E-Book, Deutsch, 187 Seiten
Kehrer Wilsbergs Welt
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-89425-870-2
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurzgeschichten mit und ohne Wilsberg
E-Book, Deutsch, 187 Seiten
ISBN: 978-3-89425-870-2
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jürgen Kehrer, geboren 1956 in Essen, lebt in Münster. Er ist der geistige Vater des Buch- und Fernsehdetektivs Georg Wilsberg. Neben bisher achtzehn Wilsberg-Krimis (zuletzt zus. mit Petra Würth: Todeszauber), verfasste er mehrere Wilsberg-Drehbücher, veröffentlichte historische Kriminalromane, Sachbücher zu realen Verbrechen sowie zahlreiche Kurzgeschichten. 2009 erschien sein Thriller Fürchte dich nicht!, dessen Verfilmung zurzeit in Vorbereitung ist.
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Der Krötenmann
Er hatte wirre Haare und sein Blick flatterte wie eine aufgescheuchte Fledermaus durch das Café am Domplatz.
»Haben Sie kein Büro?«
»Doch«, sagte ich. »Aber da sind gerade die Maler. Nach zehn Jahren war das mal notwendig.«
Fast wie auf einem Display konnte ich seine Gedanken lesen: Armer Schlucker – hat nicht mal eine Sekretärin – war es ein Fehler, ihn anzurufen?
Am Telefon hatte er sich Wolfgang Wagner genannt und behauptet, die Angelegenheit sei dringend. Und das war für mich ein guter Anfang: Bei dem Wort dringend erhöhte ich meinen üblichen Tarif automatisch um zwanzig Prozent.
»Nun?«, fragte ich, dem leibhaftigen Wagner auf die Nase schauend, weil es sich dabei um den Punkt in seinem Gesicht handelte, der sich am wenigsten bewegte. »Um was geht es denn?«
Mein Klient nahm einen hastigen Schluck aus seinem Wasserglas und bekam ein paar Tropfen in die Luftröhre. »Um Kröten«, presste er hervor.
»Sie meinen: Kröten wie Moos, Asche, Penunzen, Schotter, Kohle – also Geld?«
»Nein.« Er hustete erbärmlich. »Ich meine Kröten wie Kröten. Erdkröten, um genau zu sein, wissenschaftlich Bufo Bufo. Amphibientiere, im weitesten Sinn zu den Lurchen gehörend. Sie sind zwar nicht direkt vom Aussterben bedroht, aber doch sehr, sehr gefährdet.«
»Hmmm«, machte ich. »Sind Sie sicher, dass Sie im Telefonbuch unter P wie Privatdetektiv nachgeguckt haben? Ich bin nämlich mehr für die anderen Kröten zuständig, Sie wissen schon …«
»Natürlich, Herr Wilsberg«, bestätigte Wagner mit einem Kopfnicken und einer Stimme, die sich wieder unter seiner Kontrolle befand.
»Ich brauche Unterstützung, in jeglicher Hinsicht. Krötenwanderung – was sagt Ihnen das?«
Ein dreieckiges, rot umrandetes Verkehrsschild mit einer Kröte kam mir in den Sinn. »Kröten, die eine Straße überqueren?«
»Genau das ist das Problem.« Auf Wagners Gesicht fiel ein Unglücksschatten. »Kröten überwintern in Erdhöhlen und Astlöchern. Erst im Frühling werden sie wieder aktiv. Dann suchen sie einen Teich, um zu laichen. Normalerweise denselben Teich, in dem sie zur Welt kamen. Ein ewiger Kreislauf, den wir Menschen brutal zerstören, indem wir eine Straße in die Landschaft asphaltieren. Wie soll eine Kröte ahnen, welche Gefahr von einem Auto ausgeht?«
Ja, wie sollte sie? Andererseits: Was wusste ich schon vom Leben der Kröten? Irgendwie waren wir uns immer fremd geblieben, die Kröten und ich.
»Es genügt, wenn Autos dicht an Kröten vorbeifahren. Dann …«, Wagner klatschte so vehement in seine Hände, dass zwei Studentinnen am Nachbartisch erschrocken zusammenzuckten, »… tötet sie der bloße Luftdruck. Jeden Tag …«, Wagners Unterlippe zitterte, »… finde ich Dutzende toter Kröten auf der Straße.«
Zweifellos ein schlimmes Schicksal, nicht nur für Kröten, sondern auch für Menschen, die Kröten liebten. Aber was konnte ich daran ändern?
»Gibt es nicht …«
»… Krötenzäune?«, fiel mir Wagner ins Wort. »Ja, und sie helfen tatsächlich – ein bisschen. Jeden Morgen und jeden Abend sammle ich die Kröten aus den eingegrabenen Eimern und bringe sie über die Straße zum Teich. Aber dafür brauche ich Sie nicht, Herr Wilsberg.«
Wofür denn?, wollte ich schon fragen, doch Wagner kam mir zuvor: »Wir treffen uns heute Abend. Dann zeige ich Ihnen, was ich von Ihnen erwarte.«
Der Frühlingsabend war warm und feucht. Krötenwetter, wie mir Wagner später erklärte.
Wir trafen uns im tiefsten Gievenbeck, einem münsterschen Stadtteil mit alten Einfamilienhaussiedlungen und neuen Wohnblocks. Zwischen Beton und Jägerzäunen floss der Gievenbach und an seinem Rand wuchsen ein paar Bäume und Sträucher. Wagner trug jetzt Gummistiefel und Taschenlampe, an einer Hand baumelte ein Plastikeimer.
»Schauen Sie!« Er hielt mir den Eimer hin und knipste die Taschenlampe an. Ein Gewimmel graubrauner Leiber, ein Gestrampel von Ärmchen und Beinchen, begleitet von kläglichem Gefiepe.
»Hier!« Wagner setzte mir eine Kröte auf die Hand. »Sieht sie nicht goldig aus?«
Die Kröte glotzte trübe ins Licht. Sie fühlte sich glitschig an wie ein Stück Seife mit Herz und Muskeln.
»Ein Männchen.« Wagner platzte fast vor Stolz. »Die Männchen sind etwas kleiner als die Weibchen.« Er griff erneut in den Eimer und brachte eine fette Kröte zum Vorschein, auf deren Rücken sich eine kleinere festklammerte. »Ein Doppeldecker«, strahlte Wagner. »Putzig, oder?«
»Sie meinen, die beiden treiben es gerade?«
Der Krötensammler berührte das Männchen, das sofort heftig zu strampeln begann. »Sie mögen es gar nicht, wenn sie gestört werden.«
»Geht mir auch so«, sagte ich und dachte: Wie kommst du bloß aus dieser Nummer wieder raus, ohne komplett auf dein Honorar zu verzichten?
»Hey, Alder«, rief eine Stimme knapp jenseits des Stimmbruchs.
Über die Beschäftigung mit dem Liebesleben der Kröten hatte ich die Umgebung aus den Augen verloren. Etwa zehn Meter von uns entfernt stand eine Gruppe von fünf männlichen Jugendlichen. Mit ihren schlabbrigen Hosen und Jacken, den tief in die Augen gezogenen Kappen und den Holzknüppeln in ihren Händen verbreiteten sie eine aggressive Grundstimmung.
»Willste zugucken, wie wir ein paar Kröten plattmachen?« Für den Fall, dass wir nicht begriffen hatten, was er meinte, ließ der Junge den Knüppel in seine Hand klatschen.
»Das ist das Problem«, zischte Wagner. »Fehlgeleitete Jugendliche, die sich einen Spaß daraus machen, Kröten zu quälen. Allein bin ich einfach hilflos.«
Nun hatte ich zwar auch keine Lust, mich mit fünf mehr oder weniger bewaffneten Jugendlichen zu streiten, was, im Licht des abnehmenden Mondes betrachtet, nicht gut für mich ausgegangen wäre, doch schienen mir die fünf noch nicht alt, noch nicht betrunken oder berauscht und auch noch nicht hemmungslos genug, um aufs Ganze zu gehen.
Deshalb machte ich mich zu dem Grüppchen auf den Weg, wobei ich mich bemühte, einigermaßen sportlich und entschlossen auszusehen.
»Wer sind Sie denn?«, fragte der Wortführer, der Kleinste und unter den Dummen vermutlich der Klügste.
»Security«, sagte ich und zeigte für Sekundenbruchteile meinen Privatdetektivausweis.
»Die Anwohner haben mich engagiert, zum Schutz für die Kröten. Ich rate euch: verschwindet. Ich habe nämlich einen schwarzen Gürtel.«
»Schwarzer Gürtel in was?«, lachte der Kleine, allerdings klang seine Heiterkeit etwas angestrengt.
»Versuch lieber nicht, es herauszufinden.«
»Mach keinen Stress, Luis«, sagte einer der Größeren. »Scheiß auf die blöden Kröten.«
»Passen Sie auf sich auf«, knurrte Luis zum Abschied. »Wir kommen wieder.«
»Und ich auch«, rief ich ihnen hinterher. »Sucht euch lieber eine andere Freizeitbeschäftigung.«
»Das war großartig.« Wagner klopfte mir anerkennend auf die Schulter. »Da zeigt sich der Profi.«
Ich sagte ihm nicht, dass ich mich alles andere als wohlgefühlt hatte und mein Herz noch immer weit oberhalb der kassenärztlich empfohlenen Schlagzahl pochte.
»Kommen Sie.« Wagner zog mich am Arm. »Bringen wir die Kröten zum Teich.«
Der Teich lag hinter einem Metallzaun mit Tür, zu der Wagner einen Schlüssel besaß. Wir schritten über eine Wiese zum sandigen Ufer des Gewässers. Hier, ein Stück von den Straßenlaternen entfernt, warf nur der magere Mond sein bleiches Licht auf die Wasseroberfläche. Wagner leerte den Eimer aus, die Kröten fiepten wieder ein bisschen und machten sich dann brustschwimmend davon.
»Die meterlangen Laichschnüre hängen sie dort drüben ins Schilf«, sagte Wagner und streckte seinen Arm aus.
Mein Blick folgte der Richtung seines Zeigefingers und entdeckte etwas, das sich zwar auch um die grünen Stängel gewickelt hatte, aber ganz und gar nicht wie Laichschnüre aussah. Mehr wie lange blonde Haare, die zu einem Kopf gehörten, der mitsamt dem restlichen Körper im Wasser schwebte. Einem Frauenkörper.
»Sehen Sie das?«, stieß ich hervor.
»Ja«, sagte Wagner. »Meine Frau.«
»Was?«
»Sie war das zweite Problem. Sie wollte einfach nicht akzeptieren, dass mich die Kröten brauchen. Jeden Morgen und jeden Abend dieselben Vorwürfe.«
»Und da haben Sie sie …«
»Ich fürchte ja, Herr Wilsberg.«
Scheiße. Meine Gedanken rasten. Der Typ war ja schlimmer fehlgeleitet als die subbegabten Jugendlichen. Und ich stand arglos neben ihm. An einem Ort, an dem mich so schnell niemand suchen würde.
Ich drehte mich zu ihm um. Besser gesagt, zu der Stelle, an der er sich gerade noch befunden hatte. Denn er war weg. Von den ringsum wuchernden Sträuchern und der Finsternis verschluckt. Scheiße hoch drei.
Ohne lange nachzudenken, sprintete ich zum Zaun. Nicht dahin, wo ich die Tür und Wagner vermutete, sondern zur gegenüberliegenden Seite. Und erst nachdem ich den Zaun überklettert und das erste Wohnhaus erreicht hatte, wählte ich die Notrufnummer.
Die Blauuniformierten kamen zu viert und in zwei Streifenwagen. Ich führte sie zum Teich und zeigte ihnen das Schilf. Einige Kröten machten öök, öök, andere ük, ük, ük.
»Und wo ist jetzt die Frauenleiche?«, fragte einer der Polizisten.
Ja, das war die Frage. Sie war verschwunden.
»Vor zehn Minuten lag sie noch im Wasser«, antwortete ich.
»Soll das ein Scherz sein?«, erkundigte sich der Polizist.
Meine...




