Karoshi | Zu den Elefanten | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 420 g

Karoshi Zu den Elefanten

Novelle
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7011-8213-8
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Novelle

E-Book, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm, Gewicht: 420 g

ISBN: 978-3-7011-8213-8
Verlag: Leykam
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine Reise zu sich selbst - auf einer Route voller Geschichten und Erinnerungen. Ein diffuser Schwebezustand hat sich in Theos Leben festgesetzt und der Kulturwissenschaftler fragt sich, ob es sich dabei um einen Übergang oder endgültigen Stillstand handelt. Sollte das Ziel ein geglücktes Leben sein, wird er die Beziehung zu Anna, seiner Frau, und seinem Sohn Moritz ändern müssen. Da könnte es sich anbieten, eine Vater-Sohn-Reise zu machen, entlang des Wegs, auf dem der spätere Kaiser Maximilian II. den Elefanten Soliman vor Jahrhunderten vom Mittelmeer nach Wien brachte. So soll es auf der gleichen Route, dieses Mal in umgekehrter Richtung, von Österreich über Südtirol bis nach Genua gehen. Doch schnell steht das seltsame Gespann vor großen Problemen. Scheinbar in sich selbst verloren und an der Gegenwart verzweifelnd, erzählt Theo in Tagebuchform von einer Reise in das Wissen, dass es die Vergangenheit, Erinnerungen und das Gedächtnis sind, die die Gegenwart tragen. Eine Reise, die eine dramatische Wendung nimmt und durch die der Erzähler erkennt, dass ein Leben ein langer Fluss aus Erklärungs- und Beobachtungsversuchen ist und man sich zuerst verlieren muss, wenn man zueinander finden will. Eine Novelle, die in ihrer Mischung aus Präzision und traumwandlerischen Atmosphäre den Ton von Musils 'Drei Frauen' in die Gegenwart übersetzt. Bernd Melichar, Kleinen Zeitung: 'Ein vorsichtiges Alter für beide - vierzig und neun. Mitten im Leben hinterfragt der Vater den 'Bauplan des Lebens' und macht sich mit seinem Sohn auf zu einer gemeinsamen Reise. Der Historiker und Schriftsteller Peter Karoshi hat daraus - und diese Gefahr ist immanent bei diesem Thema - kein gezwungen cooles 'On The Road' gemacht, sondern eine ehrliche Selbsterkundung, die unter anderem zu folgender Erkenntnis führt: Das Leben lässt sich in keinem Wikipedia-Eintrag zusammenfassen. Wer mehr darüber erfahren will, muss sich auf die Reise machen. So, wie Peter Karoshi das gemacht hat. Seine Figuren ruhen nicht in sich, seine unaufgeregte Sprache tut es schon. Und dass das titeltragende Tier ein Elefant ist, hat nicht nur historische Hintergründe. Dem Elefanten wird ja bekanntlich ein sehr gutes Gedächtnis nachgesagt. Darüber verfügt auch der Mensch - wenn er sich daran erinnert.'

Der Historiker, Studium der Geschichte und Anglistik/Amerikanistik an der Karl-Franzens-Universität in Graz, hat von 1999 bis 2005 am transdisziplinären Spezialforschungsbereich 'Moderne - Wien und Zentraleuropa um 1900' im Fachbereich Österreichische Geschichte in Graz mitgearbeitet und über Pluralitäten, Heterogenitäten und Gedächtniskulturen in Vielvölkerstaaten geforscht. Sein erster Roman 'Grünes grünes Gras' erschien 2009. Peter Karoshi lebt in Wien.
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Dienstag 3. Juli


Am nächsten Morgen verstanden wir uns glücklicherweise endgültig wieder gut. Ganz im Gegensatz zu unseren wenigen Bekannten sind wir beide morgens mit einem erstaunlich sonnigen Gemüt ausgestattet, an diesem Tag allenfalls getrübt von einer zu früh gerauchten ersten Zigarette auf der kalten Terrasse und den damit verbundenen Vorwürfen der Missachtung von Gesundheit und allen Konsequenzen eines solchen Verhaltens.

Wir saßen einander gegenüber, die ersten wirklichen Sommersonnenstrahlen auf unseren Profilen. Der glitzernde Rasen zu meiner linken, rechts das Haus vor dem Berg, von dem, immer das Bachbett entlang, ein kühler Wind herunterkam, der auch durch die Sträucher und Bäume nicht gebremst wurde. Gleichzeitig aber kam vom Tal herauf ausflockender Morgennebel, alles zusammen erinnerte uns daran, dass wir Glück gehabt hatten. Trotz der andauernd unsicheren Verhältnisse, was das finanzielle Auskommen, aber auch, in meinem Fall, die Beschäftigung überhaupt betraf.

Ich zündete mir eine neue Zigarette an.

»Ich habe gesehen, dass du wieder viele Bücher, gute Freunde quasi, eingepackt hast. Wie viele aber wirst du davon lesen? Fernand Braudel und Die Welt des Mittelmeeres? Wobei wir ja immer nur die Rezepte der Méditerranée gekocht haben, oder

Ich nickte, übersah ihr Grinsen geflissentlich. »Das vielleicht noch am ehesten, von den anderen: kein einziges«, sagte ich. Wir lachten. Eine Lüge, aber gut, wenn du von dreißig Büchern vielleicht eines, zwei lesen wirst, in zwei Monaten, dann macht das wirklich keinen großen Unterschied.

»Ein einziges neues ist mir aufgefallen: Die Geschichte der Kindheit

»Philippe Ariès«, ergänzte ich, »willst du wissen, worum es da drin geht

»Nur wenn du mir eine Zusammenfassung des Wikipedia-Artikels dazu sagen kannst.«

»Dann lieber doch nicht. Oder nein, viel besser: der Buchtitel wird dir in diesem Fall genügen müssen.«

Sie nickte ebenfalls, schätzte die Anerkennung ihrer Wünsche. Dann soll sie eben auch wirklich auf Wikipedia nachlesen, worum es sich da dreht. Was sie offenbar nicht wusste, und das wunderte mich sehr, war, dass ich dieses Buch in praktisch jedem Sommer nach Sonnseit mitgebracht hatte. Gut versteckt von mir entweder, nie aufgepasst von ihr, das wäre dann das oder.

»Brauchst du das für die Arbeit

»Nein, das ist ja völlig veraltet. Ich lese nur hin und wieder so hinein.«

»Mich kannst du ja mit sowas jagen, die Geschichte der Kindheit. Das wollen wir besser alles gut ruhen lassen.«

»Sagt die abgeklärte Biologin.« Aber darauf wollte sie gar nicht eingehen.

»Gerade weil wir Eltern sind, ist eine Geschichte des Kindes irgendwie auch nicht mehr so relevant? So irgendwie um die Ecke gedacht«, versuchte ich ihren Gedanken weiterzuführen.

»Ja, natürlich«, sagte sie versonnen, »die Kindheit geht zu Ende, neue Abschnitte beginnen.«

Ich sah sie ernsthaft an, weil ich’s mir nicht schon am ersten Tag nach einem Streit wieder mit ihr verderben wollte. Ich wollte, dass sie meine Bemühungen bemerkte und dachte doch daran, dass ich unserem Sohn gegenüber etwas als Meinungsverschiedenheit abgetan hatte, dass doch letztendlich viel gefährlicher war. Eigentlich, erkannte ich, fürchtete ich mich. Aber wovor ich mich fürchtete, war mir nicht so ganz klar.

»Ja«, sagte ich also leichthin, »beruhigend, das Kind so weit zu sehen.« Und nach einer Pause: »Eine erste Grenze wurde jedenfalls überschritten. Nach all dem Rennen um und für das Kind, auch einmal wieder zu sich selbst finden. Es war ja streckenweise so, als würde man einem Plan folgen, der tief in einem abgespeichert ist, ein Bauplan des Lebens, der zum Selbstläufer wird, zum Schutz der Kinder in diesen Anfangszeiten.«

»Ja, von mir aus, eine Grenze«, unterbrach sie mich, »das ist doch immer so, es sind vielleicht noch zwanzig Jahre, vielleicht auch nur zehn, wer weiß das schon jetzt, und dann sind wir Geschichte.«

Wir, fragte ich mich, als Gesellschaft, oder wir als Beziehung?

»Vielleicht, wir sind natürlich voll mit dem Kind beschäftigt, auch wenn wir jetzt vielleicht an einer neuen Grenze stehen, aber findest du nicht auch, dass so vieles schon geschafft ist

Da schüttelte sie ablehnend den Kopf. Ich zündete mir noch eine Zigarette an. Blies den Rauch in den Vormittag. In diesem Sommer planten wir, die gesamten Schulferien hierzubleiben, zum ersten Mal, Moritz und ich zumindest. Die Artikel, die ich mir zu schreiben vorgenommen hatte, würde ich Woche um Woche vor mir herschieben, um sie schließlich in Eile und halbfertig eine Woche vor der Deadline abzugeben.

Ich wollte ehrlich sein. »Eigentlich ist es dieses Gefühl einer tiefen Befriedigung, dass sich etwas eingestellt hat, von dem wir immer wussten, dass es schließlich eintreten würde. Es ist ja schließlich immer nur um unser Warten, Erwarten von mir aus, gegangen.« Sie lachte schon wieder, ich konnte den Spott in ihren Augen blitzen sehen. »Aber, dass es eintrifft, darauf haben wir uns ja immer verlassen« schloss ich.

Sie ersparte sich Vorwürfe, obwohl sie auch mit diesen recht gehabt hätte. Ich glaube tatsächlich, dass die Dinge auch ohne unser Zutun geschehen und verweise an solchen Stellen auf die Tatsache, dass es Entwicklungen gibt, die in jahrhundertealten Abläufen ruhen, und auf die wir keine Sicht haben. Ich selbst sehe mich hier gut eingebettet in eine abendländische Tradition eines sympathischen Determinismus.

Alles das habe ich an mir selbst erkannt, ich selbst entspreche genau dieser Tradition. Als wir uns kennenlernten, nach Beendigung unserer Studien, hatte Anna mich gefragt, warum ich ausgerechnet Historiker geworden war.

Kulturwissenschaftler, hatte ich sie korrigiert, um ihre Frage dann wahrheitsgemäß zu beantworten: Weil es mir angeboten worden war. Ich hatte ein Referat in einem Seminar meines späteren Chefs gehalten: Verbindungen des ersten Wiener Kreises zu irgendwohin, anderen Kreisen vermutlich, ich habe es vergessen, hatte es wohl damals schon nicht mehr gewusst. In diesem Moment hätte auch ich einen Wikipedia-Artikel gebraucht. Ich möchte das praktischste Lexikon der Welt nicht schlechtreden, ganz im Gegenteil, ich fordere jeden auf, sich im Zweifelsfall immer und so schnell wie möglich auf Wikipedia Klarheit zu verschaffen, für den ersten Überblick ist’s einfach das Beste. Jetzt, wo ich das hier niederschreibe, kommt es mir sogar vor, als hätte ich bei diesem Referat versucht, mit Diagrammen und grafischen Hilfsmitteln korrespondierende Mitglieder des Kreises aufzuzeigen. Oder hatte ich an anderer Stelle über Karl Popper gearbeitet? Ich weiß es nicht mehr. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob Popper etwas mit dem Wiener Kreis zu tun gehabt hat. Zwanzig Jahre sind vergangen und ich habe nicht die geringste Erinnerung daran, wie es eigentlich gekommen ist, dass ich in diesem Job gelandet bin. Denn, und das ist das zentrale Erlebnis, hatte ich damals zu Anna gesagt, es reicht, ein Referat zu halten, das offenbar etwas wie einen Nerv trifft, so sagt man doch. Danach hatte man mir Korrektur- und Lektoratsarbeiten für eine große Edition verschiedener wissenschaftlicher Texte zu Konstruktionen von Fremdheit und Vielfalt in National- und Vielvölkerstaaten angeboten. Und so war ich ins Geschäft hineingerutscht.

Interessant, hatte sie genickt. Es hatte sie natürlich keine Sekunde ernsthaft interessiert, das war mir von Anfang an klar gewesen.

Na ja, geht so, hatte ich geantwortet, ich war vor diesem Seminar drauf und dran gewesen, alles hinzuschmeißen, aber plötzlich schien es verlockend, ein Geisteswissenschaftler zu werden. Ich nahm das Angebot an, weil ich mich irgendwie auch nicht dagegen wehren wollte. Die Edition selbst wurde übrigens immer wieder verschoben. So lange, bis sich wohl niemand mehr dafür interessierte. Warum auch immer, ich habe nie herausgefunden, was genau der Grund dafür eigentlich war. Aber, und das ist wohl der entscheidende Punkt, ich habe auch nie nachgefragt.

Einen Beruf gewählt, weil man den Entwicklungen nicht entfliehen zu können glaubt und dabei die Verantwortung für die Gegenwart auf undefinierbare Strömungen, die außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen, geschoben: Sicher werden andere Leute diese Einstellung als leidenschaftslos feige ansehen. So deutlich ich auch zu anderen Zeiten gegen solche Vorwürfe aufgetreten war, so sehr zweifelte ich auch in diesem Moment, als Anna und ich uns in der Morgensonne an unserem zweiten Urlaubstag ansahen, an der Sinnhaftigkeit einer Verteidigung meiner selbst.

»Ich habe aber auch ganz andere Bücher mitgebracht. Du würdest deine Freude dran haben.«

»Daran möchte ich jetzt sehr gerne ein bisschen zweifeln.«

»Nein, nein, keine Sorge. Ich kann dir das sehr gerne ersparen.«

Ein oft gespielter Witz, vielleicht erschien er mir deshalb als realer Teil meiner Erinnerungen, gut aufgehoben in einem der vielen Schuber meines privaten Archivs.

Vielleicht war auch der Beruf des Kulturwissenschaftlers für die Kraftlosigkeit dieses Moments verantwortlich, dieses Verankertsein in strengen Abläufen, Hierarchien und Linien bei gleichzeitigem Anspruch, sich selbst und die tägliche Arbeit erfolgversprechend zu organisieren, um letztendlich etwas von Bestand zu hinterlassen. In Wirklichkeit spiegelt sich die Richtigkeit der Denkweise, den Dingen beim Werden zuzusehen und nur bedingt in deren Entwicklung...


Karoshi, Peter
Der Historiker, Studium der Geschichte und Anglistik/Amerikanistik an der Karl-Franzens-Universität in Graz, hat von 1999 bis 2005 am transdisziplinären Spezialforschungsbereich »Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900« im Fachbereich Österreichische Geschichte in Graz mitgearbeitet und über Pluralitäten, Heterogenitäten und Gedächtniskulturen in Vielvölkerstaaten geforscht. Sein erster Roman »Grünes grünes Gras« erschien 2009. Peter Karoshi lebt in Wien.



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