Kaster | Winterauge | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Kaster Winterauge


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7026-5913-4
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7026-5913-4
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Arthur, 15, ist wohlstandsgelangweilt und rebellisch. Am ehesten finden seine Mutter und sein Großvater Moscho einen Draht zu ihm. Als die herzkranke Mutter stirbt, ist der Vater seinem Sohn gegenüber ziemlich hilflos. Im englischen Internat wird Arthur immer mehr zum Außenseiter, er verhält sich Schulkollegen und Lehrern gegenüber aggressiv. In den Weihnachtsferien fliegt er früher nach Hause als angekündigt und geht in ein Apartment seines Großvaters, zu dem ihm dieser 'für alle Fälle' den Schlüssel gegeben hat. Dort lässt er aber nur seine Sachen und lebt die folgende Woche auf der Straße - schläft zwischen Müllsäcken in der Kälte, isst nicht, legt sich mit Obdachlosen an. Seit langem ist sein Inneres wie vereist, umgeben von gläsernen Mauern. Um wieder etwas zu spüren, greift er zu immer extremeren Mitteln.

Armin Kaster las als Junge Weltliteratur, die er nicht verstand, und wünschte sich dennoch Schriftsteller zu werden. Nach exotischen Ausflügen in den Groß- und Außenhandel sowie die Wirtschaftswissenschaft, bog er ab zur Pädagogik und danach zur Kunst. Jetzt arbeitet er als freier Autor und Künstler und lebt mit seiner Familie in Düsseldorf. Seit Jahren führt er literarisch-künstlerische Projekte mit Kindern und Jugendlichen im In- und Ausland durch. Dabei begeistern ihn vor allem die originellen Lebenswelten junger Menschen, die er am liebsten in Geschichten verwandelt.
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Sommer


Die Sonne scheint. Ich sitze am Pool. Es ist heiß. Ich habe die Füße im Wasser, während der Rest meines Körpers im Schatten eines Schirmes ist. Eines großen Schirmes. Neben anderen großen Schirmen, umsäumt von Zedern, die älter sind als meine Großeltern. Welche an der Bar sitzen und ihren Mittagsimbiss einnehmen.

Auch meine Eltern sitzen da. Wie jeden Sommer. Im Parkhotel in Oberitalien. Seit ich denken kann, sind wir hier: der Pool, die Bar, die Schirme. Und am Abend das Restaurant mit den Kellnern, die unauffällig im Halbdunkel stehen und sofort zur Stelle sind, wenn etwas fehlt.

Meine Eltern haben die Junior-Suite gegenüber meinem Comfort-Einzelzimmer. Unter ihren Fenstern ist der Park zu sehen, mit dem Springbrunnen und den kleinen Kieswegen zwischen den Bäumen, umsäumt von Rosenbeeten und anderen Blumen. Die weißen Fensterläden der Zimmer sind aus Holz und halb geschlossen. Durch ihre Lamellen dringt Licht in die Zimmer. Mein Vater sagt, es sei das Licht Italiens.

„Italien ist meine Kindheit“, sagt er.

Oder: „Wir waren immer hier, nicht wahr, Moscho?“

Moscho ist mein Großvater, der schweigt, während Großmutter meinen Vater ansieht, und, an meine Mutter gewandt, sagt: „Liebes, wir sind hier fast zu Hause.“

Meine Mutter tippt etwas in ihr Handy.

„Ja, das seid ihr …“, sagt sie abwesend.

Ihre Sonnenbrille ist so groß wie eine Kinderfaust.

Ich trinke Cola. Auf Essen verzichte ich. Großmutter denkt, es wäre gut, wenn ich mittags esse. Aber ich habe keinen Hunger. „Arthur!“, ruft sie. „Komm zu uns! Wir haben Agnolotti. Es wird dir schmecken.“

Ich schaue in die Baumkronen. Die Beats auf meinen Ohren sind wirklich nicht zu übersehen. Die Beats sind meine Tarnkappe. Trotzdem spricht sie mich an. Als wüsste sie, dass ich keine Musik höre. Weil ich die Beats nur trage, um in Ruhe gelassen zu werden.

„Antworte deiner Großmutter“, sagt mein Vater.

Ich flüstere: „Ich esse keine Leichen.“

Was ich immer sage, wenn Großmutter Essensvorschläge macht. Und sehe lächelnd ins Wasser.

Großmutter hat mich nicht gehört. Sie fragt: „Soll ich dir einen Teller bringen?“

Ich sage: „Steck dir deine toten Tiere sonst wo hin.“

Aber nur so laut, dass es niemand hört.

Großmutter hält sich die Hand ans Ohr und fragt: „Was hast du gesagt?“

Ich winke ihr zu. Ich bin gut erzogen und rufe: „Ich habe keinen Hunger, danke!“

Ein leichter Wind rauscht in den Bäumen. Es ist wirklich heiß. Ich presse meine Fersen gegen die Wand des Pools. Dann trete ich mit dem linken Bein durchs Wasser. Es spritzt, und ich muss lachen.

Mein Vater starrt in sein Glas.

Meine Mutter schaut auf ihr Handy.

Meine Großmutter legt ihr Besteck beiseite.

Es ist Sonntag. Wir sind gestern angekommen. Wir bleiben noch bis Samstag. Danach fliegen wir nach Portugal.

Da zischt mein Vater: „Sag Arthur, er soll essen.“

Meine Mutter hebt den Kopf, lächelt, obwohl das Lächeln keinem von uns gilt, und ruft: „Er soll essen!“

Ich sage nichts.

„Arthur?“

Die Stimme meines Vaters überschlägt sich. Ich nehme die Beats ab.

„Was ist denn?“, frage ich.

„Nichts!“, sagt Moscho. „Du kannst weiter so tun, als wärst du nicht hier.“

Moscho steckt das Ende seiner Pfeife in den Mund und entzündet ein Streichholz. Sein Kopf verschwindet in einer Rauchwolke. Darin erkenne ich sein Lächeln.

Ich drehe mich weg und schaue zu meinem Zimmer im ersten Stock. Es hat die gleichen weißen Lamellen wie die Junior-Suite meiner Eltern, halb geschlossen und umrahmt von Efeu. „Dein Vater war auch ein schlechter Esser“, sagt Moscho. „Dafür trinkt er heute umso besser.“

Er sieht mich an. Die lachenden, hellblauen Augen stehen etwas auseinander, sein gestutzter Bart ist grau. Und während er ein leises Lachen folgen lässt, starrt meine Mutter auf ihr Handy und mein Vater leert sein Glas in einem Zug.

„Ich geh rauf“, sage ich.

Es ist kurz nach drei. Um acht bin ich mit meinen Großeltern im Restaurant verabredet. Meine Mutter wird joggen und mein Vater in der Hotelbar sitzen. Wie jeden Abend.

„Arthur“, sagt meine Großmutter, „wir wollen dich nicht drängen, aber …“

Es ist viertel nach acht. Ich sitze im Restaurant. Ein Kellner steht neben mir. Großmutter sieht mich an. Moscho sitzt mir gegenüber und nickt mit seinem grau behaarten Riesenkopf. Er sitzt da wie immer und schweigt mit einer Mischung aus Belustigung und Allwissenheit. Nur manchmal, da spricht er. Und dann hören alle zu und denken, dass er recht hat. Mit allem, was er sagt. Auch wenn er völlig danebenliegt.

„Schau Ari, es gibt hier etwas, das dir schmecken könnte.“

Großmutter schiebt mir die Speisekarte herüber.

Ich klimpere mit den Augen.

„Kurz gebratener Thunfisch, Zucchini-Spaghetti und Erbsen. Du magst doch Erbsen. Oder nicht?“

Ich nicke. Und sage: „Für mich die Spaghetti alla Chitarra, bitte särr?!“

„Oh Arthur …“, stöhnt Großmutter. „Muss das sein?“

Moschos Mundwinkel zucken.

„Das ist lecker!“, sage ich.

Großmutter sagt: „Es ist eintönig, Ari! Schrecklich eintönig. Jeden Tag das gleiche, ich bitte dich!“

„Ich bin eintönig, Großmutter. Ganz schräääcklich eintönig.“

„Rede keinen Unsinn“, brummt Moscho. „Du bist eigensinnig. Das ist was anderes.“

Niemand sagt etwas. Bis der Kellner sagt: „Die Herrschaften haben gewählt …“

Großmutters Mund ist jetzt ganz klein. Sie bestellt ein paar Tierleichen und Moscho trommelt mit seinen fleischigen Fingern auf der gestärkten Tischdecke.

Er fragt: „Cola oder Cognac?“, und sieht mich an.

Ich sehe zurück.

Und Großmutter sagt: „Wir hätten gern drei Fragolino.“

„Und eine Cola und einen Cognac“, sagt Moscho.

So nimmt der Abend seinen Lauf. Weil jeder Abend mit dem Fragolino beginnt und dann verläuft, wie es Moscho vorgibt.

Weil hier alle denken, Moscho hätte den Durchblick. Seit ich denken kann ist das so.

„Darf ich?“

Mein Vater steht neben dem Tisch.

Großmutter lächelt und Moscho verschränkt die Arme vor der Brust. Sein Gesicht ist unbewegt.

Mein Vater setzt sich. Der Kellner steht neben ihm.

„Prego, Signore, ich darf Ihnen die Karte bringen …“

„Nein, aber einen Gin Sul“, sagt mein Vater.

Der Kellner nickt und geht.

Moschos helle Augen sind auf meinen Vater gerichtet und Großmutter tätschelt meinen Arm und flüstert: „Ari, es gibt hier wirklich Besseres, als deine ewigen Chitarra.“

Ich sehe sie an.

„Was denn so?“, frage ich.

Sie hebt die Hände.

„Ich darf dir was vorschlagen?“

Ich sage: „Nein …“

Und als die Getränke kommen, fragt Großmutter an meinen Vater gewandt: „Wie läuft es denn in der Agentur so ohne dich?“ Mein Vater sieht auf. Sein Blick ist müde.

„Ich mache mir keine Sorgen“, sagt er.

Moscho sieht meinen Vater an.

„Machst du nicht?“

Mein Vater wird ernst.

„Nein, mache ich nicht. Robert hat alles im Griff.“

„Ist Robert eine Frau?“, frage ich.

„Natürlich nicht“, sagt mein Vater und kippt den Gin Sul runter. Ich weiß, dass mein Vater ab und zu mit seinem Geschäftspartner Robert telefoniert. Aber manchmal stelle ich mir vor, er würde mit einer Frau telefonieren. Diese Frau wäre seine Affäre. So stelle ich mir das vor.

„Dann ist ja alles gut!“, sagt Großmutter.

Mein Vater lacht.

„Und wer ist die Frau, mit der du immer telefonierst?“, frage ich und verziehe keine Miene. Kleiner Scherz. Um die Langeweile zu überbrücken.

Mein Vater...


Armin Kaster las als Junge Weltliteratur, die er nicht verstand, und wünschte sich dennoch Schriftsteller zu werden. Nach exotischen Ausflügen in den Groß- und Außenhandel sowie die Wirtschaftswissenschaft, bog er ab zur Pädagogik und danach zur Kunst. Jetzt arbeitet er als freier Autor und Künstler und lebt mit seiner Familie in Düsseldorf. Seit Jahren führt er literarisch-künstlerische Projekte mit Kindern und Jugendlichen im In- und Ausland durch. Dabei begeistern ihn vor allem die originellen Lebenswelten junger Menschen, die er am liebsten in Geschichten verwandelt.



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