E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Keller Wie man Wunder wachsen lässt
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7336-5021-6
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7336-5021-6
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tae Keller, geboren 1993, ist in Honolulu, Hawaii, aufgewachsen, ihre Familie stammt jedoch ursprünglich aus Korea. Sie studierte Kreatives Schreiben und gewann bereits am College einen Preis für ihre Texte. Heute lebt sie in New York, USA, zusammen mit ihrem störrischen Yorkshire-Terrier und vielen Büchern.
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13. September Arbeitsauftrag 3: FRÖSCHE!
Heute hatte Mr Neely eine Überraschung für uns.
»Ratet mal, was wir heute machen, Kinder!« Die Augen hinter seinen Brillengläsern waren aufgerissen, die schwarz umrandete Brille und seine Glatze schimmerten im Neonlicht des Klassenzimmers. Niemand sagte etwas. »Ratet mal«, wiederholte er, wartete diesmal aber nicht auf eine Antwort. »Heute sezieren wir! Hashtag Frösche sezieren.«
Alle begannen gleichzeitig zu tuscheln. Es war erst die zweite Schulwoche, und die meisten Lehrer würden ihren Schülern keine spitzen Gegenstände in die Hand geben, bevor sie sich ihre Nachnamen eingeprägt haben – auch wenn es nur kleine Froschseziermesser[5] sind.
Doch Mr Neely grinste nur und teilte eine Liste mit Sicherheitshinweisen aus. »Es hat sich eine ergeben, und als echte Forscher werden wir sie natürlich zu nutzen wissen!«, sagte er – was in der Sprachregelung der Schule wahrscheinlich so viel bedeutete wie: Das Sekretariat hat die Sache vermasselt und die toten Frösche viel zu früh bestellt.
Mr Neely redete weiter. »Wir werden diese Frösche aufschneiden und sehen, wie sie ticken. Was einen Organismus am Laufen hält, begreift man erst, wenn man ihn von innen gesehen hat.«
Alle verzogen das Gesicht. Krass.
Mikayla meldete sich und quatschte schon wieder ungefragt drauflos. »Mr Neely, Sie wissen ja, wie sehr ich die Wissenschaft liebe, aber das bringe ich beim besten Willen nicht über mich. Es ist gegen die Menschenrechte.«
Mr Neely runzelte die Stirn. »Nun, Mikayla, ich kann dich natürlich nicht zwingen, wenn du meinst, das verstößt gegen die rechte. Dann musst du eben so lange draußen bei den Schließfächern sitzen und dein Arbeitsblatt ausfüllen.«
Janie, Mikaylas beste Freundin, meldete sich ebenfalls und verkündete, auch sie trete für die Tierrechte ein und müsse von dem Experiment entbunden werden.
Mr Neely seufzte. »Sonst noch jemand?«
Ehrlich gesagt habe ich lieber mit Pflanzen zu tun als mit toten Tieren, aber vor die Wahl gestellt, einen Frosch zu sezieren oder mit Mikayla und Janie rumzuhängen, ist der Frosch das kleinere Übel.
Nicht dass ich Mikayla hasse. Nicht wirklich. Aber wenn wir zusammen sind, liegt immer diese Verlegenheit in der Luft, und alles fühlt sich falsch an. Ich weiß nicht, wo die Mikayla von früher abgeblieben ist – das Mädchen, das mit mir Zaubertränke braute, während unsere Mütter zusammenarbeiteten, das mit mir Dreck im Reagenzglas untersuchte. Jemand muss die Mikayla, die meine beste Freundin war, über Nacht ausgetauscht haben. Aber inzwischen versuche ich, nicht mehr über sie nachzudenken.
Mr Neely erklärte uns in nur zwei Minuten, was wir bei der Seziererei lernen sollten, doch niemand hörte zu. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, uns im Raum umzuschauen und stumm Allianzen zu schließen, um für unsere erste Laborstunde des Schuljahrs einen Arbeitspartner zu finden.
Twig und ich tauschten Blicke. Sie brauchte nicht zu fragen, denn es war klar, dass wir zusammenarbeiten würden, trotzdem machte sie eine übertriebene Geste, und ich nickte grinsend.
Kaum war Mr Neely mit seinen Sicherheitshinweisen durch, rannten wir los, um uns den Labortisch ganz hinten zu sichern. Er steht in einer Ecke, wo Mr Neely uns nicht so genau im Auge hat, und ist daher der begehrteste von allen. Twig hatte ein Wahnsinnstempo drauf, und während ich mein Heft rausholte, hatte sie bereits unsere Materialien besorgt, den toten Frosch und so.
Hektisch band sie ihr Haar zurück, so dass widerspenstige Strähnen aus dem Pferdeschwanz ragten. »Das ist ja so wahnsinnig spannend, Natalie. Ist das nicht unglaublich? Darf ich zuerst schneiden? Ich will das Herz sehen. Und vielleicht die Blase. Froschpisse: krass oder cool?« Twig redete wie ein Maschinengewehr, ihre normale Sprechgeschwindigkeit. Sie kann sich für Sachen begeistern, die niemand sonst toll findet.
»Ich überlasse dir das Schneiden«, sagte ich, als brächte ich ein großes Opfer.
»Das ist wie Operieren!«, quiekte Twig.
Twig liebt Spiele. Nicht Videospiele, wie die meisten Leute, sondern diese altmodischen Brettspiele, die niemand wirklich mag. Trotzdem bringt sie mich ständig dazu, sie mit ihr zu spielen, und ich muss gestehen, dass es Spaß macht. Twig hat die Gabe, einem Dinge schmackhaft zu machen.
Und plötzlich machte auch mir das Sezieren Spaß. Ich schnitt zwar nicht den Frosch auf, kommentierte aber, was Twig tat, als wäre Twig einer dieser Fernsehärzte. Ich machte sogar die Piepgeräusche eines Herzmonitors nach.
Dann beugte Twig sich über den Magen des Froschs und rief: »Ich fass es nicht! Ich fass es nicht!« Ich blickte ihr über die Schulter und sah, dass sie in dem aufgeschnittenen Magen eine Heuschrecke gefunden hatte, noch völlig intakt. Magenheuschrecken: eindeutig cool.
Mr Neely kam herüber, um zu sehen, was los war. Auch er war hin und weg. »Seht mal, Kinder, was unsere wissenschaftlichen Ermittler gefunden haben!«
Und dann drängte sich die ganze Klasse um uns und sagte: »Oh, cool« oder »Oh, krass«. Selbst unser Klassengenie Dari kam, und ich merkte, wie enttäuscht er war, dass nicht auch sein Frosch eine anständige Mahlzeit gehabt hatte, bevor er gestorben war. Er beugte sich über den Labortisch, um besser sehen zu können, die Arme steif an den Seiten, während die Hände nervös am Saum seines T-Shirts zupften. Schließlich bedachte er uns mit einem gönnerhaften »Gut gemacht« und ging an seinen Platz zurück. Twig streckte ihm hinter seinem Rücken die Zunge heraus. Leider kriegte Mr Neely es mit, und schon waren wir nicht mehr seine Spitzenschüler.
Materialien:
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1 Skalpell, scharf
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1 Pinzette, aus Metall
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2 Paar Handschuhe, aus Gummi
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1 Frosch, tot
Versuchsablauf:
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Lasse Twig die Drecksarbeit machen
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Lasse Twig die Heuschrecke entdecken
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Streiche das Lob ein
Nach der Schule lud Twig mich zu sich nach Hause ein. Wir konnten das immerhin damit rechtfertigen, dass wir zusammen unseren Frosch-Laborbericht schreiben mussten.
Ich rief Dad an. Twig beugte sich herüber und brüllte in mein Ohr und ins Handy: »Grüß Yeong-jin von mir!«[6] Ich schüttelte sie ab.
Dad klang erschöpft, und als ich fragte, ob ich zu Twig dürfe, schien er unschlüssig. Nach der Schule mit Twig zusammenzusein war früher nie ein Problem, doch seit diesem Sommer ist das anders. »Natalie, ich glaube, es wäre besser, wenn du gleich nach Hause kämst. Ich möchte nicht, dass du vor der Situation hier davonläufst.«
Mit »Situation« meint er Mom und dramatisiert die Sache damit unnötig. Er denkt, diese »Situation« belastet mich, und das tut sie auch, aber es ist ja nicht so, als ob Mom richtig krank wäre, selbst wenn Dad das ständig behauptet. Ich denke mir, dass sie das Leben einfach langweilig findet – und uns auch. Und ich werde meine Zeit nicht damit verschwenden, deshalb traurig zu sein.
»Ich plane ja keinen nächtlichen Ausreißversuch. Ich will nur für ein paar Stunden zu Twig.«
Er seufzte. »Ich verstehe, was du sagst, und ich weiß, dass es hart für dich ist, aber bitte hab Verständnis …«
»Dad«, unterbrach ich ihn, »ich verstehe, was sagst, aber das ist für die Schule. Ich muss mit Twig den Laborbericht fertigmachen.«
Einen Augenblick lang blieb es still, und ich sah ihn vor mir, wie er sich mit der linken Hand seitlich am Gesicht entlangfuhr und überlegte. Das hat er immer gemacht, wenn er über seine Forschung oder über seine Klienten nachdenkt. Jetzt tut er es, wenn er über Mom und mich nachdenkt.
Am Ende siegte seine Erschöpfung über den Wunsch, mich zu therapeuterisieren. »Aber zum Abendessen bist du zu Hause, ja?«
Twig wohnt nur fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad von der Schule entfernt. Zehn, wenn wir schnell radeln, und das taten wir, denn wir wollten so viel gemeinsame Zeit wie möglich herausschlagen.
Twig und ihre Mom wohnen in einem Palast von Haus. Ihr Dad ist Banker in New York und verdient massenhaft Geld. Ihre Eltern haben sich »einvernehmlich getrennt«, aber er schickt jeden Monat einen fetten Scheck. Und Twigs Mom verdient ebenfalls gut, sie entwickelt Apps, die den Leuten sagen, welche Klamotten sie tragen sollen. Twigs Mom sieht gut aus und war mal Supermodel. Sie ist besessen von schicken Kleidern und schicken Leuten, und sie und Twig fliegen dreimal im Jahr nach Paris.[7]
Jedes Mal, wenn wir zu ihrem Haus kommen, bin ich von neuem geplättet. Wir radeln eine winzige, von Bäumen gesäumte Straße entlang, und dann – Bamm – taucht dieses riesenhafte Backsteinhaus auf. Twig redet nicht viel über ihre Eltern und nimmt auch niemand sonst mit nach Hause, was aber kein Problem ist, weil ich sowieso ihre einzige Freundin bin.
Und das kam so: In der Mitte der Vierten tauchte Twig plötzlich auf, als sei sie von einem anderen Stern bei uns aufgeschlagen. Zur Feier ihres ersten Schultags bei uns trug sie ein Outfit mit lauter Pailletten. Wir warteten gerade vor dem Klassenzimmer auf unseren Lehrer, als sie daherkam. Sie hatte solche Plastikabsätze, die bei jedem Schritt klacken. Es wurde ganz...




