Kappacher Ein Amateur
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-552-06315-0
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-552-06315-0
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Simon, so der Name des Protagonisten, verläßt den 'Keller' einer Motorradwerkstätte in Salzburg, um sich den Traum einer Ausbildung zum Schauspieler zu erfüllen. Weder 'Schönen Tagen' noch einer 'education sentimentale' begegnen wir darin, sondern vielmehr dem widerspruchsreichen Prozeß der Bewußtseinsbildung inmitten der aufbrechenden, unsicheren Zeit der fünfziger Jahre.
Auf der Suche nach sich selbst führen die Wege des Protagonisten zumeist an die Ränder, zwischen Stadt und Peripherie, zwischen Konformität und Individualität. Dort, im Grenzbereich solider Lebensplanung und den Verführungen der Phantasie, hofft er zu finden, was man gemeinhin Orientierung nennt.
Walter Kappachers Prosa kann auf gängige Versatzstücke verzichten. Hier werden mit feiner Ironie und sanfter Eindringlichkeit die Irrungen eines - seines - Helden gestaltet, dem sich, mit Marcel Proust, die Wirklichkeit nur in der Erinnerung formt.
Walter Kappacher, geboren 1938 in Salzburg, verließ mit 15 Jahren die Schule und war in verschiedenen Berufen tätig, 1964 Beginn der literarischen Tätigkeit, seit 1967 Veröffentlichungen, seit 1978 freiberuflicher Schriftsteller. Lebt in Obertrum bei Salzburg. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, Hermann-Lenz-Preis 2004, Georg-Büchner-Preis 2009. Bei Deuticke erschienen zuletzt Selina (2005), Der lange Brief (überarbeitete Neuauflage 2007) und Rosina (Erzählung, Neuauflage 2010).
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Was von dem Geschriebenen könnte sich
in diesem Fall als wahr erweisen?
ROBERT PINGET
Wenn Simon – meistens am späten Nachmittag – den Motor des amerikanischen Militärlastwagens und das Rumpeln auf den Holzbohlen der Glanbrücke hörte, stürzte er aus dem Haus und lief die hundert Meter hinüber zur Altpapier-Deponie; er mußte die Wagenladung durchsucht haben, ehe der Verwalter der Deponie kam und den Haufen mit einer Heugabel von der breiten Bretterrampe ins Innere des Lagerhauses beförderte. Es waren Zeitungen, Magazine und Taschenbücher, auf deren grellen Umschlägen meist eine aus einer Schußwunde blutende, verrenkt am Boden liegende halbnackte Frau abgebildet war. Nichts interessierte Simon so sehr wie die zwischen den aufgeschlagenen Seiten modrig riechenden Magazine, die er in der Dämmerung nach Hause schleppte; vor allem aber Road and Track, und darin ausschließlich die Reportagen, Hintergrundberichte und Abbildungen, die dem 500-Meilen-Rennen von Indianapolis gewidmet waren. Er las von mehr als dreihunderttausend Zuschauern, und über dieses Großereignis berichteten nicht nur die Automobilzeitschriften, sondern sogar die Magazine, die ansonsten hauptsächlich nackte Mädchen zur Schau stellten. In einer Nummer des Life Magazine war ein ganzseitiger Schnappschuß zu sehen, der den Pulk der Rennwagen nach dem Start der 500 Meilen zeigte: Die Vordersten lenkten am Innenrand der Piste in die Kurve ein. Links im Bild, durch einen Dunstschleier von Auspuffqualm, war die vollbesetzte, langgezogene Tribüne zu erkennen. Simon heftete die Seite in seinem Zimmer an die Wand. Mit dem Vergrößerungsglas suchte er den Agajanian Special mit der Nummer 98, den von Troy Ruttman. Dieser zweiundzwanzigjährige Kalifornier war durch den Ausfall des zweihundert Runden lang führenden Bill Vukovich unverhofft zum Sieger und Millionär geworden; hier, nach dem Start, war sein Wagen noch nicht unter den vordersten sechs oder sieben. Die Rennbahn war, wie ein Grundriß zeigte, auf dem Reißbrett konstruiert worden: ein Oval mit zwei langen Geraden, auf denen die Schnellsten bis zu hundertsechzig Meilen pro Stunde fuhren.
In der Remise des Parscher Schlosses, in dem sie nach Kriegsende gewohnt hatten, war ein räderloses Wehrmachtsauto, ein sogenannter Volkswagen-Schwimmer, aufgebockt gewesen. Zach, einem arbeitslosen Mechaniker, der mit Frau und fünf Kindern ebenfalls im Schloß wohnte, war es gelungen, den Motor des Wagens zum Laufen zu bringen. Simon und sein Freund Rudolf hatten dem Mechaniker, dessen Sachkenntnis sie beeindruckte, manchmal bei der Arbeit zuschauen dürfen. Da Zach für das Fahrzeug weder Räder noch Reifen auftreiben konnte, hatte er zuerst den Motor und schließlich nach und nach alles verkauft, was er loswerden konnte.
Auch in den amerikanischen Magazinen waren aufgebockte Wagen zu sehen, allerdings handelte es sich um schnittige Rennwagen, deren fehlende Motorverkleidung ein Gewirr von Kabelsträngen, Rohrleitungen und Verstrebungen sichtbar werden ließ.
Bücher las Simon schon seit einiger Zeit nicht mehr; die von Hans Dominik waren ihm langweilig geworden, und selbst mit einem ihm noch unbekannten Karl-May-Band konnte ihn sein Nachbar nicht mehr locken. Der Unterricht hatte ihn meistens gelangweilt, doch seit einiger Zeit verblüffte er die Englischlehrerin mit seiner Teilnahme und seinen Fortschritten; abends übersetzte er die Artikel und Bildunterschriften aus den Magazinen. Auf der Rückseite der meisten Nummern von Road and Track wurde für einen rätselhaft aussehenden Motorenteil geworben, dessen Form ihn an die von den Amerikanern abgeworfenen kleinen Propellerbomben erinnerte; manchmal hatten Kinder welche auf Wiesen gefunden. Accel Eliminator Ignition, über dem Ding war der Kopf eines berühmten Rennfahrers zu sehen, dieser Fahrer, so hieß es, fahre mit Accel. Einige Seiten der Magazine waren Results gewidmet, den Ergebnislisten von Rennen, wobei in der Spalte Money Won jeweils angegeben war, wieviel die Fahrer verdient hatten.
Er wollte alles wissen über die Helden der Qualifikationswochen: Bill Vukovich, Jim Rathmann, Art Cross. Von knapp hundert Rennwagen, die jedes Jahr von den Rennstallbesitzern für die 500 Meilen angemeldet wurden, durften am Rennen nur die dreiunddreißig schnellsten aus den Trainingsläufen teilnehmen. Besonders gefiel ihm Mauri Rose, der die 500 Meilen schon zweimal gewonnen hatte: Verwegen blickte der Fahrer aus seinem flunderförmigen Rennwagen, dessen Kühlergrill wie ein Kußmund geformt war.
Die Berichte über Indianapolis begannen einige Wochen vor dem Rennen, das immer Ende Mai am Memorial Day stattfand, und endeten mit dem Heft, das in der Woche danach erschien. Jene vier Ausgaben von Road and Track waren sein kostbarster Besitz. Abends konnte er nicht einschlafen, war von bestimmten Wörtern wie besessen: speedway, camshaft, crankshaft, crash, qualifying, Offenhauser Special, Meyer-Drake …
Einmal hatte ihn ein Magazinbeitrag, der den Hergang eines Unfalls auf einer Doppelseite Bild für Bild darstellte – mehrere Wagen waren zusammengestoßen, zwei flogen durch die Luft –, dermaßen aufgeregt, daß er den Fahrer oder den Beifahrer des Lastwagens, zwei junge Soldaten, darauf ansprechen wollte; doch die beiden waren nach dem Abladen auf die Wiese gelaufen und hatten sich dort in ein seltsames Spiel vertieft, bei dem man einander eine Art Tennisball zuwarf und dabei auf einem Fuß stand, während das andere Bein merkwürdig verrenkt wurde.
Das Heft, das den Bericht über die erste Qualifikationswoche enthalten mußte, fehlte in Simons Sammlung, und so schlich er weiterhin zur Müllhalde; die Drohungen des Aufsehers, der ihn bisweilen beim Stöbern überraschte und verjagte, beeindruckten ihn nicht. Obwohl er bereits alles über das Indianapolis-Rennen jenes Jahres 1952 zu wissen schien, las er die Berichte immer wieder und wühlte eine Zeitlang noch weiter in den neu aufgehäuften Papierbergen; aber in den Auto-Magazinen stand nichts mehr über Indianapolis, und andere amerikanische Autorennen, auch wenn manchmal dieselben Fahrer teilnahmen, übten nicht jene Attraktion auf ihn aus.
Ein Jahr später hatten neue Häuslbauer das Areal am Rande der Lieferinger Au erobert, die Altpapierdeponie war aufgelassen und in einen anderen Randbezirk der Stadt verlegt worden. Simons Interesse galt nun den Motorradrennen auf der Autobahn Liefering–Kleßheim. Ein Abschnitt der Strecke war nicht weit von ihrem Behelfsheim entfernt, nur die Lieferinger Au trennte die kleine Siedlung von der Autobahn. Der Vater hatte, als er darüber in der Zeitung las, das Spektakel abschätzig erwähnt; kaum hatte er das Blatt aus der Hand gelegt, las Simon den Vorausbericht und die Namen der für das Rennen verpflichteten prominenten Fahrer aus ganz Europa. Als am Trainingstag das Kreischen der Rennmotoren herüberklang, ließ er die Schulaufgaben liegen und rannte quer durch die urwaldartige Au zur Rennstrecke. Dies war zwar nicht Indianapolis, aber vielleicht etwas ähnlich Packendes. Und tatsächlich, noch nie hatte seine Nerven etwas so zum Vibrieren gebracht wie die geduckt auf ihren Rennmaschinen vorbeifegenden Fahrer; der dröhnende, an- und abschwellende Gesang der Motoren und der scharfe Geruch des Rennbenzins versetzten ihn in einen rauschhaften Zustand. Er beobachtete das Treiben im Fahrerlager, wo die Rennfahrer und Mechaniker an den Maschinen hantierten oder sie zum Startplatz schoben, wenn ihre Hubraumklasse über den Lautsprecher zum Training aufgerufen wurde. Der Anblick der zerlegten Maschinen, der einzelnen Teile, die da auf dem Asphalt oder auf einem Lappen ausgebreitet lagen, erregte ihn; er erinnerte sich, daß ihn vor ein paar Jahren der Auslagenkasten eines Händlers von Radioteilen in der Getreidegasse zu der ernsthaften Überlegung verlockt hatte, später Radiotechniker zu werden. Er hob ein weggeworfenes Programmheft auf und las die Namen der Fahrer, sie wirkten wie magische Zeichen auf ihn, er murmelte sie vor sich hin: Leslie Graham, Dario Ambrosini, Geoff Duke, Enrico Lorenzetti, Fergus Anderson, Leonhard Fassl … Am Tag des Rennens wußte er die Startnummern auswendig. Er berauschte sich am Gedröhn der Rennmotoren: Die 500er Nortons erzeugten, wenn ihre Fahrer bei den Spitzkehren drei-, viermal zurückschalteten, eine gurgelnde Tonfolge, die er auf dem Heimweg nachzuahmen versuchte. Während der Rennen mußte er, auf der Flucht vor den Kontrolleuren, immer wieder seinen Standort wechseln. Schließlich blieb er am Rande einer langen Geraden stehen, sah die Fahrer kaum, hörte bloß ihre Maschinen vorbeiwischen und gellen.
Gelegentlich blätterte er zwar noch in den amerikanischen Magazinen, aber die Motorradrennen beeindruckten ihn nun weit mehr; am meisten hatten ihn die waghalsigen Kunststücke einiger Rennfahrer begeistert, die in den Kurvenfolgen ihre Maschinen so schräg legten, daß die Fußrasten oder sogar ihre Knie den Asphalt streiften. Er bedauerte, daß dieses Rennen bloß einmal im Jahr, am 1. Mai, stattfand; andererseits hatte er nun etwas, auf das er sich lange im voraus freuen konnte.
Fast zwei Jahre waren vergangen, seit sie aus Parsch, aus dem Schloß am Ende der Fürstallergasse, an den gegenüberliegenden Stadtrand, nach Liefering, übersiedelt waren, wo der Vater mit Hilfe zweier Brüder in wenigen Sommerwochen ein hölzernes Behelfsheim erbaut hatte. In dieser neuen Umgebung hatte Simon noch immer keinen Kameraden gefunden. Manchmal lief er die...




