E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: Ein Inspector-Ghote-Krimi
Keating Inspector Ghote geht nach Bollywood
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-293-30372-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman. Ein Inspector-Ghote-Krimi (4)
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: Ein Inspector-Ghote-Krimi
ISBN: 978-3-293-30372-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
H(enry) R(eymond) F(itzwalter) Keating, geboren 1926, war gelernter Rundfunktechniker, wurde dann Journalist und schließlich freier Schriftsteller. Fünfzehn Jahre lang war er der Krimi-Kritiker der Times und blieb zeitlebens eine der großen Autoritäten auf diesem Gebiet. Für seine Romane um den bescheidenen Inspector Ghote aus Bombay, der sich mit den Reichen und Mächtigen anlegt, wurde Keating mehrfach ausgezeichnet; für sein Gesamtwerk erhielt er 1996 den Cartier Diamond Dagger. Er starb 2011 in London.
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1
Der Deputy Commissioner las eine filmi-Zeitschrift. Das war einfach nicht zu übersehen. Inspector Ghote, der in aller Eile dem durch die Gegensprechanlage erteilten Befehl gefolgt und in das große, luftige Büro geeilt war, hatte ihn dabei ertappt. Der Chef der Kriminalpolizei von Bombay lag zurückgelehnt in seinem Stuhl und las eine Schundzeitschrift, die große Fotos von Filmstars und Klatschgeschichten der filmi duniya veröffentlichte.
Ghote erstarrte vor Schreck.
Wenn er doch nur vorher einen Blick durch das kleine Glasfenster in der Tür geworfen hätte! Aber nein. Es war lange her, seit er vom Deputy Commissioner persönlich einen Auftrag erhalten hatte, und die Gedanken an das, was er wohl zu hören bekäme, löschten alles andere in seinem Kopf aus. Ein wichtiger Fall vielleicht, in den einflussreiche Leute verstrickt waren; eine Chance, sich gut mit seinen obersten Vorgesetzten zu stellen – und jetzt hatte er den Deputy Commissioner ertappt!
Was sollte er tun?
Er entschloss sich zu einem Hüsteln. Sobald das Geräusch – unglücklicherweise hörte es sich eher wie das halberstickte Gebrüll eines wütenden Bullen an – die Stille im Büro zerrissen hatte, wirbelte er herum und tat so, als würde er gerade vorsichtig die Tür schließen.
»Ach, Ghote. Kommen Sie herein.«
Er drehte sich um und marschierte forsch zum riesigen Schreibtisch mit den Telefonapparaten, den sauber gestapelten Akten, der großen Schreibunterlage und den Werbe-Schreibstiften. Aber das filmi-Heft blieb weiter aufgeschlagen in den Händen des Deputy Commissioners, und das Gesicht des Stars auf der Titelseite war deutlich zu sehen – es war das berühmte, scharfgeschnittene Profil von Ravi Kumar, dem Superstar aller Stars –, ebenso deutlich sichtbar war die Annonce auf der Rückseite, die Kleiderstoffe anpries.
Ghote blieb vor dem Schreibtisch mit den vier aufgereihten Stühlen stehen. »Ja, Sir?«
Der Deputy Commissioner legte die Zeitschrift hin, beugte sich vor und betrachtete ihn eingehend aus feuchtglänzenden, klugen Augen.
»Ghote«, sagte er. »Ich habe einen äußerst wichtigen Fall für Sie. Habe gerade erst davon erfahren. Ein Notruf aus den Talkiestan-Studios.« Einen Augenblick verstummte er, als wäre die Neuigkeit zu erdrückend, um sie weiterzugeben.
»Dhartiraj ist getötet worden!«
»Dhartiraj? Der Star?«
Ghote, dessen Kenntnis der Filmwelt kaum über seine jugendliche Schwärmerei für die Stars seiner Generation hinausging, war nicht ganz sicher, was für Rollen Dhartiraj spielte. Er fragte sich sogar, ob er nicht vielleicht ein berühmter Ringer sein könnte.
Aber nein, er war in den berühmten Talkiestan-Studios getötet worden, einem in ganz Indien bekannten Namen aus der großen Filmindustrie von Bombay. Er musste ein Star sein. Offensichtlich war er unter verdächtigen Umständen getötet worden, und er, Inspector Ghote, wurde mit der Untersuchung des Falls beauftragt.
Plötzlich begann sein Herz unter dem karierten Hemd mit dem offenen Kragen in ehrfürchtiger Freude zu klopfen. Aber ebenso schnell gingen ihm Fragen und zweifelbeladene Gedanken durch den Kopf.
»Sir … Sie übergeben mir ganz allein diesen Fall?«
Vielleicht hätte er seine Befürchtungen hinsichtlich seiner Fähigkeiten nicht laut äußern sollen. Hastig fügte er deshalb hinzu: »Sir, ich kenne mich in der filmi duniya nicht aus. Ich weiß gar nichts vom Film.«
»Das ist auch gut so«, erklärte der Deputy Commissioner mit einer Spur von Schärfe. »Ich erwarte nicht, dass sich meine Beamten mit derartigen Dingen beschäftigen.« Er tippte heftig mit dem Finger auf das scharfe, gut geschnittene Gesicht von Ravi Kumar. »Ich hab mir das gerade holen lassen«, fügte er hinzu. »Musste mich selbst erst informieren und habe festgestellt, dass dieser Dhartiraj ein berühmter Darsteller von Schurken und dergleichen war.«
»Ja, Sir.« Ghote sagte es in einem Ton, als hätte er sich keinen Augenblick lang Gedanken gemacht, warum sein Chef sich mit einer so frivolen Lektüre befasste.
»Ja«, fuhr der Deputy Commissioner mit einem schwachen Seufzer fort. »Ich werde wohl bekannt geben müssen, dass ich mich persönlich für den Fall interessiere. Aber …«
Er hob den Blick und sah Ghote unverwandt in die Augen.
»Ich möchte, dass Sie sich darüber klar sind, Inspector, dass Sie, ausschließlich Sie allein mit der Untersuchung der Angelegenheit beauftragt sind. Wenn die Sache am Ende vor Gericht kommt, dann sind nur Sie allein der Hauptzeuge der Anklage.«
Wiederum begann Ghotes Herz voller Stolz und Freude heftig zu schlagen, aber diesmal ließ er es gewähren.
»Dann handelt es sich tatsächlich um einen Mord, Sir?«, fragte er und legte in seine Stimme allen Ernst und alle Entschiedenheit, deren er fähig war.
»Ja, Ghote, es geht um Mord.«
Als Ghote sich dem Gelände der Talkiestan-Studios näherte, wirbelte ihm immer noch der Kopf. Der Deputy Commissioner hatte ihm jede technische Unterstützung versprochen. Und nachdem er die Hacken zusammengeschlagen und ihn verlassen hatte, saß er hinter dem Schreibtisch und betrachtete die Telefonapparate, als hätte einer davon ihm eigens gesagt, wem er den Fall übertragen müsse.
Die Tore des Studios, stellte Ghote fest, waren belagert. Die Nachricht vom Tode Dhartirajs war offenbar schon durchgesickert. Durch die Windschutzscheibe seines Wagens war nur der obere Rand der hohen Eisentore mit den riesigen weißen Buchstaben ›Talkiestan Studios‹ zu sehen. Dutzende von neugierigen Bombayern schoben, stießen, drängelten oder krochen vor dem Tor, um einen Blick auf das Gelände der Studios zu erhaschen. Zerschlissene und sauber gewaschene Hemden, nackte oder von Saris bekleidete Rücken, wehende Kurtas aus feinstem, ungefärbtem weißen khaddi und die Uniformen von Boten, Postbeamten und Soldaten in allen Schattierungen von Grün und Khaki schubsten, stießen mit Ellbogen und kämpften um einen Platz.
»Drück auf die Hupe!«, forderte Ghote seinen Fahrer auf. »Los, schieb dich durch.«
Auf der anderen Seite des Tors, das, wie er nun sah, von zwei aufgeregten Gurkha-chowkidars und einem großen, mit einem prächtigen Turban geschmückten Pathan verteidigt wurde, wartete sein Fall. Irgendwo dort würde sich die Leiche des toten Stars befinden. Und die Zeugen, die Verdächtigen und vielleicht sogar der Mörder.
»Hup dich durch, Mann. Hupen!«
Mit wilden, kleinen Hornfanfaren, unterstützt von lauten und scharf klingenden Befehlen aus beiden Wagenfenstern, schoben sie sich allmählich vorwärts. Dann, als endlich die schwere Stoßstange des Wagens das rostige Eisen des Tors berührte, beugte sich Ghote weiter aus dem Fenster, sah den chowkidar an, der der Chef zu sein schien, und blaffte ihn mit zwei Wörtern an: »Polizei! Aufmachen!«
Der Mann, ein gedrungener, rundgesichtiger Gurkha, holte seine beiden Kollegen heran, zog umständlich einen Schlüssel aus der Tasche und schloss damit das schwere Vorhängeschloss auf, das die Kette um die Türflügel versperrte. Sofort verstärkte sich der Druck der Menge, und die beiden hohen Flügel wichen zurück. Die chowkidars stemmten sich mit ihren Rücken dagegen. Ghotes Fahrer brauchte keine Anweisungen, er fuhr so langsam vorwärts, dass der Wagen ständig die sich allmählich verbreiternde Öffnung blockierte. In dem Augenblick, in dem die Torflügel weit genug geöffnet waren, verdoppelten die chowkidars ihre Anstrengungen und hielten die Flügel fest. Der Wagen kam so eben durch.
Auf dem Gelände wurde es Ghote sofort klar, dass durch die Tragödie all normale Tätigkeit zum Erliegen gekommen war. Menschen rannten aufgeregt umher, alle auf der Suche nach den neuesten Gerüchten. Kleine Gruppen sammelten sich, das Stimmengewirr wuchs zu lautem Geschrei an; dann liefen plötzlich die Leute wieder auseinander. Andere riefen Freunden die Neuigkeiten zu, die sie gerade erfahren hatten. Einige baten laut um Ruhe. Ghote ließ seinen Fahrer aussteigen, damit er den Türhütern helfen konnte, und betrachtete das Menschengewirr, fest entschlossen, sich so schnell wie möglich zurechtzufinden.
Komparsen. Einige dieser Leute mussten Komparsen sein. Er geriet vor plötzlichem Stolz über diese Entdeckung und die Schnelligkeit, mit der ihm dieses Wort eingefallen war, in rosige Laune. Genau, diese anfangs nicht einzuordnenden Männer und Frauen, die wie Nichtstuer aussahen und auf dem Filmgelände nichts zu suchen hatten, mussten Filmkomparsen sein. Und das Grüppchen Frauen unter dem großen Gul-Moharbaum, das etwas besser gekleidet war, wenn auch ihre Saris aufdringlich bunt wirkten, musste zu einer gehobeneren Sorte Komparsen gehören, oder sie spielten sogar kleine Rollen.
Wieder andere aus der gestikulierenden und schwatzenden Menge waren leichter einzuordnen. Die Angestellten, die elegant gekleideten Stenotypistinnen, die Wärter und Boten. Filmstudios brauchten sie ebenso sehr wie andere Firmen. Auch Kulis, obwohl es in dieser seltsamen Welt nicht leicht zu sagen war, welche Aufgaben sie haben konnten. Immerhin war es einfach, sie wegen ihrer Lendentücher oder zerschlissenen Shorts als Handlanger und Hilfsarbeiter herauszufinden. Auch eine ganze Anzahl von...




