E-Book, Deutsch, 283 Seiten
Kay Sieben Lügen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-8633-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Psychothriller
E-Book, Deutsch, 283 Seiten
ISBN: 978-3-7325-8633-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mit einer kleinen Notlüge fängt alles an. »Natürlich passt ihr gut zusammen, du und Charles«, versichert Jane ihrer besten Freundin Marnie, auch wenn sie deren Verlobtem gegenüber insgeheim größtes Misstrauen hegt. Doch eine Lüge zieht bekanntlich weitere nach sich, und schon bald ist das Verhältnis der drei unwiederbringlich vergiftet. Stück für Stück gerät die Situation außer Kontrolle. Aus Unbehagen wird Verdacht, aus Verdacht Gewissheit - und aus Freundschaft eine tödliche Falle ...
Elizabeth Kay begann ihre berufliche Laufbahn als Assistentin in einem großen britischen Verlagshaus, für das sie heute als Lektorin arbeitet. In ihrer Freizeit widmet sie sich ihrer großen Leidenschaft, dem Schreiben von Romanen. SIEBEN LÜGEN, ihr Debütroman, sorgte schon vor seiner Veröffentlichung international für Furore und erscheint in mehr als zwanzig Ländern. Elizabeth Kay lebt mit ihrem Ehemann und dem gemeinsamen Sohn in London.
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Kapitel 1
»Und so habe ich ihr Herz erobert«, sagte er und lächelte. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und drückte die Brust heraus. Selbstgefällig wie immer.
Er schaute zuerst mich an, dann den Idioten, der neben mir saß, und schließlich wieder mich. Er wartete auf unsere Reaktion. Er wollte das Lächeln auf unseren Gesichtern sehen, unsere Bewunderung fühlen, unsere Ehrfurcht.
Ich hasste ihn. Ich hasste ihn auf eine allumfassende, brennende, biblische Art. Ich hasste es, dass er diese Geschichte jedes Mal aufs Neue erzählte, wenn ich zum Dinner kam, jeden Freitagabend. Egal, wen ich mitbrachte. Egal, mit welchem degenerierten Kerl ich gerade ausging.
Er erzählte jedem von ihnen diese Geschichte.
Denn du musst wissen, dass es in dieser Geschichte um seine ultimative Trophäe ging. Für einen Mann wie Charles – erfolgreich, wohlhabend, charmant – war eine schöne, kluge und strahlende Frau wie Marnie die wertvollste Medaille in seiner Sammlung. Und weil er sich vom Respekt und der Bewunderung anderer nährte – und vielleicht auch, weil er beides von mir nicht bekam –, entriss er sie stattdessen seinen anderen Gästen.
Was ich darauf eigentlich erwidern wollte und was ich nie sagte, ist, dass er Marnies Herz nie erobern konnte. Ein Herz das, wenn ich ehrlich bin, und das bin ich jetzt endlich, niemals erobert werden kann. Es kann nur gegeben werden und empfangen. Man kann ein Herz nicht überreden, verlocken, verändern, zum Stillstand bringen, stehlen oder sich nehmen. Und man kann es mit Sicherheit nicht erobern.
»Sahne?«, fragte Marnie.
Sie stand neben dem Esstisch und hielt ein weißes Sahnekännchen in der Hand. Das Haar hatte sie im Nacken ordentlich zusammengesteckt, nur ein paar Locken fielen ihr über die Wangen, und ihre Halskette war verrutscht. Der Verschluss lag neben dem Anhänger auf ihrem Brustbein.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, danke«, sagte ich.
»Ja, du nicht«, erwiderte sie und lächelte. »Das weiß ich.«
*
Bevor wir beginnen, will ich dir etwas sagen. Marnie Gregory ist die beeindruckendste, inspirierendste und erstaunlichste Frau, die ich kenne. Über achtzehn Jahre lang war sie meine beste Freundin, seit wir uns auf der weiterführenden Schule kennengelernt haben. Unsere Beziehung ist also gewissermaßen volljährig.
Es war unser erster Tag, und wir standen in einem langen, schmalen Flur in einer Schlange von Elfjährigen, die alle zu einem Tisch am anderen Ende des Gangs wollten. In gewissen Abständen rotteten sich Grüppchen zusammen und beulten die ordentliche Reihe aus wie Mäuse den Bauch einer Schlange.
Ich war nervös und mir mehr als deutlich bewusst, dass ich hier niemanden kannte. Im Geiste bereitete ich mich bereits darauf vor, den größten Teil der nächsten zehn Jahre allein zu verbringen. Ich starrte diese Grüppchen an und versuchte, mir einzureden, dass ich ohnehin nichts mit ihnen zu tun haben wollte.
Dann ging ich zu schnell nach vorne, viel zu weit, und trat auf die Ferse des Mädchens vor mir. Sie wirbelte herum. Ich bekam Panik. Ich war sicher, gedemütigt zu werden, dass sie mich anschreien und vor den anderen niedermachen würde. Doch diese Angst löste sich im selben Augenblick auf, da ich sie sah. Ich weiß, es klingt lächerlich, aber Marnie Gregory ist wie die Sonne. Das habe ich damals gedacht, und das denke ich auch heute noch oft. Ihre Haut ist geradezu schockierend schön, weiß wie Porzellan. Und manchmal – nach dem Sport zum Beispiel, oder wenn sie wirklich zufrieden ist – wird dies von ihren rosigen Wangen noch unterstrichen.
Ihr Haar ist goldbraun. Ihre Locken schimmern rotgolden, und ihre Augen sind blassblau, fast weiß.
»Tut mir leid«, sagte ich, wich einen Schritt zurück und starrte auf meine blankpolierten, neuen Schuhe.
»Ich heiße Marnie«, sagte sie. »Und wie heißt du?«
Diese erste Begegnung ist sinnbildlich für unsere gesamte Beziehung, die ganzen achtzehn Jahre. Marnie ist von einer Offenheit, die geradezu nach Warmherzigkeit und Liebe schreit. Sie ist unglaublich selbstbewusst und furchtlos gegenüber Anfeindungen bis hin zur Naivität. Ich hingegen bin alles andere als naiv. Ich habe ständig Angst vor potenzieller Feindseligkeit, und ich warte stets auf das, wovon ich weiß, dass es irgendwann kommen wird. Ich warte darauf, lächerlich gemacht zu werden. Damals hatte ich zum Beispiel Angst vor Spott wegen der Sommersprossen auf meiner Stirn oder meiner viel zu großen Schuluniform. Jetzt sind es mein Tonfall, die Art, wie meine Stimme zittert, meine Kleidung, die zwar bequem, aber selten schmeichelhaft ist, mein Haar, meine Turnschuhe und meine abgekauten Fingernägel.
Marnie ist das Licht, und ich bin die Dunkelheit.
Das habe ich schon damals gewusst, und jetzt wirst auch du es erfahren.
»Name?«, bellte eine Lehrerin in blauer Bluse, die hinter einem Schreibtisch am Kopf der Schlange saß.
»Marnie Gregory«, antwortete Marnie mit fester Stimme.
»E … F … G … Gregory. Marnie. Du gehörst in das Klassenzimmer da, das mit dem C auf der Tür. Und du?«, fuhr sie fort. »Wer bist du?«
»Jane«, antwortete ich.
Die Lehrerin schaute von ihrem Blatt auf und rollte mit den Augen.
»Oh«, sagte ich. »Tut mir leid. Baxter. Jane Baxter.«
Die Lehrerin suchte in ihrer Liste. »Geh mit ihr. Da drüben. Die Tür mit dem C.«
Manche würden sagen, dass es nur eine Zufallsfreundschaft war, dass ich jede Freundlichkeit, jede Art der Zuneigung, jeden Hauch von Liebe aufgesogen hätte, und vielleicht stimmt das ja auch. Doch in dem Fall würde ich erwidern, dass das Schicksal uns füreinander bestimmt hatte, dass unsere Freundschaft vorgezeichnet war, denn auf unserem gemeinsamen Weg würde auch sie mich noch brauchen.
Das klingt unsinnig, ich weiß. Wahrscheinlich ist es das auch. Aber manchmal könnte ich es beschwören.
*
»Ja, bitte«, sagte Stanley. »Ich hätte gerne etwas Sahne.«
Stanley war zwei Jahre jünger als ich und Rechtsanwalt mit einer ganzen Reihe von Abschlüssen. Er hatte hellblondes Haar, das ihm über die Augen fiel, und er grinste ständig, oft ohne erkennbaren Grund. Im Gegensatz zu anderen seiner Art konnte er mit Frauen reden. Ich nehme an, das war das Ergebnis einer Kindheit inmitten von Schwestern. Aber er war auch unglaublich langweilig.
Es war wenig überraschend, dass Charles Stanleys Gesellschaft genoss, und das wiederum machte Charles noch unsympathischer.
Marnie reichte das Sahnekännchen am Tisch herum und drückte die Bluse an ihren Bauch. Sie wollte nicht, dass der Stoff – Seide, glaube ich – an die Obstschüssel kam.
»Sonst noch etwas?«, fragte sie, schaute von Stanley zu mir und dann zu Charles. Charles trug ein blau-weiß gestreiftes Hemd, und er hatte die obersten Knöpfe geöffnet, sodass man ein Dreieck von dunklen Haaren zwischen dem Stoff erkennen konnte. Kurz blieb Marnies Blick dort hängen. Charles schüttelte den Kopf, und seine Krawatte, die offen um den Hals lag, rutschte noch ein Stück nach links.
»Perfekt«, sagte Marnie, setzte sich und griff nach ihrem Dessertlöffel.
Die Unterhaltung wurde wie immer von Charles bestimmt, auch wenn Stanley durchaus mithalten konnte und wann immer möglich über seine eigenen Erfolge sprach. Aber ich langweilte mich und ich glaube Marnie auch. Wir hatten uns beide auf unseren Stühlen zurückgelehnt, nippten am Rest unseres Weins und statt zuzuhören, führten wir unsere eigenen Gespräche im Kopf.
Um halb elf stand Marnie auf, wie sie es immer um halb elf tat, und sagte: »Okay.«
»Okay«, wiederholte ich und erhob mich ebenfalls.
Marnie nahm die vier Schüsseln vom Tisch und stapelte sie in ihrer linken Armbeuge. Ein kleiner Tropfen rosafarbener Erdbeersaft klebte noch an einer der Schüsseln und blutete in ihre weiße Bluse. Ich nahm eine der inzwischen leeren Obstschüsseln, die Marnie vor ein paar Jahren bei einem Töpferkurs selbst gemacht hatte, genau wie das Sahnekännchen. Dann folgte ich ihr in die Küche.
Diese Wohnung – ihre Wohnung – war ein Sinnbild ihrer Beziehung. Charles hatte die nicht unerhebliche Anzahlung geleistet, denn Charles bezahlte meistens. Doch in diesem Fall hatte er nur bezahlt, weil Marnie darauf bestanden hatte. Sie hatte sofort gewusst, dass diese Wohnung wie für sie gemacht war, und es wird dich nicht überraschen zu hören, dass Marnie eine unglaubliche Überzeugungskraft besaß.
Als sie hier eingezogen waren, war es die reinste Bruchbude gewesen: klein, dunkel, verdreckt und feucht. Die Wohnung ging über zwei Stockwerke, doch offenbar hatte man sie nie geliebt. Aber Marnie war schon immer eine Visionärin gewesen. Sie sieht Dinge, wo andere nichts sehen. Selbst an den finstersten Orten findet sie Hoffnung – lächerlicherweise sogar bei mir –, und sie besitzt genügend Selbstvertrauen, auch tatsächlich etwas Großartiges daraus zu machen. Ich habe sie stets um ihr Selbstvertrauen beneidet. Dabei hat es vor allem etwas mit Hartnäckigkeit zu tun. Marnie hat keine Angst zu versagen, nicht, weil sie nie versagt hätte, sondern weil Versagen für sie nur ein Umweg auf dem Weg zum Erfolg ist.
Marnie arbeitete unermüdlich – abends, an den Wochenenden und den ganzen Urlaub hindurch –, um etwas Schönes zu erschaffen. Mit ihren kleinen Händen riss sie Tapeten herunter, schmirgelte die Farbe von den Türen, strich Schränke, säuberte den Teppich, verlegte Parkett...




