E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Kant / Gutschke Therapie
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2691-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen und Essays
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-8412-2691-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
HERMANN KANT wurde 1926 in Hamburg geboren. Er machte eine Lehre zum Elektriker, wurde im Dezember 1944 zur Wehrmacht eingezogen und hatte seine prägenden Erfahrungen in polnischer Kriegsgefangenschaft. Ab 1949 besuchte er die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät Greifswald und studierte von 1952 bis 1956 Germanistik in Berlin. Seit 1962 arbeitete er als freier Schriftsteller und war von 1978 bis 1989 Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR. Er starb 2016 in Neustrelitz. IRMTRAUD GUTSCHKE, 1950 in Chemnitz geboren, war verantwortliche Redakteurin für Literatur beim Neuen Deutschland und hat unzählige Texte über Autoren und ihre Werke publiziert. Im Aufbau Taschenbuch lieferbar: 'Hermann Kant. Die Sache und die Sachen' sowie 'Eva Strittmatter. Leib und Leben'.
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Ich habe gelesen
Einem Schriftsteller, und einem Funktionär des Schriftstellerverbandes schon gar, werden öfter, als ihm lieb sein kann, Bücher mit der Bemerkung zugestellt oder zugesteckt, die hätten Drucklegung und Verbreitung auch in seiner Heimat verdient und ersucht werde er, sich entsprechend einzusetzen.
Da es bei mir zu Hause an Leuten und Einrichtungen nicht mangelt, die gedacht sind, den Literaturverkehr in Gang zu halten, nehme ich derlei Eingesandtes nicht ohne die Frage entgegen, warum man statt eines Verlages oder Verlegers mich zum Adressaten machte, und ich vermute, die Angelegenheit, sprich das Buch, habe einen Haken.
Also ist gesorgt, dass ich die Drucksache wirklich lese, und manchmal konnte ich sorgen, dass auch andere sie zu lesen bekamen. Lieber ist es mir dennoch, selber zu bestimmen, worauf ich meine Lesezeit wende. Ich bin in dieser Hinsicht eher vergnügungssüchtig als bildungsbeflissen, und da ich mich nicht gerade asozial aufführe, erlaube ich mir beim Umgang mit Literatur eine Menge Egoismus.
Egozentrismus kommt auch vor, hier gleich ein Beispiel: Letzte Woche hat mir einer Jochen von Langs Bormann-Buch »Der Sekretär« über den Tisch geschoben und dazu gesagt, dieses Werk müsse, siehe oben. Schon des Untertitels wegen, »Der Mann, der Hitler beherrschte«, riss es mich nicht in die Lektüre, und überdies wusste ich, wie wenig sich unsere Historiker und die dazugehörigen Verleger für derart personalisierte Zeitgeschichte begeistern können. Sie sind auf Gesetzmäßigkeiten aus und weniger auf deren Sekretäre, und auf Darstellungen des Faschismus, wie er in Schwerin, Parchim, Halberstadt oder Bernau, in der heutigen DDR also, vorgekommen ist, sind sie, scheint es, auch nicht so scharf. Womöglich ist diese Haltung gedacht, die Wissenschaftlichkeit von Geschichtsbetrachtung zu stärken – ob sie aber geeignet ist, Geschichtsbewusstsein zu vertiefen, weiß ich wirklich nicht. Und schon gar nicht weiß ich, ob man auf diesem Felde zwischen Wissenschaft und Bewusstsein so sehr unterscheiden darf.
Aber das Buch von Jochen von Lang las ich, und zwar aus quasi privaten Gründen, denn in Parchim, wo Bormann an einem Mord beteiligt war, habe ich ein paar Jahre gelebt. Bei Lektüre des »Sekretärs« erfuhr ich, wie sehr Martin Bormann mein Nachbar gewesen ist. Und nicht nur der, auch ein gewisser Höß, nachmals Kommandant von Auschwitz, hat sich in Parchim, meinem Parchim, herumgetrieben. Dank der Nachforschungen von Langs weiß ich, es haben sich Hößens und meine Spur, wenngleich bei einiger Zeitverschiebung, gekreuzt. Er ist Freikorpsmann, Fememörder und Landarbeiter auf dem Rittergut Neuhof bei Parchim gewesen, und als er zwanzig Jahre später in Auschwitz Massenmord betrieb, habe ich sehr oft auf dem Rittergut Neuhof bei Parchim gearbeitet. Genau gesagt, verbrachte ich den allerersten Tag meiner Elektrikerlehre beim Chausseehaus von Neuhof, und 33 Jahre später, auf dem Weg zum Poetenseminar im nahegelegenen Schwerin, musterte ich meinen Tatort und nervte anschließend die kommenden Dichtersleute mit dem Spruch, die von mir gefertigte Anlage sei noch in Betrieb, und den von ihnen gefertigten Versen wünschte ich ähnlich langen Gebrauchswert. – Was ich den versammelten Lyrikern bis heute verarge, ist, dass sie nicht fragten, wie hoch wohl der Anteil eines Ersttagslehrlings an einem Werkstück zu veranschlagen gewesen sei. Und mir verarge ich, dass ich erst 1988 aus einem bei Herbig in München erschienenen Buch erfuhr, in wessen Nähe ich mich aufhielt, als ich bei Parchim auf Elektromonteur studierte.
Von Bormann immerhin wusste ich schon, dass es ihn in meinem Parchim gegeben hatte, denn einmal habe ich Tür an Tür zu einer Wohnung gearbeitet, von der man raunte, es sei dort die Geliebte des Reichsleiters Bormann zu Hause, und den hohen Herrn habe man hier des Öfteren gesichtet. Nun war ich damals in einem Alter, in dem man sich für Geliebte jeder Art heftig interessiert und auf höchste Herren ganz anders sieht, als diese wohl wünschen. Dennoch habe ich mir den Platz nur deshalb gemerkt, weil meine Arbeitsstelle nebenan von grässlichster und schönster Eigenart gewesen ist. Der Wohnungsinhaber dort war bei einem Schnapsabfüller als Buchhalter beschäftigt, auf einer Ebene also, die mir hochgelegen vorkam. Umso mehr verwunderten mich die häuslichen Verhältnisse des Mannes: Seine Frau und ein kleines Kind lagen die ganze Zeit, während der ich in der Wohnung beschäftigt war, bis an die Nasenspitzen zugedeckt im Bett und beobachteten mich mehr als verängstigt, und alle Wäsche im Schlafzimmer hätte längst wieder einmal geteert gehört. Tatsächlich bin ich weder vorher noch nachher an einem ähnlich verschmutzten Ort gewesen, was etwas heißen will, da ich durch eine vergleichsweise ruppige Gefangenschaft musste.
Um aber im Schlafzimmer des Buchhalters zu bleiben: Auf dem Kleiderschrank, den ich wegen meiner Strippenzieherei abrücken musste, lagerte flockiger Dreckmull, aus dessen geologischen Schichten sich lesen ließ, wann zum letzten Mal Möbel und frische Luft ins Haus gekommen waren. Der Ekel machte mir Gänsehaut und würde mir bald Pickel wachsen lassen, und um hin und wieder halbwegs atembare Luft zu holen, floh ich in Abständen ins Nebenzimmer, das auch verstaubt war, aber wenigstens nicht bewohnt. Vor allem gab es einen Bücherschrank dort, der seit Jahrzehnten auf einen Benutzer gewartet hatte. Ich holte Trittleiter und Werkzeug, wählte, wenn schon, denn schon, einen Goldschnitt-»Faust«, nahm auf der Leiter Platz und las.
Klar, dass dies niemand glauben kann, nur ist es genau so gewesen. So ausgeklügelt widersinnig, so aufdringlich symbolisch, so literarisch und so doof. – Als ob es nicht reichte, den »Faust« bei ungewöhnlicher Gelegenheit entdeckt zu haben, muss es auf der Trittleiter sein in der katastrophal verdreckten Wohnung eines Schnapsbuchhalters, dessen Frau wahrscheinlich nicht bei Sinnen ist, und nebenan hat Martin Bormanns Geliebte gewohnt, nein danke.
Wahrscheinlich komme ich mit der Geschichte gerade noch durch, wenn ich sie in der Abteilung »Ich habe gelesen« darbiete und mit der Beteuerung versehe, ich wisse, wie ertüftelt sie klingt. In einem Roman dürfte ich sie so, wie sie sich abgespielt hat, nicht stattfinden lassen, denn der will Glaubwürdigkeit, und das unbearbeitete Leben ist manchmal nicht recht zu glauben. Tatsächlich, das Leben, so wie es ist, taugt selten für Literatur, es muss erst bearbeitet werden. Wenn es ein Spruch sein darf: Literatur ist Leben auf hoher Verarbeitungsstufe.
Aber die Sache mit Herrn von Langs Buch, den Nachbarn Höß und Bormann und dem »Faust« auf der Trittleiter ist noch nicht zu Ende erzählt. Ich bin nämlich, da ich hin und wieder doch meinem Elektrikerauftrag nachzugehen hatte, bei Feierabend mit dem Buch nicht fertig gewesen und habe es mir ausgeliehen, und eine Woche später musste man mich ins Krankenhaus schaffen, wo ich vier Monate verblieb. Bei einer Visite habe ich mir den rätselhaft sarkastischen Spruch des Chefarztes zugezogen: »Faust – auch eine Krankenhauslektüre!« Bis heute frage ich mich, was dieser Mensch damit hat sagen wollen – aber vermutlich wollte er sich nur bei den Schwestern als ein Kenner des Belletristischen herausstellen, und als Arzt war er ein Könner. Er hat mich so kuriert, dass ich Soldat werden durfte und im Gefängnis Warschau dann die Chance bekam, meinem Mitinsassen Höß zu begegnen. Es ist mir dergleichen jedoch nicht erinnerlich, obwohl ich ihm in diesen Lehrtagen entschieden näher war als an meinem ersten Lehrtag in Neuhof bei Parchim.
Einen gemeinsamen Bekannten allerdings traf ich in besagtem Krankenhaus, wo ich den »Faust« ausstudierte. An meinem Spitalsbett erschien Theo von Haartz, dessen Namen in Parchim niemand aussprach, ohne »Öle und Fette« hinzuzusetzen. Ich hatte Theo von Haartz, Öle und Fette, nie zuvor gesehen und staunte nicht wenig über seinen Besuch, und über seine Ansprache staunte ich noch mehr. »Herr Kant«, lautete die, »ich werde seit Monaten von einem gruseligen Kurzschluss verfolgt. Er taucht auf und verschwindet wieder. Immer wenn ich Elektriker im Hause habe, verschwindet er. Ich habe fast alle Elektriker von Mecklenburg verbraucht, Sie sind meine letzte Hoffnung. Noch sind Sie krank, aber eines Tages werden Sie gesund sein, und dann kommen Sie bitte und befreien mich von diesem gruseligen Kurzschluss!« – Auf die geläufige Art von Leuten, die wissen, an welche Stellen Öle und Fette gehören, setzte er in gemütvollem Plattdeutsch hinzu: »Herr Kant, Sei doen mi een Gefallen, ik do Sei een Gefallen!«
Worin die Gefälligkeit, mit der er mir meine Gefälligkeit vergüten wollte oder vergütet hat, bestand, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch von meinem Staunen über einen stadtbekannten Handelsmann und Fabrikbesitzer, der einen Elektrikerlehrling im Krankenhaus aufsuchte, mit »Herr Kant« anredete und in eine Verabredung zog, die von gegenseitigem Vorteil schien und geschlossen zwischen Gleich und Gleich. Ich weiß auch noch, natürlich, dass ich den gruseligen Kurzschluss beseitigt habe, eine schleichende Störung, die nur auftrat, wenn schwere Fuhrwerke durch den Torweg der Firma Theo von Haartz, Öle und Fette, donnerten, und ich weiß, wie ich dazu komme, dieses Döntje in einen Bericht zu rücken, der »Ich habe gelesen« überschrieben ist und allenfalls von Jochen von Langs Bormann-Buch, meinen Begegnungen mit Höß und dem »Faust«, meinen Vorstellungen von Geschichtsschreibung und Zeitgeschichte und von der Art handeln sollte, in der ich so manches Mal an Lektüre gerate. In dem zeitgeschichtlichen Werk »Der Sekretär, Martin Bormann: Der...




