichen Beginn der Rampe, die hinaufführt zur Vorfahrt des Parlaments, als ihn ein scharfes Splittern aufschrecken ließ. Das Geräusch kam vom Reichstag, genauer: von einem Fenster im Hauptgeschoss direkt neben dem großen Portikus. Der Student blickte hinauf, als sich das Klirren wiederholte. Offensichtlich brach hier Glas – und das konnte kaum etwas Gutes bedeuten. Sein Eindruck bestätigte sich, als er schemenhaft eine Gestalt erkannte, die offenbar etwas Brennendes in der Hand hielt. Flöter hatte genug gesehen: Das war ein Fall für die Polizei. Weil er regelmäßig am Reichstag entlangging, wusste er, dass hier auch abends stets zwei Schupos, wie die Schutzpolizisten in Berlin meist genannt wurden, patrouillierten. Sofort lief der Student los und stieß auf der nördlichen Seite der Auffahrt tatsächlich auf einen Beamten, den Oberwachtmeister Karl Buwert. Ihm rief Flöter zu, dass sich jemand gewaltsam Zugang ins Parlament verschafft habe, doch der Schupo zögerte zunächst. Erst als der Student ihm auch sagte, dass er Feuer gesehen habe, reagierte Buwert und rannte zur anderen Seite der Rampe. Flöter fühlte seine staatsbürgerliche Pflicht erfüllt und setzte seinen Heimweg fort. Zuvor aber schaute noch einmal auf seine Taschenuhr, die 21.05 Uhr zeigte.3
Unmittelbar darauf entdeckte Buwert selbst einen flackernden Flammenschein im Hauptgeschoss. Zu dem Polizisten waren inzwischen zwei weitere Passanten gekommen: Der 21-jährige Schriftsetzer Werner Thaler war auf dem Weg zum Lehrter Bahnhof auf der anderen Spreeseite. Als er gerade am Südportal des Reichstages vorbeikam, hörte auch er Glas splittern und meinte, auf dem Balkon vor dem Reichstagsrestaurant zwei Männer zu erkennen – vielleicht war es aber auch eine Person und ihr Schatten. Thaler suchte sofort nach jemandem, den er alarmieren konnte, und fand Buwert. Ungefähr zur gleichen Zeit war ein weiterer junger Mann dazu gestoßen. Der Oberwachtmeister hielt ihn für den Studenten Flöter, doch der war schon weiter gegangen Richtung Spree. Zu dritt starrten Buwert, Thaler und der junge Mann nun auf die Fenster des Reichstagsrestaurants; dort brannten offenbar bereits mehrere Vorhänge – nun gab es keinen Zweifel mehr, dass wenige Meter vor ihren Augen eine Brandstiftung im Parlament ablief. Thaler forderte den Oberwachtmeister auf: »Nun schießen Sie doch!« Der Polizist griff zu seiner Dienstwaffe und feuerte auf den Schemen, der sich nun durch das Erdgeschoss des Südwestflügels bewegte, allerdings ohne zu treffen. Im nächsten Moment, etwa um 21.10 Uhr, befahl Buwert dem jungen Mann: »Rennen Sie doch schnell rüber zur Brandenburger-Tor-Wache und alarmieren Sie die. Sagen Sie, dass der Reichstag brennt!« Das ließ sich der junge Mann nicht zweimal sagen: Er eilte los zum Pariser Platz. Derweil liefen zwei Ehepaare auf den Polizisten zu und meldeten, dass sie Feuer im Reichstag wahrgenommen hätten. Buwert schickte auch sie los, Alarm zu geben. Die beiden Männer und eine der Frauen suchten zunächst erfolglos einen Feuermelder, bevor sie zum »Haus der Ingenieure« an der Friedrich-Ebert-Straße gingen und dort den Portier aufforderten, per Telefon Meldung zu machen. Während Buwert weiter an der Südwestseite des Reichstages den Feuerschein hinter den Fenstern beobachtete, kamen ihm, aufgeschreckt durch den Schuss, zwei Kollegen zu Hilfe, die im Tiergarten Streife gegangen waren. Nach kurzer Beratung rannte einer von ihnen weiter zur Moltkestraße; dort stand ein fest installierter Feuermelder. Es war etwa 21.12 Uhr.4
Eine Minute später verzeichnete die Hauptwache der Berliner Feuerwehr in der Lindenstraße den Eingang des Notrufes aus dem »Haus der Ingenieure«. Sofort wurde die nächstgelegene Feuerwache in der Linienstraße 128/129 benachrichtigt und von dort raste um 21.14 Uhr ein erster Löschzug los. Nach weiteren 60 Sekunden löste der Alarm vom Feuermelder an der Moltkestraße das Ausrücken noch eines Zuges aus; diesmal vom Revier Turmstraße 22. Wohl weil die Feuermelder im Reichstagsgebäude selbst nicht ausgelöst worden waren, unterblieb die eigentlich für den Fall eines Brandes im Parlament vorgesehene Alarmierung eines dritten Zuges. Die jeweils vier Fahrzeuge der beiden Feuerwachen fuhren Richtung Reichstag, mit Glocken und Fanfaren, aber entsprechend ihrer Dienstanweisung »so vorsichtig, dass das Fahrtziel mit Sicherheit erreicht wird«. Etwa gleichzeitig erreichte der junge Mann, den Buwert zur Polizei geschickt hatte, die Wache am Brandenburger Tor. Er meldete: »Sofort kommen! Der Reichstag brennt!« Der Offizier vom Dienst, Polizeileutnant Emil Lateit, sprang auf und machte sich mit zwei Schutzleuten per Streifenwagen auf den Weg; weitere Männer ließ er auf einem Laster nachkommen. Ihre Abfahrt vermerkte ein zurückbleibender Beamter vorschriftsmäßig im Wachbuch des Reviers mit der genauen Zeit: 21.15 Uhr. Zwei Minuten später hatte sich Lateit vor Ort einen ersten Eindruck verschafft und erkannte, dass tatsächlich ein Notfall vorlag. Er schickte einen seiner Begleiter zur Wache zurück, um beim Polizeipräsidium Verstärkung anzufordern. Oberwachtmeister Buwert machte dem Leutnant Meldung und teilte mit, dass die Feuerwehr bereits alarmiert sei. Lateit befahl, Großalarm zu geben, dann lief er los, um einen Eingang ins Reichstagsgebäude zu finden. Das Südportal war verschlossen, die Loge nicht besetzt – also rannte der 34-jährige Polizeioffizier die Sommerstraße an der Ostfassade des Reichstages entlang, wo es zwei weitere Eingänge gab, die er aber beide ebenfalls verschlossen fand. Lateit eilte weiter, bis er schließlich im bis 22 Uhr geöffneten Nordportal auf den Nachtpförtner Albert Wendt traf. Der hatte vom Feuer im Parlamentsgebäude gerade erst von einem anderen Polizisten erfahren – verständlich, war seine Loge doch gut hundert Meter quer durch das Gebäude vom Tatort entfernt. Wendt rief...




