E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Keglevic Wolfsegg
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-24427-9
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-641-24427-9
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kraftvoll, archaisch, düster – ein Ausflug in die Abgründe der menschlichen Natur.
Ein enges Tal irgendwo in den Bergen: Die 15-jährige Agnes, die so gern ein »Autoschrauber« hätte werden wollen, muss erfahren, wie brutal das Leben sein kann. Wenn die eigene Familie verachtet wird. Wenn jeder jeden kennt und mit jedem eine Geschichte hat. Da stehen dem Missbrauch die Türen weit offen, da wird vertuscht und betrogen, denunziert und getötet, ohne dass der Himmel ein Einsehen hätte. Als der Vater totgeschlagen und die Mutter elendig verreckt ist, hat Agnes nur noch einen Gedanken: Sie muss die »Kleinen«, Bruder und Schwester, vor dem Heim retten, in dem sie einst gelitten hat.
Peter Keglevics dramatischer Roman über Agnes und ein namenloses Tal in den Alpen ist eine Geschichte von alttestamentarischer Wucht – so zärtlich und so brutal erzählt, wie das wohl nur ein Österreicher kann.
Autoren/Hrsg.
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1
Es war der letzte Mittwoch im Mai, und der Vormittag war mit Tests und Aufgaben ausgefüllt. Logik, Persönlichkeit, Intelligenz. Jetzt stand auf der Schultafel das Aufsatzthema:
Die Berufsberaterin vom Arbeitsamt sah die Schüler eindringlich an. Acht Jungen und sieben Mädchen, fünfzehn bis siebzehn Jahre alt. Es war eine kleine Abschlussklasse dieses Jahr.
»Schreiben Sie ehrlich auf, was Sie denken. Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund. Je ehrlicher Sie sich, Ihr Umfeld und Ihre Wünsche beschreiben, desto leichter fällt es uns, Sie einem Beruf zuzuführen, der zu Ihnen passt. Sie haben fünfundvierzig Minuten Zeit. Schreiben Sie: jetzt.«
Die Berufsberaterin bediente einen Tischgong. Einige legten los, als wollten sie endlich alles abschütteln. Andere grübelten mit schiefem Mund und geblähten Nasenlöchern.
Das Mädchen, das allein in der letzten Reihe saß, starrte eine Weile vor sich hin. Dann begann es zu schreiben:
Agnes war schmal mit knochigen Schultern, klein und wog vielleicht so viel wie eine Zwölfjährige. Ihr widerspenstig gelocktes Haar war dunkelbraun.
Sie blinzelte mehrmals, ihre Gedanken schwammen fort. Die Klassenfahrt nach Wien. Darüber hätte sie gerne geschrieben. Letzten April. Es war der obligatorische Ausflug in die Hauptstadt, den jede Schulklasse aus den Bundesländern hinter sich bringen musste. Parlament, Burgtheater, Schloss Schönbrunn. Großartig war das gewesen. Die Kapuzinergruft, in der die Habsburger in bombastischen steinernen und bronzenen Särgen lagen, hatte sie am meisten beeindruckt. Dass diese ohne Herz und ohne Eingeweide in der ewigen Ruhe eingemauert waren – das war spektakulär. Für zwei Euro hatte sich Agnes eine Broschüre gekauft, in der alles geschrieben stand. Herz und Eingeweide waren den Kaiserlichen nach dem Tod herausgeschnitten worden, ohne Rücksicht, ob sie ein gutes oder ein schlechtes Leben geführt hatten. Die Organe wurden in Seidentücher gehüllt, in Silberbehältnissen in Spiritus eingelegt, die dann zugelötet wurden. So standen nun die Herzen im , einer Nische der Loretokapelle, wie Mamas eingekochte Marmelade und das Russenkraut im Kellerregal.
Agnes überlegte, wie sie das in ihrem Aufsatz unterbringen konnte, fand aber keine Lösung. Sie hätte auch gerne geschildert, wie sie sich auf der Heimfahrt im Bus schlafend gestellt hatte. Durch die Wimpern hatte sie beobachtet, wie in der Sitzreihe auf der anderen Seite der Hubsi der Margit die Hand unterm Kleid in die Unterhose geschoben hatte. Wenig später hatte er die Hand wieder herausgezogen, sich über die Sitzlehne zum Robert gebeugt und ihm den Zeigefinger unter die Nase gerieben. Gefeixt hatten die beiden. Margit hatte zu ihr hingeschaut und dabei ihren Monsterbusen zurechtgeschoben. Ich krieg jeden, hatte ihr Blick gesagt. Auch den Jo Weis! Darauf kannst du Gift nehmen! Das war das Schlimmste, was Agnes sich vorstellen konnte. Ihre Augenlider zuckten. Alle konnte Margit haben, aber nicht den Jo! Der Jo war für sie bestimmt. Bis in den Tod. Da war Agnes sich sicher. »Wusst ich doch, dass du dich schlafend stellst«, hatte Margit zu ihr herübergerufen, »du kleine Spannerin.«
Agnes beugte sich wieder über das fast leere Blatt und konzentrierte sich. Mit einem Mal fiel es ihr leicht, etwas niederzuschreiben.
Die Woche davor, am Mittwochmorgen, war Agnes mit dem Fahrrad den Schotterweg zur Bundesstraße hochgefahren. Hinten saß Lorenz auf dem Gepäckträger und vorne, auf dem Lenker, die kleine Schwester. Das letzte Stück war so steil, dass Lorenz abspringen und das Fahrrad mit anschieben musste. Es hatte schon über zwanzig Grad, dabei war es erst Mitte Mai, und der helle Schotter reflektierte so gleißend, dass sie mit zusammengekniffenen Augen oben ankamen.
Direkt an der Einfahrt zur Bundesstraße lag die Haltestelle für den Bus zwischen Eisenstein und Cronberg. Stumm hatten sie im Schatten des Holunderbusches gewartet, der über das Wartehäuschen wucherte, und Karoline hatte ihre Nase in die weißen Dolden gesteckt. »Hm, riecht nach Honig und Limonade!« Ein Pick-up mit Anhänger war von der Bundesstraße auf den Schotterweg zu ihnen hinunter abgebogen. stand an der Wagentür. Beunruhigt sah Agnes ihm nach. Als die Kleinen sie fragend ansahen, zuckte sie nur gleichgültig mit den Schultern.
Der Bus kam. Agnes fuhr Lorenz durchs Haar, was ihm vor den Schulkameraden, die durch die Scheibe feixten, peinlich war. Karoline küsste sie auf die Wange.
Der Bus fuhr ab, und Agnes rollte auf dem Schotter bergab. Ihr Zuhause war ein bescheidener Tagelöhnerhof, ein Stück außerhalb des Städtchens Eisenstein und abseits der Bundesstraße. hieß die Flur, und die dort unten wohnten wurden gern als Hinterwäldler hingestellt Wie die Waldners hinter vorgehaltener Hand.
Der Hof lag in der Senke am Bach, der hier eine weite Schleife zog und von Weiden gesäumt war. Im heißen Sommer war es ein angenehm kühler Fleck, im Herbst und im Winter ein klammes und eisiges Loch. Im Frühjahr stieg das Schmelzwasser oft bis an die Stufen des Hauses, vor zwei Jahren war es sogar bis in die Wohnküche geschwappt.
Ein kleines Wohnhaus, zwei Schuppen – einer fürs Holz und die Geräte, der andere für die Tiere. Sieben Ziegen, sechs Hühner, ein Hahn. Eine Sau.
Agnes sah, wie sich der Vater mit dem Viehhändler einig wurde. Handschlag. Der Viehhändler zählte die Scheine ab. Bedrückt sah Agnes zu, wie der Viehhändler drei Ziegen zum Anhänger zog. Stupsi, Crissi, Paula.
»Schau mich nicht so an! Woher soll’s denn kommen.« Der Vater hatte sie stehen gelassen und war ins Haus gegangen.
Der Viehhändler hatte versucht, die bockigen Ziegen auf dem Anhänger zu verfrachten.
»Ja, hilf halt!«
Agnes ging ihm zur Hand, kraulte den Ziegen den Hals, weil sie das mochten und auch gleich beruhigte.
Die Briefträgerin knatterte mit dem gelben Moped heran.
»Aha. Is’ schon so weit.« Sie kramte in der Tasche und reichte Agnes die Post. Gratiszeitung, Werbung. Und einen Brief, mit dem winkte die Briefträgerin wichtigtuerisch.
»Vom Arbeitsamt. Steht nie was Gutes drin.«
Agnes ging ins Haus. Die Wohnküche war der größte Raum. Hier hielten sie sich meistens auf. Am liebsten zwängten sie sich zu fünft auf das große, tiefe Sofa, das der Vater einmal vom Schloss mitgebracht hatte. Die von Mosheim hatten es aufs Osterfeuer werfen wollen. Dann tobten sie auf dem Sofa herum, bis schließlich der Vater sie alle im Arm hielt.
Die Schlafkammer der Kinder ging von der Wohnküche ab, das Schlafzimmer der Eltern auch. Ein kleines Bad. Das Klo. Unter der Küchendecke war die zugeklappte Luke zum winzigen Dachboden. In der Nacht, wenn alles still war, konnte Agnes dort oben die Siebenschläfer herumrennen hören. Einmal hatte sie leise die Luke geöffnet und mit der Taschenlampe hineingeleuchtet – von den Siebenschläfern natürlich keine Spur! Kaum lag sie aber wieder im Bett, ging dort oben die Party wieder richtig los.
Der Vater hatte das Frühstücksgeschirr in die Abwasch geräumt. Mit dem Kopf deutete er zum Badezimmer. Durch die halb offene Tür sah Agnes ihre Mutter vor dem Waschbecken sitzen. Unendlich langsam zog sie sich den Bademantel von der Schulter.
Agnes gab dem Vater den Brief. Er riss ihn gleich auf. Fragend sah sie ihn an. Der Vater wandte sich ab und setzte sich an den Tisch. Sein Rücken war wie ein zugefallener Kistendeckel.
Agnes ging ins Bad. Über dem Waschbecken wusch sie der Mutter die Haare. Die Mutter blieb ganz stumm, obwohl anfangs das Wasser viel zu kalt war.




