E-Book, Deutsch, Band 2897, 128 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
Kaufmann Die Täufer
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-406-73867-8
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von der radikalen Reformation zu den Baptisten
E-Book, Deutsch, Band 2897, 128 Seiten
Reihe: Beck'sche Reihe
ISBN: 978-3-406-73867-8
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Täufer setzten der langen Tradition der Kindertaufe die mündige Entscheidung des Christen zur Taufe entgegen. Thomas Kaufmann schildert konzise und umfassend ihre Geschichte von der frühen Reformation über das Täuferreich zu Münster und friedliche Gemeinschaften wie die Mennoniten bis zu den Baptisten, die heute weltweit zu den größten christlichen Konfessionen gehören.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Christentum, Christliche Theologie Christliche Kirchen, Konfessionen, Denominationen Protestantismus, evangelische und protestantische Kirchen Reformierte Kirchen, Calvinisten, presbyterianische Kirchen
- Geisteswissenschaften Christentum, Christliche Theologie Kirchengeschichte Theologenbiographien, Religiöse Führer
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Einleitung: Wer waren die Täufer?
Die Säuglingstaufe und ihre Verweigerung
Seit dem 5. Jahrhundert wurde die Säuglingstaufe die rituelle Regelpraxis des Christentums; ihre Verweigerung gilt mit einigem Recht als das wichtigste Kennzeichen des Täufertums. Gegenüber der im 16. Jahrhundert üblichen Bezeichnung «Wiedertäufer» hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts im Deutschen der Begriff «Täufer» weitgehend durchgesetzt. Man begann die Auffassung der betroffenen Gruppen zu akzeptieren, dass eine Säuglingstaufe keine Taufe sei und daher die Bekenntnistaufe keine zweite. In anderen europäischen Sprachen lebt der ältere Sprachgebrauch (lat. anabaptistae; frz. anabaptistes; engl. anabaptists; ital. anabattisti) bis heute fort. Die historischen Ursprünge der Täufer liegen im frühen 16. Jahrhundert, also in den «Reformation» genannten Auseinandersetzungen. Unter den damals entstandenen devianten Gruppen waren die Täufer die einflussreichste. In der Geschichte der antiken oder mittelalterlichen «Ketzereien» hatten gruppenbildende Verweigerungen der Kindertaufe keine nennenswerte Rolle gespielt, auch wenn dies von Täufergegnern gelegentlich behauptet wurde. Der Zürcher Kirchenführer Heinrich Bullinger etwa, einer der einflussreichsten Historiographen des frühen Täufertums, identifizierte die altkirchlichen «Ketzer» Novatian, Auxentius und Pelagius und den mittelalterlichen Laienprediger Valdes als Vorläufer der Täufer. Darin, dass Nicht-Geweihte – nach dem Rechtsverständnis der römischen Kirche also Laien – in einigen hoch- und spätmittelalterlichen «Ketzergruppen», etwa bei den Waldensern, heilige Kult- und Sprachhandlungen versahen, sind jedoch Analogien zu täuferischen Lebensformen und Praktiken zu sehen. Die in Frömmigkeit, Theologie und Kirchenrecht seit der Spätantike fest verwurzelte Taufe Neugeborener war in der Ost- wie der Westkirche weithin unumstritten; ihre Plausibilität, ja Notwendigkeit ergab sich insbesondere daraus, dass seit dem wichtigsten Kirchenvater des lateinischen Okzidents, Aurelius Augustinus (354–?430), jedes Menschenkind als mit dem Makel der Ur- oder Erbsünde behaftet galt. In sündiger Lust gezeugt, aktualisiere jeder Mensch gleich welchen Alters immer neu schuldhaft, was doch bereits als Verhängnis auf ihm liege: die böse Begehrlichkeit (concupiscentia), den Hochmut (superbia), die Eigenliebe (amor sui), die die Mitwelt als Medium des Selbstgenusses instrumentalisiert und Gott die ihm gebührende liebende Verehrung (amor Dei) verweigert. Mit der Taufe habe Christus seiner Kirche als göttlich legitimierter Heilsanstalt das entscheidende Mittel übertragen, um die Menschen vor der ewigen Verdammnis zu bewahren, die aus der Erb- oder Ursünde folge. Die Taufe galt mithin als Sakrament, als Heilsmittel, das durch einen sichtbaren rituellen Vollzug – im Kern: die dreimalige Berührung des Täuflings mit Wasser, die Handauflegung durch den Täufer, das Sprechen einer Segensformel auf den dreieinigen Gott und eine als Exorzisierungsakt wirksame Kennzeichnung mit dem Kreuzessymbol – eine unsichtbare Gnade vermittle. In der römisch-katholischen Tradition war sie das lebensgeschichtlich erste der insgesamt sieben Sakramente (Taufe, Firmung, Beichte, Abendmahl, Ehe, Priesterweihe, letzte Ölung), die das Leben eines Gläubigen von der Wiege bis zur Bahre heilsam begleiteten, es sinnhaft disziplinierten, aufs ewige Leben ausrichteten und dauerhaft an die Kirche als alternativlose Heilsvermittlerin banden. Die Verweigerung der Kindertaufe war ein dramatischer Sachverhalt. Sie bedeutete, die Erbsündenlehre bzw. das ihr zugrundeliegende Menschenbild und das mit ihr verbundene Erlösungskonzept infrage zu stellen, dazu die Rolle der Amtsgeistlichkeit und nicht zuletzt die Notwendigkeit der Heilsanstalt Kirche. Der Angriff auf die Kindertaufe, den viele Täufer im Namen der Bibel führten, galt mithin einer christlich imprägnierten Kultur und ihrer anstaltlich verfassten, auch von den Reformatoren – ob in Wittenberg oder Zürich, Straßburg, Stockholm, Edinburgh oder Genf – bejahten Sozialform: der Kirche. Insofern bildeten die Täufer in der überwiegenden Mehrheit ihrer Erscheinungen alternative Sozialgestalten des Christlichen – früher pejorativ als «Sekten» bezeichnet – aus, die von den politischen Obrigkeiten und den Vertretern der Kirchen aller drei Konfessionen bekämpft wurden, von Luthertum, Reformiertentum und römischem Katholizismus. Anders als die Konfessionskirchen war das Christentum der Täufer stärker durch freiwillige Entscheidungen religionsmündiger Einzelner geprägt, die die christliche Religion in ihre eigenen Hände zu nehmen versuchten. Die Täufer erkannten durch Amtsträgerschaft repräsentierte rechtlich-institutionelle Autoritätsformen in der Regel nicht an. Sie kultivierten ein Bewusstsein der Abgrenzung von der großen Masse der «Anderen» und der Zugehörigkeit zu einer spezifisch qualifizierten, meist strengen Sittlichkeitsstandards unterliegenden Gruppe Erwählter. Das Täufertum stellte ein besonders dynamisches Moment der mit der Reformation aufbrechenden und bis heute anhaltenden Pluralisierungsepoche des lateinischen Christentums dar. Der kritische Blick der Zeitgenossen
Freilich wird man dem in sich außerordentlich vielfältigen religionskulturellen Phänomen der «Täufer» nicht gerecht, wenn man es allein von der Taufe her versteht bzw. auf die Ablehnung der Kindertaufe reduziert. Schon an den in der Reformationszeit einsetzenden ersten Versuchen, die Täufer historiographisch zu fassen, wird dies deutlich. Der spiritualistische Freigeist Sebastian Franck, der allen religiösen Gruppenbildungen der Zeit einschließlich der Großkirchen, die er samt und sonders «Sekten» nannte, wegen deren Tendenz zur Selbstgerechtigkeit und Intoleranz mit größter Skepsis begegnete, sich selbst zur «geystlichen unparteischen zerströwten kirchen Christi under allen Heyden» bekennend, betonte in seiner Chronica oder Geschichtsbibel, dass die Täufer «undereinander uneynig und zerrissen» seien; deshalb könne nichts «gwiss und endtlichs» über sie gesagt werden. Dass sich Franck dann doch seitenlang über sie ausließ, lag vor allem daran, dass es sehr viel Interessantes, Disparates, ja Widersprüchliches über sie zu berichten gab: Einigen war etwa die Kindertaufe ein Gräuel, andere nahmen sie hin, auch wenn sie sie für keine rechtmäßige Taufe hielten und deshalb auf einer «echten» im Erwachsenenalter bestanden. Einige hielten allein ihre «Sekte» für rein und heilig, andere übten immerzu, auch gegen die eigenen Mitglieder, schärfste Kirchenzucht und schleuderten unablässig Bannstrahlen der Exkommunikation in alle möglichen Richtungen. Einige reglementierten Kleidung und Speise ähnlich streng, wie manche Mönchsregeln es taten; wieder andere überließen alles Äußerliche, selbst Partnerwahl und Geschlechtsverkehr, dem freien Belieben ihrer Gemeinde. Auch in Bezug auf den Umgang mit der Bibel vermerkte Franck gegensätzliche Positionen: Während einige Täufer in biblizistischer Manier nach dem Buchstaben der Schrift lebten und auch ihre Mit- und Umwelt allein daran maßen, betonten andere das Wirken des Geistes und nahmen unmittelbare göttliche Weisungen für sich in Anspruch. Einige täuferische Gemeinschaften praktizierten das apostolische Modell der Gütergemeinschaft (Apg 4), andere nicht. Ähnlich disparat war der Umgang der Täufer mit Leiden und Gewalt. Während einige «durchs leiden und nicht durch Christum» zum Heil zu gelangen meinten und nach Franck «einen Abgott auß dem leiden machten», sähen andere in Unbill und Verfolgung allenfalls ein ihnen aufgenötigtes Schicksal. Auch wenn Franck der in Martyrien führenden Leidensbereitschaft vieler Täufer den Respekt nicht versagte, sah er darin doch eine bedenkliche Form des Fanatismus. In der Frage, ob die Anwendung physischer Gewalt durch weltliche Obrigkeiten mit dem Bekenntnis zum wahren, täuferischen Christentum vereinbar sei, standen sich ebenfalls radikal gegensätzliche täuferische Auffassungen und Gruppen gegenüber. Francks Geschichtsdarstellung, die in ihrer ersten Fassung (1531) weniger als ein Jahrzehnt nach dem frühesten Auftreten des Täufertums erschienen war, dokumentiert, dass schon ein Zeitgenosse die Einheit und die Vielfalt, den inneren Zusammenhang und die massive doktrinale und kulturelle Disparität der Täufer intensiv wahrnahm. Dass die Täufer ein besonders sperriger Gegenstand jeder historischen Darstellung sind, dürfte das Unstrittigste...