Kanke | Vogelfreunde | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

Kanke Vogelfreunde

und andere Geschichten
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-8387-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

und andere Geschichten

E-Book, Deutsch, 188 Seiten

ISBN: 978-3-7528-8387-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Diese Geschichten wurden nicht am Schreibtisch erdacht - es sind Geschichten, "die das Leben schrieb". Gut, manchmal mögen auch Träume mitgewirkt haben an dieser bunten Auswahl von Erlebnissen aus einem nicht minder bunten Leben, das eben nicht am Schreibtisch stattgefunden hat, sondern "draußen" in der Natur, "draußen" in der weiten Welt, immer aber mit einem beobachtenden Blick, ob kritisch, ob sarkastisch, ob leicht amüsiert oder mit leiser Wehmut ob einer lang schon dahingeschwundenen Zeit. Und die Liebe... die erfüllte, die unerfüllte, die erträumte... die Liebe hat sich natürlich auch in einigen Geschichten eingenistet.

Gerd Kanke wurde 1946 in Hameln geboren. Nach einem Lehramtsstudium in Hannover verbrachte er die anschließenden Jahre nicht im Schuldienst, sondern er lebte als Weltreisender, Seefahrer, Reiseleiter und Verfasser von Reiseberichten. Anschließend Studium der Literaturwissenschaft und der Kunstgeschichte in Marburg. Mitarbeit an wissenschaftlichen Publikationen und Sachbüchern. Erste eigene Veröffentlichungen. 1985 Theodor-Storm-Preisträger der Stadt Husum. Heute ist Kanke in der Erwachsenenbildung tätig, darüber hinaus als Leiter von Studienfahrten und -wanderungen sowie mehr und mehr als freier Schriftsteller.
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Das schwarze Entsetzen


Viele Jahre hindurch hatte das Kalkwerk den Bewohnern des Dorfes Arbeit und Brot gegeben. Seit Jahrzehnten hatten die Männer in den Steinbrüchen und an den Brennöfen gearbeitet, eine unendlich harte Quälerei, von Generation zu Generation weitergegeben. Keiner dieser Männer wurde alt, Kalkstaub in den kranken Lungen und zahllose Unglücksfälle hatten immer wieder viel Leid über die Familien gebracht. Doch es gab keine andere Erwerbsquelle, als „im Kalk“ zu arbeiten.

In der Kaiserzeit wurde dann statt der kleinen Brennöfen eine große Fabrik gebaut. Ein „Hoffmannscher Ringofen“ ließ ein kontinuierliches Arbeiten zu: abschnittsweise wurde dieser mit den Steinbrocken befüllt, die mit einer Lorenbahn angeliefert wurden. Die Industrielle Revolution hatte mit einiger Verspätung das Dorf erreicht. Trotz dieses Fortschritts war die Arbeit aber hart und entbehrungsreich geblieben.

Wie hart und gefährlich die Schufterei im Steinbruch da oben am Berge gewesen ist, habe ich als zehnjähriger Schüler oft selber erleben können. In den Ferien begleitete ich damals meinen Freund Hartmut, der seinem Vater in einem „Henkelmann“ das Mittagessen hinaufbrachte. Heute würde man so etwas als Wanderung bezeichnen, eineinhalb Stunden mit starken Steigungen... Da war der Vater aber bereits seit sechs Stunden vor Ort; er war in der Frühe aufgebrochen, zu Fuß natürlich, wie alle im Dorf. Autos gab es nur sehr wenige, und eine Fahrt hinauf in den Steinbruch wäre unmöglich gewesen. Die einzige Verbindung dort hinauf war die Lorenbahn: Die schwerbeladenen eisernen Wagen zogen beim Abrollen hinunter ins Tal über einen Seilzug die geleerten Waggons nach oben, eine sogenannte Bremsbahn, genial ausgedacht und ganz ohne Energieverbrauch. Energie verbrauchten nur die Arbeiter, die am Berg den ganzen langen Tag hindurch die riesigen Steinblöcke mit Presslufthämmern und Keilhauen zu handlichen Brocken zerkleinerten, Brocken, die aber von einem zehnjährigen Knaben kaum aufzuheben waren. „Seht her, was für Kerle wir sind!“, hätten die Arbeiter ausrufen können, wenn sie mit Schwung Steinblock für Steinblock in die Eisenwagen warfen. Wie sehr beneideten wir diese Männer um ihre dicken Armmuskeln, um ihre Kraft und Stärke. Im Sommer mit freiem Oberkörper, im Winter in zerschlissenen Militärjacken, so schufteten sie Stunde um Stunde, Tag für Tag, ihr ganzes kurzes Leben hindurch.

Gegen Feierabend, um 17 Uhr, ertönte dann das dreifache Hornsignal. Das gewaltige Donnern mehrerer Sprengungen war im ganzen Tal zu vernehmen und sorgte für Unmengen neuer Felsbrocken, die dann am nächsten Tag zerschlagen werden mussten in unendlicher Mühe...

Nur an Sonntagen ruhte die Arbeit dort oben; dann schlichen wir Jungen uns oftmals hinauf und rollten mit den Loren hin und her. Und noch heute überläuft es mich kalt, wenn ich daran denke, wie oft wir davon geredet haben, doch mit einer Lore den Steilhang hinab zu rasen... Das hätte Tote gegeben... Oder wir schlichen an der „Russenburg“ vorbei, dem Zwangsarbeiterlager während des Krieges, hin zu einem Bunker, in dem die Dynamitpatronen für die Sprengungen gelagert wurden. Und einmal hatten wir Erfolg: Auf der Bank neben dem Bunker war eine solche flaschengroße Sprengkapsel offensichtlich vergessen worden. Zündschnüre oder Teile davon waren überall im Gelände zu finden. Sehr schnell hatte Volker, der Sohn des Sprengmeisters, die „Bombe“, wie wir sie nannten, scharf gemacht.

Im Triumphzug folgten Jürgen, Hartmut und ich unserem Sprengstoff-Experten tiefer hinein in den Wald. Unter dem riesigen Wurzelteller einer umgestürzten Buche schob er die Dynamitladung in ein Rattenloch, das sich dort förmlich anbot zur Aufnahme eines zylindrischen Gegenstandes. Entsprechend lustgeprägt waren dabei auch unsere anfeuernden Rufe: „Schieb ihn rein!... Tiefer... tiefer!“ Solche und ähnliche Rufe, allerdings aus weiblichem Mund, konnte man damals als Dorfjunge ab und zu hören, wenn man sich vorsichtig einem Gebüsch näherte, in dem ein „Liebespaar“ verschwunden war.

Hineingeschoben war die Ladung; die Zündschnur war allerdings nicht sehr lang, so dass Volker befahl: „Los, geht ihr schon mal in Deckung dahinten, ich komme gleich nach!“ Kaum dass wir hinter einem Felsklotz Schutz gefunden hatten, kam auch schon Volker gerannt, der die Zündschnur in Brand gesetzt hatte. Er war noch nicht ganz bei uns angekommen, da tat es einen mächtigen Knall, der uns taub werden ließ. Der Wurzelteller zerkrachte in tausend Fetzen, die mit Donnergetöse in die Luft flogen. Volker hatte sich zu Boden geworfen und zum Glück zerschmetterte keiner der umherfliegenden Brocken ihm den Rücken...

Der sonntägliche Knall war im Dorf wohl auch gehört worden, doch war so etwas damals kein Grund zu größerer Unruhe. „Wohl ein Spätzünder!“, hieß es dann. Heute wäre sogleich das BKA zur Stelle, eine Rasterfahndung nach mutmaßlichen Terroristen liefe an, die Medien hätten wieder Stoff für ihre Gruselgeschichten... Aber damals sah man das alles viel gelassener, von Baader-Meinhof oder gar vom „Islamischen Staat“ war man ja noch um Jahrzehnte entfernt...

Volkers Vater hatte, verglichen mit den Arbeitern des Steinbruchs, einen körperlich wesentlich leichteren Dienst zu verrichten. Leichter wohl schon, aber auch sehr gefährlich. Die Zündschnüre brannten oft unregelmäßig oder erloschen ganz. Sprengmeister Grote, sein Vorgänger, war von einer Dynamitladung zerrissen worden, als er nach der Ursache einer ausbleibenden Sprengung forschte...

Harte, gefährliche Arbeit. Suppe aus dem Henkelmann; der Kaffee aus der Thermoskanne musste für zehn Stunden Schufterei langen, zehn Stunden zuzüglich eineinhalb Stunden Aufstieg am frühen Morgen und einer Stunde Abstieg am Abend. Da gab es keine Mineralwasserflaschen aus Plastik, wie sie unsere tapferen Jogger stets mit sich führen und aus denen sie alle zehn Minuten einen tiefen Schluck nehmen... Wasser gab es da oben im Steinbruch nur in einem rostzerfressenen Tank. Waschen konnte man sich damit, an heißen Sommertagen den verschwitzten Oberkörper erfrischen – aber trinken? Nur auf eigene Gefahr!

Und bei jeder der jährlichen „Röntgen-Reihen-Untersuchungen“, die dem Aufspüren von Tuberkulose dienen sollten, zeigten sich immer wieder verdächtige Schatten auf den Lungen der Arbeiter, die vom stetigen Einatmen des Kalkstaubes stammten. Sehr alt wurde wirklich niemand von ihnen; nur wenige erreichten das Rentenalter; der Vater von Jürgen hustete sich bereits mit einundvierzig Jahren zu Tode. Goldene Zeiten für die Rentenkassen!

Der Vater von Jürgen hatte aber nicht im Steinbruch gearbeitet, sondern unten im Dorf im Kalkwerk, dessen zwei Schornsteine, riesige Türme aus Ziegelmauerwerk, schon von weitem zu sehen waren, wenn man sich dem Ort näherte. Und wenn einer von ihnen schwarze Qualmwolken ausstieß, dann wusste jeder im Dorf, dass Jürgens Vater dem Feuer mit vielen Schaufeln Kohle neue Nahrung gab, um die Steine zu Kalk werden zu lassen.

Er und die anderen Arbeiter hatten nicht nur diese Steine in den gewaltigen, tunnelartigen Bauch des Ringofens geschichtet und das Feuer durch stetiges Nachschaufeln von Kohle durch die Heizlöcher im Rücken dieses Monstrums am Leben gehalten. Waren die Steinbrocken „reif“ gebrannt, luden sie diese wieder in eine Lorenbahn, die zur benachbarten Kalkmühle fuhr. Der geleerte Teil des Ofens, in dem immer noch eine glühende Hitze herrschte, musste gereinigt werden: Ruß und Kalkstaub reichlich auch hier für die Lungen. Und die schlimmste und gefürchtetste Arbeit war das Säubern der Rauchabzugskanäle. Durch „Mannlöcher“ in den Seitenwänden des Tunnels musste man hinuntersteigen in die Schwärze unter dem Boden. Kriechend nur konnte man sich dort bewegen in diesem engen, gemauerten Rauchkanal, der schließlich in den Fabrikschornstein mündete. Wahrlich nichts für Leute mit Klaustrophobie – aber dieses Wort hatten die Arbeiter dort in diesen dunklen Schächten noch niemals gehört. Schwarz wie die Schornsteinfeger, hustend und mit tränenden Augen, kamen sie dann wieder zum Vorschein – nach Luft schnappend stellten sie sich neben eine der Zugangsöffnungen des Ofens und rauchten erst einmal eine Zigarette - „Aus guten Grund ist Juno rund!“ - „Siehst du die Gräber am Wegesrand? Das sind die Raucher der Stuyvesant!“ - „Siehst du die Gräber dort im Tal? Das sind die Raucher von Reval!“

Die Väter von Volker und von Jürgen waren die letzten, die in dieser Hölle arbeiten mussten. Im Zuge des Wirtschaftswunders waren die Ringofen-Kalköfen nicht mehr wettbewerbsfähig gegenüber den modernen, fast vollautomatischen Schachtöfen, die jetzt gebaut wurden. Eine riesige Investition, die von den Besitzern dieses Werkes nicht gestemmt werden konnte. Das Ende vom Lied kennt bis in die heutige Zeit jeder, der mit dem Kapitalismus vertraut ist: Verkauf des Kalkwerks an einen...



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