E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Arena Thriller
Kavka Blütensplitter
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-401-80234-3
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Arena Thriller:
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Arena Thriller
ISBN: 978-3-401-80234-3
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Freitag, 27.06., 20:45 Uhr (MEZ)
Die Familie, bei der ich wohne, ist heute Morgen zu einem Campingwochenende aufgebrochen. Eigentlich schade, denn die fünfjährige Kate hat sich so gerne freitagabends die Shows mit mir angesehen, und obwohl sie nicht ein einziges Wort verstehen konnte, vergöttert sie meine Schwester. Ich flitze ins Haus und schließe noch nicht einmal die Tür hinter mir, bevor ich den Fernseher anmache. Nach ein paar geübten Klicks habe ich den deutschen Sender gefunden.
Da ist sie! Mein Gott, ist Isa schön! Seit der letzten Show vor einer Woche sind nur noch zwei Mädchen übrig: Isa und Rebecca Kretschmer. Ich schließe schnell die Tür und setze mich auf das Sofa. Gebannt verfolge ich, wie Jens Maikemper, der Moderator, die nächste Aufgabe ansagt.
Die beiden sollen ihrem jüngeren Bruder Levi Strauss abends im Bett die Angst vor Amerika nehmen. Rebecca lacht ein bisschen nervös, während Isa völlig ruhig bleibt. Sie wirkt hoch konzentriert. Ich blicke auf ihre linke Hand und sehe, dass sie sie zu einer Faust geballt hat. Ich lächele. Robbi ist wieder dabei, die kleine, völlig abgekaute Holzrobbe, Isas ständiger Begleiter, seit sie ihre ersten Zähne bekommen hat.
Jetzt kommt wahrscheinlich wieder ein Double für Finn Holder, denke ich und hoffe, dass sie den von der letzten Show engagiert haben, denn das war ein super Typ. Natürlich nicht so charismatisch wie Holder selbst, den man für so einen kleinen Showauftritt natürlich weder gewinnen noch bezahlen kann, aber er hatte was.
Maikemper setzt ein süffisantes Lächeln auf und sagt feierlich: »Ich bitte nun …«, er macht eine spannungsgeladene Pause, »… Levi Strauss auf die Bühne.«
Das Publikum kreischt. Ich kapiere gar nichts und ärgere mich, dass ich zu spät gekommen bin. Die Kamera schwenkt nach unten ins Publikum. Ein Spot sucht die erste Reihe ab und bleibt bei …
Mir rutscht ein Schrei heraus, als ich kapiere, was ich da sehe.
Finn Holder verabschiedet sich charmant von seinen beiden Sitznachbarinnen und steht auf. Mit ihm zusammen erhebt sich geschlossen das gesamte Publikum und kreischt und jubelt und klatscht. Während der Star auf der kleinen Seitentreppe nach oben auf die Bühne steigt, winkt er immer wieder freudestrahlend den Zuschauern im Saal.
Rebecca hält, wie ich, ihre Hände vor dem Mund, die Augen weit aufgerissen. Isa wirkt nach wie vor erstaunlich ruhig, lediglich ihre Wangen sind leicht gerötet. Jetzt zeigt die Kamera die beiden in Großaufnahme. Logisch, man will natürlich jede klitzekleine Regung in ihren Gesichtern einfangen. Rebecca hat kleine Schweißperlchen auf der Oberlippe und Isas Augen glänzen fast unecht.
Ich hole tief Luft und merke dadurch erst, dass ich mit dem Atmen aufgehört habe. Es ist das erste Mal, dass ich mich nicht in meine Schwester hineinversetzen kann. Wie fühlt sie sich jetzt? Finn Holder ist zurzeit der angesagteste Schauspieler der Welt. Jetzt geht er direkt auf Isa zu, umarmt sie und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Dasselbe macht er bei Rebecca. Das Publikum kreischt und Maikemper hat Mühe, den Verlauf der Show wieder in den Griff zu bekommen. Als sich die Menge endlich einigermaßen beruhigt hat, fragt er Finn Holder, ob er eines der Mädels vorziehen würde.
Kurz wartet Holder auf die Simultanübersetzung in seinem Ohr, dann lacht er und scherzt: »Am liebsten möchte ich den Produzenten fragen, ob man Fanny nicht eine Zwillingsschwester andichten kann.« Dann erzählt er, was seiner Meinung nach Fanny Strauss für eine Frau gewesen war und dass beide Kandidatinnen viele dieser Eigenschaften mitbringen.
»Isa …« Er macht eine Pause und legt einen Arm um Isa.
Oh Gott! Ich schaue mich um, als wäre ein Wunder geschehen und ein paar Freunde hätten sich im Wohnzimmer versammelt. Warum bin ich alleine? Verdammt noch mal. Ich platze vor Stolz und es ist furchtbar, diesen Moment mit niemandem teilen zu können. Isa lächelt und stiert auf Holders Schuhe. Was hat sie neulich bei Skype gesagt?
»Manchmal, wenn ich da stehe und die Scheinwerfer auf mich gerichtet sind und ich weiß, dass jetzt in fast allen Wohnzimmern mein Gesicht ganz groß zu sehen ist, muss ich sofort an was anderes denken, damit ich nicht durchdrehe.«
»Und an was denkst du dann?«, habe ich gefragt.
»Versprich mir, dass du nicht lachst!«
»Versprochen.«
»An dich.«
»An mich? Wieso das denn?«
»Weil ich dann ruhig werde. Is’ eben so.«
Ich habe natürlich nicht gelacht. Im Gegenteil, ich hatte Mühe, den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken.
Ich schaue in die krass leuchtenden Augen meiner Schwester und stelle mir vor, wie sie jetzt an mich denkt, wobei das kaum zu glauben ist. Kann man neben Finn Holder überhaupt denken? Auf jeden Fall wirkt sie erstaunlich gelassen, wenn man bedenkt, dass wohl 95% aller Mädchen unter 20 an Isas Stelle in Ohnmacht fallen würden. Und durch ihren ernsten Gesichtsausdruck sieht sie neben dem spitzbübischen Holder tatsächlich älter, nein, reifer aus.
»Isa«, wiederholt Finn Holder, »ist in meinen Augen ein absoluter Profi, sie ist ernsthaft und ehrgeizig. Das gefällt mir sehr. Rebecca …« Jetzt legt er seinen anderen Arm um Rebecca, die ganz anders reagiert als Isa, viel extrovertierter. Sie legt ihrerseits einen Arm um Holder und lächelt ihn herausfordernd an. »Sie ist sehr lebendig und strahlt die positive Energie aus, die man Fanny nachsagt. Ich vertraue dem Publikum, dass es die richtige Wahl trifft, wobei es in diesem Fall keine falsche gibt.«
Professionell und diplomatisch, denke ich, obwohl ich definitiv gerne etwas anderes gehört hätte.
Maikemper fordert die Zuschauer auf, sich wieder zu setzen, die Kandidatinnen bräuchten 100%ige Ruhe für die vor ihnen liegende Aufgabe. Auf einer Nebenbühne ist bereits ein karges Kinderzimmer aufgebaut und Finn Holder geht mit den beiden Kandidatinnen hinüber. Dabei witzelt er was Unverständliches, was man erst bei der Simultanübersetzung versteht: »Ich bin der Glückliche, der jetzt mit euch beiden ins Bett darf. Ich liebe diese Show!«
Rebecca kommt als Erste dran. Ich knie mich auf den Boden ganz dicht vor den Fernseher und beschwöre alle irdischen und himmlischen Kräfte, dass sie einen oder besser mehrere Fehler macht.
Und ich werde erhört. Die 17-jährige Rebecca schwärmt Holder aus allen Poren an, wodurch sie überhaupt nicht wie eine große Schwester rüberkommt. Sie ist zu aufgeregt und fast tut sie mir leid in ihren Bemühungen, eine originelle Improvisation hinzulegen. Ich wette, die Mädels wurden nicht auf Holders Auftritt vorbereitet, das hätte Isa mir schließlich erzählt. Eigentlich ganz schön gemein, denke ich.
Jetzt kommt Isa. Mit einer kleinen Geste, die wahrscheinlich kaum jemand wahrnimmt, steckt sie Robbi unter ihren Gürtel und setzt sich anschließend auf den Bettrand. Sie findet zärtliche Worte für Levi und berührt ihn unbefangen und sanft. Es dauert nur Sekunden, bis Finn Holder sich in den jüngeren Bruder verwandelt. Zum Schluss singt Isa das Lied, das Papa uns immer vor dem Einschlafen vorgesungen hat. Wenn er das jetzt … Ich schlucke.
Holder nimmt Isas Hand und macht die Augen zu. Ich könnte schwören, dass er kurz vor dem Einschlafen ist.
Als das Licht angeht und das Publikum in Begeisterung ausbricht, setzt Holder sich auf, beugt sich zu Isa, die neben ihm auf dem Bettrand sitzt, und flüstert ihr was ins Ohr. Isa lächelt. Und ich schreie vor Aufregung, Freude, Stolz … Ich muss heute unbedingt noch mit ihr sprechen. Ich muss wissen, was Holder gerade gesagt hat.
Dann geht alles ganz schnell. Jens Maikemper bittet alle zurück auf die große Bühne, nennt für jede Kandidatin eine Telefonnummer und fordert die Zuschauer auf, jetzt zu wählen. In der Wartezeit werden Highlights aus den letzten vier Wochen gezeigt.
Schnell stimme ich mit meinem Handy für Isa.
Dann werden die Familien auf die Bühne gebeten. Es versetzt mir einen heftigen Stich zu sehen, wie verloren meine zwei Familienmitglieder neben der Riesenfamilie von Rebecca aussehen. Das sind acht Personen und es dauert eine Weile, bis Rebecca sie alle vorgestellt hat. Isa stellt Mama vor, von Papa sagt sie nichts, aber sie schaut lächelnd in die Kamera, winkt und sagt: »Meine Schwester ist zurzeit in Amerika. Hi Sophie!« Wieder rutscht mir ein kleiner Schrei raus und ich winke reflexartig zurück wie ein Kindergartenkind, das noch nicht zwischen Mattscheibe und Realität unterscheiden kann.
Ein Gong ertönt. Das Ergebnis ist da! Es erscheinen zwei riesige Balken auf der großen Leinwand hinten auf der Bühne, allerdings ohne Namen. Der Moderator gibt den Startschuss. Die Balken füllen sich grün, immer weiter, als würden zwei Schnecken von links nach rechts über die Wand kriechen und eine grüne Spur hinterlassen. Endlich bleibt eine stehen. Ein Raunen geht durch die Menge.
Die Mädchen werden abwechselnd in Großaufnahme gezeigt, wie sie gebannt auf die Balken schauen. Rebecca hält sich wieder die Hände vor den Mund, das scheint eine Angewohnheit von ihr zu sein, und Isa hat...




