E-Book, Deutsch, 645 Seiten
Kehrer Lilie und Drache
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7529-0753-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 645 Seiten
ISBN: 978-3-7529-0753-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karin Kehrer, geb. 1964, wohnhaft in Oberösterreich, Mühlviertel, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, arbeitet Teilzeit in einer sozialen Organisation und widmet sich seit etwa zwanzig Jahren dem Schreiben von Kurzgeschichten und Romanen in den Genres Cosy Crime, Thriller und Fantasy. Sie ist fasziniert von der Erschaffung neuer Welten und von Reisen nach Großbritannien und Irland. Außerdem liebt sie Singen, Wandern und natürlich Lesen.
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Kapitel 2
„He Langschläferin!“ Sheilas Stimme riss Carys aus einem wirren Eindruck von Kälte, Dunkelheit und unsagbarer Angst. Sie öffnete die Augen, schloss sie gleich wieder, als das helle Sonnenlicht sie blendete. Sheila hatte rücksichtslos die Vorhänge zurückgezogen und die gleißende Helle, die selbst durch ihre geschlossenen Augenlider drang, brachte ihren Kopf zum Schmerzen. Oder er hatte es schon vorher getan und es wurde ihr nur jetzt in diesem Moment so richtig bewusst.
„Was‘n los?“ Mehr als ein undeutliches Nuscheln brachte sie nicht zustande.
„Ach du liebe Zeit! Du siehst ja grauenvoll aus! Was hast du nur angestellt?“ Sheilas Stimme klang unerfreulich munter, sie war Frühaufsteherin und ein Ausbund an unerschöpflicher Energie.
„Nichts. Mir geht’s nicht gut. Hab Kopfschmerzen.“ Carys zog die Bettdecke über den Kopf, aber das half nicht viel gegen Sheilas Tatendrang.
„Unsinn! Das hab ich dir gestern schon nicht geglaubt. Du hast mir außerdem versprochen, dass wir nach Notting Hill fahren. Schon vergessen?“
Carys stöhnte. Ja, das hatte sie tatsächlich. Normalerweise hätte sie sich auch darauf gefreut. Es gab nichts Schöneres, als an einem Samstag den Portobello Market zu besuchen, in den Menschenmengen unterzutauchen und nach allem möglichen Krimskrams zu stöbern.
„Was war eigentlich gestern wirklich mit dir los?“
Carys öffnete die Augen, nur um sie sofort wieder zu schließen, als sie Sheilas forschenden Blick bemerkte.
„Nichts. Kopfschmerzen. Sagte ich schon.“
„Schon wieder Unsinn. Es war alles in Ordnung bis Derek den Spielplan für die nächste Saison bekanntgab. Was ist so schlimm an Hamlet?“
„Nichts.“ Nur die Tatsache, dass Mark Hanson dabei sein wird.
Sheila zog eine Schnute. „Das glaub ich dir nicht. Aber ich werde dir dein Geheimnis schon aus der Nase ziehen, verlass dich drauf!“ Sie versetzte Carys einen sanften Stoß. „Und nun raus aus den Federn. Sonst versäumen wir das Beste.“
„Und das wäre?“ Carys rappelte sich hoch. In ihrem Kopf klopfte es dumpf und ihr Mund fühlte sich pelzig an. Zu viel billiger Wein.
Sheila strahlte. „Frühstück in Charlie’s Café, was sonst? Die besten Muffins von London!“
Ihre Freundin wusste genau, dass Carys dieses Café liebte. Der hohe Raum mit dem alten Holzboden und dem zusammengewürfelten Mobiliar strahlte eine altmodische und zugleich lässige Behaglichkeit aus, die ihr gefiel. Und die Muffins dort waren wirklich einzigartig.
Carys gähnte herzhaft und grinste schwach. „Schon überredet. Lass mich nur schnell unter die Dusche gehen, damit ich vorzeigbar bin.“
„Klar, aber beeil dich. Eigentlich wollte ich schon jetzt los.“
„Was? Aber es ist doch erst halb acht! Sag mal, wann bist du eigentlich nach Hause gekommen? Ich habe gar nichts mehr mitgekriegt.“
Über Sheilas hübsches Gesicht flog eine zarte Röte. „Keine Ahnung, ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Aber es war gar nicht so spät. Irgendwie war es doch nicht so lustig. Derek hat mich nach Hause gebracht.“
„Derek?“
Sheila wich ihrem Blick aus und fixierte beharrlich den Vorhang. „Naja, du hast mich ja im Stich gelassen.“
„Ja, klar. Tut mir leid.“ Carys senkte schuldbewusst den Kopf. Sheila boxte sachte gegen ihren Arm. „Du wirst mir das noch erklären müssen. Keine Ausreden!“
„Aber nicht jetzt.“ Carys seufzte. „Sonst schaffen wir es nie nach Notting Hill.“
„Schon gut. Verstehe. Ab mit dir unter die Dusche!“
Wenig später ließ Carys das heiße Wasser auf ihren Körper prasseln. Sie fühlte sich danach bedeutend besser und freute sich genau wie Sheila auf ihren Ausflug. Sie fasste ihre langen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen, schlüpfte in Jeans, T-Shirt, Sneakers und zog ihren schwarzen Wollmantel an, drapierte noch einen Schal mit blau-grünem Schottenkaro um den Hals. Zwar schien die Sonne, aber der Wind war um diese Jahreszeit schon empfindlich kalt.
Mit dem Bus würden sie eine gute Stunde brauchen. Leider Zeit genug für ihre Zimmergenossin, sie auszufragen. Aber sie würde sie vertrösten müssen. Auf keinen Fall wollte sie unter all den Leuten über Mark Hanson sprechen.
Es war aber nicht weiter schwierig, Sheila abzulenken. Sie erzählte ihr sämtliche Einzelheiten über den Abend, den Carys versäumt hatte und untermalte ihre Schilderungen mit lebhaften Gesten und viel Kichern, wie es ihre Art war. Dass die Affäre zwischen Valerie Mitchell und Don Peters, Käthchen und Petruchio in der Widerspenstigen Zähmung in der abgelaufenen Saison, nun offiziell war, obwohl beide eigentlich anderweitig gebunden waren. Dass die neue Sekretärin ein Auge auf Derek geworfen hatte, der sie aber ignorierte. Bei der Erwähnung von Dereks Namen wurde Sheila wieder rot und Carys beschlich der Verdacht, dass ihre Kollegin neuerdings für den Spielleiter des Globe Gefühle entwickelt hatte. Was nicht verwunderte, denn Derek war tatsächlich ein netter Kerl. Auch wenn er durchaus verstand, sich durchzusetzen, wirkte er Frauen gegenüber immer ein wenig linkisch und schüchtern. Und er sah ganz gut aus, war aber nicht Carys‘ Typ, auch aus dem Grund, weil sie eher auf Männer stand, die sie körperlich überragten.
Sie ließ Sheila reden und hoffte, sie würde nicht noch einmal das Thema Mark Hanson zur Sprache bringen.
Erleichtert atmete sie auf, als sie den Bus verließen und sog tief die frische Oktoberluft ein. Es war ein wunderschöner Tag, der Himmel wölbte sich blitzblau über ihnen und die Sonne ließ die noblen viktorianischen Villen von Notting Hill strahlen. Im Gegensatz dazu wirkten die zahllosen Verkaufsstände, an denen alles Mögliche angeboten wurde – von Früchten und Gemüse bis über Secondhand-Kleidung, Schmuck, Bildern und Antiquitäten - wie das pralle, bunte Leben.
„Was meinst du? Zuerst Frühstück?“ Sheila strahlte mit der Sonne um die Wette.
„Klar. Ich habe einen Bärenhunger!“
„Na dann los!“
Das kleine Café in der Portobello Road, untergebracht in einem ebenerdigen weißen Gebäude, war bereits ziemlich bevölkert. Aber Sheila entdeckte noch einen winzigen Tisch im Hof in einer Ecke. Carys setzte sich, während ihre Freundin sich in die Schlange an der Theke einreihte, um zu bestellen. Wenig später war sie auch schon da und ließ sich mit einem Seufzer auf den Stuhl fallen.
„So und nun keine Ausreden mehr. Ich möchte endlich wissen, was mit dir los ist. Du schleichst neuerdings herum wie ein Gespenst, träumst schlecht …“
„Aber …“
Sheila wedelte mit der Hand. „Denkst du, ich kriege es nicht mit, dass du immer wieder Albträume hast? Außerdem sprichst du im Schlaf.“
„Tut mir leid. Ich wollte nicht …“ Carys senkte peinlich berührt den Kopf.
„Du kannst ja nichts dafür. Diese Rigips-Wände sind nun mal ziemlich dünn. Es ist nur manchmal ganz schön unheimlich. Du brabbelst unverständliches Zeug, aber es klingt, als hättest du wahnsinnige Angst vor irgendetwas.“
Carys zuckte mit den Schultern. „Ich hatte das schon als Kind. Das kommt wahrscheinlich von zu viel Fantasie. Hat zumindest meine Mutter immer gesagt.“ Ein leiser Schmerz wehte durch ihr Inneres. Die Erinnerung an ihre Mutter hätte sie gerne verdrängt.
„Echt? Scheint mir eine ziemlich armselige Erklärung zu sein. Hast du schon mal daran gedacht, dir professionelle Hilfe zu suchen?“
Carys zuckte mit den Schultern. „Doch. Aber es hat nichts gebracht. Es kommt und geht. Wenn der ärgste Stress vorbei ist, wird es sicherlich wieder besser.“
Sie wich Sheilas forschendem Blick aus. Ganz stimmte das nicht.
„Und was ist jetzt mit Mark Hanson?“
Carys zuckte zusammen. War es so offensichtlich?
„Nun guck nicht so. Ich habe dich gestern beobachtet. Es war alles in Ordnung, bis sein Name fiel. Du warst plötzlich bleich wie Hamlets Totenschädel, als Derek die Neuigkeit bekanntgab.“
„Das ist nicht Hamlets Schädel“, sagte Carys automatisch.
„Lenk nicht ab“. Sheila sah sie mit gespielter Strenge an. „Du weißt, was ich meine.“
Carys seufzte. „Also gut. Es wird ja sowieso herauskommen, also kann ich es dir genauso gut jetzt sagen. Ich rede nur nicht gerne darüber. Aber vielleicht ist es besser, wenn du es von mir erfährst. Dann musst du dir die wilden Gerüchte erst gar nicht anhören. Ich war mit ihm zusammen.“
Sheilas blaue Augen wurden kugelrund. „Was? Du warst … mit IHM, mit Mark Hanson???“
„Pst! Muss ja nicht jeder wissen!“ Carys warf einen verstohlenen Blick in die Runde. Aber anscheinend hatte niemand Sheilas Ausbruch mitbekommen.
„Und? Wie … ich meine … das ist doch kaum zu glauben! Mark Hanson! Mit dir! Warum hast du nie etwas erzählt?“
Carys lächelte bitter. „Naja, ich rede wirklich nicht gerne darüber.“
„Ja, schon klar. Also war es eher unerfreulich? Das verstehe ich nicht.“
„Hey, er ist kein Halbgott oder so. Nur ein Mann, zugegeben, ziemlich berühmt, aber in Wahrheit …“
„Was? Immerhin sieht er traumhaft aus, ist der gefragteste Shakespeare-Darsteller überhaupt, sein Hamlet ist Weltklasse!“
„Er ist ein Idiot. Ein eitler, selbstgefälliger Idiot.“
Sheila starrte sie entsetzt an
„Nun sei nicht so schockiert.“ Carys hätte gelacht, wäre ihr die ganze Sache nicht so peinlich gewesen. „Natürlich sieht er umwerfend aus und die Frauen laufen ihm scharenweise hinterher. Deshalb war ich auch so durch den Wind, als er sich plötzlich für mich interessierte. Ich konnte...




