E-Book, Deutsch, 100 Seiten
Karime Fatima - Die Anziehung
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-88769-857-7
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 100 Seiten
ISBN: 978-3-88769-857-7
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein poetischer Abenteuer- und Liebesroman um zwei Frauen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen einem regenkühlen Deutschland und einem quirlig heißen, von Kriegen bedrohten Mittelmeerland, dem Libanon. Mara-Marie, eine Künstlerin mit deutscher Mutter und libanesischem Vater, möchte immer wieder einmal ihre Familie besuchen, und immer wieder hält sie etwas im letzten Moment ab, eine Bombe, ein Krieg, ein Attentat. Ein Terrorist trägt den gleichen Nachnamen wie sie. In ihr entspinnt sich die Sehnsucht nach einem imaginierten Libanon, nach der Welt der Kindheit, eine Welt, die in der Realität nicht mehr existiert. Eines Tages bekommt sie eine Postkarte von Fatina, die zum Studieren nach Berlin gekommen war. Irgendwann begegnet sie ihr. Der Krieg im Libanon bricht aus. Fatina kann nun nicht zurückfliegen. Mara-Marie verliebt sich wider alle Vernunft in die 20 Jahre jüngere Frau, die eine seltsame Anziehung auf sie ausübt. Etwas anderes, weit Zurückliegendes, verbindet die beiden Frauen…
Andrea Karimé entführt die Leserinnen in eine farbige Welt zwischen den Kulturen, die auch von imaginären Reisen und arabischen geschichtenerzählenden Großmüttern handelt.
Autoren/Hrsg.
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Fatina und der Sultan 1
„Nichts ist, wie es scheint“, sagte meine Großmutter Raissa. Und: „Du musst im Leben immer auf alles gefasst sein.“ Lass mich dir, Fatina, von meiner Großmutter erzählen, das, was sie mir erzählt hat in dunklen Stunden, „kleine Mara“, sagte sie zu mir, nie Mara-Marie, als mein Kopf auf ihrer Brust lag, und ihre Augen waren blind, ferne Nebel, doch sie sahen alles. Ihre Finger waren Haut und Knochen, wie Spinnenbeine webten sie ein Netz aus Wort und Trost und Würde in mein Haar, aus den Augennebeln stieg langsam die Geschichte einer unglaublichen Frau, einer, die irgendwann einmal in unserem Land gelebt haben soll. Einer Frau, die als Mädchen mit sechzehn in den Osten ging und als Sultanin zurückkehrte, wenn auch nur für einige Tage. Einer Frau mit Namen Fatina. Fatina wusste, dass eine Reise für ein junges Mädchen allein nicht ungefährlich war, gab es doch Überfälle, Pferdediebe, Krankheiten, und doch vertraute sie auf die Stimme Allahs, die Macht ihrer Sinne und ihres Geistes. Außerdem fühlte sie sich von ihrer Mutter begleitet, die bei ihrer Geburt gestorben war. Sie hinterließ ihr als einziges Erbe ein weißes engelhaftes Licht, das ihr von Zeit zu Zeit zulächelte, ihr manchmal Wege wies oder ein Gefühl von Sicherheit gab. Kurz nach ihrer Geburt gab es in der Gegend eine besonders reiche Olivenernte und das daraus gewonnene Öl war von einer besonderen Goldfarbe, die überschwemmte die Luft über den Fässern, brachte dem Dorf Reichtum und Segen. Doch allein der Vater des Mädchens sah, dass das Öl genauso schimmerte wie die Augen des Kindes. Es ist meine Tochter, die dem Dorf diesen Reichtum bringt, dachte er. Später besorgte er ihr ein Pferd und Männer-kleidung, was ihr niemand glaubte, als sie nach einem Jahrzehnt zurückkehrte. Er bestand nicht darauf, dass sie sie trug, er schlug es ihr vor wie einer, der nur noch halbherzig zum Schlag ansetzt, kurz vor der Kapitulation. Es war Frühling, warm, Allah schaute aus wolkengrauen Augen, die Olivenernte war beendet und vor Kurzem war ihre dritte Schwester in den Süden verheiratet worden. Ihr Vater beabsichtigte, die Himmelsrichtungen einzuhalten, für jede Tochter eine. Er war ein guter Mann, trug stolz und aufrecht den Mantel des Gespötts, den ihm die anderen Dorfbewohner umhängten, weil er nur vier Töchter hatte und keinen einzigen Sohn. Die Töchter verteidigte er nie, wohl aber den Willen Allahs, der ihm aufgetragen hatte, jede der Himmelsrichtungen mit einer seiner schönen und tapferen Töchter zu bereichern. Damit hielt er nicht hinter dem Berg, was ihm viel Gelächter einbrachte. So wusste Fatina bereits als Kleinkind, dass sie dem Osten versprochen war, einem großen weiten unbekannten Gebiet, fern von Meeren, voll von unheimlichen Stämmen und kriegerischen Führern. Deshalb schlug sie alle anderen Heiratsangebote aus. Von denen es einige gab, denn niemand konnte verhehlen, dass eine besondere Anziehungskraft von dem schönen, unerschrockenen Mädchen ausging, auch die nicht, die über Al Scheikh lachten. Fatina streifte, kaum dass sie laufen konnte, furchtlos durch Haus und Garten und es begab sich, dass sie sich sehr früh ihrer Sinne bewusst wurde. Mit ihren Händen und Augen, ihrer Zunge und Nase nahm sie den Garten und das Feld in all seiner Pracht auf, es war für sie ein Spiel, Käfer zu beobachten, an Kräutern zu schnuppern, Früchte zu schmecken und die Erde wieder und wieder durch ihre Hände wandern zu lassen. Bald schon führte sie ihr Weg in die Küche zu ihren älteren Schwestern. Sie stellte unauffällig Blätter, Blüten und Früchte neu zusammen, ergänzte Füllungen für Wein und Auberginen mit Kräutern, die sie am Wegrand fand, und die Schwestern staunten über die neue Schmackhaftigkeit der Gerichte. Sie ahnten, dass sie die Verursacherin war, und lehrten sie schon früh die Kunst des Kochens. Sie beobachteten mit Staunen, wie Fatina mit den Gaben des Gartens und der Wege experimentierte und sich eng mit dem Zufall anfreundete. Als sie zwölf wurde, experimentierte sie mit den blumigen Erzeugnissen des Gartens. Sie steckte sich Blüten in Haar und Kleider und probierte auch hier verschiedene Zusammenstellungen aus. Von den Düften und dem Olivengoldglanz angezogen, schwirrten viele junge Männer im Garten herum. Erfolglos. Doch sie nannten sie von da an Fatina, anziehend. Und zwar so anziehend, dass selbst der Mond nicht widerstehen konnte und seinen Glanz auf sie warf, Tag und Nacht. Als eines Tages die Kunde Fatina erreichte, dass ein Sultan des Ostens, der Herrscher eines winzigen Reichs, das immer auf seltsame Weise, nie durch Nachkommen zu seinem Sultan kam, eine Köchin für besondere Aufgaben an seinen Hof rief, war Fatina gerade dabei, Minzblätter und Melone zu einer Füllung für einen Fisch zu vermengen. Für einen kurzen Augenblick schaute sie in die Augen des Fischs, sie leuchteten seltsam weiß und Fatinas Herz öffnete sich wie ein Tulpenbecher. Sie fasste den Entschluss abzureisen. Der Vater half ihr schweigend bei der Abreise im Morgengrauen. Sie füllte zwei Säcke mit Kräutern und Gewürzen aus dem Garten und als ihr Vater ihr Turban und Schirwal ohne Worte anbot, mit scheuen Händen, da konnte sie ihn beruhigen. Sie trug bereits eine Hose, lang und weit unter ihrem dicken Gewand. Ihr Kopf war von dichtem Tuch umhüllt, in ihrem Gepäck hatte sie den notwendigen Schutz aus Pfeffer, Öl und Knoblauch. Sie würde deshalb als Frau reisen können. O ja, und sie würde als mächtige Frau zurückkehren. Zum Abschied legte ihr Vater die Hand auf seine Brust und neigte den Kopf. Fatina tat es ihm gleich. Fatina, Tochter, brich nun auf in den Osten. Fatina fühlte sich sicher. Die Sterne wiesen ihr den Weg und ihre Waffe war eine scharfe Pfefferpaste. Schon auf der Haut brannte sie wie Feuer. Heimlich hatte Fatina sie an einer Maus ausprobiert, die Maus hatte Höllenqualen gelitten, so glaubte sie bemerkt zu haben. Das war sehr zufriedenstellend. Es war ein herrlicher Morgen, Fatina begriff, was ihr bisher entgangen war. Sie ritt durch nachtstille Dörfer in den Bergen, die sich langsam zu regen begannen. Seltsamerweise begegnete sie in den nächsten drei Tagen keiner Menschenseele. Sie überquerte Berge, entfernte sich immer weiter vom Meer, streifte eine Wüste und am dritten Morgen, als die Sonne deutlich am Himmel stand und ihr rotes Kleid abgelegt hatte, war sie schon im Land des Sultans, das zwischen Bergen versteckt lag. Hoch zu Ross, wie sonst nie, und fern von der Heimat. Der Morgen wehte ihr sein gutes Licht ins Gesicht und Fatina kam in einem kleinen Dorf an. Hier ging etwas Merkwürdiges vor sich, sie begriff nicht sofort, was. Doch je mehr Menschen aus ihren Häusern kamen, desto deutlicher wurde das besondere Merkmal dieses Dorfes. Viele junge Menschen, die sie sah, waren so klein wie Kinder. Die älteren hingegen hatten eine normale Größe. Eine alte Frau, die ebenfalls sehr klein war, was an ihrem fortgeschrittenen Alter gelegen haben mag, saß auf einem Bänkchen vor ihrem Haus und lud Fatina ein, mit ihr zu essen. Sie lehnte ab, sie hatte noch einige Vorräte. Sie hatte das Gefühl, dass sie später noch einmal in dieses Dorf kommen würde, und wollte schnell weiterreisen. So fragte sie die Alte nur nach der Stadt des Sultans und ritt weiter. Die Berge füllten sich mit Menschen, die zu Fuß oder auf Pferden und Eseln unterwegs waren. Man schaute Fatina überall neugierig an. Sie heftete die Blicke wie kleine Trophäen an ihren Umhang. Auch wurde sie hie und da zum Essen eingeladen, doch lehnte sie dankend ab, sie befürchtete, dass man sie auszufragen begänne, nach ihrer Familie, nach ihrem Ehemann, und dann würde man schnell zur einzig möglichen Vermutung greifen: Diese Frau ist ohne Ehre unterwegs. Der erste Zwischenfall, der Fatina verdeutlichte, wie richtig ihre Vorsicht war, ereignete sich in einer anderen Nacht. Fatina versteckte ihr Nachtlager zwischen Büschen und wollte sich ein wenig ausruhen, da sie den ganzen Tag ohne Pause geritten war. Doch da merkte sie, dass man ihr gefolgt war, ein junger Mann, ein fahrender Händler mit einem Eselskarren, auf dem Eisenteile lagen. Sie fragte sich, warum sie ihn nicht vorher bemerkt hatte, konzentrierte sich aber sofort auf Gegenwehr. Der Mann stürzte sich auf sie, er roch nach Krankheit und Urin. „Ja, was haben wir denn da für ein herrliches Früchtchen?“, lallte er und seine Hand begann, sich unter Fatinas Gewand zu bewegen. Mit der anderen zog der Widerling vermutlich gerade seine Hose aus und dann legte er sich auf sie. Das rief eine übermächtig starke Übelkeit in Fatina hervor, sie hätte sich übergeben müssen, wenn sie etwas gegessen hätte. Fieberhaft dachte sie nach. Berühren wollte sie diesen Hurensohn auf keinen Fall. Aber das Glas mit der Pfefferpaste lag geöffnet neben ihr, ein Handgriff hätte genügt, die Paste in des Wüstlings Augen zu schmieren, doch der hatte die Augen geschlossen. In der Not schickt uns Allah Eingebungen, hilft uns, intuitiv zu handeln, oder lässt Erinnerungen in uns aufblitzen, die uns Wegweiser aus einer misslichen Lage sein können. Seine Sterne schienen zu zwinkern, denn nun fiel Fatina eine kleine Geschichte ein, die ihr ihre älteste Schwester erzählt hatte, als sie noch sehr klein war. Von dem Mann, der sein störrisches Kamel antreiben wollte, indem er ihm Pfeffer in den Hintern schmierte. O ja, danach lief das Kamel. Schneller als der Mann, der sich dann, um dem Kamel folgen zu können, selbst etwas von dem Pfeffer in den Hintern schmierte. Auch er rannte dann mit Leichtigkeit, immer dem Feuer am Körper davon. Fatina wollte diese Geschichte eine Zeit lang sehr oft hören, sie musste heftig über sie lachen, immer wieder. Und sie hatte...




